mini|300px|Historisches Tirol:Nicht markiert sind die zum altösterreichischen Kronland gehörenden Gemeinden Cortina d’Ampezzo, Livinallongo del Col di Lana, Colle Santa Lucia (BL), Valvestino, Magasa (BS) und Pedemonte (VI), die sich in Volksabstimmungen ausnahmslos für eine Wiederherstellung der historischen Landesgrenzen ausgesprochen haben.
Die Geschichte Südtirols umfasst die Entwicklungen auf dem Gebiet des heutigen Südtirol von der Frühgeschichte bis zur Gegenwart. Eine eigenständige, vom größeren Tiroler Kontext abgetrennte Geschichte Südtirols begann mit der Besetzung der Region durch italienische Truppen im November 1918. Aufgrund des von Österreich-Ungarn am 3. November 1918 mit Italien geschlossenen Waffenstillstandsabkommens und dem Vertrag von Saint-Germain zwischen den Siegermächten des Ersten Weltkrieges und der neu geschaffenen Republik Österreich fiel Südtirol 1919 an das Königreich Italien und wurde zu dessen nördlichster Provinz.Hans Haas: Südtirol 1919. Op. cit. S. 95ff.
Bei Texten über Südtirol ist der historische Zusammenhang zu beachten: Bis 1918 und darüber hinaus bezeichnete Südtirol oftmals sämtliche Landesteile Tirols südlich des Brenners, insbesondere auch das heutige Trentino.
Vorgeschichte
Im Mittelalter, schon seit etwa dem 8. Jahrhundert, gehörte das von Bajuwaren, Langobarden und Rätoromanen besiedelte Tirol bis an die Poebene heran zum Stammesherzogtum Baiern. Von den Grafen von Tirol, von der Bozner-Meraner Gegend ausgehend geeint, fiel es auf Grund eines Erbvertrages 1363 von den Meinhardinern an das Haus Habsburg, und wurde Habsburgisches Erbland. Der Raum von der Bodenseegegend bis an Gardasee und Tauern war als Gefürstete Grafschaft Tirol im bis 1806 bestehenden Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation integriert, und ab dem 14./15. Jahrhundert als Oberösterreich, dann als Tirol mit den Vorlanden bzw. Tirol mit Vorarlberg Territorium und zunehmend Landesteil der Habsburgermonarchie, die sich ja aus dem Römisch-deutschen Reich hinaus auch nach Osten und Südosten erstreckte. 1804 bis 1867 war Tirol Teil des Kaisertums Österreich, mit einer Unterbrechung in den napoleonischen Koalitionskriegen, von 1805 bis 1814, als das Land zum neuen Königreich Bayern, ab 1810 zu kleineren Teilen auch zu den napoleonischen Satellitenstaaten Königreich Italien und den Illyrischen Provinzen gehörte. 1867–1918, als Kronland in den im Reichsrat vertretenen Königreichen und Ländern (Cisleithanien), war es Teil der Österreichisch-Ungarischen Monarchie.
Zu Beginn des Ersten Weltkriegs war das Königreich Italien Mitglied im Dreibund und so Verbündeter des Deutschen Reiches und Österreich-Ungarns. Da der Dreibund ein Defensivbündnis war, sah sich Italien nach der österreichisch-ungarischen Kriegserklärung an Serbien jedoch nicht verpflichtet in den Krieg einzutreten und erklärte sich zunächst für neutral. Die italienische Regierung unter Ministerpräsident Antonio Salandra verfolgte aber – wie auch andere Mächte – expansionistische Kriegsziele (siehe auch Irredentismus). Nach Zustimmung des Russischen Reiches zum italienischen Wunsch, auch slawisch besiedelte Gebiete zu annektieren, um die Adria zum Mare Nostrum zu machen, und auf die Italien von Seiten seiner Vertragspartner gegebene Zusicherung hin, nach dem Sieg u. a. den südlichen Teil Tirols bis zum Brennerpass annektieren zu können, schlossen die Triple Entente und Italien am 26. April 1915 den Geheimvertrag von London, mit dem Italien seinerseits zum Kriegseintritt auf Seiten der Entente innerhalb eines Monats verpflichtet wurde, woraufhin das Königreich Italien Österreich-Ungarn am 23. Mai 1915 den Krieg erklärte. Im Londoner Geheimvertrag hatte Italien somit von seinen künftigen Bündnispartnern erstmals die Zusicherung erhalten, nach dem Sieg mit internationaler Unterstützung über die ursprünglichen Ziele des zunächst auf italienischsprachige Gebiete außerhalb des italienischen Staatsgebietes konzentrierten Irredentismus hinausgreifend nicht zum italienischen Sprachgebiet zählende Territorien zu annektieren.
Italien führte von 1915 bis 1918 einen blutigen Gebirgskrieg. Unter anderem gelangen in elf Materialschlachten am Isonzo nur bescheidene Erfolge, während man in der Zwölften Isonzoschlacht eine schwere Niederlage einstecken musste. Erst nach der militärischen Hilfe der Alliierten und den zunehmenden Versorgungs- und Nationalitätenproblemen in der österreichisch-ungarischen Armee gelang die Wende, symbolisiert in der Schlacht von Vittorio Veneto (oder “Dritte Piaveschlacht”) – vom 24. Oktober 1918 bis zum 3. bzw. 4. November 1918 in Nordostitalien –, die zum Waffenstillstand von Villa Giusti bei Padua und zur Niederlage Österreich-Ungarns führte.
Demographie Zum Zeitpunkt seiner Annexion war das heutige Südtirol von einer großen deutschsprachigen Mehrheit besiedelt. Laut der Volkszählung von 1910, in der zwischen vier Sprachgruppen unterschieden wurde, sprachen 89 % deutsch, 3,8 % ladinisch und 2,9 % italienisch und 1,7 % andere bei insgesamt 251.000 Einwohnern.Oscar Benvenuto (Hrsg.): South Tyrol in Figures 2008. Landesinstitut für Statistik der Autonomen Provinz Bozen – Südtirol (PDF; 453 kB), Bozen/Bolzano 2007, S. 19, Tafel 11
Im Folgenden ist die demographische Entwicklung des Gebietes gemäß den Volkszählungen von 1880 bis 2011 nach Sprachgruppen aufgeschlüsselt, sowohl in absoluten Zahlen wie in Prozenten:
Jahr Deutschsprachige Italienischsprachige Ladinischsprachige Andere Insgesamt Staat 1880 186.087 (90,6 %) 6.884 (3,4 %) 8.822 (4,3 %) 3.513 (1,7 %)"Einheimische" mit einer anderen Umgangssprache und "Nicht-Einheimische" 205.306 (100 %) Österreich-Ungarn 1890 187.100 (89,0 %) 9.369 (4,5 %) 8.954 (4,3 %) 6.884 (2,3 %) 210.285 (100 %) Österreich-Ungarn 1900 197.822 (88,8 %) 8.916 (4,0 %) 8.907 (4,0 %) 7.149 (3,2 %) 222.794 (100 %) Österreich-Ungarn 1910 223.913 (89,0 %) 7.339 (2,9 %) 9.429 (3,8 %) 10.770 (4,3 %)"Italienische Bürger mit einer anderen Umgangssprache und Nicht-italienische Bürger" 251.451 (100 %) Österreich-Ungarn 1921 193.271 (75,9 %) 27.048 (10,6 %) 9.910 (3,9 %) 24.506 (9,6 %)"Ausländer" 254.735 (100 %) Italien 1961 232.717 (62,2 %) 128.271 (34,3 %) 12.594 (3,4 %) 281 (0,1 %)"Alle Einwohner mit einer anderen Umgangssprache" 373.863 (100 %) Italien 1971 260.351 (62,9 %) 137.759 (33,3 %) 15.456 (3,7 %) 475 (0,1 %)"Alle Einwohner, die keine Erklärung darüber abgaben, zu welcher Sprachgruppe sie gehören" 414.041 (100 %) Italien 1981 279.544 (64,9 %) 123.695 (28,7 %) 17.736 (4,1 %) 9.593 (2,2 %)"Wohnhafte italienische Bürger ohne gültige Sprachgruppenerklärung, sowie wohnhafte Ausländer" 430.568 (100 %) Italien 1991 287.503 (65,3 %) 116.914 (26,5 %) 18.434 (4,2 %) 17.657 (4,0 %)"Ungültige Erklärungen, Personen, die zeitweise abwesend sind und wohnhafte Ausländer" 440.508 (100 %) Italien 2001 296.461 (64,0 %) 113.494 (24,5 %) 18.736 (4,0 %) 34.308 (7,4 %) 462.999 (100 %) Italien 2011 314.604 (62,2 %) 118.120 (23,3 %) 20.548 (4,0 %) 51.795 (10,5 %) 505.067 (100 %) Italien 2024 309.000 (57,6 %) 121.520 (22,6 %) 19.853 (3,7 %) 86.560 (16,1 %) 536.933 (100 %) Italien
Zwischenkriegszeit (1918–1939)
mini|links| Das Siegesdenkmal in Bozen (2014) mini| Faschistisches Beinhaus bei Innichen
Das Königreich Italien war 1882 dem Zweibund (Deutschland und Österreich-Ungarn) beigetreten; dieser wurde dadurch zum Dreibund. Diese Allianz war jedoch instabil, denn Italien betrieb mit dem Irredentismus eine expansionistische Politik, die vor allem auf italienisch besiedelte Gebiete unter österreichisch-ungarischer Herrschaft zielte. Die k.k. Monarchie ihrerseits sprach ihre expansionistischen Ziele auf dem Balkan nicht wie von den Dreibundbestimmungen vorgesehen mit Italien ab, etwa in der Bosnischen Annexionskrise von 1908 oder bei der österreichisch-ungarischen Kriegserklärung an Serbien vom 28. Juli 1914.
De jure zerbrach das Bündnis 1915, als Italien nach der Unterzeichnung des geheimen Londoner Vertrages im Mai 1915 den Dreibundvertrag kündigte und wenig später auf der Seite der Triple Entente in den Ersten Weltkrieg eintrat (Näheres hier). Die Entente-Mächte hatten Italien die „Brennergrenze“ und andere Gebiete zugesichert, um Italien zum Kriegseintritt zu bewegen.
Nach dem für Österreich-Ungarn verlorenen Ersten Weltkrieg wurden das vornehmlich deutschsprachige Südtirol ebenso wie das vornehmlich italienischsprachige Welschtirol im November 1918 von Italien besetzt. Dennoch arbeiteten alle 15 in der Reichsratswahl 1911 (nur von Männern) gewählten Reichsratsabgeordneten aus dem deutschen Sprachgebiet Tirols vom 21. Oktober 1918 bis zum 16. Februar 1919 in der Provisorischen Nationalversammlung für Deutschösterreich mit, darunter sieben Abgeordnete aus Südtirol wie Atanas von Guggenberg, Emil Kraft und Ämilian Schöpfer. Parallel hierzu wurde am 4. November 1918 in Bozen ein provisorischer Nationalrat für Deutsch-Südtirol gebildet, der mit der Ermächtigung des Tiroler Nationalrates sämtliche Regierungsbefugnisse übernahm und am 16. November sogar die Unteilbare Republik Südtirol proklamierte. Bald nach der Besetzung Südtirols durch italienische Truppen wurde diese politische Körperschaft der Deutsch-Südtiroler aufgelöst.Marina Cattaruzza, Sacha Zala: Wider das Selbstbestimmungsrecht? Wilsons Vierzehn Punkte und Italien in der europäischen Ordnung am Ende des Ersten Weltkriegs. In: Jörg Fisch (Hrsg.): Die Verteilung der Welt. Selbstbestimmung und das Selbstbestimmungsrecht der Völker (Schriften des Historischen Kollegs. Kolloquien 79). R. Oldenbourg, München 2011. ISBN 978-3-486-70384-9, S. 141–156, hier S. 149.
Die am 16. Februar 1919 abgehaltene Wahl der Konstituierenden Nationalversammlung Deutschösterreich konnte im Wahlkreis Deutsch-Südtirol nur von etwa einem Zehntel der Wahlberechtigten, nämlich im Bezirk Lienz, vorgenommen werden. Deshalb beschloss die Nationalversammlung am 4. April 1919,9. Sitzung (4. April), S. 238 ALEX für die nicht repräsentierten Gebiete proportional nach den in Nord- und Osttirol vorliegenden Wahlresultaten acht weitere auf den Wahllisten der Parteien geführte Kandidaten in die Nationalversammlung einzuberufen.Bericht der Kommission, betreffend die Vertretung der besetzten Gebiete: 141 der Beilagen. Konstituierende Nationalversammlung, auf der Website der Österreichischen Nationalbibliothek ersichtlich unter Stenographische Protokolle, Erste Republik, Session 2, 130.–179. Beilage, S. 53 f. Sie wurden am 24. April 1919 in Wien angelobt.10. Sitzung (24. April), S. 245 ALEX Es handelte sich um fünf Mandatare der Tiroler Volkspartei, zwei Sozialdemokraten und einen Deutschfreiheitlichen.
Die Konstituierende Nationalversammlung musste am 21. Oktober 1919 den im September 1919 von Staatskanzler Karl Renner gezwungenermaßen unterzeichneten Vertrag von Saint-Germain (damals als Diktat von Saint-Germain bezeichnet) ratifizieren. Damit wurde der gegen den Willen der dortigen Bevölkerung eingetretene Verlust Südtirols von Österreich akzeptiert. Die Gebiete südlich des Brenners wurden am 10. Oktober 1920 vom Königreich Italien formalrechtlich annektiert.