mini|Kamee mit dem Porträt des Augustus Augustus ist ein historischer Roman des amerikanischen Autors John Williams, der 1972 im Verlag Viking Press erschien. Thema des Briefromans ist der Aufstieg des jungen Octavius (63 v. Chr. – 14 n. Chr.) zum Augustus, dem ersten Kaiser des Römischen Reichs (31 v. Chr. – 14 n. Chr.).

Das Buch ist der vierte von nur vier Romanen des Autors und gewann 1973 den National Book Award for Fiction. Es verkaufte sich ebenso schlecht wie sein Vorgänger, der Roman Stoner, der von der Kritik seinerzeit weitgehend ignoriert wurde und zu diesem Zeitpunkt bereits aus den Buchhandlungen verschwunden war..

Inhalt Die „Bücher“ genannten drei Hauptteile werden durch einen Prolog eingeleitet und einen Epilog beendet, die jeweils in Briefform die Umstände von Augustus´ Aufstieg und seinem Ende beschreiben. Der Prolog besteht aus einem Brief Caesars aus dem Jahr 45 v. Chr. an seine Nichte Atia, in dem Brief bestätigt er, dass er ihren Sohn Gaius Octavius als Nachfolger vorgesehen hat, obwohl dessen Adoption im Senat wegen der Intrigen des Marcus Antonius gescheitert war. Der Epilog ist ein Brief von Philippus, Augustus´ Leibarzt, der den kranken Imperator die letzten Monate bis zu seinem Tod begleitet hatte, an Seneca aus dem Jahr 55 n. Chr.

Das erste Buch Thema ist die brisante Situation nach dem Mord an Caesar, die offenen Kämpfe, die Intrigen und Schachzüge der Bewerber um die Macht. Geschildert wird die Zeit von der Ermordung Caesars bis zur Niederlage von Marcus Antonius bei Actium.

Octavius verlässt Apollonia, wo er sich zur Ausbildung seines Intellekts und seines Umgangs mit Waffen aufhält, und kehrt fast unbemerkt nach Rom zurück. Er wird begleitet von einem kleinen Trupp Bewaffneter und seinen engen Freunden Marcus Vipsanius Agrippa, Salvidienus Rufus und Gaius Cilnius Maecenas. Gerade erst neunzehn Jahre alt und von zerbrechlicher Gesundheit, im politischen Tagesgeschäft völlig unerfahren, wird er von seinen Konkurrenten nicht ernst genommen. Seine Mutter und sein Stiefvater flehen ihn an, das Erbe Caesars nicht anzutreten, um nicht die Feindschaft der erfahrenen Intriganten auf sich zu ziehen. Cicero, der die Republik und die alten Machtverhältnisse wiederherstellen möchte und daher mit den Verschwörern sympathisiert, schreibt an Brutus über den „foolish boy“: „Der Junge ist nichts, und wir müssen keine Angst haben.“ Aber seinen Namen, seinen Reichtum, die Beratung seiner Freunde und die Fehler seiner Feinde nutzend wächst Octavius´ Einfluss mit unerwarteter Geschwindigkeit. Das Parallelogramm der vier Gravitationspunkte Octavius, Antonius, Senat und die Gruppe der Cäsarenmörder ist in permanenter Veränderung und fügt sich zu überraschenden Bündnissen.

Einen breiten Raum nimmt die in einem vertraulich-leichten Ton gehaltene Korrespondenz zwischen Livius und Maecenas ein. Livius ist als Historiker an den Interna des Triumvirats von Marc Antonius, Lepidus und dem späteren Augustus (historisch im November 43 v. Chr.) und vor allem an den Motiven des späteren Augustus interessiert, warum er einerseits mit Gegnern wie dem Verschwörer Decimus kooperierte, eine Reihe Verschwörer in wichtige Ämter einsetzte, aber andererseits Weggenossen opferte und ehemalige Bündnispartner wie Marcus Antonius brutal bekämpfte. Woran Maecenas Anstoß nimmt, ist der moralisierende Unterton in Livius' Anfragen, und er schreibt ihm: „Und in meinen Augen gibt es keine nutzlosere, verachtenswertere Kreatur als einen Moralisten. Er ist nutzlos, weil er all seine Energie damit vergeudet, Urteile zu fällen, statt sein Wissen zu mehren, und dies nur, weil Urteile leicht zu fällen sind, Wissen aber nur schwer zu erlangen ist. Und verachtenswert ist er, weil sein Urteil ein Selbstverständnis spiegelt, das er in seinem Stolz und seiner Ignoranz der ganzen Welt überstülpt.“„And it seems me that the moralist is the most useless and contemptible of creatures. He is useless in that he would expend its energies upon making judgements rather than upon gaining knowledge, for the reason that judgement is easy and knowledge is difficult. He is contemptible in that his judgements reflect a vision of himself which in his ignorance and pride he would impose upon the world.“ Brief Caius Milnius Maecena an Titus Livius. Buch 1. Kapitel 6. S. 128. Übers. B.Robben.

Das zweite Buch Das Hauptthema ist Augustus´ sich steigernde Vereinsamung. Der Tod seiner älteren Jugendfreunde und die Verbitterung seiner geliebten Tochter Julia, die sich von ihrem Vater mehr und mehr als Figur auf dem Schachbrett seiner Macht  benutzt sieht, lassen Augustus als von Bittstellern, Heuchlern und Feinden umgebenen „Herrn der Welt“ zurück: „Ich habe zuvor keinen Menschen gekannt, dem Freundschaft so viel bedeutet. […] Jetzt ist er jedenfalls allein. Er hat niemanden mehr.“ kommentiert sein Biograf Nikolaos.Williams, Augustus, dtv, S. 350. mini|Der Julia Caesaris, Augustus´ Tochter, zugeschriebene Marmorbüste (11 oder 12 v. Chr.) Augustus tritt nun nicht mehr als Autor auch nur eines der Briefe auf, wie noch im ersten Buch, sondern nur noch als Adressat oder als Thema von Briefen oder Berichten; die Tagebuchauszüge seiner Tochter Julia dagegen nehmen mit vierzehn Beiträgen den größten Teil des Buches ein. Wie im ersten Buch ergänzen sich die Informationen zu einem mehr oder weniger geschlossenen Handlungsverlauf. Da die Erinnerungen Julias (historisch 39 v. Chr. geboren) frühestens in den 30er Jahren einsetzen, beginnt die private Erzählung mit einem Bericht des ehemaligen Kindermädchens von Octavian/Augustus, Hirtia, die als Kind von Freigelassenen im Haushalt der Julier in Velitrae gelebt hat; sie war seine Spielkameradin und jugendliche Betreuerin, bis ihr Schützling „Tavius“ als Neunjähriger nach Rom geschickt wurde.

Julia, Spielball der väterlichen Macht- und Dynastiepolitik, wird von Augustus als Vorwand wegen Verstoß gegen seine Ehegesetze auf die winzige vulkanische Insel Pandateria westlich von Neapel verbannt. In ihrem Tagebuch lässt sie ihr Leben Revue passieren und versucht in der Rückschau, die Beweggründe für das Handeln des Vaters zu verstehen: Sie interpretiert die Verbannung als den Versuch ihres Vaters, sie aus dem Hochverratsprozess gegen ihre Liebhaber herauszuhalten und dadurch ihr Leben zu retten.Williams, Augustus, dtv, S. 379, 383 f. Schon als Kind aus politischen Gründen mit einem Sohn von Marcus Antonius verlobt, wird sie nacheinander mit Marcus Claudius Marcellus, Marcus Vipsanius Agrippa und schließlich Tiberius verheiratet. Der offene Umgang mit wechselnden Liebhabern und die Gefährdung der dynastischen Pläne ihres Vaters führen schließlich zu ihrer Verbannung für mindestens sechs Jahre (historisch ab 2 v. Chr. bis vermutlich 4 n. Chr.).

Das dritte Buch Das dritte Buch besteht aus einem langen Brief des inzwischen 76 Jahre alten Augustus an Nikolaus von Damaskus gut eine Woche vor Augustus´ Tod im August 14 n. Chr. in Nola. Er ist an Bord seiner Yacht unterwegs von Ostia nach Neapel aus Gründen der Staatsräson, um seinem designierten und im Volk unbeliebten Nachfolger Tiberius durch einen Besuch Unterstützung zu signalisieren, obgleich er ihn verachtet. Nicht nur ist Tiberius für das Desaster der römischen Legionen in der Schlacht gegen Arminius verantwortlich, er ist darüber hinaus ein grausamer Mann, aber „Grausamkeit eines Herrschers ist ein kleinerer Fehler als Schwäche oder Dummheit.“ In seinem Brief blickt Augustus wie von außen auf sein ungewöhnliches Leben zurück, als Handelnder, als die Veränderung der römischen Republik Vorantreibender und als Getriebener. Vermischt mit Reflexionen über beispielsweise seine Ehe mit Livia, der Mutter seines Nachfolgers Tiberius, und über seine Vaterliebe zu Julia beschreibt er die Dialektik seiner Macht.

Vom Anfang an, vom Moment der Benachrichtigung über die Ermordung Cäsars, habe er eine Vielzahl von Rollen übernommen, in denen er sich mehr und mehr von sich selbst entfremdete. Es sei ihm so vorgekommen, dass der Mann, der „meinen Namen trug, aber jemand war, den ich kaum kannte.“Williamson, Augustus, S. 393. Er habe so viele Rollen gespielt, „dass es ein Selbst gar nicht mehr gibt.“Williams, Augustus, S. 401. Auch als „Erster Bürger“ der neuen Republik  habe er sich „äußeren Notwendigkeiten“ beugen müssen: „Ich wurde immer eher beherrscht, als dass ich Herrscher war.“Williams, Augustus, S. 396, 409.

Zunächst habe er sich die Brutalität seines Handelns als „Ruf des Schicksals“ gutgeredet, aber im Rückblick durchschaue er das als Maske des eigenen Ehrgeizes, dessen Priester er gewesen sei: „Ich bin ein Mensch und so dumm und schwach wie alle Menschen.“ Folglich habe er nie damit gerechnet, bei anderen Menschen „eine größere Stärke und Weisheit als bei mir selbst zu finden. Dieses Wissen war eine der Quellen meiner Macht.“Williams, Augustus, S. 403 f.

Die Götter redeten so undeutlich, „dass man letztlich selbst den Sinn dessen herausfinden muss, was sie einem mitteilen wollen.“Williams, Augustus, S. 426. Das Leben habe daher nur den Sinn, den man sich erfinde. Alle Geschichtsschreibung, die die einzelnen Ereignisse nicht in einer diesem Ziel entsprechenden Ordnung präsentiere, bleibe trotz der Richtigkeit der einzelnen Fakten immer eine Lüge über das Ganze.Williams, Augustus, S. 392 f.

Da er seinen Erfolg günstigen Umständen sowie fähigen Helfern zuschreibt und ihn sich „eher durch Instinkt als Klugheit“ erklärt,Williams, Augustus, S. 399. gilt ihm das Fehlen eines dieser notwendigen Erfolgsfaktoren in der Zukunft als wahrscheinlich. Das werde eine baldige Veränderung der nun bestehenden Ordnung des Reiches – und vielleicht auch sein Ende – mit sich bringen: „Die Zeit wird Rom untergehen lassen.[…] Im Norden aber warten die Barbaren.[…] Ihre Stämme können nicht besiegt werden.“Williams, Augustus, S. 416, 420.

Auf dem Gipfel der Welt, nach einem Leben ohne Muße und Sicherheit, stellt diese Vergeblichkeit auch dem „Herrn der Welt“ die Frage nach dem Sinn seines Tuns. In der Gewissheit der Veränderung aller Dinge bleibe ihm wie jedem anderen letztlich als Trost nur der Gedanke, den Lauf der unabwendbaren Veränderungen ein wenig verändert zu haben: „Rom wird untergehen, aber darauf kommt es nicht an. […] Rom hatte seinen Augenblick, und der vergeht nicht spurlos.“Williams, Augustus, S. 436.

Form und Erzählweise Der Roman ist wie ein klassisches Drama gegliedert, mit einem Prolog beginnend, gefolgt von drei als „Bücher“ bezeichneten Teilen und mit einem Epilog endend. Epilog und Prolog bestehen jeweils aus einem einzigen Brief. Die drei Bücher setzen sich aus Briefen verschiedener Autoren, aus unterschiedlich langen Auszügen aus Memoiren, Tagebuchnotizen, Senatsprotokollen, Flugblättern und Militärbefehlen zusammen, die bis auf wenige Ausnahmen fiktiv sind.Im Nachwort der dtv-Ausgabe schreibt Mendelsohn, der Roman habe eigentlich nur „zwei Teile“, das erste Buch, das den sagenhaften Aufstieg Octavians beschreibe, und das zweite, das „den Zerfall der Familie und den Verlust der persönlichen Zufriedenheit“ beschreibe. Viel eher ist es eine auch inhaltlich sinnvolle Dreiteilung, die in der Form von These, Antithese und Synthese das Problem der Macht untersucht.