Der Aufstand der Massen () ist ein 1929 auf Spanisch und 1931 in deutscher Übersetzung erschienener elitesoziologischer Essay des spanischen Kulturphilosophen José Ortega y Gasset.
In der unsicheren Zeit der Weltwirtschaftskrise legte Ortega y Gasset mit diesem Buch eine soziologische Zeitdiagnose der Massenzivilisation vor. Er analysiert das Phänomen Masse von einem aristokratischen Ansatz aus. Ortega sieht es als negativ an, dass der Durchschnittsmensch sich nicht mehr passiv und gehorsam verhält und sieht eine Gefahr darin, dass diesem Massenmenschen Welt und Leben offenstehen. Dessen Auftreten führe zu einer Amoralisierung der Gesellschaft. Ortega beschreibt andererseits das Wachsen des Lebensstandards sowie eine Hebung des allgemeinen intellektuellen Niveaus durch das Emporkommen der Massen und stellt sich insofern einem reinen Kulturpessimismus des Untergangs entgegen. Ortega kritisiert den Staat als Selbstbedienung und entwickelt ihn als Projekt einer Zusammenarbeit. Er analysiert die Schwächen der über Blutsverwandtschaft und Sprache definierten Nationalstaaten und fordert stattdessen die Integration Europas.
Der Aufstand der Massen wurde zum Hauptwerk von José Ortega y Gasset und in Spanien ein großer Erfolg. Es gilt als das wichtigste zeitdiagnostische Buch der 1930er Jahre. Auch in Deutschland wurde das Werk nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem Bestseller, aber auch teilweise als reaktionäres Pamphlet kritisiert.
Entstehung des Werkes Ortega y Gasset ist nicht einer festen politischen Richtung zuzuordnen. Der Sozialwissenschaftler Frank Peter Geinitz charakterisiert ihn so:
In Spanien hatte Miguel Primo de Rivera nach militärischen Niederlagen in Marokko 1923 eine Diktatur errichtet. Ortega suchte eine Orientierung für Spanien in der Generación del 98 und stand dem Diktator zunächst als eine Art Lehrer gegenüber, distanzierte sich aber mehr und mehr und wurde zu seinem Kritiker. Nach dem Rücktritt und Tod des Diktators 1930 und der Aufhebung der Zensur forderte er in einem Artikel der Tageszeitung El Sol vom 15. November 1930 auch das Ende der Monarchie. Der Artikel schließt mit den Worten: „Ceterum censeo delendam esse Monarchiam“ (deutsch: „Im Übrigen glaube ich, dass die Monarchie zerstört werden muss.“Eine Anspielung auf den wiederkehrenden Spruch Ceterum censeo Carthaginem esse delendam von Cato dem Älteren) Am 14. April 1931 verließ tatsächlich König Alfons XIII. Spanien.Frank Peter Geinitz: Falange Española, S. 57
Im Zuge der Entdeckung des Phänomens der Masse war 1895 Gustave Le Bons Werk Psychologie der Massen erschienen.Gustave Le Bon: Psychologie des foules, Paris 1895; deutsch: Psychologie der Massen, übersetzt von Rudolf Eisler (Digitalisat der 2. Auflage, Leipzig 1912), Kröner, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-520-71101-4 1921 erschien Sigmund Freuds Schrift Massenpsychologie und Ich-Analyse. Ortega erwähnt beide Schriften nicht, aber durch seine Deutschlandreisen hatte er einen lebendigen Eindruck der sich stark entwickelnden Urbanisierung und Industrialisierung der Weimarer Republik gewonnen. Nach dem Ersten Weltkrieg hatte sich Deutschland weiter modernisiert, doch die Goldenen Zwanziger endeten in einer wirtschaftlichen Katastrophe besonders für die einfache Bevölkerung.
Ortega sieht im Anwachsen und Aufbegehren der Mehrheit der gewöhnlichen Bevölkerung eine große Gefahr und versucht mit seinem Essay diese Gefahr zu analysieren. 1927 erschien von Julien Benda das Buch Der Verrat der Intellektuellen (fr.: La Trahison des clercs) das auch eine Elite der Masse gegenüberstellt und mit Ortegas Ansatz verglichen werden kann.Siehe diese Gegenüberstellung: Josep R. Llobera: Visions of Europe in the dark years: Julien Benda and José Ortega y Gasset. In: The European Legacy. 1, 1996, S. 2084–2093, doi:10.1080/10848779608579657. In diesem Sinn knüpft Ortega auch an frühere Arbeiten an, besonders Stern und Unstern über Spanien (1921).spanisch: La España invertebrada, Madrid 1921, dt. Übersetzung: Stern und Unstern über Spanien, 1937 Dort macht er für den Zerfall Spaniens das Fehlen von Eliten mit staatsbildenden Ideen verantwortlich und schließt sogar Gewaltanwendung bei der Staatsbildung nicht von vorneherein aus.Hans Widmer: (PDF; 115 kB) 2013 Ortegas philosophische Voraussetzung für den Aufstand der Massen ist eine spanische Variante der Lebensphilosophie (razón vital) in Verbindung mit einer perspektivistischen Erkenntnistheorie.Thomas Rentsch: Ortega y Gasset. In: Jürgen Mittelstraß (Hrsg.): Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie. Band 2. Metzler, Stuttgart 1995, 2004, S. 1098
Die 15 Kapitel des Gesamtwerkes wurden ab 1926 in El Sol zunächst als einzelne Essays veröffentlicht, wobei das 14. Kapitel als einziges, mit acht Abschnitten, recht umfangreich ist.
Inhalt Der Massenmensch Ortega motiviert die Darstellung der von ihm gesehenen Krise zunächst als „Tatsache der Überfüllung“.Titel des ersten Kapitels. AM S.5 In den Städten würden sich überall Menschenansammlungen zeigen: Das Anliegen ist, eine Charakterisierung des Massenmenschen vorzubereiten. Der Massenmensch (hombre-masa) wird nicht quantitativ bestimmt, sondern psychologisch charakterisiert. Es ist der durchschnittliche Mensch, der sich wohlfühlt, wenn er merkt, dass er wie alle anderen ist.AM, S. 9
Die Masse stellt Ortega sich in einer guten Ordnung als passiv, als von einer Elite führbar vor.AM, S. 121 Er verabscheut das Aktivwerden des Durchschnittsmenschen:
Gefährlich sei, dass der Durchschnittsmensch die zivilisatorischen Errungenschaften als etwas Selbstverständliches, Naturgegebenes hinnehme, ohne jedes Interesse für die Grundlagen, aus denen sie entstanden sind.Friedrich Irmen: La rebelión de las masas, Kindler, S. 376
Gegenüber der von ihm behaupteten Gefahr einer Herrschaft der egalitär organisierten Massen vertritt Ortega eine Haltung des Standesdünkels,Auch im Anschluss an Nietzsche, vergleiche Die fröhliche Wissenschaft Kapitel Edel und Gemein ohne allerdings das dekadente Verhalten des Adels und die Verhältnisse vor der Französischen Revolution zu rechtfertigen.AM, S. 14ff
Die Steigerung des Niveaus
Auf der anderen Seite nimmt Ortega y Gasset eine Steigerung des Lebensstandards (wörtlich: historisches Niveau) wahr. Die Lebenshaltung, die früher nur wenige wahrnehmen konnten, sei gestiegen. Die Vermögen, die Kultur und die Geschlechter glichen sich an.AM, S. 19ff Das Niveau der Zeit sei gestiegen, man sei stolz auf die Kräfte der neuen Zeit und gleichzeitig in Furcht vor ihnen.AM, S. 34 All dies sei ein Symptom für ein Wachsen des Lebens, was Ortega zunächst an der globalen Informationsmöglichkeit festmacht: Sevillaner verfolgten über ihre Volkszeitungen Eisberge am Pol, die über den glühenden Hintergrund der Guadalquivirlandschaft trieben.AM, S. 35
Mit dieser Darstellung des Wachstums des Lebens, der Steigerung des Lebensstandards, wendet sich Ortega gegen den von Oswald Spengler dargestellten Untergang des Abendlandes.AM, immer wieder, z. B. S. 41 Ortega sah wie Spengler einen Werteverfall, teilte aber die Idee der Zwangsläufigkeit des kulturellen Niedergangs nicht.vgl. Urs Bitterli: 2011 „Ein untrügliches Zeichen des Niedergangs wäre allein ein Nachlassen der Vitalität“. Der Durchschnittsmensch habe aber nie so viele Lebensmöglichkeiten besessen wie heute.Friedrich Irmen: La rebelión de las masas, Kindler, S. 376 Das Psychogramm des Massenmenschen dürfe nicht mit den fundamentalen Unzulänglichkeiten der modernen europäischen Kultur vermengt werden, schreibt Ortega am Ende des Werkes zur Begründung seines Vorgehens.AM, S. 204
Auch in der Wissenschaft zeigt sich eine Anhebung des Niveaus durch die Massen: Die Brüder Jonathan R. und Stephen Cole stellten 1972 eine so genannte Ortega-Hypothese auf: Im Aufstand der Massen habe Ortega y Gasset ausgeführt, dass wissenschaftlicher Fortschritt auf der Arbeit von allen Wissenschaftlern beruhe, d. h. vor allem auch auf der Arbeit einer großen Masse von Wissenschaftlern mit mittelmäßigem Talent, die nur weniger bedeutende Ergebnisse erzielen würden, wobei die Summe all dieser kleineren Fortschritte aber einen wesentlichen Teil des gesamten wissenschaftlichen Fortschritts ausmache.
Gasset beschreibt einen Übergang vom enzyklopädischen Alleswisser des 19. Jahrhunderts zum spezialisierten Einzelwissenschaftler heute.AM, S. 115f
Moralverfall, desmoralización Ortega beschreibt einen Verfall der Moral in Europa durch das Aufkommen des Massenmenschen.
Ortega sieht eine Barbarei als Abwesenheit von Normen und Berufungsinstanzen aufkommen. Europäische Gebote hätten ihre Geltung verloren, ohne dass sie durch neue ersetzt worden seien.AM, S. 143 Der Aufstand der Massen in der europäischen Zivilisation führe zu einer sittlichen Entartung der Menschheit.AM, S. 132
Im Zeichen des Syndikalismus oder des Faschismus würden die Menschen darauf verzichten, Gründe anzugeben, sondern setzen ihre Meinungen einfach durch.AM, S. 74f Auf zivilisierte Umgangsformen werde verzichtet und all dies gefährde das Zusammenleben der Menschen. Dagegen verkünde der Liberalismus, mit dem schwachen Feind zusammen zu leben. Die Mehrheit gewähre in der liberalen Demokratie der Minderheit ihr Recht. Dieser Liberalismus sei stark gefährdet, weil die Masse lieber die direkte Aktion wählt, ohne die indirekten Instanzen wie Höflichkeit, Rechtswege, Gerechtigkeit oder ähnliches zu berücksichtigen.Friedrich Irmen: La rebelión de las masas, S. 376
Im sehr umfangreichen vierzehnten Kapitel wird in der spanischen Ausgabe für diesen Amoralismus der Ausdruck desmoralización verwendet, der in der deutschen Übersetzung ‚Demoralisierung‘ lautet.AM, S. 132 Dieses Wort hat allerdings im Deutschen oft eine andere Bedeutung. Ortega spricht gleichwohl nicht von „Amoral“, sondern verstärkt diesen Ausdruck sogar zur „Unmoral“.AM, S. 204. - Spanisch: „esto no es amoral, sino inmoral“, José Ortega y Gasset: La rebelión de las masas, Barcelona 2009, S. 232
Der Staat als Projekt einer Zusammenarbeit Aus der Kritik an der Rebellion der Massen entwickelt Ortega eine Staatskritik.AM, S. 122ff
Im ersten Teil des Werkes wird der Staat als bloße Technik der Verwaltung definiert, die nach dem Bürgertum von der anonymen Masse okkupiert wurde. Werde die Masse entgegen ihrer angestammten passiven Rolle aktiv, so fange sie an zu lynchen. So sei es auch mit dem Staat. Seit den europäischen Revolutionen von 1848/1849 hätten zwar die Revolutionen in Europa aufgehört. Dann aber habe die anonyme Masse den anonymen Staat übernommen. Aus einer liberalen Haltung heraus übt Ortega Kritik am Staat als Selbstbedienungsorgan. Das ganze Leben werde bürokratisiert,AM, S. 128 der „zufriedene junge Herr“,Das Kapitel XI heißt: Die Epoche des „zufriedenen jungen Herrn“ AM, S. 100ff. die Jugend, werde verhätschelt. Es gebe „eine enorme Vermehrung der Polizei in allen Ländern.“AM, S. 130
Aus dieser Staatskritik entwickelt Ortega auch eine Kritik am Faschismus Mussolinis als typischer Massenbewegung. Der Definition des Nationalstaates durch Blutsverwandtschaft und gemeinsame Sprache setzt Ortega im zweiten Teil des Werkes eine Res publica, eine Politeia entgegen:
Nationalstaat Europa In seiner Staatskritik bemängelt Ortega also auch den Nationalismus, der jeweils für einen Nationalstaat eintritt, der sich aus der ethnischen oder sprachlichen Gemeinschaft definiert. Nie sei der Staat mit einer vorher bestehenden Bluts- und Sprachgemeinschaft zusammengefallen. Der Staat ist immer der große Dolmetscher gewesen.AM, S. 178
Ortega plädiert gegen den Impuls einzelne europäische Nationalstaaten zu bilden und sieht stattdessen in der Schöpfung eines europäischen Nationalstaates eine wichtige Aufgabe. Er stellt am Ende des Buches den Bolschewismus als eine mögliche ansteckende Verlockung dar und kommt dann zu dem Schluss, dass ein vereintes Europa der Ideologie des sowjetischen Fünfjahresplans überlegen sei.AM, S. 198ff