Unter Spezialisierung (auch Spezialisation, zum Teil auch Spezialismus, und der nahe verwandte Begriff der Spezifikation) wird in verschiedenen Fachgebieten die Tendenz zur Differenzierbarkeit, Gliederung, Konkretisierung oder Unterscheidung verstanden.
Etymologie Das Wort stammt aus „unterscheiden, gliedern, einzeln anführen“ () und entstand aus „Art, einzelnes Stück“ ().Ursula Hermann: Knaurs etymologisches Lexikon. 1983, ISBN 3426260743, S. 452. Etymologisch bedeutet Spezialisierung mithin die Konzentration auf Details (oder Einzelheiten) oder die Beschränkung auf ein Teilgebiet, welches eingehend bearbeitet wird.Gerhard Wahrig (Hrsg.): Deutsches Wörterbuch. 1968, Sp. 5545.
Biologie In der Evolution des Lebendigen haben sich differenzierte Formen mit spezialisierter Funktion oder Lebensweise zunächst stets aus undifferenzierten, einfach organisierten entwickeln müssen. Der Begründer der Theorie, Charles Darwin, betrachtete das von ihm postulierte „Prinzip der Divergenz“ (), nachdem eine Stammlinie umso mehr Nachkommen habe, je verschiedener und mannigfaltiger diese spezialisiert sind, als einen Grundpfeiler seiner Theorie.David Kohn, Darwin’s Keystone. The Principle of Divergence, Chapter 6, in: Michael Ruse/Robert J. Richards, The Cambridge Companion to the «Origin of Species», Cambridge University Press, 2009, ISBN 978-0-521-87079-5 Spezialisierung kann dabei mehrere Funktionen haben: Als funktionale Spezialisierung durch Arbeitsteilung ermöglicht sie bei der Kooperation von zunächst nicht spezialisierten Einzelelementen eine höhere Effektivität des Verbunds.Carl Simpson, The evolutionary history of division of labour, in: Proceedings of the Royal Society B 279, 2012, S. 116–121, doi:10.1098/rspb.2011.0766 Auf diese Art wird etwa bei der Entwicklung von Einzellern zu Vielzellern die Differenzierung verschiedener Zelltypen und Gewebe durch funktionale Arbeitsteilung erklärt.Iaroslav Ispolatov/Martin Ackermann/Michael Doebeli, Division of labour and the evolution of multicellularity, in: Proceedings of the Royal Society B 279, 2012, S. 1768–1776, doi:10.1098/rspb.2011.1999 Evolution von Spezialisierung durch kooperative Arbeitsteilung hat die Tendenz, die vorher individuellen Einheiten wie Zellen oder Organismen zu einem Individuum höherer Einheit zu integrieren. Dies wurde etwa bei sozialen Insekten durch die Metapher des Superorganismus ausgedrückt. Auch Individuen verschiedener Arten können arbeitsteilig spezialisierend ko-adaptieren; dies führt oft dazu, dass Arten in Symbiose miteinander leben und unter Umständen völlig auf ihren Partner angewiesen sind.Guy A. Cooper, Stuart A. West: Division of labour and the evolution of extreme specialization. In: Nature, Ecology & Evolution. 2, 2018, S. 1161–1167, doi:10.1038/s41559-018-0564-9 Bei nicht kooperierenden Individuen wird Spezialisierung in der Regel dadurch erklärt, dass spezialisierte Individuen gegenüber Generalisten in dem Bereich, auf den sie spezialisiert sind, die vorhandenen Ressourcen effektiver ausnutzen können. Dadurch sind sie hier in der Konkurrenz überlegen. Zwei konkurrierende Gruppen können sich auch gleichsam „aus dem Weg gehen“, indem sich jede von ihnen auf einen anderen Bereich spezialisiert, wodurch die Konkurrenz zwischen ihnen vermindert wird. Diese Herangehensweise ist verwandt zum Konzept der ökologischen Nische.Vincent Devictor/Joanne Clavel/Romain Julliard/Sébastien Lavergne/David Mouillot/Wilfried Thuiller/Patrick Venail/Sébastien Villéger/Nicolas Mouquet: Defining and measuring ecological specialization. In: Journal of Applied Ecology. Band 47, 2010, S. 15–25, doi:10.1111/j.1365-2664.2009.01744.x Jede Spezialisierung ist dabei allerdings unvermeidlich mit Nachteilen erkauft (Konzept des Trade-off).Anurag A. Agrawal: A scale-dependent framework for trade-offs, syndromes, and specialization in organismal biology. In: Ecology. Band 101, Nr. 2), 2020, article e02924, doi:10.1002/ecy.2924 So ist der Vorteil eines Spezialisten im Lebensraum mit einer höheren Wahrscheinlichkeit seines Aussterbens verknüpft, wenn sich die Umweltbedingungen ändern. In der Evolution können sich daher, je nach Bedingungen, genauso gut Generalisten aus Spezialisten entwickeln wie umgekehrt, es gibt nicht so etwas wie eine Tendenz der Evolution. Spezialisierungen in evolutionären Zeiträumen benötigen meist Jahrtausende, können aber auch unerwartet rasch ablaufen. So haben auf eine isolierte Insel im Mittelmeer eingebürgerte Eidechsen der Art Ruineneidechse (Podarcis siculus) durch Anpassung an eine neue Ernährungsweise binnen weniger als 40 Jahren eine gegenüber der Ausgangspopulation völlig abweichende Schädelform evolviert, die sonst als ausreichend für die Beschreibung einer neuen Art angesehen worden wäre.Anthony Herrel/Katleen Huyghe/Bieke Vanhooydonck/Thierry Backeljau/Karin Breugelmans/Irena Grbac/Raoul Van Damme/Duncan J. Irschick, Rapid large-scale evolutionary divergence in morphology and performance associated with exploitation of a different dietary resource, in: PNAS Proceedings of rhe National Academy of Sciences USA 105 (12), 2008, S. 4792–4795, doi:10.1073/pnas.0711998105 Auch innerhalb einer Art können Individuen dauerhaft untereinander verschieden spezialisiert sein. So wird teilweise die Entwicklung einer individuellen Persönlichkeit mit persönlichen Vorlieben schon im Tierreich als Diversifizierung erklärt, durch die verschiedene Individuen durch Spezialisierung auf individuell unterschiedliche Ressourcen ihre persönliche Versorgung verbessern und dadurch den Nischenraum der Art insgesamt vergrößern.Ralph Bergmüller/Michael Taborsky, Animal personality due to social niche specialisation, in: TREE Trends in Ecology and Evolution 25 (9), 2010, S. 504-511, doi:10.1016/j.tree.2010.06.012 Zu den innerartlichen Verschiedenheiten gehört der Sexualdimorphismus, durch den sich die Geschlechter, etwa durch GrößenunterschiedeWolf Blanckenhorn: Sexual Size Dimorphism, Oxford Bibliographies, last modified: 27. Juni 2018, doi:10.1093/obo/9780199941728-0110. unterschiedlich einmischen können. Obwohl es etwa Pilzarten mit hunderten Paarungstypen gibt, konnte gezeigt werden, dass nur in Spezialfällen die Existenz von mehr als zwei Geschlechtern von der natürlichen Selektion gefördert wird.Janet L. Leonard, The Evolution of Sexes, Anisogamy, and Sexual Systems, Chapter 3, in: Janet Leonard/Alex Cordoba-Aguilar (Hrsg.), The Evolution of Primary Sexual Characters in Animals, Oxford University Press, 2010, ISBN 978-0-19-532555-3 Meist, aber nicht immer, zeichnen sie sich durch unterschiedlich große Gameten aus (Anisogamie).Graham Bell, The Evolution of Anisogamy, in: Journal of theoretical Biology 73, 1978, S. 247–270 Diese ist in etwa zwei Drittel aller Tierarten außer den InsektenPhilippe Jarne/Josh R. Auld, Animals Mix It up Too: The Distribution of Self-Fertilization among Hermaphroditic Animals, in: Evolution 60 (9), 1978, S. 1816-1824, doi:10.1111/j.0014-3820.2006.tb00525.x (open access) auf verschiedene Geschlechter verteilt, die übrigen sind, wie der weit überwiegende Teil der Pflanzenarten, funktionale Hermaphroditen mit männlichen und weiblichen Keimzellen und Fortpflanzungsorganen auf demselben Individuum. Die Ausprägung und Verteilung der Geschlechter beruht dabei (auch bei hermaphroditischen ArtenJanet L. Leonard, Sexual selection: lessons from hermaphrodite mating systems in: Integrative and Comparative Biology 46 (4), 2006, S. 349–367, doi:10.1093/icb/icj041Madeleine Beekman/Bart Nieuwenhuis/Daniel Ortiz-Barrientos/Jonathan P. Evans, Sexual selection in hermaphrodites, sperm and broadcast spawners, plants and fungi, in: Proceedings of the Royal Society B 371, 2016, article 20150541, doi:10.1098/rstb.2015.0541 zu einem Großteil auf sexueller Selektion, ist also selbst keine Spezialisierung.
Literatur In der Literatur kann ein allgemein gehaltenes Universallexikon die Grundlage für die Spezialisierung zum Fachlexikon sein. Das Konzept der Spezialisierung ermöglicht es, die im Lexikon definierten Typen hierarchisch anzuordnen.Ulrich Heid, Zur Strukturierung von einsprachigen und kontrastiven elektronischen Wörterbüchern, 1997, S. 81 Im Fachlexikon können dieselben Artikel detaillierter und damit umfangreicher ausfallen als im Universallexikon.
Philosophie Spezifikation ist in der Philosophie die einzelnen Aspekten sich zuwendende Besonderung, die Ausbildung und Beachtung von Verschiedenheiten sowie die logisch zuordnende Einteilung in Unterabteilungen ausgehend von einem gleichen Ursprung.Spezifikation. und Differenzierung, in: Georgi Schischkoff (Hrsg.), Philosophisches Wörterbuch, 21. Auflage, Alfred-Kröner/Stuttgart, 1982, S. 656 und S. 129; ISBN 3520013215 Sie nimmt eine Aufteilung der Gattung in verschiedene Arten vor.Max Apel/Peter Ludz, Philosophisches Wörterbuch, 1958, S. 264; ISBN 9783110067293 Die Philosophie besteht unter anderem in einer Spezifikation bzw. Modifikation der Bedeutung der Schöpfung, der Bewegung und der Idee. So kommt beispielsweise die Spezifikation des weit greifenden Begriffs der Schöpfung in der Bestimmung des Terminus „Kreativität“ zum Ausdruck.Reiner Wiehl, Prozessphilosophie und das Unîversalienproblem, in: Gabriele von Sivers/Ulrich Diehl (Hrsg.), Wege zur politischen Philosophie: Festschrift für Martin Sattler, 2005, S. 183
Turnen und Sport Das turnerische Ideal in den Olympiaden des klassischen Griechenlandes war die Vielseitigkeit (, „Allkampf“) im Sinne der militärischen (männlichen) Wehrtüchtigkeit; dem stellte sich am Ende des 19. Jahrhunderts in Deutschland das sportliche Ideal der Spezialisierung gegenüber. Hierüber kam es zwischen Turnen und Sport (deren öffentliche Ausübung mittlerweile für Frauen zugelassen war) zeitweise zu einer reinlichen Scheidung, bei der sich die Athleten entscheiden mussten, für welchen Verband sie starten wollten und in welcher Disziplin. Eine Generalisten-Sportart wie Zehnkampf sollte vom Turnen abgesondert werden, da in dessen Disziplinen aufgrund Spezialisierung Spitzenleistungen erbracht werden können, die ein Zehnkämpfer nicht erbringen kann. Energie ist begrenzt, ein Tag hat 24 Stunden; viel Training auf einem Gebiet lässt weniger Kraft für die anderen.Arnd Krüger, Is there any sense in competition, specialization and the striving for records? The struggle between Turnen, sports and Swedish gymnastics in Germany, in: Guy Bonhomme (Hrsg.), La place du jeu dans l'éducation. Histoire et pédagogie, Paris/FFEPGV, 1989, S. 123–140Sandra Heck, Von Spielenden Soldaten und kämpfenden Athleten. Die Genese des Modernen Fünfkampfes, V & R Unipress/Göttingen, 2013, ISBN 978-3-8471-0201-4. In Deutschland wurde diese heillos verfahrene Diskussion (welche viel Zeit und Energie absorbierte) durch den Nationalsozialismus kurzerhand beendet, da der Reichsbund für Leibesübungen bei den Olympischen Spielen möglichst sehr viele Medaillen gewinnen sollte, und das ging nicht ohne Spezialisierung.Karl Krümmel, Athletik: ein Handbuch der lebenswichtigen Leibesübungen, München/Lehmann, 1930.
Frühe Spezialisierung Da spitzensportliche Leistungen in der Regel sieben Jahre zielgerichtetes Training voraussetzen, ist für Sportarten, die bekanntlich einen sehr frühen Leistungshöhepunkt in der menschlichen Lebensspanne haben (u. a. Turnen, Schwimmen, Eiskunstlauf), eine Spezialisierung möglichst schon im frühen Kindesalter erforderlich. Dies ist aufgrund der vielseitig angelegten Interessen und Bedürfnisse der kindlichen Seele psychologisch überaus problematisch.Kyung-Won Kim, Wettkampfpädagogik: Pädagogik des sportlichen Leistungshandelns im Kinder-Wettkampfsport, Berlin/Tischler, 1995, ISBN 3-922654-39-8 Neuere Forschungsergebnisse zeigen, dass von einer durch Zwang auferlegten Spezialisierung diesen Sinnes keine Schäden an der physischen Gesundheit zu befürchten sind, sofern das Training unter sportärztlich optimierten Bedingungen durchgeführt wird.Arnd Krüger, Jugendsport, in: Leistungssport 49(4), 2019, S. 29–30.