ʿImād al-Dīn Abū l-Hasan ʿAbd al-Dschabbār ibn Ahmad al-Hamadhānī (; geb. um 932 in Asadābād ca. 50 km westsüdwestlich von Hamadan; gest. Januar od. Februar 1025) war ein islamischer Kalām-Gelehrter. Er war ein Anhänger der Theologie Abū Hāschim al-Dschubbā'īs (gest. 933)Elkaisy-Friemuth: God and humans in Islamic thought: ʿAbd al-Jabbār, Ibn Sīnā and al-Ghazālī. 2006, S. 21. und zu seiner Zeit der bedeutendste Vertreter der muʿtazilitischen Schule von Basra.Abrahamov: ʿAbd al-Jabbār’s theory of divine assistance (luṭf). 1993, 43. Von 977 bis 995 bekleidete er das Amt des Ober-Qādīs (Qāḍī l-quḍāt) von Raiy.
Leben ʿAbd al-Dschabbār wurde um 932 in Asadābād geboren.Monnot: Penseurs musulmans et religions iraniennes. ʿAbd al-Jabbār et ses devanciers. 1974, S. 13. Nach Ibn al-Murtadā (gest. 1437) erhielt er zunächst eine Ausbildung in aschʿaritischer Theologie und schafiitischem Fiqh.Ibn al-Murtaḍā: Kitāb Ṭabaqāt al-Muʿtazila. 1961, S. 112. 957 ging er nach Basra und studierte bei Abū Ishāq Ibn ʿAiyāsch, einem muʿtazilitischen Theologen der bahschamitischen Richtung. Unter seinem Einfluss ging er in der Theologie zur muʿtazilitischen Lehre über. Nach einiger Zeit reiste er nach Bagdad, wo er sich Abū ʿAbdallāh al-Basrī (st. 980), dem führenden Theologen der Bahschamīya, anschloss. 970 begann ʿAbd al-Dschabbār während eines Aufenthaltes in Rāmhormoz mit der Erstellung seines theologischen Hauptwerks mit dem Titel al-Muġnī fī abwāb at-tauḥīd wa-l-ʿadl. Noch bevor er dieses Werk abschließen konnte, wurde er 977 von dem buyidischen Wesir as-Sāhib ibn ʿAbbād (st. 995), der ein Anhänger der Muʿtazila war, zum Oberkadi von Raiy berufen. Dies bedeutete, dass er fortan in dem Gebiet zwischen Qazvin und Ghom nicht nur für das Gerichtswesen, sondern auch für die Aufsicht über die Waqf-Stiftungen und den Schutz der Waisen zuständig war. Im Jahre 990 machte er die Haddsch nach Mekka.Monnot: Penseurs musulmans et religions iraniennes. ʿAbd al-Jabbār et ses devanciers. 1974, S. 15.
Nach dem Tod von as-Sāhib ibn ʿAbbād entließ der buyidische Herrscher von Raiy, Fachr al-Daula (st. 997), ʿAbd al-Dschabbār und konfiszierte seine Besitztümer. Die Zeit bis zu seinem Tod verbrachte er mit Unterricht und dem Abfassen von Büchern. Er starb im Dhū l-Qaʿda 415 (= Januar 1025).
ʿAbd al-Dschabbār hatte zahlreiche Schüler. Unter ihnen befand sich auch der zwölfer-schiitische Theologe asch-Schaich al-Mufīd.Heemskerk: “ʿAbd al-Jabbār b. Aḥmad al-Hamadhānī.” In: Gudrun Krämer, Denis Matringe, John Nawas, Everett Rowson (Hrsg.): Encyclopaedia of Islam, THREE, Brill, Leiden 2007. Online-Version.
Werke ʿAbd al-Dschabbār hat mehr als siebzig Werke zur muʿtazilitischen Dogmatik, zur Koranexegese, zum Hadith, zum islamischen Recht und zu anderen Themen abgefasst. Die meisten von ihnen sind verloren.Vgl. die Liste seiner Werke in ʿAbd al-Karīm ʿUthmāns Edition von Mānkdīm Schaschdīws Šarḥ al-Uṣūl al-ḫamsa. Maktabat al-Wahba, Kairo, 1965. S. 20–23. Digitalisat und die Ergänzungen bei Heemskerk: Suffering in the Muʿtazilite theology. 2000, S. 36. Hierzu gehören:
al-Muġnī fī abwāb at-tauḥīd wa-l-ʿadl Al-Muġnī fī abwāb at-tauḥīd wa-l-ʿadl ("Summa über die Themen des Tauhīd und der Gerechtigkeit") ist ein 20-bändiges dogmatisches Werk, das ʿAbd al-Dschabbār zwischen 970 und 990 diktierte. Es wurde erst 1950/51 von einem Team ägyptischer Gelehrter in einer Moschee in Sanaa wiederentdeckt,Heemskerk: Suffering in the Muʿtazilite theology. ʿAbd al-Jabbār’s teaching on pain and divine justice. 2000, S. 2f. ist allerdings unvollständig. Die einzelnen Bände behandeln die die folgenden Themen: 4. das Sehen Gottes (ruʾyat al-bārī), 5. die nicht-islamischen Sekten (al-firaq ġair al-Islāmīya), 6. die göttliche Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit (taʿdīl wa-t-taǧwīr), der göttliche Wille (al-irāda), 7. die Erschaffenheit des Korans (ḫalq al-Qurʾān), 8. das Erschaffene (al-maḫlūq), 9. die Erzeugung (taulīd) der Handlung durch den Menschen, 11. die Belastung (taklīf) des Menschen mit den religiösen Pflichten, 12. vernunftbasierte Betrachtung und Erkenntnisse (an-naẓar wa-l-maʿārif), 13. der göttliche Gnadenerweis (luṭf), durch den der Mensch zum Guten geführt wird, 14. die Frage der Verpflichtung Gottes zum Besten (al-aṣlaḥ) und die vernunftbasierte Verpflichtung (taklīf ʿaqlī),Peters: God’s created speech. A study in the speculative theology of the Muʿtazilî Qâḍî l-quḍât Abūl-Ḥasan ʿAbd al-Jabbâr ibn Aḥmad al-Hamadânî. 1976, S. 33. 15. Prophezeiungen und Wunder (tanabbuʾāt wa-muʿǧizāt), 16. der Iʿdschāz ("Unnachahmlichkeit, Wundercharakter") des Korans, 17. die religionsgezetzlichen Bestimmungen (aš-šarʿīyāt), 20. das Imamat.
J. R. T. M. Peters, der sich eingehender mit der Struktur des Werks beschäftigt hat, kommt zu dem Schluss, dass die ersten 14 Bände den muʿtazilitischen Hauptprinzipien tauḥīd und ʿadl gewidmet sind (Band 1–5 tauḥīd, Band 6–14 ʿadl) und die übrigen dem offenbarten Wissen.Peters: God’s created speech. A study in the speculative theology of the Muʿtazilî Qâḍî l-quḍât Abūl-Ḥasan ʿAbd al-Jabbâr ibn Aḥmad al-Hamadânî. 1976, S. 34f. Guy Monnot hat die Teile des fünften Bandes, die sich mit den „Dualisten, die die Lehre vom Licht und der Dunkelheit vertreten,“ und den Magiern befassen, ins Französische übersetzt.Monnot: Penseurs musulmans et religions iraniennes. 1974, S. 149–260. Wie ʿAbd al-Dschabbār selbst offenlegt,ʿAbd al-Ǧabbār: al-Muġnī fī abwāb at-tauḥīd wa-l-ʿadl. Al-Firaq ġair al-Islāmīya. Ed. Maḥmūd Muḥammad Qāsim. Kairo 1958. S. 9, Zeile 9–11. Digitalisat ist die wichtigste Quelle für das, was er zu diesen Themen referiert, das Kitāb al-Arāʾ wa-d-diyānāt von al-Hasan ibn Mūsā an-Naubachtī (gest. 922).Monnot: Penseurs musulmans et religions iraniennes. 1974, S. 54, 151.
Weitere Werke Kitāb al-Uṣūl al-ḫamsa. In diesem sehr kurzen Werk, das nur in einer Handschrift aus der Vatikanbibliothek überliefert ist,Vgl. Heemskerk: Suffering in the Muʿtazilite theology. 2000, S. 46. gibt ʿAbd al-Dschabbār eine Einführung in die fünf Hauptprinzipien der muʿtazilitischen Theologie nach Art einer Bekenntnisschrift.Der arabische Text wird bei Gimaret 79-96 wiedergegeben. Eine englische Übersetzung liefern Richard C. Martin und Mark W. Woodward in ihrem Buch Defenders of Reason in Islam. Muʿtazilism from Medieval School to Modern Symbol. Oxford: Oneworld Publ. 1997. S. 90–115. Zwischen 970 und 990 verfasste er einen eigenen Kommentar zu diesem Werk. Dieses Werk mit dem Titel Šarḥ al-Uṣūl al-ḫamsa hat sich jedoch nicht erhalten. Die angebliche Ausgabe von ʿAbd al-Karīm ʿUthmān (Kairo: Maktabat al-Wahba 1965) ist in Wirklichkeit die Mitschrift einer Vorlesung des zaiditischen Gelehrten Mānkdīm Schaschdīw (st. 1034) über ʿAbd al-Dschabbārs Kommentar.Heemskerk: Suffering in the Muʿtazilite theology. 2000, S. 3–5. Taṯbīt dalāʾil an-nubūwa, im Jahre 995 abgefasste Abhandlung über die Beweise für Mohammeds Prophetentum, in der die Argumente derjenigen nicht-muslimischen Gruppen, die dieses zurückweisen (Christen, Juden u. a.), widerlegt werden. Das Werk wurde 1966 in Beirut von ʿAbd al-Karīm ʿUthmān in zwei Bänden ediert. Faḍl al-iʿtizāl wa-ṭabaqāt al-Muʿtazila wa-mubāyanatu-hum li-sāʾir al-muḫālifīn, Abhandlung über den Vorrang der muʿtazilitischen Lehre, die Klassen der Muʿtazila und den Unterschied ihrer Lehre gegenüber abweichenden Lehren. Das Werk wurde 1974 in Tunis von Fu'ād Saiyid ediert.Das Digitalisat ist hier abrufbar. Eine seiner wichtigsten Vorlagen war das Kitāb al-Maṣābīḥ von Muhammad ibn Yazdād.Vgl. Josef van Ess: Der Eine und das Andere: Beobachtungen an islamischen häresiographischen Texten. Bd. I. Walter de Gruyter, Berlin, 2011. S. 390–393. al-Muḥīṭ bi-t-taklīf, Abhandlung über die Belastung des Menschen mit den religiösen Pflichten. Dieses Werk, das ʿAbd al-Dschabbār wahrscheinlich nach 992, dem Jahr der Vollendung des Muġnī verfasste, existiert nur in der Version seines Schülers Abū Muḥammad al-Ḥasan ibn Aḥmad Ibn Mattawaih. Diese Version mit dem Titel Al-Maǧmūʿ fī-l-Muḥīṭ bi-t-taklīf wurde von J. J. Houben unter diesem Titel in Beirut und von ʿUmar as-Saiyid Ḥazmī unter dem Titel al-Muḥīṭ bi-t-taklīf in Kairo ediert. Beide Ausgaben erschienen im selben Jahr 1965. Bisher ist von beiden Ausgaben nur der erste der vier Bände erschienen, der die Abhandlung über den Tauhīd und einen Teil der Abhandlung über Gottes Gerechtigkeit (ʿadl) enthält.Peters: God’s created speech. A study in the speculative theology of the Muʿtazilî Qâḍî l-quḍât Abūl-Ḥasan ʿAbd al-Jabbâr ibn Aḥmad al-Hamadânî. 1976, S. 14. Naqd al-Lumaʿ, Widerlegung von Abū l-Hasan al-Aschʿarīs Kitāb al-Lumaʿ.Heemskerk: Suffering in the Muʿtazilite theology. ʿAbd al-Jabbār’s teaching on pain and divine justice. 2000, S. 38. Kitāb al-ʿUmad, Ein Werk über Usūl al-fiqh.Heemskerk: Suffering in the Muʿtazilite theology. ʿAbd al-Jabbār’s teaching on pain and divine justice. 2000, S. 39. Šarḥ al-Ǧāmiʿ aṣ-ṣaġīr, ein Kommentar zu Abū Hāschim al-Dschubbā'īs al-Ǧāmiʿ aṣ-ṣaġīr. Zu den Werken, die ʿAbd al-Dschabbār ibn Ahmad selbst in seinem al-Muġnī erwähnt, gehört der Teil eines Šarḥ Adab al-Ǧadal. Der Titel deutet darauf hin, dass es sich um einen Kommentar zu einem Werk über die Regeln des Dschadal handelt. Es ist aber nicht klar, wer der Autor dieses Buchs mit dem Titel Adab al-Ǧadal war.Heemskerk: Suffering in the Muʿtazilite theology. ʿAbd al-Jabbār’s teaching on pain and divine justice. 2000, S. 47. Ibn al-MurtadāIbn al-Murtaḍā: Kitāb Ṭabaqāt al-Muʿtazila. 1961, S. 113. erwähnt Werke von ʿAbd al-Dschabbār, die Antworten auf ihm gestellte Fragen enthalten und nach Städten benannt sind, beispielsweise ar-Rāzīyāt nach Raiy, al-ʿAskarīyāt nach ʿAskar Mukram und an-Nīsābūrīyāt nach Nischapur. Sie wurden wahrscheinlich deswegen so betitelt, weil die Fragen von den Einwohnern dieser Städte gestellt wurden.
Lehre Die fünf Hauptprinzipien ʿAbd al-Dschabbār legte die muʿtazilitische Lehre auf fünf Hauptprinzipien fest: at-Tauhīd („Einheitsbekenntnis“) al-ʿAdl („die Gerechtigkeit [Gottes]“) al-Waʿd wa al-waʿīd („Göttliches Heilsversprechen und göttliche Strafandrohung“) al-Manzila baina l-manzilatain ("Die Zwischenstufe [für den Todsünder]") al-Amr bi-l maʿrūf wa-n-nahy ʿan al-munkar (Das Rechte gebieten und das Verwerfliche verbieten) Die drei letztgenannten Prinzipien lassen sich seiner Meinung nach wiederum aus den beiden erstgenannten Prinzipien des Einheitsbekenntnisses und der göttlichen Gerechtigkeit ableiten.
Das Wesen Gottes Gott wird von ʿAbd al-Dschabbār negativ definiert als etwas, das weder Substanz noch Gegenstand, Akzidens oder Substrat ist. Hinsichtlich der göttlichen Attribute unterscheidet er zwischen essentiellen und aktiven Attributen. Die aktiven Attribute (ṣifāt al-fiʿl) wie das Wollen und die Rede sieht er nicht als anfangsewig an. Besonders die Erschaffenheit des Korans als der spezifisch göttlichen Rede ist für ihn eine zentrale Lehrauffassung.Vgl. dazu die Studie von Peters. ʿAbd al-Dschabbār negiert wie andere Muʿtaziliten die Möglichkeit, Gott zu sehen, mit der Begründung, dass sich Gott nicht auf einen Ort beschränke.Vgl. al-Muġnī fī abwāb at-tauḥīd wa-l-ʿadl. 4. Bd. Ruʾyat al-bārī. Kairo: Wizārat aṯ-Ṯaqāfa wa-ʾl-Irs̆ād al-Qaumī 1965. S. 42.
Das muʿtazilitische Prinzip der göttlichen Gerechtigkeit impliziert für ihn, dass keine der Handlungen Gottes böse ist.Vgl. Hemskeerk in EI³. Schmerz und Leiden, die der Mensch im Diesseits erlebt, sind für ihn von Nutzen, weil sie eine Belohnung im Jenseits nach sich ziehen.Vgl. Heemskerk 2000. Nach ʿAbd al-Dschabbārs Vorstellung nehmen nicht nur Menschen an der Auferstehung teil, sondern alle Lebewesen, die ein Anrecht auf Kompensation ihres Leidens im Diesseits erworben haben.Vgl. Heemskerk in EI³.