mini|Sebastian Rabsahl, deutschsprachiger Meister 2008, bei einem Poetry Slam in Kiel 2016 mini|Jean-Philippe Kindler, deutschsprachiger Poetry-Slam-Meister 2018 mini|Lasse Samström beim Box-Slam, St. Gallen, 2005 Ein Poetry-Slam (alternative Schreibweise: Poetryslam;Online-Wortschatz-Informationssystem Deutsch: Poetry-Slam, Hrsg.: Institut für Deutsche Sprache häufig, aber nicht der amtlichen Regelung entsprechend: Poetry Slam) ist ein literarischer Wettbewerb, bei dem selbstverfasste Texte innerhalb einer bestimmten Zeit vorgetragen werden. Die Zuhörer küren anschließend den Sieger. Die Darbietung wird häufig durch performative Elemente und die bewusste Selbstinszenierung der Vortragenden ergänzt. Der Begriff Poetry-Slam wird englisch ausgesprochen; sinngemäß lässt er sich mit „Dichterschlacht“ oder „Dichterwettstreit“ übersetzen. Die Veranstaltungsform entstand 1986 in Chicago und verbreitete sich in den 1990er Jahren weltweit. Die deutschsprachige Poetry-Slam-Szene gilt als eine der größten der Welt. 2016 wurden die deutschsprachigen Poetry-Slams in das Bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes der UNESCO aufgenommen.
Bezeichnungen Die Bezeichnung „Poetry-Slam“ Poetry-Slam setzt sich aus den englischen Substantiven poetry („Dichtung“) und slam zusammen. Das Verb to slam bedeutet „zuschlagen, zuknallen; jemanden schlagen“. Im Sport bezeichnet slam auch einen Volltreffer (Slam Dunk) oder ein wichtiges Turnier (Grand Slam). In der US-amerikanischen Umgangssprache steht to slam auch für „jemanden niedermachen, herunterputzen, vernichtend schlagen“.vgl. Compact Oxford English Dictionary of Current English. Oxford: Oxford Univ. Press, 2008. Im Wörterbuch Black American English fand sich unter dem Stichwort „slam“ erstmals 1994 die Erklärung „competitive performance“.Hubert Graf (Hrsg.): Black American English. Straelen: Straelener Ms.-Verlag, 1994, S. 142. Marc Kelly Smith, Veranstalter des ersten Poetry-Slams und selbsternannter „Slampapi“, will die Bezeichnung Poetry Slam spontan erfunden haben: Ein Journalist soll ihn am Telefon gefragt haben, wie seine neue Veranstaltung heiße, während Smith gerade ein Baseball-Spiel im Fernsehen ansah. Inspiriert durch das Spiel, antwortete er: „Poetry Slam“.
„Poetry-Slam“, „Slam“ und „Slam-Poetry“ Von einigen Aktivisten der Poetry-Slam-Szene wurde unterschieden zwischen den Begriffen Poetry-Slam als literarischem Veranstaltungsformat, Slam als einer literarischen Bewegung und Slam-Poetry als live vorgetragener Literatur.Preckwitz: Spoken Word & Poetry Slam. S. 31. Inzwischen ist der Begriff Slam fast nur noch als Abkürzung für Poetry-Slam geläufig, so spricht man von Slam-Szene, Slam-Zuschauern, Slam-Finale etc. Gelegentlich wird der Begriff Slam auch fälschlich im Sinne eines Textes verwendet, der auf einem Poetry-Slam vorgetragen wird. Thomas Spitzer schreibt dazu: „Allein die Formulierung Schreibt doch mal einen Slam drüber ist falsch. Ein Slam ist die Veranstaltung. Es heißt Text, gottverdammt, oder von mir aus auch Slam-Text.“
Die Veranstaltung Wettbewerb Im Gegensatz zu einem Offenen Mikro, einer Offenen Bühne oder einer traditionellen Lesung stehen die einzelnen Teilnehmer eines Poetry-Slams untereinander im Wettbewerb. Dieser Aspekt dient vor allem dazu, das Publikum zum Mitfiebern und genauen Zuhören einzuladen, da die Zuschauer am Ende der Veranstaltung den Sieger küren. Der Wettbewerb soll dem Dichter (auch: Slammer, Slampoet oder Poetry-Slammer) aber auch Feedback geben und als Ansporn für die Arbeit an Texten und Performance dienen. Marc Kelly Smith beschreibt das Format mit den Worten:
Es gibt zwei Verfahren der Teilnehmerauswahl: Bei einer Offenen Liste darf jeder lesen, der sich vor Beginn der Veranstaltung in eine entsprechende Liste eingetragen oder zuvor beim Veranstalter angemeldet hat. Die Reihenfolge des Auftritts wird ausgelost. Beim Challenging SystemStefanie Westermayr: Poetry Slam in Deutschland, S. 39. wird ein Teil der Slammer vom Veranstalter eingeladen (Featured Poets), die anderen Plätze werden über die Offene Liste vergeben. Ein Featured Poet kann auch vor dem eigentlichen Wettbewerb außer Konkurrenz und ohne Zeitlimit auftreten. Poeten, die vor dem eigentlichen Wettbewerb auftreten, um die Jury gewissermaßen zu kalibrieren, werden als Opferlamm () bezeichnet. Der Wettbewerbscharakter soll die Veranstaltung aber nicht dominieren, so das inoffizielle Slam-Motto von Allan Wolf.Allan Wolf. Zit. in: Gary Mex Glazner: Poetry Slam. An Introduction. In: Ders. (Hrsg.): Poetry Slam. S. 11. Im Gegensatz dazu steht beispielsweise das Motto des New Yorker Slampoeten Taylor Mali.
Regeln mini|Slambühne in Weingarten/Ravensburg, 2006
Teilnehmer bei Poetry Slams müssen folgende Regeln einhalten, die ebenfalls auf Marc Smith zurückgehen:
Dabei sind alle literarischen Formen und Genres – beispielsweise Lyrik, Kurzprosa, Rap oder Comedy-Beiträge – erlaubt. In Deutschland variiert das Zeitlimit von Veranstaltung zu Veranstaltung, meistens beträgt es fünf bis sechs Minuten, bei einer Überschreitung kann dem Dichter das Mikrofon entzogen werden.
Bewertung mini|Slam-Publikum in Hamburg, 2006 Die Vorträge werden bei einem Poetry Slam vom Publikum direkt oder einer Jury aus dem Publikum bewertet. In den USA vergibt meistens eine fünfköpfige Jury aus dem Publikum Noten von 1 bis 10. Der amerikanische Literaturveranstalter Bob Holman erläutert plastisch:
In den USA werden die höchste und die niedrigste Note nach der Wertung gestrichen (Streichwertung), um die Auswirkungen parteiischer Bewertung zu vermindern. Die Juroren werden angehalten, sowohl auf den Inhalt als auch die Art des Vortrags zu achten. Die Moderatoren (Slam-Master) können die Jurymitglieder auffordern, ihre Bewertungen zu begründen. Die Juryabstimmung mit Streichwertung ist neben der Publikumsabstimmung die gängstige Bewertungspraxis in der deutschsprachigen Szene.
Publikumsabstimmung Während die Juryabstimmung konventionelle Wettbewerbsjurys parodiert, soll der Gewinner bei einer Publikumsabstimmung, wie sie im deutschsprachigen Raum teilweise durchgeführt wird, gewissermaßen demokratisch legitimiert werden. Deshalb haben sich alternative Bewertungssysteme entwickelt,vgl. das Kapitel „Die Wertung des Publikums“ in: Stefanie Westermayr: Poetry Slam in Deutschland an denen das gesamte Publikum beteiligt wird: Die Zuschauer geben ihre Bewertung mittels Lautstärke und/oder Ausdauer des Applauses oder in Form von Stimmzetteln ab. Je nach Einfallsreichtum der Veranstalter können andere Mittel zur Siegerfindung eingesetzt werden: So werden Rosen in die Höhe gehalten, Dichtungsringe über Besenstiele geschoben, Pfennige in beschriftete Gläser geworfen oder Wäscheklammern am Körper des favorisierten Poeten befestigt. Dass das Publikum nicht frei von Vorannahmen abstimmt, beklagt US-Slammer Joe Pettus:
Siegesprämie Nur noch bei wenigen Slams im deutschsprachigen Raum sind Geldpreise zu gewinnen. Die Siegesprämien sind meist symbolische Sachpreise wie CDs, Bücher, T-Shirts oder Alkohol. Der Gewinn eines lokalen Wettbewerbs kann sich zudem zur Teilnahme an überregionalen Slams oder Landesmeisterschaften qualifizieren.
Protagonisten
Slam-Poet Die Teilnehmer eines Poetry-Slams werden als Poetry-Slammer (alternative Schreibweisen: Poetryslammer, Poetry Slammer), Slam-Poeten oder synonym als Bühnendichter bzw. Bühnenpoeten bezeichnet.
Veranstalter
Als Slam Master (alternative Schreibweisen: Slammaster, Slam-Master) werden die Veranstalter eines regelmäßig stattfindenden Poetry-Slams bezeichnet:Bas Böttcher: Die Poetry-Slam-Expedition. Schroedel-Verlag. Braunschweig 2009, S. 103. Sie treten als Moderatoren auf und erfüllen in der Szene (Slamily) wichtige Funktionen als Netzwerker, Talentsucher und Berater, sie sind „Autoren, Verleger, Journalisten, PR-Strategen und Veranstalter in einer Person“.Preckwitz: Spoken Word & Poetry Slam. S. 28. Die Slam Master richten die jährlichen deutschsprachigen Poetry-Slam-Meisterschaften ausBas Böttcher: Die Poetry-Slam-Expedition. Schroedel-Verlag. Braunschweig 2009, S. 100. und treffen sich im Rahmen der Veranstaltung zu einem Slam Masters' Meeting. Viele Veranstalter sind selbst als Bühnendichter und/oder Schriftsteller aktiv.
Slam-Teams Während es bei regulären Poetry-Slams üblich ist, dass Slammer ihre Texte allein vortragen, hat sich vor allem bei Wettbewerben die Teilnahme von sogenannten Slam-Teams etabliert, die einen oder mehrere Texte in einer einstudierten Choreographie präsentieren.
Besonderheiten von Poetry-Slam-Veranstaltungen mini|Auftritt des Poetry-Slam-Teams Fabelstapler (Phriedrich Chiller, Markus Becherer) Performance-Charakter der Darbietungen Ein Slam-Poet kann seine Texte nicht nur vom Blatt ablesen, sondern in Form einer Performance vortragen, bei der Stimme, Gestik und Mimik verwendet werden. So kann ein Bühnendichter den eigenen Beitrag beispielsweise schreien, flüstern oder keuchen, mit Arm- und Körperbewegungen oder schauspielerischen Einlagen begleiten. Auch rhythmisiertes und/oder auswendiges Vortragen sind häufig. Die dargebotenen Texte sind oft für den Bühnenvortrag konzipiert und erschließen sich in gedruckter Form nur unvollkommen. Häufig werden Anthologien, die Slam-Texte in Buchform versammeln, deshalb CDs oder DVDs beigelegt, wie bei einigen Publikationen des Verlags Voland & Quist.
Interaktion zwischen Dichter und Publikum Ein grundlegender Bestandteil der Veranstaltung ist die Interaktion zwischen Publikum, Slam-Poet und Moderator, nicht nur durch die (plebiszitäre) Juryfunktion der Zuschauer. Marc Smith forderte die ersten Slam-Zuhörer in Chicago auf, ihr Missfallen an einem Beitrag mit Fingerschnipsen oder Trampeln kundzugeben.Preckwitz: Spoken Word & Poetry Slam. S. 49. Auch das Zwischenrufen (heckling) wird mit Slam in Verbindung gebrachtPreckwitz: Spoken Word & Poetry Slam. S. 56 f. – im deutschsprachigen Raum wenig ausgeprägt –, ebenso improvisierte Passagen, bei denen auf Kommentare aus dem Zuschauerraum eingegangen wird oder sie in den Text übernommen werden:
Allerdings wurde auch beobachtet, dass sich diese Interaktion bei wachsender Größe des Formats zu einer Massenveranstaltung in ihr Gegenteil verkehrte:
Rezeption und Kritik Charakterisierung als Event Da die Veranstaltung Poetry-Slam die Merkmale eines Events aufweist – nach Peter SchulzeGerhard Schulze: Die Zukunft der Erlebnisgesellschaft. In: Oliver Nickel (Hrsg.): Eventmarketing. Grundlagen und Erfolgsbeispiele. München: Vahlen, 1998, S. 303–316. Episodenhaftigkeit, Gemeinschaftlichkeit, ein Minimum an Beteiligung des Publikums und die Einzigartigkeit des Ereignisses – bezeichnet der Literaturwissenschaftler Stephan Porombka Slam als „Literatur-Event par excellence“.Stephan Porombka: Slam, Pop und Posse. Literatur in der Eventkultur. In: Matthias Harder (Hrsg.): Bestandsaufnahmen. Deutschsprachige Literatur der neunziger Jahre aus interkultureller Sicht. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2001, S. 27–42. Poetry-Slam bedeutet für Porombka eine Trendwende im krisenhaften Literaturbetrieb, das Format ziehe ein Publikum an, „das man für den Konsum von Literatur längst verloren geglaubt hat“:
Der Poetry-Slam wurde in wissenschaftlicher Literatur als Beispiel für ein als hybrides Event eingeführtes Veranstaltungsformat genannt: eine Veranstaltung, die verschiedene (zuvor bestehende) Elemente (Dichterlesung, sportlicher Wettstreit) neu kombinierte. Im Laufe der Zeit hat sich das Format so weit als eigener Eventtyp etabliert, dass sein Hybridcharakter nicht mehr erkennbar ist.vgl. Gregor J. Betz: Hybride Phänomene als Spielfelder des Neuen. Wissenssoziologische Überlegungen am Beispiel Hybrider Events. In: Nicole Burzan/Ronald Hitzler (Hrsg.): Theoretische Einsichten. Im Kontext empirischer Arbeit. Wiesbaden: Springer VS. 2017, S. 89–102.
Vorwurf der Oberflächlichkeit und Kommerzialisierung