Viradecdis (stark variierende Schreibweisen) war eine weibliche, keltisch/germanische Gottheit, die vermutlich insbesondere von den Tungrern verehrt wurde. Die Göttin ist durch mehrere Votivinschriften des zweiten und dritten Jahrhunderts in Großbritannien, den Niederlanden, Belgien und Deutschland belegt.
Etymologie Der Name Viradecdis setzt sich möglicherweise aus den protokeltischen Wortbestandteilen *wīrjā-/*wīro- (= Wahrheit) und *dekos- (= Ehre) zusammen und ist etwa in dem Sinne von „Die die Wahrheit Ehrende“ zu interpretieren. Bemerkenswert ist, dass der Name nicht dem keltischen Sprachgebrauch folgend auf -a, sondern auf die angehängte Silbe -dis endet, die germanischer Herkunft ist. Dies spricht für eine ursprünglich keltische Gottheit, die später von germanischen Stämmen des Imperiums assimiliert worden ist.
Epigraphische Zeugnisse Großbritannien Eine 1772 entdeckte Inschrift aus Blatobulgium am Hadrianswall im heutigen Council Dumfries and Galloway lautet:
Niederlande miniatur|Weihestein für Viradecdis aus der Église St. Nicolas in Strée-lez-Huy Ein 1869 aufgefundener Votivalttar aus Fectio (Vechten) in der Provinz Utrecht wird auf das zweite Jahrhundert datiert.Der auf collectieutrecht.nl, der offiziellen Webpräsenz von Landschap Erfgoed Utrecht, (niederländisch), abgerufen am 14. Februar 2014. Er enthält die Inschrift:
Belgien Die Inschrift von einem Weihestein, der 1967 in der Église St. Nicolas des belgischen Dorfes Strée-lez-Huy (flämisch: Strée)/Provinz Lüttich bei der Versetzung des Hochaltars in dessen Fundament gefunden worden war, stammt aus der ersten Hälfte des dritten Jahrhunderts und lautet:Zum auf der Webseite brunehaud.be (französisch), abgerufen am 14. Februar 2014.
Deutschland Aus Deutschland liegen zwei gesicherte epigraphische Zeugnisse vor.
Ein Votivstein wurde in Trebur vermauert in einem Kirchturm entdeckt. Seine Inschrift lautet:
Die zweite Inschrift wurde 1881 in Mogontiacum (Mainz) gefunden und lautet:
Auf Grund ihrer starken namentlichen Abweichung ungesichert scheint hingegen eine 1863 gefundene Inschrift aus Kälbertshausen im Neckar-Odenwald-Kreis:
Funktionelle und räumliche Verteilung Von den insgesamt sechs Inschriftensteinen (B. H. Stolte und Julianus Egidius Bogaers vermuteten drei weitere auf niederländischem GebietB. H. Stolte: Die religiösen Verhältnisse in Niedergermanien. In: Hildegard Temporini, Wolfgang Haase (Hrsg.): Aufstieg und Niedergang der römischen Welt. II, Bd. 18, 1. Religion (Heidentum: Die religiösen Verhältnisse in den Provinzen). De Gruyter, Berlin, New York 1986, ISBN 3-11-010050-9, S. 654.) sind zwei von Militärs und vier von Zivilpersonen gestiftet worden. Dies spricht gegen eine Interpretation der Gottheit als Kriegsgöttin. Zwei der Inschriften verweisen auf die Tungrer, eine weitere stammt aus deren Gebiet. (Noch präziser verweist eine Inschrift auf den tungrischen Stamm der Condrusen, während eine aus deren Gebiet kommt.) Die übrigen drei Funde stammen alle aus Südwestdeutschland oder – wenn man Stolte und Bogaers folgen will – jeweils zur Hälfte aus Südwestdeutschland und aus den Niederlanden, die beide nicht allzu weit vom Siedlungsgebiet der Tungrer respektive der Condrusen entfernt liegen. Möglicherweise kann daher Viradecdis als Schutzgöttin der Condrusen angesehen werden.
Literatur
H. Wagenvoort: De Tungris nautisque Fectione consistentibus (C.I.L. XIII 8815). In: Mnemosyne. Bibliotheca classica Batava. Tertia Series, Volumen 8, 1939/40, S. 57–64. A. G. Roos: Über die Weihinschrift aus Vechten an die Dea Viradecdis (C.I.L. XIII 8815). In: Mnemosyne. Bibliotheca classica Batava. Tertia Series, Volumen 8, 1939/40, S. 244–249. G. A. Evers: Het Viradectis-altaar uit Vechten. In: Maandblad van "Oud-Utrecht". Vereeniging tot Beoefening en tot Verspreiding van de Kennis der Geschiedenis van Utrecht en Omstreken 15, 9, 1940, S. 68–70 (Volltext). B. H. Stolte: Die religiösen Verhältnisse in Niedergermanien. In: Hildegard Temporini, Wolfgang Haase (Hrsg.): Aufstieg und Niedergang der römischen Welt. II, Bd. 18, 1. Religion (Heidentum: Die religiösen Verhältnisse in den Provinzen). De Gruyter, Berlin, New York 1986. ISBN 3-11-010050-9. S. 591–671, insbesondere S. 654f.
Einzelnachweise
Kategorie:Keltische Gottheit Kategorie:Germanische Gottheit Kategorie:Weibliche Gottheit