mini|Stein der Sonne Präkolumbische Kunst ist die Kunst der indianischen Völker vor der Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus 1492 und ihrer Kolonisierung im 16. Jahrhundert. Im engeren Sinne werden darunter vor allem die Textilien und Keramiken, Steinskulpturen und -reliefs sowie die Malerei und Architektur der meso- und südamerikanischen Hochkulturen verstanden.

mini|Toltekische Statuen in Tula, 11. Jahrhundert Aufgrund einer nur rudimentär vorhandenen Schriftkultur kam der Kunst als wichtigstem Kommunikationsmedium der amerikanischen Urbevölkerung besondere Bedeutsamkeit zu. Die wenigsten präkolumbischen Kulturen besaßen jedoch ein eigenes Wort für Kunst, da sie meist untrennbar mit Alltag, Mythos und religiösem Ritual verbunden war. Da diese Kulturtraditionen vielfach endgültig abgebrochen und nur noch archäologisch nachweisbar sind, fällt die Deutung der Kunstwerke, die von ihnen Zeugnis ablegen, oft schwer.

Geschichte Kennzeichnend für die präkolumbische Kunst ist der stetige Wandel zwischen eher naturalistischen und abstrakteren Formen, der nicht kontinuierlich, sondern in Phasen verlief. Die Entscheidung für oder gegen einen bestimmten Stil war allein Ausdruck kulturellen Geschmacks und nicht etwa einer zielgerichteten Entwicklung von einer archaischen hin zu einer progressiveren Ästhetik. Periodisierungen sind aufgrund der Heterogenität der künstlerischen Traditionen lediglich innerhalb einzelner Kulturen möglich. Die präkolumbische Kunst ist nahezu ausnahmslos unsigniert, so dass einzelne Künstler nicht bekannt sind.Esther Pasztory: Aesthetics and Pre-Columbian Art. In: RES: Anthropology and Aesthetics 29/30, 1996, S. 318–325.

Die ältesten Kunstzeugnisse in Südamerika sind Höhlenmalereien in der Caverna da Pedra Pintada in Brasilien, die ins 12. Jahrtausend v. Chr. datiert werden. Eine mit roter Farbe auf einen Bisonschädel aufgebrachte Zickzacklinie, gefunden an einem Jagdplatz der Folsom-Kultur in Oklahoma, gilt als älteste bekannte Malerei Nordamerikas und datiert in die Zeit zwischen 10.900 und 10.200 v. Chr.

Nordamerika mini|Keramik-Schale der Chaco-Canyon-Kultur, 11.–13. Jahrhundert In Nordamerika entwickelten sich vor allem an der Westküste und in den östlichen Waldländern um die großen Seen und den Mississippi sehr früh indianische Kulturen, die sich kunsthandwerklich und künstlerisch betätigten. Ihre Arbeiten wurden oft sehr weit gehandelt und überquerten mitunter den halben Kontinent, ehe sie ihren endgültigen Besitzer fanden. Aus diesem Grund lassen sich die gefundenen Objekte häufig nicht eindeutig einer bestimmten Kultur zuordnen. Zudem verwendeten die Indianer oft schnell vergängliche Materialien, was ein Grund dafür ist, warum die präkolumbische nordamerikanische Kunst allgemein weniger gut erforscht ist als die Meso- und Südamerikas. Dies betrifft etwa Artefakte aus Holz, Textilien und die Flechtkunst, besonders aber auch künstlerische Ausdrucksformen wie die Sandbilder der Navajo-Indianer, deren Ursprünge offenbar weit in der Vergangenheit liegen. Archäologisch sehr bedeutsame Fundstätten sind die Mounds, die als Grab- oder Zeremonialstätten dienten.

Nordamerika lässt sich in verschiedene Kulturareale einteilen, die sich, bedingt vor allem durch die facettenreiche Geographie und die verschiedenartigen klimatischen Bedingungen des Kontinents, gesellschaftlich, wirtschaftlich und religiös stark unterscheiden. Seit 1978 hat sich die Untergliederung der Smithsonian Institution allgemein durchgesetzt. Sie teilt Nordamerika in folgende Gebiete ein: Arktis, Subarktis, Nordwestküste, Kalifornien, Südwesten, Großes Becken, Plateau, Prärie und Plains, Nordosten und Südosten.

Arktis, Subarktis und Nordwestküste mini|Elfenbeinschnitzerei in Form eines Eisbären, Dorset-Kultur Den prähistorischen Ipiutak- und Okvikkulturen der Arktis, aus denen später die Thulekultur hervorging, standen nur wenige Materialien zur Verfügung, um sich kunsthandwerklich zu betätigen. Sie hinterließen vor allem figürliche Schnitzereien aus Walross-Elfenbein, überwiegend in Form von Tierfiguren und Masken. Spätere arktische Kulturen führten diese Tradition fort; die stilistischen Feinheiten, die sich dabei entwickelten, machen oft erst ihre genauere Untergliederung möglich. Neben Knochen nutzten die Aleuten und Eskimo auch Treibholz für ihre Schnitzarbeiten.

Die Nordwestküste bot ihren Bewohnern hingegen vergleichsweise gute Lebensbedingungen: Das Meer war reich an Fischen und direkt an die Küste schlossen sich dichte Wälder an, in denen Hirsche und andere Tiere bejagt werden konnten. Sehr bald kam die Holzverarbeitung auf, wobei vor allem das Holz des Riesenlebensbaumes verwendet wurde. Die zum Schnitzen verwendeten Werkzeuge waren aus scharfen Feuerstein-Klingen gefertigt; Techniken der Metallverarbeitung wurden erst von den Europäern eingeführt. Die Werke verwitterten schnell und überstanden kaum 100 Jahre, so dass heute fast nur noch die Beile und Hämmer die Bildschnitzkunst dieser Kulturen bezeugen.Peter Bolz, Bernd Peyer: Indianische Kunst Nordamerikas. DuMont, Köln 1987, S. 57; David W. Penny: Indianische Kunst Nordamerikas. Könemann, Köln 1996, S. 197, 237 f.

Kalifornien, Plateau und Großes Becken Kalifornien war durch das Große Becken und das Columbia Plateau von den anderen Kulturen Nordamerikas nahezu völlig isoliert. Die wichtigsten künstlerischen Ausdrucksformen seiner Bewohner waren die Korbflechterei, die grundsätzlich als „Mutter“ der nordamerikanischen indianischen Kunst gelten kann und hier anstelle von Keramik zur Herstellung der meisten Gefäße verwendet wurde, und Felsbilder in Form von Petroglyphen und Höhlenmalereien. Die Flechtkunst entwickelte sich spätestens ab dem 3. Jahrtausend v. Chr. und war zum Zeitpunkt der Ankunft der Europäer bereits so weit fortgeschritten, dass sie im Gegensatz zu allen anderen Kunst- und Handwerksformen auch in den Jahrhunderten danach kaum mehr von ihnen beeinflusst wurde.Peter Bolz, Bernd Peyer: Indianische Kunst Nordamerikas, S. 79 ff. Als Materialien dienten unter anderem Gras und Palmlilien, die dann mit mineralischen oder pflanzlichen Farben verziert wurden. Neben dem einfachen Flechten entwickelten die indianischen Frauen, die die Kunst dem Mythos zufolge zum Anbeginn der Zeit von den Göttern selbst gelernt haben sollen,Nigel Cawthorne: Mythos und Maske, S. 13. auch die Zwirnbindung und die Spiralwulsttechnik, die zu sehr variablen Mustern und Oberflächenstrukturen führten.

Felsbilder waren an der Westküste Nordamerikas auch noch nach dem Ende der archaischen Periode ein wichtiges Medium der Kunst. Die wenigsten dieser Darstellungen dürften älter als 5000 Jahre sein,Klaus F. Wellmann: Muzzinabikon. Indianische Felsbilder Nordamerikas aus fünf Jahrtausenden. Akademische Druck- und Verlagsanstalt, Graz 1976. einige der bekanntesten wie die vom Newspaper Rock im Canyonlands-Nationalpark stammen gar erst aus der Zeit nach der europäischen Entdeckung der Neuen Welt – erkennbar ist das beispielsweise an der Darstellung von Pferden, die als Neobiota erst mit den Konquistadoren nach Amerika gelangten. Die eher marginalen Kulturen des Großen Beckens und des Plateaus zeigen in ihrer Kunst eine Mischung aus Einflüssen der sie umgebenden Völker des Nordwestens und der Prärie-Indianer. Gesondert hervorzuheben sind die etwa 2000 Jahre alten Specksteinplastiken, die am Fraser River gefunden worden sind und die vermutlich bei Initiationsriten eine Rolle spielten.Wilson Duff: Prehistoric Stone Sculpture of the Fraser River and Gulf of Georgia. In: Anthropology in British Columbia 5, 1956, S. 15–151.

Prärie und Plains Die nomadische Lebensweise der Prärie-Indianer bedingte, dass ihre Kunst überwiegend kleinformatig und so leicht zu transportieren war. Besondere Kunstfertigkeit zeigten sie in der bildhauerischen Gestaltung von Pfeifenköpfen aus Catlinit, das aus den heiligen Steinbrüchen von Minnesota gewonnen wurde. Andere Formen kunsthandwerklicher Tätigkeit war die farbliche Gestaltung von Leder, die sich vor dem Kontakt mit den Europäern nahezu ausschließlich geometrischer Muster bediente, und die Perlenknüpferei.Nigel Cawthorne: Mythos und Maske. Die indianische Stammeskunst Nordamerikas. Battenberg Verlag, Augsburg 1998, S. 51–57.

Nordosten und Südosten mini|Kupferpektorale in Form eines Falken aus der Hopewell-Kultur, 200 v. Chr. – 100 n. Chr mini|Korb aus der Basketmaker-Periode der Pueblo-Indianer, um 450–750 Einige der reichsten und am höchsten entwickelten Kulturen Nordamerikas entwickelten sich in den östlichen Waldländern an den Großen Seen und entlang des Mississippi. Unter ihnen sind vor allem die Adena-Kultur, die Hopewell-Kultur und die Mississippi-Kultur namentlich zu nennen. In den von ihnen angelegten Mounds wurden auch schneller vergängliche Materialien wie Holz oft gut konserviert. Die Caddo- und die Calusa-Kulturen hinterließen einige teils bis ins 13. Jahrhundert zu datierende kunstvoll gestaltete Holzmasken und -figuren.David W. Penny: Indianische Kunst Nordamerikas, S. 11 f. Neben den konservierenden Hohlräumen der Spiro Mounds in Oklahoma bewahrte auch der sauerstoffarme Sumpfboden Floridas viele Holzschnitzereien vor dem Verfall.

Obwohl die nordamerikanischen Indianer keine Techniken zur Metallschmelzung entwickelten, entwickelten sich hier die sogenannten Old-Copper-Kulturen, die das in großer Reinheit vorkommende Kupfer durch Kalthämmern zu kunstvollen Objekten verarbeiten konnten, ohne es vorher einschmelzen zu müssen. Während zu Beginn vor allem Werkzeuge hergestellt wurden, fertigten die Künstler ab etwa 1000 v. Chr. überwiegend Schmuck und andere Prestigeobjekte, was auf eine zunehmende Hierarchisierung ihrer Gesellschaft hindeutet.Susan R. Martin: Wonderful Power. The Story of Ancient Copper Working in the Lake Superior Basin. Wayne State University Press, Detroit 1999.

Auch Keramiken sind in großer Zahl erhalten. Am archäologischen Fundplatz Poverty Point in Louisiana wurden figürliche Artefakte und mit Ritzungen dekorierte Keramiken gefunden, die auf das 18. bis 10. Jahrhundert v. Chr. datiert werden. Besonders reich verzierte Tonwaren hinterließen die Angehörigen der Mississippi-Kultur, die dank des Ackerbaus und des Kulturaustausches mit den mesoamerikanischen Kulturen das am weitesten entwickelte Gemeinwesen Nordamerikas entwickelten und blühende Städte errichteten, die jedoch bald nach Ankunft der Europäer infolge der eingeschleppten Krankheiten nahezu vollständig entvölkert wurden.Nigel Cawthorne: Mythos und Maske, S. 13.

Daneben entwickelten die Indianer der Waldländer den Wampumhandel und andere Formen der Perlenstickerei, die sich neben Muscheln vor allem verschiedensten Schmucksteinen aus melierten und gemasertem Schiefer oder Speckstein bediente.

Südwesten Der Südwesten Nordamerikas ist die Heimat der Pueblo-Indianer, deren Kunsttradition sich in engem Austausch mit den Hochkulturen Mesoamerikas entwickelte. Wie in vielen anderen Teilen Nordamerikas ging auch hier die Korbflechterei der Keramik voraus; die Basketmaker-Kultur bildete das Formativum ihrer Kunst. Mit der Sesshaftigkeit entwickelte sich bei den Mogollon- und die Anasazi-Kulturen jedoch auch die Töpferei. Die Hohokam-Indianer schürften die Schmucksteine Türkis und Jett, die sie teilweise selbst verarbeiteten oder aber an die Azteken exportierten.

Mesoamerika mini|Fresko mit Schlachtendarstellung, Cacaxtla, um 700