mini|hochkant=1.8|Der neobarocke Neubau der Spickel-Gaststätte 1899, Architekt: Josef Schempp Die Spickel-Gaststätte, auch „Insel“ genannt, war vom Ende des 18. Jahrhunderts bis ins 20. Jahrhundert ein weithin bekannter und beliebter Ausflugsort der Augsburger.
Die Waldwirtschaft stellte eine der Attraktionen des Augsburger Siebentischwaldes dar und gab dem 1919 nahe bei ihr gegründeten Augsburger Augsburger Stadtbezirk Spickel den Namen. Sie erhielt die Adresse Spickelstraße 17,Adressbücher der Stadt Augsburg 1964–1966 verfiel in der Mitte des 20. Jahrhunderts, wurde 1966 abgerissen und nicht wieder aufgebaut.
Geschichte Gründung 1793 mini|Die Spickel-Insel zwischen Neubachkanal (links) und Oberem Stadtbach im Jahr 1910 Die Geschichte der Spickel-Gaststätte setzt im Jahr 1793 ein, als eine Vereinigung von Augsburger Adligen und wohlhabenden Bürgern, die sogenannten „Abonnenten auf der Insel“, begannen, sich in der Stadt-Au, dem späteren Siebentischwald, einen „Lustort“ zu schaffen.Freywilliger Beytrag: Alphabetisches Verzeichniss der saemmtlichen P. T. Herrn Abonnenten auf der Insel, Augsburg 1810 Die Initiatoren waren Philipp Christoph von Stetten, Oberlieutenant im k.b. 2ten Kürassierregiment (1756–1825), und sein Bruder Thomas von Stetten, k.b. Forstinspektor und vormaliger Oberst des Landwehrregimentes Augsburg (1759–1822).Augsburger Ordinari Postzeitung vom 26. Juni 1822
Die anfängliche Exklusivität des Erholungsortes weckte aber auch Ressentiments bei weniger privilegierten Bürgern:
Erzherzog-Karl-Denkmal
mini|hochkant|Erzherzog-Karl-Denkmal nach der Restaurierung von 1897 Im Sommer 1801 wurde im Reichstag ein vielbeachteter Antrag eingebracht, dem Erzherzog Karl ein Monument zu errichten, was der so Geehrte aber zurückwies, da er die durch die Revolutionskriege verarmte Bevölkerung nicht mit den Kosten belastet sehen wollte.Zeitung für die elegante Welt, 24. September 1801, S. 115 Auf Initiative Thomas von StettensDer Hausfreund. Ein Augsburger Morgenblatt, 9. Mai 1846, S. 510 wurde jedoch auf dem Spickel ein bescheidener Ersatz für das große Vorhaben geschaffen und am 19. Juni 1802 eingeweiht:Zeitung für die elegante Welt, 30. Oktober 1802, S. 130
Doch die Zeiten waren wechselhaft: „Die Büste wurde später, als die Franzosen wieder die Oberhand erhielten, am Ablasse als Heiligthum aufbewahrt und erst im Jahre 1814 wieder aufgestellt.“Der Hausfreund: Ein Augsburger Morgenblatt, 1846, S. 510 35 Jahre später wird zum ersten, aber nicht zum letzten Mal beklagt, dass das Denkmal in „jämmerlichstem Zustande“ sei: „Muss nicht der Fremde, der dieses Monument sieht, in Staunen gesetzt werden, die Büste des gefeierten Helden ohne Nase zu schauen, bringt so ein Anblick den Nachkommen der edlen Stifter dieses Denkmals eine Ehre?“Augsburger Tagblatt, 1837, S. 813
Bei der letzten Renovierung 2003 wurde der seit Langem fehlende Adler nicht ersetzt, an Stelle der OriginalbüsteDas restaurierte Original befindet sich im Treppenhaus des städtischen Verwaltungsgebäudes, Maximilianstraße 4 befindet sich eine Kopie.Franz Häußler, „Der Herzog auf dem Spickel - Nase x-mal erneuert“, Augsburger Allgemeine, 25. Oktober 2001, S. 7 und „Erzherzog Karl im Wald versteckt“, Augsburger Allgemeine, 15. November 2007, S. 8 Auch Karls Name ist auf dem Denkmal nicht mehr enthalten, lediglich die Inschriften „Dem Sieger über die französischen Revolutionsarmeen 1796-1799“ und „errichtet 1802, erneuert 1897, restauriert 1936 und 2003“ sind noch vorhanden.
Ausbau zum Erholungsort mini|Der Spickel, Augsburg um 1820
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war der Spickel ein populärer Ausflugsort geworden:
Tanzveranstaltungen wurden regelmäßig in den Zeitungen annonciert und ein Stadtführer aus dem Jahr 1830 berichtet: „Eine Anzahl Kähne gestatten das Vergnügen einer Wasserfahrt, auf welchen nicht selten fröhliche Gesellschaften, getragen vom Rücken des ruhigen Stromes zur Stadt zurückkehren.“ Dieselbe Quelle verrät: „Der gegenwärtige Besitzer wohnt, was bei den frühern Wirthen nicht der Fall war, in dem auf diesem Platze befindlichen Gebäude, daher kann der Spickel auch im Winter zu einem angenehmen Punkte für Schlittagen [Schlittenfahrten] benützt [...] werden.“Taschenbuch von Augsburg oder: Topographisch-statistische Beschreibung der Stadt, Augsburg 1830, S. 346
Bahnanbindung ab 1839 Mit dem Bau der Eisenbahnlinie von Augsburg nach München (1838–40) erhielt die „Insel“ ihre eigene Haltestelle und war schon vor der offiziellen Eröffnung des Dampfbetriebs mit der Pferdebahn erreichbar: „Es ist noch zu erwähnen, daß man jetzt auf der Eisenbahn in die Insel fährt, nämlich auf der kurzen Strecke, die die Augsburger, den Münchnern entgegenzukommen, herausgearbeitet haben, und die vom rothen Thore bis zum Lech geht. Der Dienst wird durch Pferde versehen, denn sie besitzt noch keine Lokomotive.“Morgenblatt für gebildete Leser, 17. Juli 1840, S. 577 Allein in der Zeit vom 4. Mai bis zum 28. Juni 1839 fuhren 16.996 Personen auf der Strecke vom ersten Augsburger Bahnhof an der Schüleschen Kattunfabrik zum Haltepunkt Spickel.Augsburger Tagblatt, 10. Juli 1839, S. 859 Der Preis für eine Fahrt im offenen Wagen betrug 6 Kreuzer, für ein Billet 1. Klasse 12 Kreuzer.Augsburger Tagblatt, 9. Oktober 1838, S. 1241
Gäste, Bier und Wirte Zu den Gästen der Waldwirtschaft gehörte neben dem bayerischen Sprachforscher Johann Andreas Schmeller (1785–1852)Johann Andreas Schmeller, Tagebücher, 1801–1852, 1954, S. 428 unter anderem Rudolf Diesels Großvater Johann Christoph (1802–1867): „Das Bier mußte ihm täglich vom 'Spickel', wo es damals am besten gewesen sein soll, geholt werden.“Eugen Diesel, Diesel. Der Mensch – das Werk – das Schicksal, Stuttgart 1944, S. 13
In den Jahren 1885 bis 1895 wurden über dreieinhalb Millionen Liter Bier der Actienbrauerei zum Prinz Karl von Bayern dort ausgeschenkt.
Namentlich bekannte Wirte waren: Felix Baur (Caffetier und Traiteur, um 1818), Augustin Deuringer (um 1822), Georg Ebert 1839–1864, Schneider, Bierschenk (um 1844), Johann Hager (1867–72) und Matthias Forster (Gastwirt u. Fuhrwerksbesitzer, um 1912).Adreßbücher der Königlichen Kreishauptstadt Augsburg
Neubau 1896–98 mini|hochkant=1.8|Rückseite der Spickel-Gaststätte mit Stadtbach, um 1900 Wegen des immer noch wachsenden Andrangs der Ausflügler wurde die „Spickelwirtschaft“ 1896–98 nach Plänen des Stadtbaumeisters Josef Schempp (1865–1931) im Stil eines neubarocken Jagdschlosses neu erbaut.Matthias Arnold, Architektur des 19. Jahrhunderts in Augsburg: Zeichnungen vom Klassizismus bis zum Jugendstil, Augsburg, 1979, S. 163–164
Am Eingang war eine Tafel aus der Biedermeierzeit mit folgendem Vers angebracht: Hier auf dieser Insel wohne Wonne und Verträglichkeit, Und der Stifter Arbeit lohne Froher Enkel Dankbarkeit!Manhart Waldern, „Denkmale und historische Stätten des Siebentischwaldes“ in Augsburger Rundschau, 11. Oktober 1919, 2. Jahrgang, Nr. 2, S. 14–15
Im Jahr 1902 betrug der sogenannte „Pachtschilling“ für die Gaststätte 3000 Mark.Stadtarchiv Augsburg, Akte „Insel oder Spickel“, Bestand 20, Nr. 050
Eine Ansichtskarte aus dem Jahr 1907 belegt, dass es seit 1895 auf der Insel einen „Rauchclub Spickel“ gab, dessen Vorstand Oberförster Scheidter war. Das Motto des Clubs: „Brüder raucht - trinkt - singt / Schwestern - raucht - singt - minnt.“ Darunter der Gruß: „Gut Qualm“.
Gartenstadt Augsburg-Spickel mini|Bebauungsplan für die Gartenstadt Augsburg-Spickel, um 1919. Am rechten Rand sieht man die namensgebende Spickel-Gaststätte.
Nach dem Ersten Weltkrieg entwarfen Gottfried E. Bösch (1874–1929) und Joseph Weidenbacher (1886–1973) ein Wohnviertel beiderseits der Bahnstrecke München–Augsburg, um der herrschenden Wohnungsnot zu begegnen. Das gutbürgerliche Viertel mit kleinen Ein- und Mehrfamilienhäusern hat das Thelottviertel zum Vorbild und wurde die „Gartenstadt Augsburg-Spickel“ genannt.
Die Spickel-Gaststätte befand sich mehrere hundert Meter außerhalb des Wohnviertels auf der Spickel-Insel im Wald. 1925/26 wurde im Inneren des neugeschaffenen Viertels, in der Hornungstraße 44, nach Plänen des Architekten Michael Kurz (1876–1957) ein weiteres Gasthaus mit Biergarten erbaut. Dieses Gasthaus existiert noch heute und trägt, nachdem es lange den Namen „Zebra“ hatte, Stand 2022 den Namen „Gasthaus zum Spickel“.
Verfall und Abriss der Waldgaststätte In den 1950er Jahren hatte die Spickel-Gaststätte dringenden Sanierungsbedarf, aber die Stadt Augsburg unterließ als Eigentümerin die notwendigen Investitionen. Als schließlich der Zustand der Gebäude so schlecht geworden war, dass erste Gerüchte über einen geplanten Abriss an die Öffentlichkeit sickerten, gab es heftige Bürgerproteste. Diese hatten jedoch keinen Erfolg. Der Stadtrat beschloss 1966 den kompletten Abriss der traditionsreichen Spickel-Gaststätte und führte diesen im Dezember 1966 aus. Die letzte Pächterin war die Gastwirtswitwe Viktoria Schreier. Heute erinnern nur noch Fundamentreste und das Denkmal für Erzherzog Karl an die Blütezeit der beliebten „Insel“.
Einige Jahre nach dem Abriss entstand unmittelbar östlich des historischen Spickel-Geländes die Kanustrecke des Augsburger Eiskanals.
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Einzelnachweise
Kategorie:Gastronomiebetrieb (Bayern) Kategorie:Bauwerk in Augsburg Kategorie:Baudenkmal in Augsburg-Spickel