Der Giftmüll bei Neapel stellt ein Umweltrisiko für die Region zwischen Neapel und Caserta dar und gefährdet die Gesundheit der Bevölkerung. Millionen Tonnen gefährliche Abfälle wurden dort seit den 1980er Jahren illegal verbrannt oder im Boden vergraben. Die betroffene Region in Kampanien ist als Dreieck des Todes (italienisch triangolo della morte) bekannt geworden. Wegen der häufigen Müllverbrennungen wird sie auch terra dei fuochi („Land der Feuer“) genannt.

Das „Dreieck des Todes“ mini|hochkant=1.4|Das „Dreieck des Todes“ nach der ursprünglichen Definition: das Gebiet zwischen Acerra, Nola und Marigliano. Blau: Gebiet der Metropolitanstadt Neapel. mini|Rot: Gebiet der Metropolitanstadt Neapel in Kampanien

Die Bezeichnung „Dreieck des Todes“ geht auf einen im September 2004 veröffentlichten Artikel in der medizinischen Fachzeitschrift The Lancet Oncology zurück.Il triangolo della morte rassegna.it, März 2007 (archivierte Webseite). Das Dreieck des Todes wurde in dem Artikel als die Region zwischen den Orten Acerra, Nola und Marigliano beschrieben. In diesem Gebiet waren die Raten verschiedener Krebserkrankungen deutlich höher als im Landesdurchschnitt.

Schon in der Überschrift – Italian “Triangle of death” linked to waste crisis – wurde das „Dreieck des Todes“ mit der „Abfallkrise“ in Zusammenhang gebracht.Kathryn Senior, Alfredo Mazza: Italian “Triangle of death” linked to waste crisis. In: The Lancet Oncology. Band 5, Nr. 9, September 2004, S. 525–527, PMID 15384216 (hier mit Vorschau auf die erste Seite). Der Artikel wies darauf hin, dass der italienische Staat allgemein mit der Abfallentsorgung überfordert war und die Mafia in dem Gebiet „seit mindestens 20 Jahren“ das Geschäft mit der illegalen Abfallentsorgung betrieben hatte. Die Autoren schrieben, dass in der Region verschiedene giftige Substanzen, darunter Blei, Dioxine und radioaktive Stoffe, zum Beispiel über grasende Schafe in die Nahrungskette gelangen. Dies führe beim Menschen zu Krebserkrankungen, Organschäden und Missbildungen bei Föten.

Die Bezeichnung „Dreieck des Todes“ wurde später auf das gesamte von Giftmüll belastete Gebiet nördlich von Neapel ausgedehnt. Dieses ist wesentlich größer als das in dem Artikel in The Lancet Oncology behandelte Gebiet Acerra – Nola – Marigliano. Beispielsweise findet sich in einem Zeitungsartikel aus dem Jahr 2014 die Angabe, das „Dreieck des Todes“ sei das Dreieck zwischen Neapel, Nola im Osten und Caserta im Norden, ein Gebiet mit 42 Gemeinden und rund zwei Millionen Einwohnern. Betroffen ist aber beispielsweise auch Calvi Risorta mit einer riesigen Giftmülldeponie.Italienische Müll-Apokalypse Fotoserie (10 Bilder mit Kommentaren), Deutsche Welle, 17. März 2016, siehe Kommentar zu Bild 8. Dieser Ort liegt rund 20 Kilometer nordwestlich von Caserta und rund 40 Kilometer vom Dreieck Acerra – Nola – Marigliano entfernt. Laut manchen Quellen leben insgesamt drei Millionen Einwohner in dem kontaminierten Gebiet.Deutschland vergräbt Giftmüll in Neapel Kölnische Rundschau, 24. Januar 2014.

Geschichte Bauern in der Gegend erzählten, dass sie schon in den 1970er Jahren von der Camorra gezwungen wurden, Industrieschlamm auf ihre Felder zu kippen. Ab den 1980er Jahren ließ die Camorra Millionen von Tonnen an Industriemüll illegal auf Feldern in der Region verbrennen oder vergraben. Auf vielen wilden Müllkippen wurde gefährlicher Müll gelagert, darunter Müll aus Krankenhäusern und von pharmazeutischen Herstellern, vermutlich auch radioaktiver Abfall.Müll verseucht Italien. In der Giftkammer von Kampanien Berliner Zeitung, 11. November 2013. Die illegale Entsorgung von toxischem Müll durch die Mafia war seit langem insbesondere vor Ort bekannt.

Carmine Schiavone (1943–2015), ein Cousin des Camorra-Clanchefs Francesco Schiavone, begann 1993 als Pentito mit den Behörden innerhalb eines Zeugenschutzprogramms zusammenzuarbeiten. 1994 wurde er auch zwei Wochen lang von Ermittlern deutscher Behörden verhört. Am 7. Oktober 1997 sagte er vor einem geheim tagenden parlamentarischen Untersuchungsausschuss in Rom aus und gab zahlreiche Details preis (siehe nächster Abschnitt). Die Anhörung wurde damals vom Parlament zur Verschlusssache erklärt.

2006 erschien das Buch Gomorrha von Roberto Saviano, in dem er den Giftmüllskandal und die anderen Aktivitäten der Camorra beschrieb. Das Buch wurde in mehr als 50 Sprachen übersetzt und mit demselben Titel verfilmt. Saviano hatte recherchiert, dass die Camorra im Jahr 2004 für die Beseitigung von einem Kilo Giftmüll um die zehn Cent verlangte, während die ordnungsgemäße Entsorgung bis zu 62 Cent kostete.Stefanie Kompatscher: Italien: Die Mafia und ihr schmutzigstes Geschäft diepresse.com, 22. Oktober 2012.

Die italienische Umweltschutzorganisation Legambiente schätzte, dass die italienische Mafia im Jahr 2011 im Bereich Giftmüllentsorgung 3,1 Milliarden Euro Umsatz erzielte. Die illegale Müllentsorgung in Italien insgesamt schätzte sie im Jahr 2012 auf 11,6 Millionen Tonnen und 16 Milliarden Euro Umsatz pro Jahr.

Anhaltende Forderungen aus der Öffentlichkeit sorgten im Oktober 2013 dafür, dass das römische Parlament nach 16 Jahren Geheimhaltung das Protokoll der Aussagen des Kronzeugen Carmine Schiavone aus dem Jahr 1997 öffentlich machte. Die Veröffentlichung löste Empörung darüber aus, dass etliche Politiker die Warnungen Schiavones gekannt hatten und dennoch untätig geblieben waren. Dadurch wuchs der Druck auf die Politik und die Behörden, endlich Maßnahmen zu ergreifen. Man fragte zum Beispiel nach der Verantwortung von Staatspräsident Giorgio Napolitano, der von 1996 bis 1998 Innenminister und oberster Dienstherr der Ermittler gewesen war. Er sagte, die Camorra sei hauptverantwortlich für das Umweltdesaster.

Die sechs Hektar große Deponie Resit bei Giugliano in Campania wurde dekontaminiert und bis 2019 in einen Wald umgewandelt. Die Camorra hatte dort giftige Gerbereischlämme versenkt und eine Million Kubikmeter Müll abgelagert, davon ein Drittel Industrieabfälle.Annette Langer: Tödlicher Giftmüll in Italien: „Der Krebs ist wie ein Schatten“, spiegel.de, 9. Februar 2020.

Aussagen des Kronzeugen Carmine Schiavone 1997 sagte Carmine Schiavone vor dem parlamentarischen Untersuchungsausschuss aus, dass die Camorra in Süditalien Giftmüll aus ganz Europa lagere. Er beschrieb detailliert die Vorgänge in Kampanien, unter Namensnennung beteiligter Transportfirmen und zeigte den Ermittlern, wo gefährliche Abfälle versteckt waren. Er erzählte, dass Lastwagen unter anderem aus Deutschland radioaktive Abfälle in Bleikisten gebracht hätten, dass sein Clan Anfang der Neunzigerjahre mit dem illegalen Müllgeschäft monatlich mindestens 700 Millionen Lire verdient hätte, und mit welchen Methoden die Camorra die 106 Bürgermeister Kampaniens aufstellte und wie viele Polizisten auf ihren Gehaltslisten standen. Er erklärte vor dem Untersuchungsausschuss: „Wir haben alles angenommen und vergraben, auch radioaktiven Müll, aus ganz Italien, Frankreich, Österreich, Deutschland und anderen Ländern“. Besonders nach dem Mauerfall habe die Mafia viel Geld mit Geschäften aus Deutschland verdient, Schiavone nannte die Orte Dortmund, München und Baden-Baden.Alvise Armellini: Mafia entsorgt Millionen Tonnen Giftmüll in Italien welt.de, 7. November 2013. Er warnte: „Die Leute in der Gegend riskieren alle, in zwanzig Jahren an Krebs zu sterben.“

Schiavones Aussagen wurden 16 Jahre lang geheim gehalten und erst im Oktober 2013 veröffentlicht. Schiavone trat nun im Fernsehen auf und gab Interviews. Er behauptete, dass die Camorra die illegale Abfallentsorgung weiterhin betreibe.Die Angaben entstammen der TV-Dokumentation Italien: Tödlicher Giftmüll (ARD, 2014), siehe Angaben zum Film auf daserste.de (archivierte Webseite). Das dort eingebundene Video ist nicht mehr abrufbar. Er bekräftigte seine früheren Aussagen, zum Beispiel zu dem radioaktiven Material aus Deutschland. Dieses sei mit Lastwagen „vermutlich aus Ostdeutschland“ in Bleikassetten von etwa 50 Zentimeter Länge angeliefert worden. Er erklärte: „Vergraben wurde das in bis zu 20 Meter Tiefe. Die Sonde aber, mit der dort Strahlung später gemessen wurde, kam nur 6 Meter tief.“Walter Mayr: Im Vorhof der Hölle spiegel.de, 12. Januar 2014.

Die Aussagen von Schiavone und anderen Kronzeugen machten deutlich, dass viele an dem Giftmüllgeschäft profitierten: vor allem die Industrieunternehmen, die ihren Müll zu Dumpingpreisen entsorgen ließen, aber auch Transportunternehmen und die Grundbesitzer, die ihren Boden für die Mülldeponien zur Verfügung stellten. Die Mafia spielte dabei die Rolle des Maklers.

Schiavone kritisierte den Staat: „Der Staat hat sich nicht gekümmert. Er hat die Wahrheit unterdrückt, denn der Staat und die Mafia waren Partner.“ Er sagte: „Wenn wir schuldig sind, dann sind es erst recht diejenigen, die das alles zugelassen haben: Polizisten, Staatsanwälte und Politiker.“ Der Vorsitzende des Umweltausschusses im römischen Parlament und frühere Umweltschützer Ermete Realacci wiegelte mit dem Hinweis ab, dass Schiavone ein ehemaliger Krimineller und nicht unbedingt glaubwürdig sei: „In der Anhörung von damals hat er einige Wahrheiten erzählt und sehr viel Blödsinn.“ Die Ermittler hätten zum Beispiel nie radioaktive Abfälle in Kampanien gefunden. Die Staatsanwälte seien allen Hinweisen nachgegangen.

Umweltschäden In der Region rund um Neapel wurden insgesamt schätzungsweise 28 Millionen Tonnen Giftmüll in Äckern vergraben oder auf freien Landflächen deponiert oder verbrannt. Allein auf der Giftmülldeponie bei Calvi Risorta wurden etwa 2,5 Millionen Kubikmeter kontaminierte Abfälle entsorgt. Die Camorra ließ außerdem große Mengen von giftigen Substanzen in Beton mischen, der beim Bau von Gebäuden, Autobahnen, Schnellstraßen und Zugtrassen verwendet wurde.Die Giftmüllmafia verseucht Neapel derstandard.at, 14. Januar 2016.

Die Gifte der Müllhalden haben Boden, Grundwasser und durch die Müllbrände auch die Atemluft verseucht. Zu den Giftstoffen zählen unter anderem Dioxine, Blei, Quecksilber und andere Schwermetalle, Lösungsmittel wie Tetrachlorethen und Asbest. Der Boden rund um Neapel ist einer der fruchtbarsten Europas mit bis zu vier Ernten pro Jahr und die drittgrößte Agrarregion Italiens. Dennoch hatten Bauern wegen der Belastung mit Giften Schwierigkeiten, ihre Produkte zu verkaufen (Stand 2013).

Im Jahr 2013 wurden in Brokkoli und Tomaten, die von einem Feld in der Nähe von Orta di Atella stammten, Konzentrationen von Kadmium, Arsen und Blei gemessen, die den erlaubten Höchstwert 500fach überschritten. Das Gemüse war über einer vier Meter hohen Abfallschicht gewachsen. 200.000 Kubikmeter gefährliche Abfälle waren dort auf sieben Hektar Fläche abgelagert worden. Die Provinzregierung legte viele Anbauflächen still (Stand 2014).

Gesundheitsfolgen Im Jahr 2008 sagte Giuseppe Comella, der Leiter des Nationalen Krebsforschungsinstituts in Neapel: „Es ist eindeutig, dass die Sterblichkeitsrate der Bevölkerung in der Nähe von Müllhalden und Orten, wo heimlich Abfälle vergraben werden, höher ist.“ Laut dem Onkologen und Toxikologen Antonio Marfella nahmen genau jene Krebsarten zu, die auf Umwelteinflüsse zurückzuführen sind. So gab es beispielsweise bis zu dreimal mehr Krebserkrankungen der Leber – ein Organ, das bei Umweltverschmutzung mehr leisten muss.Abfallskandal in Italien Müll, Mafia und Missbildungen stern.de, 26. April 2008.