miniatur|Abb. 1: Ein typisches taotie-Dekor auf einem Gefäß vom Typ ding Die Dekore chinesischer Ritualbronzen sind eine Reihe regelmäßig erscheinender Schmuck- und Oberflächenverzierungen, die auf der heterogenen Gruppe der chinesischen Ritualbronzen auftauchen (chinesisch: Bronzegegenstand, Bronzeartefakt). Einige dieser gestalterischen Elemente bilden eine Art Standard-Repertoire, während andere Elemente nur vereinzelt auftauchen.

Einzelne Dekore sind nicht auf bestimmte Typen von Ritualbronzen beschränkt. Prinzipiell kann jede Art von Dekor auf jeder Art von Objekt auftauchen. Die meisten Motive und Dekore haben Vorläuferformen in früheren Objekten aus Keramik oder Jade, die sich bis in das vierte Jahrtausend vor Christus zurückverfolgen lassen.

Bronzeobjekte in China lassen sich nebst der Einordnung in Objekttypen auch aufgrund ihrer Dekore regional oder zeitlich zusammenfassen. Daher erfolgt hier eine grobe Kategorisierung nach historischen und kulturräumlichen Aspekten. Der Regelfall ist ein Dekor im Relief, das mit dem Bronzeobjekt gegossen wurde. Diese Art von Dekortechnik ist im Folgenden gemeint, wenn keine anderen Techniken oder Materialien erwähnt werden.

Von den Anfängen der Bronzezeit bis zur westlichen Zhou-Zeit im Kulturraum der Nordchinesischen Tiefebene Die nordchinesische Tiefebene bildet gemeinsam mit der mittelchinesischen Tiefebene das Kernland Chinas und wird oft als "Wiege der chinesischen Kultur" bezeichnet. Hier lagen die urbanen Zentren der halbmythologischen Xia-Dynastie, der Shang-Dynastie und der Zhou-Dynastie: Erlitou, Luoyang, Erligang (Zhengzhou), Yinxu, Fenghuangshan und Feng-Hao. Diese Dynastien beherrschten nicht das gesamte Gebiet, sondern waren am Mittel- und Unterlauf des Gelben Flusses, sowie den angrenzenden Gebieten angesiedelt, und sie trieben Handel mit angrenzenden Völkern und Kulturen, auch Fernhandel.

Insgesamt war die Kultur des dominierenden Herrscherclans in diesem Gebiet gefestigt, so dass eine Kontinuität zu erkennen ist, aufgrund derer einzelne Perioden zusammengefasst werden. Die voranschreitende Expansion des Machtbereiches erweiterte die Einflusssphäre in Richtung Süden, bis zur heutigen Provinz Hunan. In weiten Teilen überlagerte die Kultur des Kernlandes die der angrenzenden Regionen, assimilierte sie jedoch nicht vollständig. Von den sechs großen Kulturräumen des chinesischen Neolithikums und der frühen Bronzezeit überdauerten alle bis in die Zeit der Streitenden Reiche.YU & KLEEMAN 1984:309

Darstellungen von Menschen, Masken und Gesichtern Das häufigste Masken- oder Gesichtsdekor ist das taotie (Abb. 1). Es ist die Darstellung zweier Augen, die um eine zentrale Achse angeordnet sind und den obligatorischen Bestandteil des taotie bilden. In frühen Entwicklungsphasen ist dieses sehr einfach gestaltet. Später treten zu den Augenflecken weiterer Gesichts- und Körperteile hinzu, so dass die Darstellung komplexer und differenzierter wird. Bis zur Anyang-Phase (13. – 11. Jhdt. v. Chr.) der Shang-Zeit ist diese Entwicklung abgeschlossen.

miniatur|Abb. 2: Dieses rechteckige Gefäß vom Typ fangding zeigt zu allen vier Seiten eine sehr naturalistische Darstellung eines Gesichtes, allerdings ergänzt durch Elemente, die sonst einem taotie zugehörig sind. Zu den Augenflecken treten Kiefer oder Reißzähne, große, C-förmige Hörner und Ohren, die den Kopf bilden, sowie rudimentär seitlich angeordnete Vorderbeine oder Klauen und ein Hinterleib mit Schwanz. Der Ursprung des taotie-Dekors bleibt bis auf weiteres unklar. Verschiedentlich ist spekuliert worden, dass anthropomorphe Darstellungen auf den cong der Liangzhu-Kultur oder ähnliche Bronze-Schmuckplaketten mit Türkiseinlagen der Erlitou-Kultur als Vorläuferformen der taotie-Darstellungen in Frage kommen könnten. Die Bezeichnung taotie ist ahistorisch. In Zusammenhang mit Ritualbronzen taucht sie erstmals spät, am Ende der Zeit der Streitenden Reiche auf:

Lüshi Chunqiu, 85. Kapitel/Rolle: Wissen über das Vorhergegangene. https://ctext.org/lv-shi-chun-qiu/xian-shi Auf den ding der Zhou sind taotie eingraviert. Sie haben einen Kopf, aber sie haben keinen Körper, sie fressen einen Menschen ohne zu schlucken und fügen [so] unmittelbar dem Körper Schaden zu, [so] wurde durch Erzählen berichtet.

Verschiedene Darstellungen menschlicher Gesichter, teils mehr, teils weniger abstrahiert, kommen vor. Diese können eine gelassene, undifferenzierte Mimik zeigen, in manchen Beispielen sind sie aber durchaus boshaft lachend oder Zähne zeigend dargestellt. Eine Mischung mit theriomorphen Elementen ist nicht unüblich. So zeigt ein bekanntes Beispiel aus Hunan ein sehr naturalistisch gestaltetes Gesicht mit entspannter Mimik, das jedoch die typischen C-förmigen Hörner des taotie, sowie seine Klauen und einen Schwanz trägt (Abb. 2).CHANG 2011:28f

miniatur|Abb. 3: Das bekannte Weinopfergefäß vom Typ you aus der Provinz Hunan, welches das Motiv des Verschlingens durch ein Raubtier – hier einen Tiger – zeigt. Es gibt Gesichtsdarstellungen mit Hirschgeweihen und wenige Beispiele, die Köpfe oder Gesichter in Szenen des Fressens oder Verschlingens zeigen. Oft ist der Kopf in der Mitte symmetrisch angeordnet, zu dessen Seiten sind zwei Raubkatzen, welche das Maul in Richtung des Kopfes aufreißen. Seltener sind Darstellungen ganzer Menschen in Szenen, wobei der Aufbau mit dem „Opfer“ des Fressaktes in der Mitte, umgeben von zwei Raubtieren mit aufgerissenen Mäulern gleich ist. Auch ein Skulpturgefäß, das einen Tiger zeigt, der einen Menschen zu verschlingen droht, ist in Hunan gefunden worden (Abb. 3). Üblicherweise handelt es sich jedoch bei Darstellungen von Menschen, Masken und Gesichtern um in Relief gearbeitete Oberflächendekore. Auf Axtblättern sind diese regelmäßig durchbrochen gearbeitet.

Drachen und Schlangen Drachen und Schlangen gehören seit dem Neolithikum zum Dekor-Repertoire des chinesischen Kulturraumes. Die früheste belegte Drachendarstellung ist auf die Mitte des vierten Jahrtausends v. Chr. datiert. Es sind bogenförmige Jadeobjekte der Hongshan-Kultur, welche als Schweinedrachen bezeichnet werden. In den Shang- und Zhou-zeitlichen Bronzen tauchen Drachen oder drachenartige Mischwesen in unterschiedlichen Formen auf.

miniatur|Abb. 4: Zeremonialaxt vom Typ yue. Sie zeigt als Dekormotive auf dem Axtblatt einen kui-Drachen, der durchbrochen gearbeitet ist. Das Spiralmuster, das seinen Leib ausfüllt ist ein typisches Leiwen-Mäander. Jenseits des vergangenen hölzernen Schaftes füllt eine archaische Variante des Schriftzeichens "" den Nacken der Axt vollständig aus. Die bekannteste und häufigste Form ist der kui-Drache (Abb. 4). Er besteht aus einem reptiloiden Kopf, an den sich ein langer, schlangenartiger Körper anschließt. Ein wichtiges Charakteristikum des kui-Drachen ist ein einzelnes Bein, das seinen Körper trägt. Zu den drachenartigen Mischwesen gehört auch der Vogeldrache, der einen Schnabel trägt, welcher oft kurz und gebogen ist, wie der eines Raubvogels. Er stellt eine spätere Form der Drachendekore dar und taucht ab der Shang-Zeit auf. Die kui- und Vogeldrachen sind als Relief auf den Objektoberflächen zu finden. Allerdings gibt es auch Gefäße mit Beinen, welche die Form von kui-Drachen oder drachenartigen Chimären haben können. Die Schwänze bilden die Standfüße beziehungsweise Standflächen, während die Köpfe – mit aufgerissenen Mäulern – am Gefäßkörper angebracht sind. Die Verwendung als in Relief gearbeitetes Oberflächendekor ist die Regel.

Als letztes dieser Dekore ist der einköpfige Drache mit zwei Körpern zu nennen, der ab der Erlitou-Kultur auftaucht und bis zur Zhou-Zeit erhalten bleibt. Ein frontal ausgerichteter Kopf bildet das Zentrum der Darstellung und zu beiden Seiten läuft ein meist schlangenförmiger Körper in exakt gespiegelter Form nach außen. Aufgrund dieser Spiegelung ist unklar, ob es sich um zwei Leiber an einem Kopf handelt oder lediglich um einen „aufgeklappten“, stilisierten Körper, wie beim taotie. Ein weiterer Typus von Drachen tritt bei den Henkeln der Bronzegefäße auf. Diese haben eine breite, flache Nase mit zwei frontal sichtbaren Nasenlöchern und erinnern so an die schon erwähnten Schweinedrachen der Hongshan-Kultur. Für sie findet sich kein Äquivalent in den Oberflächendekoren.

An einigen Gefäßen sind weitere, nicht näher identifizierbare Tierköpfe, von denen einige an Drachen erinnern, plastisch aus dem Gefäß heraustretend dargestellt. Diese tragen oft pilzförmige Hörner, die die Einordnung in die Gruppe mythologischer Wesen wie Drachen wahrscheinlicher macht, als die Einordnung in die Kategorien gewöhnlicher Tiere. Auch als Griffhenkel an Deckeln von zun oder gong tauchen drachenähnliche Wesen auf, die häufig an Salamander oder Krokodile erinnern und ebenfalls pilzförmige Hörner tragen können.

miniatur|Abb. 5: Das Grab des Markgrafen Yi von Zeng enthielt nicht nur ein komplettes Set von Musikinstrumenten, sondern auch ungewöhnliche bronzene Skulpturen, wie diese Vogel-Hirsch-Chimäre. Vögel Eine große Gruppe bilden die Vogeldarstellungen, beginnend in der Shang-Zeit, als Oberflächendekor im Relief oder als Skulpturgefäße. Während der Zhou-Zeit gewinnen sie verstärkt an Bedeutung und werden häufiger. Man kann verschiedene Kategorien von Vögeln unterscheiden, zum Beispiel diurnale Raubvögel, Eulen, Hühnervögel und Mischwesen mit vogelartigem Charakter oder Vogelbestandteilen (Abb. 5).

miniatur|Abb. 6: Eine Dolchaxt vom Typ ge mit einer Klinge aus Nephrit (Jade) und Einlagen aus Türkis im bronzenen Nacken der Klinge. Die symbolische Bedeutung dieser Vögel ist vielseitig und nicht ganz klar. Fest steht, dass die Shang Vögel verehrt haben und ihren Stammvater auf einen Vogel zurückführen, wobei strittig ist, ob es sich um eine Schwalbe oder einen Raben, beziehungsweise eine Krähe handelt.CHENG 1999:129 Der Mythos der Ahnherrenschaft eines Vogels der Shang würde das Auftauchen von Vogeldekoren auf deren Ritualgefäßen erklären. Allerdings sind diese Darstellungen so stark stilisiert, dass sie sich nicht näher identifizieren lassen und nicht zur Kontroverse über die Identität des Stammvaters der Shang beitragen können.

Zu unterscheiden sind eindeutig die diurnalen Raubvögel und auch die Eulen. Während erstere durch markante Raubvogelschnäbel auffallen, sind Darstellungen von Eulen durch rundliche Formen und große Augen von den übrigen Vögeln zu unterscheiden. Bei den Raubvögeln verhält es sich ähnlich, wie bei den übrigen Vögeln: Auf Grund der starken Abstraktion sind keine Unterscheidungen in Falken, Adler oder Bussarde möglich (Abb. 6). Insbesondere die Eulen tauchen als Skulpturgefäße auf oder bilden einen der konstituierenden Bestandteile eines solchen Skulpturgefäßes. Während der Zhou-Zeit tauchten Vögel als Dekorelemente in den Ritualbronzen auf. Dies mag damit zusammenhängen, dass ein Omen in Gestalt eines roten Vogels den Untergang der Shang und die Machtübernahme der Zhou angekündigt hat.

Lüshi Chunqiu, 13. Kapitel/Rolle: Betrachtung der Anfänge. https://ctext.org/lv-shi-chun-qiu/ying-tong Als die Zeit von König Wen [der Zhou] gekommen war, so zeigte der Himmel ein Feuer[zeichen]; der rote Vogel hielt die zinnoberrote Schriftrolle im Schnabel und ließ sich auf dem Erdaltar der Zhou nieder und König Wen sprach: „Die Energie des Feuers ist siegreich!“. Und weil die Energie des Feuers siegreich war, bevorzugte er die Farbe Rot und richtete sein Handeln nach dem [Verhalten des] Feuers aus. Das, was das Feuer überwinden wird, wird das Wasser sein […]

Horntragende Tiere miniatur|Abb. 7: Diese Liyu-Bronze zeigt die typischen, zur Unkenntlichkeit abstrahierten Drachen, die als verschlungene Bänder die Dekorzonen ausfüllen. Die Dekorbänder selbst sind mit Leiwen-Mäandern ausgefüllt. Die losen Ringe werden von rinder- oder ochsenförmigen Henkeln gehalten.