Tunceli (osmanisch Dersim, zazaisch Dêrsım, kurdisch Dêrsim, armenisch Դերսիմ Dersim) ist bevölkerungsmäßig die zweitkleinste Provinz der Türkei mit der gleichnamigen Hauptstadt. Sie ist insbesondere durch den Dersim-Aufstand bekannt. Der frühere Name dieser Provinz lautete Dersim.
Geografie Die Provinz Tunceli liegt in der türkischen Region Ostanatolien und hat eine Fläche von ca. 7600 km². Sie liegt zwischen den Quellflüssen des Euphrat, dem Karasu im Norden und dem an dieser Stelle zum Keban-Stausee aufgestauten Murat im Süden. Im Westen und Norden der Provinz liegt die Provinz Erzincan, im Osten die Provinz Bingöl und im Süden die Provinz Elâzığ. Im Norden bilden die Munzur Dağları und im Bereich von Pülümür der Karasu die Grenze, im Südosten der Fluss Peri Çayı und im Süden der Keban-Stausee. Der Berg Munzur (Koyê Munzıri) ist das Wahrzeichen von Tunceli. Die Provinzhauptstadt Tunceli befindet sich genau dort, wo sich der aus dem Nordwesten kommende Munzur Çayı und sein aus dem Nordosten kommender Nebenfluss Pülümür Çayı (69 km Länge) treffen. Der Fluss Munzur hat eine Gesamtlänge von etwa 144 km und mündet in den Keban-Stausee. Das Flusswasser war früher so sauber, dass es von den Einheimischen auch als Trinkwasser genutzt wurde.
Berge und Gebirge machen rund 70 % der Fläche aus, was die Provinz zu einem sehr bergigen Gebiet macht. Hier verlaufen die nördlichsten Ausläufer des Osttaurus-Gebirges von West nach Ost. Die kaum bewaldete Bergkette der Munzur/Mercan Dağları im Norden von Tunceli erreicht Höhen von über 3300 Metern. In den höchsten Lagen liegt auch im Sommer noch Schnee.
Nach Süden hin werden die Berge niedriger und bewaldeter. Besonders in den Flusstälern ist Waldbewuchs verbreitet. Ursprünglich war Tunceli viel bewaldeter. In Kleinasien gehört Tunceli zu den bewaldetsten Regionen neben Iğdır und Rize. Hochebenen machen 25 % Tuncelis aus, während die restlichen 5 % aus Niederungen besteht.
In der Region Tunceli herrscht Kontinentalklima. Die Sommerzeit ist heiß und trocken, der Winter ist kalt und sehr schneereich. In Pertek und Mazgirt ist das Klima etwas milder, was auf den in den 1960er Jahren gebauten Keban-Staudamm zurückzuführen ist. Die Jahreszeiten mit den meisten Niederschlägen sind Frühjahr und Winter. In den hohen Bergen beginnt es schon sehr früh zu schneien.
Verwaltungsgliederung Landkreise Die Provinz ist in acht Landkreise (auch Bezirke, İlçe) gegliedert. Des Weiteren gibt es 9 Gemeinden (Belediye) und 364 Dörfer (Köy). Kreis-code Landkreis Fläche(km²) Bevölkerung (2020) Anzahl der Einheiten Dichte(Ew./km²) städt.Anteil(in %) SexRatio Name inZazaki Landkreis(İlçe) Verwal-tungssitz(Merkez) Gemein-den(Belediye) Stadt-viertel(Mah.) Dörfer(Köy) 1247 Çemişgezek 851 7.602 3.506 1 7 34 8,9 39,95 929 Süke 1397 Hozat 663 5.761 4.554 1 4 28 8,7 64,52 742 Xozat 1518 Mazgirt 702 7.560 1.516 2 10 68 10,8 44,44 855 Mazgerd 1688 Merkez 1.128 38.429 33.515 1 8 53 34,1 88,13 888 Mamekiye oder Qalan 1541 Nazımiye 543 3.142 1.515 1 1 25 5,8 42,52 727 Qızılkilise 1562 Ovacık 1.401 6.533 3.164 1 3 62 4,7 46,36 803 Pulur 1574 Pertek 858 11.065 6.626 1 5 45 12,9 56,37 920 Pêrtag 1581 Pülümür 1.437 3.351 1.464 1 5 49 2,3 40,08 741 Pılemoriye 62 PROVINZ Tunceli 7.583 83.443 9 43 364 11,0 67,02 862
Städte In der Provinz gibt es neun Städte (Belediye). Nachfolgende Tabelle zeigt die Einwohnerzahlen Ende 2020 und die dazugehörigen Landkreise sowie die Anzahl der Stadtviertel (Mahalle). Bis auf Akpazar sind alle genannten Stadtgemeinden gleichzeitig auch die Verwaltungszentren (İlçe Merkez) der Kreise.Central Dissemination System von TÜIK Population of municipalities, villages and quarters, abgerufen am 21. August 2021 Die Stadtgemeinde Darıkent im Kreis Mazgirt wurde 2013 zum Dorf zurückgestuft. Code Stadtim LandkreisAnzahl derMahalleEinwohner-zahl 20203765TunceliMerkez833.8733760PertekPertek56.2.373762HozatHozat43.7173761ÇemişgezekÇemişgezek73.0373767OvacıkOvacık33.0293769AkpazarMazgirt82.0133763MazgirtMazgirt21.3473764PülümürPülümür51.3433766NazımiyeNazımiye11.336
Dörfer Die 364 Dörfer haben insgesamt 27.511 Einwohner, also durchschnittlich 76 Einwohner je Dorf. Damit entfallen etwa 33 Prozent der Kreisbevölkerung auf die Dörfer. Keines der Dörfer der Provinz hat mehr als 700 Einwohner. Burmageçit im zentralen Landkreis (Merkez) ist mit 659 das größte, sechs Dörfer haben zehn oder weniger Einwohner, 286 weniger als 100. 119 Dörfer haben mehr Einwohner als der Durchschnitt (= 76).
Bucaks Die sich aus den Nahiye entwickelnden Bucaks wurden im Jahr 2017 aufgelöst. In ihnen waren mehrere Dörfer zusammengefasst. In der Provinz Tunceli gab es 27 Bucaks, in den meisten Kreisen waren dies drei. Ausnahmen bildeten hierbei die Kreise Hozat (2), Pertek und der zentrale Landkreis (jeweils 4) sowie der Kreis Pülümür (5).
Bevölkerung Die Hauptstadt hatte im Jahr 2004 ungefähr 33.000 Einwohner, derzeit (Stand 2020) leben 83.400 Menschen in der Provinz Tunceli, Anfang der 1990er Jahre waren es noch etwa 150.000. Zwischen 1993 und 1995 wurden viele Menschen aus ländlichen Gebieten vom türkischen Militär vertrieben. Tunceli ist die Provinz mit der zweitniedrigsten Einwohnerzahl in der Türkei. Bereits im Jahr 2007 lebte die Mehrzahl der gezählten Einwohner (64,7 %) in Städten und viele der Dörfer waren entvölkert. Dieses Verhältnis dürfte sich noch verschärft haben. Die Provinz ist sehr dünn besiedelt und hat die niedrigste Dichte aller türkischen Provinzen.
Die Bevölkerung spricht größtenteils Zazaisch (oder auch oft Dêsımki, Kirmancki, Zonê Ma, Şo-Bê genannt). In Mazgirt und Pertek wird hauptsächlich Kurmandschi gesprochen. Zonê Ma bedeutet im Wortsinne „unsere Sprache“.
In der Provinz Tunceli leben überwiegend alevitische Zazas und alevitische Kurden.
Früher waren Armenier zahlenmäßig stärker vertreten, aber seit dem Völkermord 1915 wurden die meisten von ihnen vertrieben oder ermordet. Andererseits fanden auch viele Armenier Zuflucht in Tunceli.Hans-Lukas Kieser: Der verpasste Friede. Mission, Ethnie und Staat in den Ostprovinzen der Türkei 1839–1938. Chronos, Zürich 2000, S. 396
Ergebnisse der Bevölkerungsfortschreibung Nachfolgende Tabelle zeigt die jährliche Bevölkerungsentwicklung nach der Fortschreibung durch das 2007 eingeführte adressierbare Einwohnerregister (ADNKS). Zusätzlich sind die Bevölkerungswachstumsrate und das Geschlechterverhältnis (Sex Ratio d. h. Anzahl der Frauen pro 1000 Männer) aufgeführt. Der Zensus von 2011 ermittelte 84.896 Einwohner, das sind über 8.500 Einwohner weniger als zum Zensus 2000.Tunceli Nüfusu, abgerufen am 21. August 2021
Jahr Bevölkerung am Jahresende Wachstums-rate der Be-völkerung (in %) Geschlechterverhältnis(Frauen auf1000 Männer) Rang(unter den 81 Provinzen) gesamt männlich weiblich 202083.44344.81538.628−1,4486280 201984.66046.08238.578−4,0183781 201888.19849.11839.0806,9179680 201782.49845.78136.7170,3780280 201682.19345.16037.033−4,5182081 201586.07648.12937.947−0,5278880 201486.52747.97338.5541,2980480 201385.42847.63937.789−0,9879380 201286.27649.99836.2781,4372680 201185.06249.01636.04610,9073580 201076.69940.65836.041−7,6688680 200983.06147.29035.771−3,9275680 200886.44949.70936.7402,8973980 200784.02247.89336.129−75480 200093.58454.52939.05571681
Volkszählungsergebnisse Nachfolgende Tabellen geben den bei den 12 Volkszählungen dokumentierten Einwohnerstand der Provinz Tunceli wieder.Die Werte der linken Tabelle sind E-Books (der Originaldokumente) entnommen, die Werte der rechten Tabelle entstammen der Datenabfrage des Türkischen Statistikinstituts – abrufbar über diese Webseite:Genel Nüfus Sayımları (Volkszählungsergebnisse 1965 bis 2000) JahrBevölkerungRang Provinz Türkei 194094.63917.820.95059 194590.44618.790.17459 1950105.75920.947.18860 1955121.74324.064.76364 1960140.06827.754.82064 1965154.17531.391.42163 JahrBevölkerungRang Provinz Türkei 1970157.29335.605.17665 1975164.59140.347.71965 1980157.97444.736.95765 1985151.90650.664.45867 1990133.14356.473.03572 200093.58467.803.92781
Anzahl der Provinzen bezogen auf die Censusjahre:
Religion Die Einwohner Tuncelis sind größtenteils Aleviten. In dem Landkreis Çemişgezek sind Sunniten in der Mehrzahl. Außerdem sind in den Landkreisen Pertek und Çemişgezek vereinzelt sunnitische Dörfer zu finden. Alle anderen Landkreise sind fast rein alevitisch-zazaisch und alevitisch-kurdisch geprägt.
Geschichte Die Region ist seit der späten Jungsteinzeit oder der Bronzezeit besiedelt und diente im Laufe ihrer Geschichte häufig als Grenzregion zwischen verschiedenen Herrschaftsgebieten: zwischen den Hethitern und dem hurritischen Königreich der Mittani im 2. Jahrtausend vor Christus; zwischen den Medern und den Persern Kappadokiens und zwischen den Römern und den Parthern. Im Jahre 639 eroberten Araber die Region, die danach zum Zankapfel zwischen den Kalifen und Byzantinern wurde. Die Seldschuken brachten das Gebiet 1087 unter ihre Herrschaft, bis es 1243 unter mongolische Kontrolle geriet. Im 14. Jahrhundert war die Region zwischen Eretna und Mutahharten, dem Herrscher von Erzincan, umstritten. Ein Jahrhundert später kämpften die Osmanen und die turkmenischen Aq Qoyunlu um die Vorherrschaft. Sultan Mehmed II. („der Eroberer“) besiegte im Jahre 1473 in der Schlacht von Otlukbeli den Anführer der Aq Qoyunlu Uzun Hasan. In der Folge wurde die Herrschaft der Aq Qoyunlu durch die Safawiden beseitigt, doch drängten die Osmanen unter den Sultanen Selim I. und Süleyman I. die Safawiden aus Ostanatolien zurück. Die kurdischen Stammesführer konnten ihre Besitztümer als erbliches Lehen behalten. Das Fürstentum von Çemişgezek war auch eines dieser Kürt hükümetleri (Kurdische Regierungen).
Im 19. Jahrhundert wurde die Region zum Sandschak Dersim mit Hozat als Zentrum umgewandelt und gehörte zum Vilâyet Mamuretül-Aziz, dem heutigen Elazığ. Zwischen 1880 und 1888 war Dersim kurzzeitig ein eigenständiges Vilâyet (Vilâyet Dersim). Zu jener Zeit umfasst Dersim 9 Gerichtsbezirke und hatte 63.430 Einwohner. Das Zentrum Hozat hatte 5.600 Einwohner.
Die Region war im 20. Jahrhundert mehrfach Schauplatz von bewaffneten Auseinandersetzungen und Aufständen. Nach dem Koçgiri-Aufstand im Jahre 1921 wurde Dersim zwischen den Vilâyets Elazığ und Erzincan aufgeteilt. 1936 wurde Dersim zu einer selbständigen Verwaltungseinheit umgeformt. Als Zentrum wurde der ehemalige Gerichtsbezirk Pah ausgewählt und in Tunceli umbenannt. Ein Jahr später brach der Aufstand von Seyit Rıza aus.
Dersim-Aufstand 300px|mini|Die Lage der Provinz Dersim im Jahr 1937