Der Wanderer ist die erste Elegie Friedrich Hölderlins. Er veröffentlichte zwei Druckfassungen. Die erste erschien in Jahrgang 1797, sechstes Stück der Zeitschrift Die Horen, die zweite in Jahrgang 1801, drittes Vierteljahr der Zeitschrift Flora, Teutschlands Töchtern geweiht von Freundinnen und Freunden des schönen Geschlechts. Beide Zeitschriften gehörten der Cotta’schen Verlagsbuchhandlung. In den Horen wird Hölderlins Name nicht genannt; in der Flora steht er unter dem Gedicht. Der Wanderer ist auch deswegen bekannt, weil die erste Fassung vor der Publikation von den beiden Männern begutachtet und vermutlich verändert wurde, die – jedenfalls für Hölderlin – „die Großen“ waren, Friedrich Schiller und Johann Wolfgang von Goethe.

Überlieferung Weder zur ersten noch zur zweiten Fassung gibt es eine handschriftliche Druckvorlage. Hölderlins Entwürfe sind bei der Württembergischen Landesbibliothek als Digitalisate verfügbar. Abgerufen am 28. Februar 2014.

Von zwei Entwürfen zur ersten Fassung ist hier der Entwurf im Konvolut Cod.poet.et.phil.fol.63,I,3 der Württembergischen Landesbibliothek komplett wiedergegeben – H2 nach der historisch-kritischen Stuttgarter Ausgabe der Werke Hölderlins von Friedrich Beissner, Adolf Beck und Ute Oelmann (* 1949). Im Cod.poet.et.phil.fol.63,I,3 stehen auf Blatt 2 die letzten Verse (23–52) von An den Aether und die ersten vier Verse des Wanderers, auf Blatt 3 bis 6 die Fortsetzung des Wanderers, auf Blatt 7 die letzten sechs Verse des Wanderers und das Oden-Bruchstück Buonaparte.

Von zwei Entwürfen zur zweiten Fassung ist hier der Anfang des Entwurfs im Konvolut Cod.poet.et.phil.fol.63,I,6 der Württembergischen Landesbibliothek wiedergegeben – H3 nach der Stuttgarter Ausgabe.

Die folgenden Texte sind der Stuttgarter Ausgabe entnommen. Sie weichen von den Horen und der Flora nur darin ab, dass Beissner Hölderlins vermutliche originale Schreibweise zu rekonstruieren versuchte. So druckt Beissner Vers 10 der ersten Fassung „Freundlich aus Bäumen hervor blikte kein wirthliches Dach“ statt wie die Horen „Freundlich aus Bäumen hervor blickte kein wirthliches Dach“. Die historisch-kritische Frankfurter Ausgabe von Dietrich Sattler und die neueren „Leseausgaben“ von Jochen Schmidt und Michael Knaupp bieten wieder etwas andere Versionen.

Erste Fassung Entstehung Hölderlin schrieb das Gedicht in Frankfurt am Main. Im Januar 1796 hatte er dort eine Stelle als Hauslehrer in der Familie Jakob Friedrich Gontard-Borkensteins (1764–1843) angetreten, wo er Susette Gontard kennengelernt hatte, seine Diotima. Im April 1797 war der erste Band seines Hyperion erschienen. Im selben Monat schrieb er seiner Schwester Maria Eleonora Heinrike (1772–1850):Stuttgarter Ausgabe Band 6, 1, S. 238–241. Das „Landhaus“ war vermutlich der Adlerflychtsche Hof nördlich der Stadt. miniatur|H2 Vers 1 „Einsam stand ich“ bis 4 „Hohl und einsam“ Am 20. Juni schickte Hölderlin ein Exemplar des Hyperion mit Reinschriften der Gedichte An den Aether und Der Wanderer an Friedrich Schiller:Stuttgarter Ausgabe Band 6, 1, S. 241–242.

Schiller sandte die Gedichte am 27. Juni an Goethe. Er selber habe „ueber Produkte in dieser Manier <...> kein reines Urtheil“.Stuttgarter Ausgabe Band 7, 2. S. 95. Goethe antwortete tags darauf:Stuttgarter Ausgabe Band 7, 2. S. 96–97.

Schiller informierte Hölderlin in einem verlorenen Brief, dass er die beiden Gedichte drucken lassen werde. Hölderlin dankte Anfang August überschwänglich, nicht wissend, dass sich Schiller und Goethe im vertraulichen Austausch sehr bedenklich über ihn äußerten:Stuttgarter Ausgabe Band 6, 1, S. 249. Wirklich kam An den Aether 1798 in Schillers Musen-Almanach, Der Wanderer 1797 in Schillers Horen. Der gelösten, glücklichen Stimmung des April, Mai und Juni 1797 folgte aber schon im Juli eine Krise, ausgelöst vielleicht durch eine Hochzeit im Hause Gontard, die Hölderlin seine Abhängigkeit als Hauslehrer, die Hoffnungslosigkeit seiner Liebe zu Susette Gontard und seine Heimatlosigkeit bewusst machte.Beck und Raabe 1970, S. 47–48. miniatur|H2 Vers 5 „Ach! hier sprang“ bis 20 „Untereinandergewälzt, schröklich“; zwei überzählige Verse miniatur|H2 Vers 21 „Todt in der Hülse“ bis 40 „Friedlichen Bäume“; zwei überzählige Verse miniatur|H2 Vers 41 „Und das heilige Grün“ bis 61 „Lieblich der Mutter Gesang“

Text und Interpretation Die Horen-Fassung des Gedichts umfasst 42 Distichen, also 84 Verse. Darin folgt ihr die Stuttgarter Ausgabe. Die hier wiedergegebene Handschrift H2 zählt dagegen 90 Verse. Dem folgt zum Beispiel die Ausgabe von Michael Knaupp. Die Horen-Fassung ist nicht in Strophen gegliedert, ebenso wenig die Ausgabe von Knaupp. Die Stuttgarter Ausgabe gliedert in zwei Strophen zu je 18 und eine zu 48 Versen.

Friedrich Schiller hat vermutlich Hölderlins Text für die Horen bearbeitet. Ein Beispiel ist Vers 5 „Ach! nicht sprang, mit erfrischendem Grün der schattende Wald hier“. Goethe hat hier, wie aus dem oben zitierten Brief an Schiller hervorgeht, den Ausdruck „der quellende Wald“ gelesen und bemängelt, und Schiller hat entsprechend geändert.

Der Wanderer

Einsam stand ich und sah in die Afrikanischen dürren Ebnen hinaus; vom Olymp reegnete Feuer herab. Fernhin schlich das haagre Gebirg, wie ein wandelnd Gerippe, Hohl und einsam und kahl blikt’ aus der Höhe sein Haupt. 5Ach! nicht sprang, mit erfrischendem Grün der schattende Wald hier In die säuselnde Luft üppig und herrlich empor, Bäche stürzten hier nicht in melodischem Fall vom Gebirge, Durch das blühende Thal schlingend den silbernen Strom, Keiner Heerde vergieng am plätschernden Brunnen der Mittag, 10Freundlich aus Bäumen hervor blikte kein wirthliches Dach. Unter dem Strauche saß ein ernster Vogel gesanglos, Ängstig und eilend flohn wandernde Störche vorbei. Nicht um Wasser rief ich dich an, Natur! in der Wüste, Wasser bewahrte mir treulich das fromme Kameel. 15Um der Haine Gesang, um Gestalten und Farben des Lebens Bat ich, vom lieblichen Glanz heimischer Fluren verwöhnt. Aber ich bat umsonst; du erschienst mir feurig und herrlich, Aber ich hatte dich einst göttlicher, schöner gesehn.

Auch den Eispol hab’ ich besucht; wie ein starrendes Chaos 20Thürmte das Meer sich da schröklich zum Himmel empor. Todt in der Hülse von Schnee schlief hier das gefesselte Leben, Und der eiserne Schlaf harrte des Tages umsonst. Ach! nicht schlang um die Erde den wärmenden Arm der Olymp hier, Wie Pygmalions Arm um die Geliebte sich schlang. 25Hier bewegt’ er ihr nicht mit dem Sonnenblike den Busen, Und in Reegen und Thau sprach er nicht freundlich zu ihr. Mutter Erde! rief ich, du bist zur Witwe geworden, Dürftig und kinderlos lebst du in langsamer Zeit. Nichts zu erzeugen und nichts zu pflegen in sorgender Liebe, 30Alternd im Kinde sich nicht wiederzusehn, ist der Tod. Aber vieleicht erwarmst du dereinst am Strale des Himmels, Aus dem dürftigen Schlaf schmeichelt sein Othem dich auf; Und, wie ein Samenkorn, durchbrichst du die eherne Hülse, Und die knospende Welt windet sich schüchtern heraus. 35Deine gesparte Kraft flammt auf in üppigem Frühling, Rosen glühen und Wein sprudelt im kärglichen Nord. Die beiden Strophen sind parallel komponiert. Nicht nur die Verszahlen sind identisch. In der jeweils ersten Zeile blickt das „Ich“ auf ein extremes, erbarmungsloses Klima, die „Afrikanischen dürren Ebnen“ und den „Eispol“. In der ersten Strophe folgen der Glutregen der Sonne und das „haagre“ Gebirge, dessen kahle Höhe wie ein Totenschädel „hohl“ blickt. Das Leben scheint verbrannt. In der zweiten Strophe folgen die chaotisch aus dem Meer zum Himmel starrenden Eistürme. Leben war hier nie. In gleicher Weise setzen die jeweils fünften Verse ein, einen Reim bildend, „Ach! nicht sprang“ (Vers 5), „Ach! nicht schlang“ (Vers 23). Es folgen mehr der von Goethe beanstandeten „Negationen“: „Bäche stürzten hier nicht“ (Vers 7), „Hier bewegt’ er ihr nicht“ (Vers 25). Sowohl für die Abfolge der Klimazonen, denen später noch „unsere“ gemäßigte Zone folgt, als auch für die Negationsreihen hatte Hölderlin ein antikes Vorbild, den bei den Elegien Tibulls überlieferten „Panegyricus Messallae – Lobpreis des Messala“ eines unbekannten Dichters. Schmidt 1992, S. 602.

In der ersten Strophe rettet sich das Ich in die Erinnerung an eine glücklichere Welt, deren Gegenstände es wie in einem Rausch aufgreift, erfrischendes Grün, schattender Wald, plätschernder Brunnen, wirtliches Dach. Dann aber erblickt es den Vogel, das einzig Lebendige, das diesem Raum eigen ist, „das doch in seiner trostlosen Apathie (ernst, gesanglos) sich selbst verneint“.Müller 1949, S. 105. Es bittet die „Natur“ (Vers 13) nicht um Wasser,Man glaubte, die Türken töteten in der Wüste zur Not Kamele und tränken das Wasser in deren Mägen. Schmidt 1992, S. 602. sondern um den „Glanz heimischer Fluren“ – aber es bittet umsonst (Vers 17).

In der zweiten Strophe, der Eiswelt vor jedem Leben, rettet sich das Ich in den Gedanken an den griechischen Mythos der Zeugung durch den „Olymp“ und die Erde (Vers 23) – „Olymp“ metonym für den „Himmel“ und so schon in Vers 2 gebraucht. Blieb die Anrufung der „Natur“ in der ersten Strophe (Vers 13) vergeblich, so folgt der Anrufung der „Mutter Erde“ in der zweiten Strophe (Vers 27) Hoffnung: auf ein Erwachen aus dem „Tod“ (Vers 30), ein Leben im Rhythmus von üppigem Frühling, einem Sommer mit Rosen und einem Herbst mit reicher Weinlese (Vers 35–36.)

Die gemeinsame Konzeption der beiden Strophen geht schon aus einer frühen Version des ersten Distichons hervor, aus der hier nicht wiedergegebenen Handschrift H1:Stuttgarter Ausgabe Band 2, 2, S. 513. „Süd und Nord ist in mir. Mich erhizt der Aegyptische Sommer / Und der Winter des Pols tödtet das Leben in mir“. Maria Behre hat „Süd und Nord ist in mir“ als das erste Keimwort zu dem Gedicht bezeichnet.Behre 1996, S. 116. Nach dem Mitherausgeber der Frankfurter Ausgabe Wolfram Groddeck sind die kontrastierenden Landschaften „Allegorien einer inneren Disposition des poetischen Subjekts“.Groddeck 2002, S. 321. miniatur|H2 Vers 62 „Das die Sonne des Mais“ bis 78 „Um das Auge“; zwei überzählige Verse miniatur|H2 Vers 79 „Feuer trink’ ich“ bis 84 „Friedlich zu werden“ Aber jezt kehr’ ich zurük an den Rhein, in die glükliche Heimath, Und es wehen, wie einst, zärtliche Lüfte mich an. Und das strebende Herz besänftigen mir die vertrauten 40Friedlichen Bäume, die einst mich in den Armen gewiegt, Und das heilige Grün, der Zeuge des ewigen, schönen Lebens der Welt, es erfrischt, wandelt zum Jüngling mich um. Alt bin ich geworden indeß, mich blaichte der Eispol, Und im Feuer des Süds fielen die Loken mir aus. 45Doch, wie Aurora den Tithon, umfängst du in lächelnder Blüthe Warm und fröhlich, wie einst, Vaterlandserde, den Sohn. Seeliges Land! kein Hügel in dir wächst ohne den Weinstok, Nieder ins schwellende Gras reegnet im Herbste das Obst. Fröhlich baden im Strome den Fuß die glühenden Berge, 50Kränze von Zweigen und Moos kühlen ihr sonniges Haupt. Und, wie die Kinder hinauf zur Schulter des herrlichen Ahnherrn, Steigen am dunkeln Gebirg Vesten und Hütten hinauf. Friedsam geht aus dem Walde der Hirsch ans freundliche Tagslicht; Hoch in heiterer Luft siehet der Falke sich um. 55Aber unten im Thal, wo die Blume sich nährt von der Quelle, Strekt das Dörfchen vergnügt über die Wiese sich aus. Still ists hier: kaum rauschet von fern die geschäfftige Mühle, Und vom Berge herab knarrt das gefesselte Rad. Lieblich tönt die gehämmerte Sens’ und die Stimme des Landmanns, 60Der am Pfluge dem Stier lenkend die Schritte gebeut, Lieblich der Mutter Gesang, die im Grase sitzt mit dem Söhnlein Das die Sonne des Mais schmeichelt in lächelnden Schlaf. Aber drüben am See, wo die Ulme das alternde Hofthor Übergrünt und den Zaun wilder Holunder umblüht, 65Da empfängt mich das Haus und des Gartens heimliches Dunkel, Wo mit den Pflanzen mich einst liebend mein Vater erzog, Wo ich froh, wie das Eichhorn, spielt’ auf den lispelnden Ästen,