mini|Joseph von Utzschneider mini|Büsten für Utzschneider und Fraunhofer, am Optischen Institut München, Müllerstraße 40

Joseph Utzschneider, ab 1808 von Utzschneider, (* 2. März 1763 in Schloss Rieden am Staffelsee; † 31. Januar 1840 in München) war ein für die Entwicklung Bayerns zu Beginn des 19. Jahrhunderts äußerst einflussreicher Staatsbeamter, Politiker, Fabrikant und Unternehmer.

Er war als bayerischer Staatsbeamter zunächst Oberforstkommissar, dann Salinenadministrator in Berchtesgaden, als Geheimer Referendair im Finanzministerium mit den Schulden Abledigungs Werken zur Reduzierung der Staatsschulden befasst, war später als Generalsalinenadministrator für die wichtigste Einnahmequelle des Staates verantwortlich, legte als Leiter der Steuermessungskommission die Grundlagen für eine Steuerreform und das bayerische Grundstückskataster und war Vorstand der Staatsschuldentilgungskommission.

Daneben war er einer der ersten industriellen Unternehmer in Bayern. Er gründete eine Reihe von Unternehmen, darunter das von Reichenbach als Partner geleitete Mathematisch-Feinmechanische Institut in München zur Erstellung von Präzisionsinstrumenten und astronomischen Teleskopen und eine Kunstglashütte, aus der das von ihm und Fraunhofer geleitete Optische Institut hervorging.

Als Vorstand der Vorgängerinstitution der Technischen Universität München hatte er an deren Ausbau maßgeblichen Anteil.

Von 1818 bis 1823 war er Bürgermeister von München und nach der Verfassungsgebung von 1818 Abgeordneter im Bayerischen Landtag. Für seine Verdienste wurde der Sohn eines Bauern 1808 geadelt.Soweit nicht anders erwähnt, beruhen die Angaben auf Ivo Schneider: Joseph von Utzschneider – Vision und Wirklichkeit eines neuen Bayern (Beiträge zur Geschichte der Bayerischen Akademie der Wissenschaften 3). Friedrich Pustet, Regensburg 2014, ISBN 978-3-7917-2630-4 () und auf Alto Bracher: Fraunhofers Erben. Ein Stück unbekannte Münchener Stadtgeschichte. In: Kultur & Technik, Heft 3, Zeitschrift des Deutschen Museums, Deutsches Museum und C.H.Beck, München 1988, ISSN 0344-5690, S. 185 (Digitalisat; PDF, 31 MB)

Leben Ausbildung Joseph Utzschneider wurde am 2. März 1763 als erstes von neun Kindern in Rieden am Staffelsee geboren. Seine Eltern, Andreas und Maria Utzschneider, geb. André, bewirtschafteten dort einen seit 300 Jahren im Besitz der Familie André befindlichen Hof.Ivo Schneider, S. 34Der Hof wurde nach Utzschneiders Tod versteigert und 1887 zum Schloss Rieden umgebaut. Er besuchte die Dorfschule in Uffing und kurz die Lateinschule des Klosters Polling. Im Alter von neun Jahren verlor er bei einem Jagdunfall sein linkes Auge. Sein Onkel Andreas André, Angestellter und Vertrauter von Maria Anna von Pfalz-Sulzbach, Herzogin von Bayern, sorgte dafür, dass er von 1773 bis 1778 das Gymnasium in der Alten Akademie in München besuchte, das heutige Wilhelmsgymnasium.Max Leitschuh: Die Matrikeln der Oberklassen des Wilhelmsgymnasiums in München. 4 Bände. Band 3, München 1970–1976, S. 160.

Die Herzogin Maria Anna von Bayern hatte sich schon in der Vergangenheit gegen den Einfluss Österreichs ausgesprochen. Als der kinderlose Kurfürst Maximilian III. Joseph von Bayern 1777 starb und sein Nachfolger Kurfürst Karl Theodor zunächst erbrechtliche Ansprüche Habsburgs anerkannte, später sogar Bayern gegen die Österreichischen Niederlande tauschen wollte, sandte die Herzogin den 15-jährigen Utzschneider als heimlichen Kurier mit einem um Hilfe suchenden Brief zu König Friedrich II. von Preußen, dessen Aktionen den Tausch dann verhinderten. Kurfürst Karl Theodor ließ danach die Berater der Herzogin, darunter Andreas André, aus München verbannen und sie selbst auf ihr Gut Schwaiganger bei Ohlstadt verweisen. Die Herzogin machte darauf Utzschneider zu ihrem Geheimsekretär für ihre diplomatische Korrespondenz und zum Verwalter ihres Gutes.Ivo Schneider, S. 34–37

Von 1778 bis 1780 besuchte er die Herzoglich Marianische Landes-Akademie (ehemalige Kadettenanstalt), anschließend studierte er bis 1783 Jura an der Universität Ingolstadt, wobei er aber sein Studium häufig in München betrieb.

Er wurde 1782 Mitglied des Illuminatenordens,Hermann Schüttler: Die Mitglieder des Illuminatenordens 1776–1787/93. München 1991, S. 157. aus dem er aber wohl schon Ende 1783 wieder austrat, nachdem sein Ordensmentor Einblick in die Korrespondenz der Herzogin Maria Anna mit Friedrich II. gefordert bzw. nachdem sich diese erfolgreich um seine Anstellung als zunächst unbezahlter Hofrat bemüht hatte. Spätere schriftliche Aussagen über seine Mitgliedschaft führten zu teils heftigen Anfeindungen ehemaliger Mitglieder wie auch von Gegnern des Ordens.Ivo Schneider, S. 38–52

Beamter (1784–1801) Nach zwei Jahren als unbezahlter wurde er 1786 besoldeter Hofrat. Darauf heiratete er mit kurfürstlicher Erlaubnis die etwa fünf Jahre ältere Amalie Walch, mit der er später eine Tochter Maria Anna hatte.

Er war für die Trockenlegung von Mooren verantwortlich, um landwirtschaftlich nutzbare Flächen zu gewinnen und eine Erwerbsmöglichkeit für die einfache Bevölkerung zu schaffen,Die Auswirkungen von Trockenlegungen auf Hochwässer und das Klima waren damals noch unbekannt. stieß aber auf den erbitterten Widerstand der Klöster, deren Jagdgründe dadurch beschnitten wurden.Der Verzehr von Wildbret war nur dem Adel und der Geistlichkeit erlaubt. Als Oberforstkommissar war er für die Reform des Forstwesens zuständig, sicherte die Brennholzversorgung von München und gründete Bayerns erste Forstschule, konnte aber gegen den Widerstand des kurfürstlichen Jagdpersonals wenig ausrichten.Ivo Schneider, S. 58, 59

1791 wurde er nach Burghausen versetzt, um das dortige Rentamt zu überprüfen, anschließend war er Mitglied der Kommission, die erfolgreich die bei der Kultivierung des Donaumooses aufgetretenen Streitigkeiten schlichtete.Ivo Schneider, S. 68

Danach sicherte er die Holzrechte der Saline Reichenhall an den Salinenwäldern, deren Grenzen von dem Erzstift Salzburg und von der Fürstpropstei Berchtesgaden verändert worden waren.„Verlackungsrezess“ von 1794Salinen hatten einen hohen Bedarf an Holz für die Feuerung der Sudpfannen, für die Rohrleitungen aus Deicheln, die regelmäßig erneuert werden mussten, als Grubenholz in den Salzbergwerken und als Material für die Fässer, mit denen das Salz transportiert wurde. Im Anschluss daran erreichte er, dass die hochverschuldete Fürstpropstei Berchtesgaden mit dem Salinenvertrag von 1795 ihre Bergwerke, Salinen und Salinenwälder auf ewig gegen eine jährliche Pachtsumme von 50.000 Gulden an Bayern verpachtete und er selbst zum Administrator der nun bayerischen Salinen ernannt wurde. Es gelang ihm bald, den Holzverbrauch der Salinen zu reduzieren und durch Verbesserungen der Produktion der Ertrag erheblich zu steigern.Der Salzverkauf aus den Salinen war damals die wichtigste Einnahmequelle Bayerns. Seine Maßnahmen wurden allerdings von den meist adeligen Mitgliedern des Probsteikapitels nicht geschätzt. Im Dezember 1798 wurde er überraschend abberufen, wahrscheinlich auf Betreiben von Montgelas.Ivo Schneider, S. 69 ff.

Als Kurfürst Karl Theodor 1799 verstarb, wurde Utzschneider nach einer mehrmonatigen Pause von Kurfürst Max IV. Joseph, für den er schon zwischen 1790 und 1795 als Finanzberater und Geldbeschaffer tätig war, zum Geheimen Referendair in Landschaftssachen im Ministerial Finanz Departement unter dem Finanzminister Franz Karl von Hompesch und gleichzeitig zum referirenden Commissaire bey dem Churfürstlichen und Landschaftlichen gemeinsammen Schulden Abledigungs Werke ernannt.Schon Kurfürst Maximilian II. Emanuel hatte sich 1722 mit der Landschaft über die Errichtung eines Schulden­abledigungs­werks zum Abbau seiner Schulden geeinigt. Seine Nachfolger verfuhren in ähnlicher Weise. (Genoveva Rausch: In: Mit uns muss man rechnen! 200 Jahre Bayerischer Oberster Rechnungshof. Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns, München 2012, S. 46, 49, 53, 54.) Eine seiner ersten Aufgaben war die Vorbereitung des Deputationsabschieds für Pfalz-Neuburg, mit dem ein Kompromiss mit dessen Einwänden gegen die Verwaltung durch die Generallandesdirektion in München gefunden werden sollte.Ivo Schneider, S. 91 ff Außerdem sollte er zusammen mit Dall’Armi Vorbereitungen zur Einrichtung einer „Bankanstalt“ treffen.Ivo Schneider, S. 77, 78

Zwischen 1799 und 1801 hielt Utzschneider zahlreiche Referate in Sitzungen des Staatsrates und wurde sogar zum Vortrag in Sitzungen der Staatskonferenz beordert, der neben dem Kurfürsten und einem Mitglied des Herrscherhauses nur die vier Ressortminister angehörten. Seine Referate über die Finanzlage Bayerns zeigten, dass man bislang weder die wahre Größe der Staatsschulden noch die der Einnahmen kannte. Seine Empfehlungen zur Abwendung des Staatsbankrotts umfassten die Reduzierung der Ausgaben des Hofes, die Ausgabe von Obligationen durch eine zu gründende Hypothekenbank, die Einführung von Papiergeld, eine Steuerreform, nach der jeglicher Grundbesitz, auch des Adels und der Klöster, aufgrund einer Steuerkatastervermessung nach dem Ertrag besteuert würde, den Verkauf von Gemälden und von klösterlichen Ländereien sowie die Einberufung eines Landtages, um eine Beteiligung der Landstände an den Kosten der Truppen zu erreichen.Ivo Schneider, S. 96 Letzteres stieß auf die vehemente Ablehnung durch Montgelas. Um die staatliche Notlage zu lindern, legte Utzschneider einen Entwurf einer neuen Verfassung vor, der aber von Montgelas als nicht realisierbar abgelehnt wurde.Ivo Schneider, S. 113

Kurz bevor München am 28. Juni 1800 durch die französische Armée du Rhin unter General Moreau besetzt wurde, zog sich der Kurfürst mit seinem Hofstaat und Montgelas nach Amberg und dann in das preußische Bayreuth zurück. Nach dem Tod von Hompesch im August 1800 war Montgelas nun der ranghöchste Minister. Der in München gebliebene Utzschneider hatte den Forderungen der französischen Offiziere nach Landkarten Bayerns nachzukommen und, da diese nicht in der gewünschten Qualität vorhanden waren, die Geldmittel und das nötige Personal für das von den Franzosen geforderte Bureau topographique zu beschaffen. Außerdem hatte er vielfältige Verwaltungsaufgaben, bei deren Erfüllung es laufend zu Reibereien mit dem während der Abwesenheit des Kurfürsten als provisorische Regierung eingerichteten Generalhofkommissariats kam.Ivo Schneider, S. 117 ff. Zudem wurden Stimmen laut, die Utzschneider als Revolutionär verdächtigten und ihm Umsturzpläne unterstellten. Zahlreiche anonyme Flugschriften heizten die Stimmung weiter an. Als Montgelas ein Schreiben eines französischen Offiziers über Utzschneiders Umsturzpläne erhielt, veranlasste er nach einiger Zeit, dass der Kurfürst Utzschneider am 10. Juni 1801 in der vorläufigen Ruhestand mit einem Gehalt von 2500 Gulden versetzte (Quieszierung). Seine Entlassung wurde damit begründet, dass eine Neuordnung der Generallandesdirektion dazu geführt habe, dass sein Aufgabenbereich anderweitig bearbeitet werde.Ivo Schneider, S. 180 Etwa eine Woche später musste der Kurfürst das Topographische Bureau gründen.

Unternehmer (1801–1807)