mini|Gottesdienstsaal der Herrnhuter Gemeine Norden um 1800Er befand sich im 1. Stock des Hotels Heeren-Logement, Am Markt 49 Die Geschichte der ehemaligen Herrnhuter Brüdergemeine in Norden (Ostfriesland) reicht bis in die Regierungszeit des letzten ostfriesischen Fürsten Carl Edzard (1734–1744) zurück. Ihre Auflösung erfolgte am 13. Februar 1898 durch Beschluss der verbliebenen Gemeindemitglieder. Die an der Westseite des Norder Marktplatzes gelegene Herrnhuter Kapelle ging zu Anfang des 20. Jahrhunderts in das Eigentum der Evangelisch-reformierten Kirchengemeinde Lütetsburg-Norden über. Sie wurde 1970 abgerissen und durch den Neubau eines reformierten Gemeindezentrums ersetzt.
Geschichte mini|Kolonie der Zeister Brüdergemeine mini|Mennonitenpastor Johannes Deknatel (Kupferstich von Cornelis van Noorde) Erste Anhänger der Herrnhuter Bewegung lassen sich in Norden bereits für 1738 nachweisen. Der Norder Stadtchronist Ufke Cremer vermutete, dass es sich dabei um Handwerker aus dem niederländischen Zeist sowie aus der Schweiz gehandelt hat.Ufke Cremer: Norden im Wandel der Zeiten (im Auftrag der Stadt Norden zur 700-Jahr-Feier herausgegeben), Norden 1955, S. 80. Während es in der Schweiz um diese Zeit noch keine Herrnhuter Gemeine gab, hatte sich in s´Heerendijk bei IJsselstein bereits 1736 eine Herrnhuter Gemeinschaft konstituiert. Sie war die erste europäische Brüdergemeine außerhalb von Herrnhut und diente den Missionaren als sogenanntes „Posthaus“ und als Zwischenstation auf dem Weg nach Übersee.Gisela Mettele: Weltbürgertum oder Gottesreich: Die Herrnhuter Brüdergemeine als globale Gemeinschaft 1727–1857, Göttingen 2009, ISBN 978-3-525-36844-2, S. 46. Ab 1745 übernahm diese Funktion die neugegründete Brüdergemeine im nur 25 Kilometer entfernten Zeist, wohin die Mitglieder der s´Heerendijker Kolonie bis 1760 in Etappen umzogen. Zwischen den Herrnhutern in Norden und in Zeist bestanden in den ersten Jahrzehnten rege Verbindungen. So begaben sich zum Beispiel im Frühjahr 1755 Norder „Freunde und Brüder“ auf die nach damaligen Verhältnissen beschwerliche Reise nach Zeist, um dort mit dem aus England zurückgekehrten Grafen Nikolaus Ludwig von Zinzendorf, dem Begründer der Herrnhuter Bewegung, mehrere Wochen zu verbringen.Jacob Wilhelm Verbeek: Des Grafen Nicolaus Ludwig von Zinzendorf Leben und Charakter in kurzgefasster Darstellung, Gnadau 1845, S. 313 (online).
Eine wichtige Rolle bei den herrnhuterischen Anfängen in Norden spielte der Mennonitenprediger Johannes Deknatel.Zum mennonitisch-herrnhuterischen Verhältnis siehe Astrid von Schlachta: „Mit Religions Streitigkeiten wollen wir uns nicht befassen“. Begriffe und Konzepte im herrnhutisch-hutterischen Verhältnis. In: Mennonitische Geschichtsblätter 62/2005. S. 51–76 Der gebürtige Norder war ab 1720 Hilfsprediger und fünf Jahre später Inhaber einer Predigerstelle der Mennonitengemeinde Amsterdam. 1736 kam es dort zu einer Begegnung zwischen ihm und Zinzendorf.Zu Deknatels Biographie siehe Samme Zijlstra: Jimme (Joannes) Deknatel. Sie führte dazu, dass sich Deknatel der herrnhuterischen Theologie öffnete, ohne seine mennonitischen Grundüberzeugungen aufzugeben. Ende der 1730er Jahre richtete er im Haus seiner in Norden wohnhaften Schwester, einer verwitweten Blaupot, einen Hauskreis ein,Nach einer schriftlichen Auskunft von Herrn Olaf Nippe, Unitätsarchiv Herrnhut (19. Februar 2014). aus dem sich 1742 regelmäßige gottesdienstliche Zusammenkünfte entwickelten. Ort der Gottesdienste war ein angemieteter Saal im Hotel Heeren-Logement. Das Hotel befand sich Am Markt 49 (heute: Evangelisch-reformiertes Pfarramt und Gemeindebüro) und konnte 1776 von der Brüdergemeine käuflich erworben werden.Gerhard Canzler: Die Norder Schulen, Weener 2005, ISBN 3-88761-097-0, S. 121. 1748 konstituierte sich der Herrnhuter Kreis als Sozietät und ab 1757 – verbunden mit der Einführung ihres ersten Predigers am 7. Mai 1757 – als Stadtgemeine Norden. Das letztgenannte Datum galt den Norder Herrnhutern in der Folgezeit als offizieller Gründungstag ihrer Gemeinde.Menno Smid: Ostfriesische Kirchengeschichte, Band VI in der Reihe Ostfriesland im Schutze des Deiches, Pewsum 1974, S. 533. Dies bestätigt auch eine Gedenktafel, die ihren ursprünglichen Platz in der Herrnhuter Kapelle hatte und heute im Alten Rathaus, dem Norder Heimatmuseum, zu besichtigen ist.
Das Gemeindeleben konnte sich in der sogenannten „ersten preußischen Zeit“ (1744–1807) frei von staatlichen Repressionsmaßnahmen entfalten, was wohl auf die besonderen Privilegien zurückzuführen ist, die das Königreich Preußen den Herrnhutern gewährt hatte.J. S. Ersch, J. G. Gruber (Hrsg.): Allgemeine Encyclopädie der Wissenschaften und Künste in alphabetischer Folge von genannten Schriftstellern bearbeitet, 13. Theil, Leipzig 1824, S. 178 (Die Brüder-Unität), Sp. II. Für 1773 kann sogar die Einrichtung einer eigenen Schule belegt werden.Ufke Cremer: Norden im Wandel der Zeiten (im Auftrag der Stadt Norden zur 700-Jahr-Feier herausgegeben), Norden 1955, S. 80. In den von Christian Gottlieb Frohberger herausgegebenen Briefen über Herrnhut und die evangelische Brüdergemeine heißt es: „Zu Norden in Ostfriesland ist auch eine kleine Brüdergemeine, die ihr öffentliches Versammlungshaus hat und daselbst in ungestörter Freiheit ihren Gottesdienst hält.“Christian Gottlieb Frohberger: Briefe über Herrnhut und die evangelische Brüdergemeine nebst einem Anhange, Budissin (Bautzen) o. J., S. 17 (online). In den zeitgenössischen Ortsbeschreibungen und Reisehandbüchern werden die Norder Herrnhuter gleichberechtigt neben den anderen Kirchen und der jüdischen Synagogengemeinde erwähnt. So heißt es zum Beispiel in Baedekers Handbuch für Reisende: „Fünf christliche Gemeinden verschiedener Confessionen, darunter Mennoniten und Herrnhuter, leben hier sammt einer israelitischen Gemeinde friedlich nebeneinander.“Karl Baedeker: Deutschland und Österreich. Handbuch für Reisende, Coblenz 1869, S. 83 (Online). Im Mai 1848 stellte die Herrnhuter Stadtgemeine zweimal pro Woche die Räumlichkeiten ihres Gemeindezentrums Am Markt 48 einer „Strick-, Näh- und Spinnschule für bedürftige Mädchen“ zur Verfügung. Träger dieser sozialen Einrichtung war der Norder Frauenverein, dem ausschließlich die Ehefrauen führender Norder Persönlichkeiten als Mitglieder angehörten. Das Amt der Vereinspräsidentin hatte ab 1858 Peta van Hülst, Ehefrau des Mennonitenpredigers Laurenz van Hülst, inne.Gerhard Canzler: Die Norder Schulen, Weener 2005, S. 88, Sp. II.
Anfang der 1860er Jahre verkaufte die Herrnhuter Gemeine einen Teil ihres Anwesens an die Stadt Norden. Das ehemalige Hotel Heeren-Logement wurde abgerissen und an seiner Stelle die sogenannte Marktschule errichtet. Sie löste die erheblich zu klein gewordene Lutherische Klassenschule an der Ludgeri-Kirche ab und diente knapp 100 Jahre den Kindern aus dem südlichen und südwestlichen Teil der Stadt Nordens als Volksschule. Heute befindet sich an ihrer Stelle das Norder Haus des Handwerks.Gerhard Canzler: Die Norder Schulen, Weener 2005, ISBN 3-88761-097-0, S. 121, Sp. I. Die Herrnhuter errichteten in den Folgejahren auf dem Grundstück nebenan (Am Markt 48) eine kleine Kapelle, die am 7. November 1876 ihrer Bestimmung übergeben wurde. Es handelte sich bei ihr um einen schlichten turmlosen Kirchbau im neoromanischen Stil. Nach Abriss der alten Norderneyer Inselkirche im Jahr 1878 wurde deren Orgel von Arnold Rohlfs aus dem Jahr 1842 nach Norden umgesetzt. Nur wenig mehr als zwei Jahrzehnte diente das Gebäude den Herrnhutern als Gotteshaus. Am 13. Februar 1898 löste sich die Herrnhuter Stadtgemeine Norden durch einen Gemeindebeschluss selbst auf. Die Kapelle ging 1905 in den Besitz der Evangelisch-reformierten Kirchengemeinde Norden-Lütetsburg überMenno Smid: Ostfriesische Kirchengeschichte, Band VI in der Reihe Ostfriesland im Schutze des Deiches, Pewsum 1974, S. 534. und diente ihr rund 65 Jahre als städtische Filiale ihres weit abseits vom Stadtzentrum Nordens gelegenen Gotteshauses. Auch die Landeskirchliche Gemeinschaft nutzte die ehemalige Herrnhuter Kapelle gastweise für ihre wöchentlichen Gemeinschaftsstunden. Der letzte Gottesdienst fand am 2. August 1970 statt. Anfang der 1970er Jahre wurde sie abgerissen und durch einen doppelstöckigen Flachbau, dem heutigen reformierten Gemeindehaus Am Markt 48, ersetzt.Evangelisch-reformierte Kirchengemeinde Lütetsburg-Norden: Geschichte; eingesehen am 3. Mai 2021. – Menno Smid: Ostfriesische Kirchengeschichte, Band VI in der Reihe Ostfriesland im Schutze des Deiches, Pewsum 1974, S. 534 nennt das Jahr 1905.
Prediger der Stadtgemeine Norden In den im Herrnhuter Unitätsarchiv vorhandenen Akten befindet sich eine Liste von 17 Predigern (Gemeinhelfer, Gemeindiener), die zwischen 1757 und 1898 der Stadtgemeine Norden als Seelsorger und Verkündiger dienten.Nach schriftlicher Auskunft von Herrn Olaf Nippe (Unitätsarchiv Herrnhut) vom 19. Februar 2014 Unter ihnen war auch der vor allem als Kirchenlieddichter bekannte Carl Bernhard Garve (1763–1841) sowie der Jung-Stilling-Vertraute Johann Gottlieb ErxlebenGerhard Schwinge: Jung-Stilling als Erbauungsschriftsteller der Erweckung: eine literatur- und frömmigkeitsgeschichtliche Untersuchung seiner periodischen Schriften 1795–1816 und ihres Umfelds, Göttingen 1994, ISBN 3-525-55816-3, S. 22 (siehe auch Anmerkung 43) (1762–1818).
Überblick Die Norder Prediger stammten, was ihre Geburtsorte angeht, nicht nur aus den deutschen Staaten. Unter ihnen finden sich Geistliche mährischer, dänischer, schweizerischer und sogar grönländischer Herkunft. Nicht alle übernahmen das Norder Predigeramt mit Begeisterung. So schrieb der Gemeinhelfer Friedrich Christian Cunow (1751–1829) in seiner Autobiographie: „Im Jahr 1780 wurde ich als Arbeiter und Prediger des Gemeinleins zu Norden in Ostfriesland berufen, welchen Antrag ich zwar blöde, im Gefühl meiner Armuth und Schwachheit, aber im Vertrauen auf den Herrn, dessen Kraft in den Schwachen mächtig ist, freudig aus Seiner Hand annahm.“C. E. Genft: Nachrichten aus der Brüder-Gemeine, Band 12, Gnadau 1830, S. 787 (online) Für andere Geistliche spielten im Blick auf den Dienstantritt in Norden eher praktische Erwägungen eine Rolle. Christian August Stegmann (1732–1809) zum Beispiel wollte seiner „kränkelnden“ Ehefrau eine beschwerliche Überlandreise nach Amsterdam, wohin er eigentlich berufen war, ersparen. Die Unitäts-Ältesten-Conferenz schlugen daraufhin vor, mit dem bereits erwähnten Prediger Cunow die Dienstorte zu tauschen. Anders als nach Amsterdam konnte für das Ehepaar Stegmann die Reise nach Norden „meist zu Wasser gemacht werden“.Christoph Ernst Senft: Nachrichten aus der Brüder-Gemeine, Gnadau 1861 (43. Jahrgang), S. 63 (online)
Liste der Prediger