Eckhard Jesse (* 26. Juli 1948 in Wurzen) ist ein deutscher Politikwissenschaftler und Extremismusforscher.

Er war von 1993 bis 2014 Inhaber des Lehrstuhls „Politische Systeme, Politische Institutionen“ an der Technischen Universität Chemnitz. Von 2007 bis 2009 amtierte Jesse als Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Politikwissenschaft. Gemeinsam mit Uwe Backes vom Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung ist er seit den 1980er/90er Jahren Herausgeber des Jahrbuchs Extremismus & Demokratiewww.tu-chemnitz.de, zuletzt abgerufen am 24. März 2026 und der gleichnamigen Schriftenreihe sowie Gründer des Veldensteiner Kreises zur Erforschung von Extremismus und Demokratie. Jesse und Backes sind auch Autoren des dreibändigen Standardwerkes Politischer Extremismus in der Bundesrepublik (1989). Jesse wurde immer wieder als Experte und Sachverständiger herangezogen, so auch im ersten und zweiten NPD-Verbotsverfahren.

Akademischer Werdegang Jesses Vater war Volksschulrektor; die Familie flüchtete 1958 aus der DDR in die Bundesrepublik Deutschland. Jesse machte zunächst eine Verwaltungslehre dann 1971 das Abitur auf dem zweiten Bildungsweg..

Er studierte von 1971 bis 1976 Politikwissenschaft und Geschichtswissenschaft an der Freien Universität Berlin (Diplom-Politologe 1976) und war damals Stipendiat der Friedrich-Ebert-Stiftung (1972–1978). Am Berliner Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft gehörte er zu einem Kreis von Schülern, die vom „Vater“ der modernen Politikwissenschaft Ernst Fraenkel beeinflusst wurden.Uwe Backes, Alexander Gallus: Einleitung. In: Eckhard Jesse: Demokratie in Deutschland. Diagnosen und Analysen. Hrsg. und eingel. von Uwe Backes und Alexander Gallus, Böhlau, Köln u. a. 2008, ISBN 978-3-412-20157-9, S. 7–11, hier: S. 7. Von 1978 bis 1983 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Trier. 1982 wurde er beim Parteienforscher Peter Haungs, sein Zweitgutachter war Erwin Faul, am Fachbereich III mit der preisgekrönten politikwissenschaftlichen Dissertation Wahlrecht zwischen Kontinuität und Reform, die 1985 in die Beiträge zur Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien aufgenommen wurde, zum Dr. phil. promoviert. Anschließend war er bis 1989 an der Universität Trier als Hochschulassistent tätig. 1989/90 folgten die Habilitation zum Thema Streitbare Demokratie in der Bundesrepublik. Das Beispiel des Extremistenbeschlusses von 1972, die unveröffentlicht blieb, und die Privatdozentur am Fachbereich III der Universität Trier im Fach Politikwissenschaft.

Bis 1993 vertrat er Lehrstühle und war Gastprofessor an den Universitäten LMU München, Trier, Potsdam und Mannheim. Von 1993 bis 2014 hatte er den Lehrstuhl für Politische Systeme, Politische Institutionen am Institut für Politikwissenschaft der Philosophischen Fakultät der TU Chemnitz inne. Von 2010 bis 2012 war er Geschäftsführender Institutsdirektor, davor stellvertretender Direktor.

Er war oder ist Vertrauensdozent der Hanns-Seidel-Stiftung und betreute die Promotionskollegs „Politischer Extremismus und Parteien“ (2002–2004), „Politik- und Parteienentwicklung in Europa“ (2008–2011; mit Roland Sturm und Gerd Strohmeier) und „Demokratie in Europa“ (seit 2013; mit Roland Sturm). Zu seinen akademischen Schülern (80 Doktoranden und 5 Habilitanden) gehören u. a., TU Chemnitz, abgerufen am 3. Juli 2014. Andreas H. Apelt, Udo Baron, Farah Dustdar, Carmen Everts, Lothar Fritze, Alexander Gallus, Robert Grünbaum, Florian Hartleb, Falk Illing, Steffen Kailitz, Jürgen P. Lang, Sebastian Liebold, Tom Mannewitz, Helmut Müller-Enbergs, Viola Neu, Tim Peters, Birgit Rätsch, Thomas Schubert, Tom Thieme und Mario Voigt. Hanka Kliese begann ihre Promotion bei Eckhard Jesse.

Jesse ist seit 1983 mit einer Lehrerin verheiratet.

Wirken Jesses Forschungsschwerpunkte sind die Demokratie-, Extremismus- und Totalitarismus- sowie Wahl- und Parteienforschung, das politische System der Bundesrepublik Deutschland sowie die historischen Grundlagen der Politik. Er vertrat 1986 gemeinsam mit anderen Forschern 1986 die These, Marinus van der Lubbe habe den Reichstagsbrand von 1933 als alleiniger Täter gelegt.

Tätigkeiten und Mitgliedschaften Eckhard Jesse, Uwe Backes und Rainer Zitelmann waren Gründer des Veldensteiner Kreis zur Erforschung von Extremismus und Demokratie (1990).

In den 1980er Jahren war er gemeinsam mit seinem akademischen Lehrer Peter Haungs Herausgeber der Reihe Beiträge zur Zeitgeschichte im Colloquium Verlag. Gemeinsam mit Frank-Lothar Kroll gab oder gibt er seit 2007 die Reihe Chemnitzer Beiträge zur Politik und Geschichte (LIT Verlag) und gemeinsam mit Roland Sturm seit 2012 die Reihe Parteien und Wahlen (Nomos Verlag) heraus.

Darüber hinaus ist bzw. war er Mitglied zahlreicher wissenschaftlicher Beiräte, Kuratorien und Vorstände, u. a. der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, der Gesellschaft für Deutschlandforschung, der Stiftung Ettersberg, der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung, des Dresdner Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung inklusive der Zeitschrift Totalitarismus und Demokratie und dem Journal für Generationengerechtigkeit.

Jesse war Redakteur der Zeitschrift MUT und ständiger Autor der Bundeszentrale für politische Bildung (BpB).Das Stichwort Jesse ergibt im Online-System dieser BpB 1212 Treffer, Stand Mai 2012. Als letztes publizierte er dort im Dezember 2011, Stand ebenfalls 05/2012. Zudem steuerte er umfangreiche Artikel zu der dreißigbändigen Coron-Enzyklopädie bei, einer vollständigen Überarbeitung der Bertelsmann Lexikothek, wie Staat in Geschichte und Gegenwart, Der demokratische Verfassungsstaat und Diktatur, Extremismus und Terrorismus.

Die CDU-Fraktion der Sächsischen Landtages bestellte Jesse 2012 als Sachverständigen in den dortigen NSU-Untersuchungsausschuss.

Zusammenarbeit mit dem Verfassungsschutz Jesse trat unter anderem 2003 als Referent bei Veranstaltungen des BundesamtesBroschüre des BfV zum Symposium Feindbilder im politischen Extremismus vom 1. Oktober 2003 (PDF-Datei; 1,03 MB). und 2007 bei der Landesämter für VerfassungsschutzBeispiele: , Broschüre des LfV Thüringen zum Symposium Linksextremistische Gewalt vom 4. November 2010 (PDF-Datei; 1,25 MB). auf. Seine Publikationen, die teilweise erklärtermaßen zum Behördengebrauch bestimmt waren oder sind,. wurden vom Bundesinnenministerium angekauftBundestags-Drucksache 17/2992 vom 20. September 2010 (PDF-Datei; 67 kB). und fanden in Publikationen des Verfassungsschutzes Verwendung.Beispiele: (PDF-Datei; 6,11 MB) und (PDF; 2,1 MB).Beispiel: Bundesamt für Verfassungsschutz (Hrsg.): Gedenken an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht – ein Traditionselement des deutschen Linksextremismus. Köln 2008.

Jahrbuch Extremismus & Demokratie Gemeinsam mit Uwe Backes vom HAIT gibt Jesse seit 1989 das Jahrbuch Extremismus & Demokratie sowie eine Schriftenreihe gleichen Namens heraus, die inzwischen zu den Standardwerken der Extremismusforschung gehören. 2001 veröffentlichte das Jahrbuch ein biografisches Porträt des Holocaustleugners Horst Mahler, das nach einem Besuch Jesses bei Mahler entstand.Holocaust-Leugner aus Prinzip? Bundeszentrale für politische Bildung, Mai 2008.

NPD-Verbotsverfahren Im Jahr 2003 wurde Eckhard Jesse vom Bundesverfassungsgericht zum Gutachter für das erste NPD-Verbotsverfahren bestellt. In einer Pressemitteilung der TU ChemnitzAlexander Friebel: Chemnitzer Politologe unterstützt Bundesverfassungsgericht. Website der TU Chemnitz, 11. Januar 2002. wurde seine damalige Bewertung wie folgt dargestellt: „Wegen der Bedeutungslosigkeit der NPD hält Jesse einen Parteiverbotsantrag für unzweckmäßig. Gleichwohl sieht er ein Verbot dieser aggressiv-verfassungsfeindlichen Partei als rechtmäßig an.“ In einem Interview äußerte er sich skeptisch zur Wirkung eines NPD-Verbots: „Wozu alle Versuche geführt haben, die NPD mundtot zu machen und zu verbieten, haben wir ja in der Vergangenheit gesehen. Sie gibt es immer noch, und sie konnte sogar nach Jahrzehnten in einen deutschen Landtag einziehen.“„Die NPD schadet sich selbst“. In: Die Welt, 25. Januar 2005. Zwar ist nach Jesses Ansicht „die Verfassungsfeindlichkeit der NPD […] eindeutig gegeben“. Er sah jedoch bei einem möglichen Scheitern des Verbotsverfahren die Gefahr, die NPD könne „den Eindruck erwecken, sie hätte einen demokratischen Persil-Schein“, und äußerte zudem grundsätzliche Bedenken gegen Parteienverbote, die den Bürgern den Eindruck vermitteln könnten, „man werde auf andere Weise mit der Partei nicht fertig“.

2016 wurde er als Sachverständiger im zweiten NPD-Verbotsverfahren vor dem Bundesverfassungsgericht berufen.

Akademischer Disput und Kontroversen Extremismusforschung und Totalitarismusbegriff Jesse gilt als einer der Gründerväter der Extremismustheorie, die er wie folgt beschreibt:

Der vergleichend angelegte Extremismusbegriff erlaubt es nach Jesses Ansicht, verschiedene anti-demokratische Strömungen politischer und religiöser Ausrichtungen zu erfassen, ohne diese inhaltlich oder von ihrer Gefahr her gleichzusetzen.Eckhard Jesse im Interview: Der Extremismusbegriff ist der Gegenbegriff zum Demokratiebegriff. In: Endstation Rechts, 24. April 2009.

Die von Jesse mitentwickelte Extremismustheorie sowie der Totalitarismusbegriff stehen in Konkurrenz zur Faschismustheorie und werden von verschiedener Seite abgelehnt. So kritisiert beispielsweise der Politologe Richard Stöss, dass eine Gleichsetzung von Linksextremismus und Rechtsextremismus durch den Begriff „Totalitarismus“ sich nicht für eine differenzierende Analyse eigne. Es bestünden gravierende Unterschiede zwischen beiden Phänomenen, insbesondere die originär anti-demokratische Haltung rechter Ideologien werde verschleiert.Richard Stöss: Die extreme Rechte in der Bundesrepublik. Entwicklung – Ursachen – Gegenmaßnahmen. Westdeutscher Verlag, Opladen 1989, ISBN 3-531-12124-3, S. 18 f. Dagegen verteidigt etwa der Rechtsextremismus-Experte und SPD-Politiker Mathias Brodkorb Jesses Herangehensweise.Mathias Brodkorb: Kritik der Kritik – Über die missverstandene Extremismustheorie. In: Die Zeit, Störungsmelder, 23. Juli 2010. Abgedruckt in: ders. (Hrsg.): Extremistenjäger!? Der Extremismus-Begriff und der demokratische Verfassungsstaat (= Endstation Rechts. Band 1). Adebor, Banzkow 2011, ISBN 978-3-9809375-7-3, S. 89–99 (Vorschau). Der Politikwissenschaftler Armin Pfahl-Traughber hat der Kritik an der Extremismustheorie in einer „Kritik der Kritik“ vorgehalten, sie gehe von „Fehldeutungen und Missverständnisse[n], aber auch … Unterstellungen und Verzerrungen“ aus. Er verwendet den Extremismusbegriff daher weiterhin.Zum Zitat und weiterführend zur „Kritik der Kritik“ Armin Pfahl-Traughber: Linksextremismus – analytische Kategorie oder politisches Schlagwort? Begriffsbestimmung – Kritik – Kritik der Kritik. In: Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Dossier: Linksextremismus. 8. September 2014, hier Fußnote 20.

Nach der Landtagswahl in Hessen 2008 unterstützte Jesse die Entscheidung seiner ehemaligen Doktorandin Carmen Everts, bei der geplanten Wahl zur Ministerpräsidentin nicht für Andrea Ypsilanti und eine durch Die Linke tolerierte Minderheitsregierung nach dem Magdeburger Modell zu stimmen. Die Linke weise „extremistische Züge“ auf, die jedoch kaum noch thematisiert würden.Der Zweck heiligt nicht die Mittel. In: Tagesspiegel. 10. November 2008. Eckhard Jesse befürwortete zudem die von der früheren Familienministerin Kristina Schröder initiierten Versuche, Präventionsprogramme gegen linken Extremismus und Islamismus zu etablieren, da Deutschland „ein Problem mit Rechts- und mit Linksextremismus“ besitze.Linksextremismus – Mit Bildung gegen Bambule. In: Spiegel online. 25. Mai 2010.