Friedenspsychologie ist ein Teilbereich der Psychologie sowie der Friedensforschung, der sich mit den psychologischen Aspekten von Frieden, Konflikt, Gewalt und Krieg befasst. Friedenspsychologie lässt sich anhand von vier miteinander verbundenen Säulen kennzeichnen: (1) Forschung, (2) Bildung und Erziehung, (3) Praxis und (4) politische Einflussnahme. Die erste Säule, Forschung, ist am umfassendsten dokumentiert.

Friedenspsychologische Aktivitäten basieren auf psychologischen Modellen (Theorien) und Methoden; sie sind in der Regel in ihren Mitteln und Zielen normativ gebunden, indem sie mit (möglichst) gewaltfreien Mitteln auf das Ideal des Friedens hinarbeiten. Gewalt und Frieden werden dabei zumeist im Sinne des erweiterten Friedensbegriffs Johan Galtungs definiert,Galtung, J. (1969). Violence, peace, and peace research. Journal of Peace Research, 6 (3), 167–191.Galtung, J. (1990). Cultural violence. Journal of Peace Research, 27 (3), 291–305. nach dem Frieden nicht nur die Abwesenheit von personaler (direkter) Gewalt und Krieg ist (= negativer Frieden), sondern auch die Abwesenheit von struktureller (indirekter) und kultureller Gewalt einschließt (= positiver Frieden) (Fuchs & Sommer, 2004Fuchs, A. & Sommer, G. (2004). Ansatz – Ziele und Aufgaben – Kontroversen. In G. Sommer & A. Fuchs (Hrsg.), Krieg und Frieden: Handbuch der Konflikt- und Friedenspsychologie (S. 3–17). Weinheim: Beltz.). Das Ideal des Friedens kann auch mit einer umfassenden Verwirklichung der Menschenrechte (bürgerlicher, politischer, wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Rechte) konkretisiert werden; dies soll u. a. die Befriedigung grundlegender menschlicher Bedürfnisse sicherstellen, z. B. positive persönliche und soziale Identität, Kontrollerleben, Sicherheit, (soziale) Gerechtigkeit, Wohlbefinden, aber auch eine sichere Umwelt und angemessenen Zugang zu Nahrung und Unterkunft (Tropp, 2012Tropp, L. R. (2012). Understanding and responding to intergroup conflict: Toward an integrated analysis. In L. R. Tropp (Ed.), The Oxford handbook of intergroup conflict (pp. 3–10). Oxford: Oxford University Press.).

Organisationen, die sich schwerpunktmäßig mit Friedenspsychologie befassen, sind z. B. in Deutschland das Forum Friedenspsychologie e. V. und in den Vereinigten Staaten die Society for the Study of Peace, Conflict, and Violence (Peace Psychology Division [Division 48] der American Psychological Association) sowie die Psychologists for Social Responsibility. Auf internationaler Ebene existiert das Committee for the Psychological Study of Peace und das International Network of Psychologists for Social Responsibility, das u. a. aus Organisationen aus Deutschland, Finnland, den Vereinigten Staaten, Australien, Costa Rica, Indien und Italien besteht.

Friedenspsychologische Forschung

Friedenspsychologische Forschung kann analytisch (Forschung über Frieden) und/oder normativ (Forschung für Frieden) orientiert sein. Ungeachtet ihrer analytischen oder normativen Orientierung, befasst sie sich im Wesentlichen mit den psychologischen Aspekten der Entstehung, Eskalation, Reduktion und Lösung von Konflikten (bis hin zu Kriegen), den psychosozialen Bedingungen, die einem nachhaltigen Frieden ab- oder zuträglich sind, und den psychosozialen Auswirkungen von Krieg und Gewalt. Dabei sind jeweils unterschiedliche Analyse- und Erklärungsebenen relevant: vom Individuum über Gruppen, gesellschaftliche Organisationen und Institutionen, Staaten und Staatensysteme (z. B. Europäische Union), Militärbündnisse (z. B. NATO) und kollektive Sicherheitssysteme (z. B. die Vereinten Nationen und die OSZE).

Konfliktentstehung und -eskalation

In ihrem Fokus auf die psychologischen Aspekte der Entstehung, Eskalation, Reduktion und Lösung von Konflikten überschneidet sich die Friedenspsychologie mit der Konfliktpsychologie. Ein Konflikt besteht, wenn die Erwartungen, Interessen, Bedürfnisse oder Handlungen mindestens zweier Konfliktparteien von mindestens einer der Parteien als unvereinbar wahrgenommen werden. In der Friedenspsychologie geht es zumeist um Konflikte zwischen sozialen Gruppen (Intergruppenkonflikte, u. a. zwischen Ethnien, Clans, religiösen Gruppen, Staaten), z. B. in Bezug auf Leben, Macht, Wohlstand, Zugang zu Rohstoffen und Märkten, aber auch kulturelle oder religiöse Werte, Ehre, Würde und Anerkennung. Bei Konflikten ist zwischen (vordergründigen) Positionen (z. B. „mit X verhandeln wir nicht“) und zugrundeliegenden Interessen (z. B. Macht, Einflusssphären und Reichtum) zu unterscheiden sowie zwischen aktuellen Auslösern (z. B. Gewalt bei einer Demonstration) und strukturellen Ursachen (z. B. systematische Benachteiligung einer Gruppe in Bezug auf politische Mitsprache oder Berufszugänge). Während Konflikte unvermeidbar sind und eine produktive Auseinandersetzung zu positiven Veränderungen führen kann (Kriesberg, 2007Kriesberg, L. (2007). Constructive conflicts: From escalation to resolution (3rd ed.). Lanham, MD: Rowman & Littlefield.), sind die Eskalation von Konflikten und insbesondere das Auftreten von Gewalt vermeidbar und mit Leid und Opfern verbunden. Psychologische Prozesse der Informationsverarbeitung (Aufmerksamkeit, Wahrnehmung, Gedächtnis, Denken, Urteilen), des emotionalen Empfindens und der Motivation beeinflussen erheblich, wie ein Konflikt verarbeitet wird und ob es zu konflikteskalierendem Handeln kommt. Eine wichtige Rolle spielen die unterschiedlichen Blickwinkel der Konfliktparteien, infolge derer auch positiv gemeinte Handlungen des Konfliktgegners als aggressiv wahrgenommen werden und die somit zur Eskalation beitragen können. Konflikte können leicht eskalieren. Es kann ein Gewaltzyklus entstehen, an dem beide Parteien beteiligt sind; ursprüngliche Opfer können selbst zu Tätern werden, ohne dies zu erkennen („Opfermythos“; Bar-Tal & Hammack, 2012Bar-Tal, D. & Hammack, P. L. (2012). Conflict, delegitimization, and violence. In L. R. Tropp (Ed.), The Oxford handbook of intergroup conflict (pp. 29–52). Oxford: Oxford University Press.). Der österreichische Friedensforscher Franz Jedlicka hat die Kriegsursachen in einer hohen gesellschaftlichen Akzeptanz von Gewalt innerhalb von Gesellschaften weltweit untersucht, die sich z. B. in fehlenden Schutzgesetzen für Kinder und Frauen zeigt, und diese 2023 in einer "Culture of Violence Scale" zusammengefasst.

Konflikte können gezielt durch die Konstruktion von Feindbildern, psychologische Kriegsführung und Propaganda intensiviert werden. Dabei sind Medien, Eliten in Politik und Gesellschaft, aber auch das Bildungssystem bedeutsam. Feindbilder können einen wahren Kern haben, überzeichnen aber die negativen Seiten des Gegners. Zu den Kernmerkmalen eines ausgeprägten Feindbildes gehören: (1) eine negative Bewertung des Gegners (z. B. aggressiv, unmoralisch, aber auch minderwertig); (2) eine einseitige Schuldzuschreibung für negative Ereignisse; und (3) eine unterschiedliche Bewertung vergleichbarer Handlungen der eigenen Seite und des Gegners („doppelter Standard“; z. B. dient die eigene Rüstung der Verteidigung, die des Feindes der Aggression); (4) Projektion eigener negativer Eigenschaften auf die gegnerische Nation (Bronfenbrenner 1961Bronfenbrenner, U. (1961) The mirror image in Soviel-American relations: A social psychologists report. J.soc.issues 17, 45–56) . Diese Konstruktionen können dazu führen, dass der Gegner entmenschlicht wird und dass moralische Normen nicht mehr gelten: Dem Anderen dürfen (im Extremfall gar: sollen) Leid und Tod zugefügt werden. Der Aufbau von Feindbildern hat die zentrale Funktion, Rüstung, Gewalt und Krieg zu rechtfertigen. Zudem wird das individuelle und kollektive Selbstbild erhöht (Sommer, 2004Sommer, G. (2004). Feindbilder. In G. Sommer & A. Fuchs (Hrsg.), Krieg und Frieden: Handbuch der Konflikt- und Friedenspsychologie (S. 303–316). Weinheim: Beltz.).

Psychologische Kriegsführung umfasst Methoden, um die Zivilbevölkerung und das Militär im Sinne eigener Kriegsziele zu beeinflussen. Zentrale Methoden sind Desinformation mithilfe von Medien (Kriegspropaganda), aber auch Sabotage, Vertreibungen, Mord und Terror. Kriegspropaganda besteht aus zwei sich ergänzenden Strategien: (1) Informationen zur Intensivierung des Feindbildes oder des Bedrohungsempfindens werden wiederholt, als typisch für den Gegner bewertet und detailliert ausgeschmückt; und (2) Informationen, die zur Deeskalation führen können, werden unterschlagen oder abgewertet („nicht Ernst gemeint“). Zudem kann negatives Verhalten des Gegners provoziert (z. B. durch Manöver an dessen Staatsgrenzen) oder gänzlich erfunden werden (z. B. Brutkastenlüge im Zweiten Golfkrieg 1991) (Jaeger, 2004Jaeger, S. (2004). Propaganda und Kriegsberichterstattung. In G. Sommer & A. Fuchs (Hrsg.), Krieg und Frieden: Handbuch der Konflikt- und Friedenspsychologie (S. 317–329). Weinheim: Beltz.).

Konfliktreduktion und -lösung (friedenspsychologische Strategien)

Zur möglichst gewaltfreien Konfliktaustragung (Deeskalation, Lösung, Transformation) werden in der Friedenspsychologie verschiedene Strategien diskutiert. Man kann zwischen Verfahren auf der offiziellen Ebene (z. B. Maßnahmen zur Spannungsreduktion und Vertrauensbildung wie Charles E. Osgoods GRIT (Graduated and Reciprocated Initiatives in Tension-Reduction), Verhandlungen, Mediation), Verfahren der inoffiziellen Diplomatie (interaktive Problemlöseworkshops; z. B. Kelman, 2002Kelman, H. C. (2002). Interactive problem solving: Informal mediation by the scholar-practitioner. In J. Bercovitch (Ed.), Studies in international mediation: Essays in honor of Jeffrey Z. Rubin (pp. 167–193). New York: Palgrave Macmillan. http://www.wcfia.harvard.edu/node/831) und in der Zivilbevölkerung ansetzende Strategien unterscheiden (z. B. Friedensjournalismus, Kontakt zwischen sozialen Gruppen).

Offizielle Ebene

Osgoods GRIT-Modell wurde als Gegenkonzept zu der Rüstungs-Spirale des Ost-West-Konfliktes konzipiert, bei der die damaligen Supermächte USA und UdSSR Quantität und Qualität der Rüstung ständig erhöhten, so dass ein Vernichten der Menschheit durch einen Atomkrieg möglich erschien. Das GRIT-Modell dagegen soll deeskalierend wirken und eine Atmosphäre gegenseitigen Vertrauens schaffen, indem eine Partei einen konkreten Schritt zur Spannungsreduktion öffentlich ankündigt, nachweisbar durchführt und die Gegenseite auffordert bzw. einlädt, etwas Vergleichbares zu tun (Entwicklung einer Vertrauens-Spirale). Dabei wird darauf geachtet, die eigene Sicherheit nicht zu gefährden. Es gibt Hinweise darauf, dass US-Präsident Kennedy und UdSSR-Ministerpräsident Chruschtschow bei ihren Verhandlungen nach der Kuba-Krise sich an diesem Konzept orientierten (Meyer, 2004Meyer, B. (2004). Spannungsreduktion und Vertrauensbildung. In G. Sommer & A. Fuchs (Hrsg.), Krieg und Frieden: Handbuch der Konflikt- und Friedenspsychologie (S. 452–465). Weinheim: Beltz.).