Willibald Gutsche (* 14. August 1926 in Erfurt; † 3. Juli 1992 ebenda) war ein deutscher Historiker. Ursprünglich Geschichtslehrer arbeitete er ab 1961 am Zentralinstitut für Geschichte der Akademie der Wissenschaften der DDR zum Vorkriegsimperialismus und Ersten Weltkrieg und leitete dort ab 1973 die Forschungsgruppe „Deutsche Geschichte 1900 bis 1917“. Er gilt als führender DDR-Experte zur Julikrise, dessen Arbeiten zum Ersten Weltkrieg ungeachtet ihrer marxistisch-leninistischen Ausrichtung Gemeinsamkeiten mit den Werken von Fritz Fischer aufwiesen. Mit seinen Arbeiten zur Geschichte der Stadt Erfurt prägte Gutsche die Regionalgeschichtsschreibung der DDR.
Leben Gutsche, Sohn eines kaufmännischen Angestellten, musste 1943 seinen Schulbesuch unterbrechen. Er trat in den Reichsarbeitsdienst ein, mit dem er Ende 1943 in Kärnten und Kroatien eingesetzt war. Nachdem er im Januar 1944 zur Wehrmacht einberufen worden war, wurde er ab Oktober 1944 an der Ostfront eingesetzt. Im März 1945 geriet er in Pommern in sowjetische Kriegsgefangenschaft, aus der er im September 1946 an Dystrophie leidend entlassen wurde.Matthew Stibbe: Flüchtige Allianzen. Der Erste Weltkrieg als Erfahrungshorizont und Explanandum. In: Franka Maubach und Christina Morina (Hrsg.): Das 20. Jahrhundert erzählen. Zeiterfahrung und Zeiterforschung im geteilten Deutschland. Wallstein Verlag, Göttingen 2016, ISBN 978-3-8353-2825-9 (Beiträge zur Geschichte des 20. Jahrhunderts. Band 21), S. 70 f. Eigentlich hatte Gutsche Förster werden wollen, nahm aber 1946/47 am Sonderlehrgang zur Ausbildung von Neulehrern an der Pädagogischen Fachschule Erfurt im Fach Geschichte teil. Von November 1947 bis 1961 war er Geschichtslehrer bzw. stellvertretender Direktor von Oberschulen in Erfurt.Matthew Stibbe: Flüchtige Allianzen. Der Erste Weltkrieg als Erfahrungshorizont und Explanandum. In: Franka Maubach und Christina Morina (Hrsg.): Das 20. Jahrhundert erzählen. Zeiterfahrung und Zeiterforschung im geteilten Deutschland. Wallstein Verlag, Göttingen 2016, S. 72 f.
Gutsche leitete von 1953 bis 1967 das „Wissenschaftliche Kollektiv zur Erforschung der Erfurter Stadtgeschichte“, das sich 1952/53 in der Tradition des 1945 verbotenen Vereins für die Geschichte und Altertumskunde von Erfurt im Kulturbund der DDR zusammengefunden hatte und gab Schriftenreihen zur Geschichte Erfurts heraus. Zugleich absolvierte er von 1954 bis 1956 ein Fernstudium der Geschichte und Philosophie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Als Externer legte er 1956 das Staatsexamen ab und promovierte im Dezember 1959 bei Max Steinmetz und Heinz Herz über die revolutionäre Bewegung während des Ersten Weltkrieges und in der Novemberrevolution in Erfurt.
Nach eigener Darstellung wurde Gutsche nach der Veröffentlichung seiner Staatsexamensarbeit über den Kapp-Putsch Opfer einer Diffamierungskampagne der SED, bei der ihm „revisionistische Verfälschung der Geschichte der Partei“ vorgeworfen wurde.Willibald Gutsche: Zu den Restriktionen der heimatgeschichtlichen Arbeit in der DDR-Provinz. Das Beispiel der Erfurter Stadtgeschichtsschreibung von 1945 bis 1989. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft.39 (1991), S. 1096. Seine Dissertation habe er nach einem Beschluss der SED 1958 zur Definition der Novemberrevolution umschreiben müssen. Bei der öffentlichen Verteidigung habe die SED-Bezirksleitung versucht, die Promotion scheitern zu lassen. Die Arbeit habe erst 1963 nach vielen Änderungsforderungen der SED veröffentlicht werden können.Willibald Gutsche: Zu den Restriktionen der heimatgeschichtlichen Arbeit in der DDR-Provinz. Das Beispiel der Erfurter Stadtgeschichtsschreibung von 1945 bis 1989. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft.39 (1991), S. 1098. Der Historiker Matthew Stibbe kommentiert, dass die Empörung über Gutsches Dissertation nicht leicht nachvollziehbar sei, da sich Gutsche darin ausführlich auf Walter Ulbrichts Thesen Über den Charakter der Novemberrevolution bezogen und damit die offizielle Linie der Partei akzeptiert habe. So habe Gutsche die Novemberrevolution als „gescheiterte bürgerlich-demokratische Revolution“ charakterisiert, die in gewissem Umfang mit proletarischen Mitteln und Methoden durchgeführt worden sei. Stibbe vermutet die Erklärung für Gutsches Schwierigkeiten in den ideologischen und politischen Rivalitäten innerhalb des Historischen Instituts der Friedrich-Schiller-Universität Jena in den späten 1950er Jahre, in die Gutsches Doktorvater Steinmetz verwickelt war. Die SED-Universitätsparteileitung habe in dieser Zeit zahlreiche Dissertationen infrage gestellt, um Druck auf ideologisch verdächtige Akademiker auszuüben. Gutsche habe sich durch eine 1958 verfasste Broschüre über den Kapp-Putsch in Erfurt angreifbar gemacht, der vom Parteiorgan Neuer Weg „jede[r] Maßstab für eine marxistisch-leninistische Einschätzung der örtlichen Kämpfe“ abgesprochen wurde. Die Broschüre wurde in der Folge eingestampft. Inwieweit diese Erfahrungen Gutsches weitere Laufbahn beeinflussten, lässt sich Stibbe zufolge mangels Quellen nur schwer beurteilen.Matthew Stibbe: Flüchtige Allianzen. Der Erste Weltkrieg als Erfahrungshorizont und Explanandum. In: Franka Maubach und Christina Morina (Hrsg.): Das 20. Jahrhundert erzählen. Zeiterfahrung und Zeiterforschung im geteilten Deutschland. Wallstein Verlag, Göttingen 2016, S. 74–76, zit. 75.
Von 1961 bis 1972 arbeitete Gutsche als wissenschaftlicher Assistent, Oberassistent und wissenschaftlicher Arbeitsleiter in der Arbeitsgruppe „Erster Weltkrieg“ unter der Leitung von Fritz Klein am Institut für Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung der Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED in Ost-Berlin. Er leitete das Autorenkollektiv zum Zweiten Band einer dreibändigen Geschichte des Ersten Weltkriegs. Im Februar 1967 habilitierte er sich bei Heinrich Scheel, Joachim Streisand und Fritz Klein über die Kriegszielpolitik unter Theobald von Bethmann Hollweg und veröffentlichte 1973 eine Biographie des Reichskanzlers. 1973 übernahm er die Leitung der Forschungsgruppe „Deutsche Geschichte 1900 bis 1917“ am Zentralinstitut für Geschichte an der Akademie der Wissenschaften der DDR, der unter anderem Gerd Fesser, Baldur Kaulisch und Reinhold Zilch angehörten, und gründete den Arbeitskreis „Deutscher Imperialismus vor 1914“. Im September 1976 wurde er zum Professor ernannt.
Gutsche arbeitete auch weiter zur Regional- und Stadtgeschichte, insbesondere zur Geschichte der Stadt Erfurt. Von 1968 bis 1974 leitete Gutsche nebenamtlich das Museum für Stadtgeschichte in Erfurt. Von Januar 1979 bis 1990Heimatforscher mit neuem Anspruch. In: Neues Deutschland. 13. Januar 1990, S. 13. war er Vorsitzender der neu gegründeten Gesellschaft für Heimatgeschichte und leitete von 1981 bis 1989 auch die Forschungsstelle für Regionalgeschichte am Zentralinstitut für Geschichte bzw. Institut für deutsche Geschichte. Er war Redaktionsleiter der seit 1985 erscheinenden Reihe Aus der Geschichte der Stadt Erfurt und Leiter eines Autorenkollektivs, das 1986 eine Geschichte der Stadt veröffentlichte. Gutsche war langjähriges Mitglied des Präsidialrates des Kulturbundes der DDR. 1989 gehörte er dem Präsidium der Historiker-Gesellschaft der DDR an.
Gutsche wurde 1969 mit dem Orden Banner der Arbeit Stufe I und 1986 mit dem Vaterländischen Verdienstorden in Bronze ausgezeichnet. Außerdem erhielt er die Johannes-R.-Becher-Medaille in Gold.
Werk Gutsche beschäftigte sich zum einen mit der Vorgeschichte des Ersten Weltkrieges. Seine Arbeiten waren, so Matthew Stibbe, durch seine Kriegserfahrung und seine Abscheu vor dem Krieg geprägt. Gutsche rezipierte westdeutsche Historiker, wobei seine persönlichen Westkontakte auf Fritz Fischer und dessen Studenten Dirk Stegmann und Peter Borowsky sowie auf die an amerikanischen Universitäten lehrenden Georg Iggers und Konrad Jarausch beschränkt waren. Er entwickelte sich zum führenden DDR-Experten für die Julikrise. Nach Stibbes Ansicht ähnelten Gutsches Auffassungen über die deutsche Führung von 1914 und deren Verantwortung für den Krieg dabei denen von Fritz Fischer. Ungeachtet des marxistisch-leninistischen Rahmens habe Gutsche einen ähnlich rigiden antiapologetischen Ton gepflegt. Gutsche schrieb Theobald von Bethmann Hollweg entscheidende Verantwortung für den Tod von Millionen Menschen zu, während er Kaiser Wilhelm II. als Schlüsselfigur ansah, der den Kurs der deutschen Politik entscheidend bestimmt und deshalb auch persönlich entscheidende Verantwortung für den Ersten Weltkrieg trage.Matthew Stibbe: Flüchtige Allianzen. Der Erste Weltkrieg als Erfahrungshorizont und Explanandum. In: Franka Maubach und Christina Morina (Hrsg.): Das 20. Jahrhundert erzählen. Zeiterfahrung und Zeiterforschung im geteilten Deutschland. Wallstein Verlag, Göttingen 2016, S. 71 f. Fritz Fischer attestierte Gutsche 1991 ein „ernsthaftes wissenschaftliches Angehen der Probleme“ des Ersten Weltkrieges und seiner Folgen. Gutsches Monographien über Theobald von Bethmann Hollweg und Kaiser Wilhelm II. hätten sowohl die (west-)deutsche wie die angelsächsische Geschichtsschreibung beeinflusst. Gutsche habe außerdem häufig Schwierigkeiten bekommen, „weil seine Geschichtsauffassung sich zu sehr an Denkformen des Westens angenähert habe“.Matthew Stibbe: Flüchtige Allianzen. Der Erste Weltkrieg als Erfahrungshorizont und Explanandum. In: Franka Maubach und Christina Morina (Hrsg.): Das 20. Jahrhundert erzählen. Zeiterfahrung und Zeiterforschung im geteilten Deutschland. Wallstein Verlag, Göttingen 2016, S. 34.
Zum anderen ist Gutsche als einer der Protagonisten der Regionalgeschichtsforschung der DDR bekannt. Er vertrat dabei einen marxistisch-leninistischen Ansatz, bei dem Laien nicht ausgeschlossen sein und bei dem bisher vernachlässigte Themen wie die Geschichte der Arbeiterbewegung in den Mittelpunkt rücken sollten. Die von Gutsche maßgeblich verantwortete Geschichte der Stadt Erfurt (1986) gilt als ein „Meilenstein der DDR-Stadtgeschichtsforschung“.Jürgen Schmidt: Begrenzte Spielräume. Eine Beziehungsgeschichte von Arbeiterschaft und Bürgertum am Beispiel Erfurts 1870 bis 1914. V & R, Göttingen 2005, S. 22. Laut dem Historiker Karlheinz Blaschke, der auch schon in der DDR die marxistische Regionalgeschichte kritisierte, war Gutsche „einer der führenden Geschichtspropagandisten der DDR“. Mit ideologischen Phrasen habe Gutsche versucht, die unpolitische Heimatgeschichte mit dem internationalistischen Geschichtsbild der Arbeiterklasse in Übereinstimmung zu bringen. Die Wirkung sei damals jedoch gering gewesen.Karlheinz Blaschke: Die "marxistische" Regionalgeschichte. Ideologischer Zwang und Wirklichkeitsferne. In: Georg G. Iggers u. a. (Hrsg.): Die DDR-Geschichtswissenschaft als Forschungsproblem. R. Oldenbourg, München 1998, ISBN 3-486-64426-2 (Historische Zeitschrift Beiheft. 27), S. 354f.