mini|Daniel Pešta, 2017 Daniel Pešta (* 1. Mai 1959 in Prag) ist ein tschechischer visueller Multimedia-Künstler.
Leben Daniel Pešta wurde in der Familie des Architekten Antonín Pešta und der Psychologin Helena Montanelli-Pešta geboren. Er besuchte eine Baufachschule und die Václav-Hollar-Schule für Bildende Künste (Výtvarná škola Václava Hollara) in Prag. Während der kommunistischen Herrschaft arbeitete er zurückgezogen und war Teil der alternativen Kultur. Später verdiente er als Grafikdesigner für Plakate und Schallplatten-Cover seinen Lebensunterhalt. Nach 2000 kam er von der Gebrauchskunst ab und widmet sich seither ausschließlich seinem freien Schaffen.
In den Jahren 1998 und 2000 absolvierte er zwei Studienaufenthalte in New York. Seit 1992 stellt er in Einzelausstellungen aus. Er war bei verschiedenen renommierten Kunstprojekten und Biennalen vertreten. Am bisher bedeutendsten war dabei sein Projekt I was born in your bed, das aus Anlass der 55. Biennale di Venezia 2013 stattfand. Anschließend stellte er sich auf der Biennale di Venezia im Rahmen der Nebenprojekte Personal Structures im Palazzo Bembo (Aufzeichnungen eines Nachtkopfes, 2015) und im Palazzo Mora (Bilderzyklus Schreie, 2017) vor. 2017 wurde Pešta auf der London Art Biennale mit dem 2. Preis für Malerei ausgezeichnet.London Art Biennale, Winners 2017 Den Gipfel seines bisherigen Schaffens bildete Peštas umfassende Einzelausstellung DeTermination, die 2018 vom Zentrum für Zeitgenössische Kunst DOX in Prag ausgerichtet wurde.Burt Kimmelman, Provocative Art about Blood and Masks, Hyperallergic, 15. April 2018
Er ist mit der tschechischen Ärztin, Intellektuellen und Philanthropin Dadja Altenburg-Kohl verheiratet. Aus seiner ersten Ehe mit Alena Peštová stammt seine Tochter Karolína Peštová-Matoušová, Absolventin der Kunsttheorie an der Karls-Universität Prag.
Er war Mitglied der tschechischen Künstlervereinigung S.V.U. Mánes, aus der er Ende 2012 austrat.
Werk Vor 1989 beschäftigte sich Daniel Pešta mit Grafikdesign. Er entwarf ungefähr 100 Cover für Schallplatten mit klassischer Musik und erhielt Preise für seine Bücher und Plakate (1. Preis in der Kategorie Politisches Plakat, Mexiko, 1990). Daniel Pešta, in: Die Unsterblichkeit der Sterne, p.110, Kunstmuseum Solingen 2010, ISBN 3-936295-09-3 Seit Ende der 80er Jahre widmet er sich vorwiegend der Figur- und Porträtmalerei. Er hat sich früh einen einfach erkennbaren persönlichen Stil angeeignet. Seine zeichnerischen Fertigkeiten wendete er anfangs in der hyperrealistischen Malerei an. Diese verließ er jedoch bald und wandte sich einer expressiveren, roheren Ausdrucksweise zu, die seinem Naturell nähersteht.
Die Kunst Daniel Peštas ist stark intuitiv; sie wird von gesellschaftlichen Themen und Politik beeinflusst und reflektiert die Verletzbarkeit des Individuums und die Komplexität seines Inneren. Er hat keine Angst vor Risiken, denn der künstlerische Akt ist gleichzeitig ein Ausdruck seiner radikalen sozialen und politischen Haltung. Seine Werke behandeln das Wesen der menschlichen Existenz und die Rolle des Menschen in der globalen Gesellschaft. Oft haben die Sujets einen sozialen oder politischen Subtext, der die Risiken der Missbrauchbarkeit der Macht betont. Sein typisches Motiv sind Masken, die er als Symbol der Verstellung oder des Verlusts der individuellen Identität wahrnimmt. In ihrer vervielfältigten Form bildet die Maske nur eine formlose Masse ohne persönliche Charakteristika, ohne Geschichte, in der der Mensch zu einer bloßen Zahl in der Statistik wird.Zemánková T, DeTermination, 2018, p. 16
Im Jahr 1998 absolvierte Daniel Pešta seinen ersten Studienaufenthalt in New York. Der Kontakt mit der internationalen Kunstszene beeinflusste sein Schaffen radikal. Neben Bildern begann er auch, Statuen und Hänge-Installationen zu kreieren. In naturalistischen Assemblagen experimentiert er mit Wachs, Leder, Textilien und Fotos. Seit 2004 ist sein Lieblingsmaterial halbtransparentes Epoxidharz, in das er zunächst seine älteren Bilder und Objekte eingoss, wodurch er sie dauerhaft konservierte und gleichzeitig entwertete. Später nutzte er die gleiche Technik in umfangreichen Foto-Installationen: im Zyklus Genetic Codes (I-IV, 2008–2013), in dem Monumentalwerk Václav Havels Mühlen der Zeit (2011–2016), das an Václav Havel erinnert und dauerhaft in der St.-Annen-Kirche in Prag installiert ist,Zemánková T, En Bloc, 2018, p. 118 in einer Objektsammlung zum Thema Ecce Homo (2004–2011) und Christus (2011) und in einer Serie von 21 Assemblagen Aufzeichnungen eines Nachtkopfes (2012–2015), die eine Zusammenfassung der Schlüsselthemen seines Schaffens bilden. In den Aufzeichnungen kombiniert er alte und neue Fotografien mit Malerei, gewebten Netzen und bizarren Objekten unklarer Herkunft. Einige Visionen sind scharf und gegenwärtig, andere nebelumwoben und in Vergessenheit geraten. Nach den Prinzipien der Traumlogik verschmelzen Realität und Kindheitserinnerungen, und die ganze Serie beschreibt das Leben von der Geburt über das Heranwachsen, erotische Spannungen und Angst- und Schuldgefühle bis hin zu unerfüllten Erwartungen, Müdigkeit und Angst vor dem Tod.Zemánková T, DeTermination, 2018, p. 77
Seit 2009 ist auch Videokunst ein wichtiger Bestandteil seines Schaffens. In dem ausdrucksstarken Werk Narcissus (2010) nutzt er einen Maskenabguss des eigenen Gesichts, der als sein unbequemes und einschränkendes „Alter Ego“ schließlich verspeist wird. Ein ähnliches Video mit dem Titel Der Schrei (2010), das Teil einer ganzen Sammlung von Werken zum Thema der Grenzzustände der menschlichen Existenz ist,Výkřik je mezní situace, na kterou jsme si zvykli, tvrdí výtvarník Daniel Pešta, interview with T. Zemánková, Czech Radio, March 12, 2018 endet mit dem symbolischen Zunähen des Mundes. In der Videoart Řetěz (Kette, 2017) übernimmt eine Gruppe sitzender Männer in weißen Hemden in einer Art Initiationsritual für einen Geheimbund oder eine Sekte das Feuer ihres Anführers und schlägt mit brennenden Händen rhythmisch auf den Tisch. Das Bild ist eine Metapher für die Manipulation des Einzelnen, der bereit ist, sich im Namen der Ideologie zu opfern.Zemánková T, DeTermination, 2018, p. 101
Das menschliche Schicksal selbst, das Daniel Pešta als verzweifeltes Sisyphos-Bemühen sieht, wird in der Videoart-Serie Vom Nirgendwo ins Nirgendwo (2017) reflektiert. Nackte Individuen, die in einem durchsichtigen Würfel gefangen sind, haben einzig die Möglichkeit, ihren Käfig nach vorn zu schieben, ohne dass sie sich daraus befreien können. In der Videoaufzeichnung Tropfen (2017) ist das menschliche Auge einem unendlichen „Leidchen“ des Alltags ausgeliefert, das durch einen regelmäßig auftreffenden Wassertropfen dargestellt wird.Zemánková T, DeTermination, 2018, p. 41
Der Künstler interpretiert bestimmte christliche Symbole und setzt sie in einen neuen Kontext. Die Figur von Jesus Christus wird in einem Epoxidblock als Jesus im Fruchtwasser dargestellt, aber nicht als Embryo, sondern als derjenige, dem das unausweichliche Schicksal der Kreuzigung vorherbestimmt ist. Die Assemblage von Kruzifixfragmenten (Puzzle II, 2000–2017) oder die herausgestreckten Hände von Jesus-Statuen, die aus einem Harzwürfel ragen (Memento 2, 2019), haben keine eindeutige Interpretation – sie können ein Symbol des Leidens sein oder eine Siegergeste.ArtinBox Gallery: Daniel Pešta Der Körper Christi, vom Kreuz genommen, wird als Mumie dargestellt, die in Bienenwachs eingepackt ist, seine Verkündigung hat die Form einer Art androgynen Außerirdischen mit einem Jungtier (Annunciation, 2014, 2018). In einer pulsierenden Lichtprojektion im Rhythmus eines weiblichen Atmens projiziert er eine Dornenkrone auf ein Häufchen Salz und erinnert so an die sieben Schmerzen der Jungfrau Maria (White Zone, 2010). Zemánková T, DeTermination, 2018, p. 167
Peštas Werke verweisen oft auf die Machtmanieren narzisstischer Führer, die Scheinheiligkeit der Kirche oder die Gleichgültigkeit rückgratloser Individuen, die zu Tragöden wie dem Holocaust geführt haben. Sie sinnen aber auch über Probleme der aktuellen Gesellschaft nach, z. B. die Stigmatisierung sozialer Minderheiten. Im Jahre 2013 stellte er auf der Biennale di Venezia das alarmierende Videoprojekt I was born in your bed vor, in dem er versuchte, eingelebte gesellschaftliche Stereotypen anzuzweifeln, die Roma anhand ihrer Hautfarbe in soziale Kategorien am Rande der Gesellschaft einordnen. Das Video wird von einer Serie von Porträts von Roma-Kindern begleitet, die den Betrachter mit ihrem fragenden Blick zum Nachdenken zwingen (I am Gypsy, and you?). Die beiden scheinbar ähnlichen Neon-Schriftzüge I was born in your bed und I was born in your head wirft die Frage auf, ob das Schicksal des Einzelnen von dessen Ursprung oder von gesellschaftlichen Konventionen bestimmt wird. Die Bestimmung des Geburtsorts, bei der ungleiche Ausgangsbedingungen oft den Platz des Einzelnen in der Welt festlegen, wird dem allgemeinen Unterbewusstsein gegenübergestellt, das Stereotypen unterliegt und als Reaktion auf die gesellschaftliche Manipulation entsteht.Zemánková T, DeTermination, 2018, p. 129 Das Thema der menschlichen Vorbestimmung und der Fähigkeit oder bloßen Chance, sich aus den gesellschaftlichen Formeln zu befreien, war latent in allen Installationen und Videos vorhanden, die in seiner Ausstellung auf zwei Stockwerken der Prager Galerie DOX gezeigt wurden (2018).Hana Slívová, Zlo ani dobro se nerodí jinde než v lidské hlavě, připomíná velká výstava Daniela Pešty, Aktuálně.cz, 26. Januar 2018
Zu den Werken, die sich mit der Analyse des menschlichen Unterbewusstseins oder der Vorbestimmung des Schicksals beschäftigen, gehört der Zyklus Genetic Codes: eine Assemblage aus Fotografien in alten Fotoalben, die in Harzblöcke eingelassen wurden. Diese Blöcke ähneln kleinen Reliquiaren und wurden als Mosaik in monumentalen, hängenden Blöcken so installiert, dass sie visuell an ein DNA-Sequenzierungsverfahren erinnern. Die Gesichter und Figuren ehemals konkreter Menschen werden zu einem bloßen Glied einer Kette, in der das Schicksal des zukünftigen Individuums durch seinen Ursprung oder seine soziale Rolle bestimmt wird (Genetic Code – Brides, 2008–2009, – Carmens, 2012–2013). Das Gegenstück der Installation Das weibliche Element, mit Fotos von Frauen in verführerischen Positionen, ist das Werk Alpha-Wolf, das mit Wolf-Fotografien die Stereotypen des männlichen Verhaltens illustriert.
Die Maske als Gesichtsabguss ist für Pešta nicht nur ein Symbol der Verstellung, sondern erfasst auch einen konkreten Ausdruck, den wir als umfassendes Tool zur eigenen Repräsentation nutzen.Daniel Pešta, in: Zemánková T, DeTermination, 2018, p. 26 Eine solche Wirkung rufen beim Betrachter die großformatigen Assemblagen Puzzle hervor, in denen die Masken eine ganze Bandbreite von Gesichtsausdrücken erfassen. Im Projekt Gravitation Zero (2011) nutzte der Künstler von innen beleuchtete Masken, die aus statischen Mönchsfiguren herausgerissen im Raum levitieren. Das Werk bietet keine einfachen Interpretationen – die Masken können die Erleuchtung darstellen, aber auch die absolute Entmenschlichung. Wine Art Gegenstück zu den Installationen des Nachlasses der Opfer des KZ Auschwitz, die im zukünftigen Denkmal für die Judentransporte auf dem Prager Bahnhof Bubny installiert werden, bildet die frostige Vision anonymer und unbelebter Masken in drei Objektwürfeln: Engel überleben (2011).ČT, Artmix, 17. November 2017