mini|Kaschmirziege

Als Kaschmirwolle, Kaschmirhaar bzw. einfach Kaschmir (WS) bezeichnet man das sehr feine und glänzende, mit schwacher Kräuselung versehene Unterhaar der Kaschmirziege.Ursula Völker, Katrin Brückner: Von der Faser zum Stoff – Textile Werkstoff- und Warenkunde. 35., aktualisiert Auflage. Verlag Dr. Felix Büchner. Hamburg 2014, ISBN 978-3-582-05112-7, S. 41Anton Schenek: Naturfaser-Lexikon. Deutscher Fachverlag Frankfurt am Main 2001, ISBN 3-87150-638-9, S. 122.

Der Name ist von der Region Kaschmir abgeleitet. Die dort beheimatete Gattung der schlappohrigen, gehörnten Kaschmirziegen mit ihren etwa 20 Zuchtformen kommt in den Farbschlägen Weiß, Grau, Braun oder Schwarz vor. Sie zählt zur Familie der Hausziegen, einer Unterart der Wollziegen. In ihrer Heimat wird Kaschmirwolle seit ungefähr 1000 v. Chr. handwerklich zu hochwertigen Textilien verarbeitet.

Obwohl Wolle zunächst der Name für die Wolle des Schafes ist, wird er aber auch als allgemeine Bezeichnung für feine, entgrannte Tierhaare genutzt. Anton Schenek: Naturfaser-Lexikon. Deutscher Fachverlag Frankfurt am Main 2001, ISBN 3-87150-638-9, S. 122. Die Kaschmir-Faser wird zu den Edelhaaren gezählt, da sie als Luxusfaser angesehen wird und Geltung vermittelt.Alois Kießling, Max Matthes: Textil-Fachwörterbuch. Verlag Schiele & Schön, Berlin 1993, ISBN 3-7949-0546-6, S. 96.Günter Schnegelsberg: Handbuch der Faser – Theorie und Systematik der Faser. Deutscher Fachverlag, Frankfurt am Main, 1999, ISBN 3-87150-624-9, S. 149. Das Edelhaar Kaschmir wie auch andere Edelhaare weisen im Vergleich zur Wolle eine etwa nur halb so hohe Schuppenkantenhöhe auf. Auch unterscheiden sie sich in der Anzahl der Schuppen je Längeneinheit und in der Charakteristik. Deshalb fühlen sich Edelhaare bei gleichem Durchmesser etwas weicher und glatter als Wolle an.

Eigenschaften Das vom Deckhaar (synonym Grannen) gereinigte Unterhaar (synonym Wollhaar) der Kaschmir-Ziege ist besonders fein, mit einem Durchmesser von nur 15 bis 19 Mikrometer und einer Länge von 25 bis 90 Millimeter.Hans-Karl Rouette: Encyclopedia of textile finishing. Woodland, Cambridge 2001, ISBN 1-84569-065-6. Der durchschnittliche Durchmesser der Haare darf nach amerikanischer Definition für Kaschmirwollprodukte 19 Mikrometer nicht überschreiten, mit einem Variationskoeffizienten von 24 % und einem maximalen Anteil von 3 % an Haaren mit einem Durchmesser von über 30 Mikrometern. Abgerufen am 22. Januar 2013. Kaschmir zählt wegen seiner Feinfaserigkeit zu den Edelhaaren mit sehr guten Wärmerückhaltungseigenschaften bei geringem Eigengewicht.

Kaschmir ist eine der teuersten Naturfasern. Es wird aufgrund der vergleichsweise hohen Kosten häufig mit Merinowolle oder anderer Schafwolle gemischt angeboten. Der Verkaufspreis richtet sich nach der Qualität des Kaschmirs. Die Haare sollten möglichst fein (dünn), lang, gekraust und hell (weiß) sein; sie nehmen dabei ähnlich wie andere Wolle Farbstoffe gut auf. Unter den tierischen Haaren und Seiden besitzen nur Vikunjawolle, Shahtoosh, Angora, Byssus und Seide geringere Faserdurchmesser.

Gewinnung mini|Maschinelles Scheren von Kaschmirwolle in Corindhap, Australien mini|Maschinelle Faseraufbereitung in Ulan Bator

Meistens wird Kaschmirwolle im Frühjahr zum Fellwechsel gewonnen. Dabei kommen zwei alternative Methoden zum Einsatz: Auskämmen oder Scheren. Beim Auskämmen wird das Fell während des Fellwechsels zum Ende des Winters bzw. im Frühjahr ausgekämmt. Pro Tier werden ca. 150 Gramm gesammelt. Das Scheren geschieht meistens maschinell. Anschließend sortiert man das Haar von Hand nach Farben und verwirft Partien mangelhafter Qualität. Darauf wäscht man das vorsortierte Haar, um Fett und Verunreinigungen zu entfernen. Das Entgrannen ist ein zweiter Sortiervorgang, bei dem das grobe Deckhaar (Grannen) von der gewünschten feinen Unterwolle getrennt wird. Das erfolgt heute meist maschinell.. Abgerufen am 20. Oktober 2013.

Es leben weltweit circa 770.000 Kaschmirziegen, davon rund 120.000 in China.Dieter Veit: Fasern – Geschichte, Erzeugung, Eigenschaft, Markt. Springer Berlin 2023, ISBN 978-3-662-64468-3, S.353/354. Die wichtigsten Erzeugerländer sind heute die VR China, die Mongolei, Iran, Afghanistan, Nepal und Indien. Es befinden sich jedoch auch in Australien, Neuseeland und Schottland große Zuchtfarmen. Zu den kleineren Produzenten zählt unter anderem Kirgisistan.„Je feiner desto besser“ In: E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit, Jg.56.2015:4 Das weltweite Produktionsvolumen betrug 2023 etwa 25.600 Tonnen ungereinigter Kaschmirwolle pro Jahr, von denen 69 % in China erzeugt wurden. Etwa 47 % der Kaschmirwolle erfüllte einen oder mehrere Nachhaltigkeitsstandards. Der Großteil der gereinigten Kaschmirwolle wird nach Italien, Japan und Schottland zur Weiterverarbeitung verkauft.Amanda Johnston, Clive Hallett: Fabric for Fashion: The Complete Guide: Natural and Man-made Fibres. Hachette UK, 3. Februar 2014. ISBN 978-1-78067-513-8.

Verarbeitung Nach der Sortierung der Kaschmir-Wolle werden die Wollhaare zu einem Garn versponnen. Dafür kann das Zweizylinder-Spinnverfahren (Streichgarnverfahren) angewandt werden, mit dem auch kurze Fasern von 20 bis 60 mm zu Garnen verarbeitet werden können. In der Zwirnerei können 2-fach Zwirne als auch Mehrfachzwirne mit einer Fachung bis zu 8-fach hergestellt werden.Streichgarnspinnerei für Wolle und Edelhaarmischungen. Abgerufen am 5. Januar 2024.Anton Schenek: Lexikon Garne und Zwirne: Eigenschaften und Herstellung textiler Fäden., Deutscher Fachverlag, Frankfurt am Main 2006, ISBN 3-87150-810-1, S. 443. Für die feinen Kaschmirgarne wird auch heute noch das Selfaktor-Spinnen eingesetzt, weil damit gleichmäßigere Garne als beim Ringspinnen erzeugt werden können.Anton Schenek: Lexikon Garne und Zwirne: Eigenschaften und Herstellung textiler Fäden. Deutscher Fachverlag, Frankfurt am Main 2006, ISBN 3-87150-810-1, S. 405/406. Aus den Garnen bzw. Zwirnen können Textilien gewebt oder gestrickt werden. Die Gewebe werden überwiegend in Leinwand- oder Köperbindung aufgebaut und erhalten eine Appretur (Rauen), die einen glatten weichen Griff und ein Aussehen vergleichbar mit dem eines Flanells erzeugt. Kaschmir-Gestricke (Pullover, Socken) stellt man auf Strickmaschinen oder durch Handstricken her.Janet Wilson: Classic and Modern Fabrics: The Complete Illustrated Sourcebook. First Edition, Verlag Thames & Hudson, 2010, ISBN 978-0-500-51507-5, S. 52.

Verwendung Gestrickte Textilien aus Kaschmirwolle umfassen beispielsweise Pullover und Strümpfe. Gewebte Stoffe aus Kaschmirwolle werden beispielsweise zu Schals (Pashmina, Amli-Schal, Kani-Schal, Jamawar), Konfektion oder Maßkonfektion verarbeitet.

Reinigung Wie alle proteinbasierten Fasern (Wolle, Seide) müssen Produkte aus Kaschmirwolle chemisch (wasserfrei) oder von Hand in lauwarmem Wasser mit einem Wollwaschmittel gereinigt werden.Oscar Lenius: Kleines Soer-Brevier der Kleiderpflege. LIT Verlag Münster, 2002. ISBN 978-3-8258-2694-9. S. 155. Voll- und Buntwaschmittel sind ungeeignet, da sie unter den Waschmittelenzymen auch proteinabbauende Enzyme enthalten, welche die Haarstruktur beschädigen. Bei hydrophilen Textilien wie solchen aus Wolle kann ein Wasserkontakt wegen des Quellens und des beim Trocknen folgenden Schrumpfens zu einer Fadenverkürzung und somit zu einer Schrumpfung des Textils führen. In Wäschetrocknern wird die Schrumpfung verstärkt. Weil Textilien aus Kaschmirwolle zum Verfilzen neigen, sollten sie nicht gewrungen oder gerieben werden.

Zum Trocknen nur flach legen und nicht hängen.

Warenkennzeichnung In der Europäischen Union muss nach der Textilkennzeichnungsverordnung 1007/2011 ein ausschließlich mit Kaschmir bezeichnetes Produkt einen Anteil von mindestens 85 % an Kaschmirwolle enthalten. Waren mit Kaschmiranteil sollten einen Mindestgehalt von 14,5 % an Kaschmirfasern aufweisen. Nur Waren aus reiner Kaschmirwolle dürfen die Bezeichnung 100 % Kaschmir tragen.Österreichisches Bundesinnenministerium. Abgerufen am 20. Oktober 2013.

Pashmina ( / pašmina) ist, je nach Quelle, eine Bezeichnung für Kaschmirwolle der Changtangi-Kaschmirziege,Janet Rizvi: Pashmina: The Kashmir Shawl and Beyond. Marg Foundation, 2009. ISBN 978-81-85026-90-9. für feine indische KaschmirwolleRobert R. Franck: Silk, Mohair, Cashmere and Other Luxury Fibres. Band 19 von Woodhead Publishing Series in Textiles, Elsevier Science, 2001. ISBN 978-1-85573-540-8. S. 142. oder ein Synonym für Kaschmirwolle. Pashmina bezeichnet ebenso Mischgewebe aus Kaschmirwolle und Seide in einem Verhältnis von 70 % zu 30 %.

Analyse mini|Ein Kaschmirhaar im Elektronenmikroskop

Kaschmirwolle kann durch verschiedene mikroskopische Verfahren von anderen Tierhaaren unterschieden werden. Dadurch lässt sich auch der Anteil an Kaschmirwolle in einer Mischung von Fasern bestimmen. Überdies existieren automatisierte Bildanalysen mikroskopischer Aufnahmen.J. Luo, K. Lu, Y. Chen, B. Zhang: Automatic identification of cashmere and wool fibers based on microscopic visual features and residual network model. In: Micron. Band 143, 04 2021, S. 103023, , PMID 33540231. Die Haaroberfläche ist geschuppt, mit 6–7 Schuppen pro 100 μm Haarlänge.Carl A. Lawrence: Fundamentals of Spun Yarn Technology. CRC Press, 28. März 2003. ISBN 978-1-56676-821-4. S. 43. Der Haarquerschnitt der dünneren Wollhaare ist rund und besitzt einen typischen Durchmesser von 15 μm. Im Querschnitt der dickeren Wollhaare sind Epidermis, Cortex und Medulla gut zu erkennen, allerdings fehlt bei dünneren Haaren die Medulla.Ivana Markova: Textile Fiber Microscopy: A Practical Approach. John Wiley & Sons, 20. Februar 2019. ISBN 978-1-119-32008-1. S. 46–49. Bei Wollhaaren mit größerem Durchmesser ist die Schuppenlinie mosaikförmig unterbrochen und der Querschnitt eher oval.

Die Identifikation kann außerdem mittels Infrarot-SpektroskopieJ. Zhou, R. Wang, X. Wu, B. Xu: Fiber-Content Measurement of Wool-Cashmere Blends Using Near-Infrared Spectroscopy. In: Applied spectroscopy. Band 71, Nummer 10, Oktober 2017, S. 2367–2376, , PMID 28537417. oder DNA-Analyse erfolgen,P. F. Hamlyn: DNA analysis in the identification of animal fibres in textiles. In: M. M. Houck (Hrsg.): Identification of Textile Fibers. Elsevier, 30. Januar 2009. ISBN 978-1-84569-565-1. S. 224ff. z. B. per Polymerasekettenreaktion des Gens der 12S-rRNA in der mtDNA.W. Ji, L. Bai, M. Ji, X. Yang: A method for quantifying mixed goat cashmere and sheep wool. In: Forensic science international. Band 208, Nummer 1–3, Mai 2011, S. 139–142, , PMID 21190801.

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