Europäisch-Festländische Provinz (EFBU)Europese Continentale ProvincieEuropean Continental Province 120px Kirche Ev. Brüdergemeine (EBU) Staat Albanien, Dänemark,Deutschland, Estland,Lettland, Niederlande,Schweden und Schweiz Sitz Bad Boll, Herrnhut und ZeistBestandszeitraumseit 1857 Fläche 1.071.907 km² (2013) Distrikte keiner1946–1992: zwei Gliedgemeinden 24 (2021) Sozietäten und Missionen 17 (2021) Einwohner127.390.365 (2012)Einwohnerzahlen gemäß Statistiken der betreffenden Staaten 2011–2013. GemeinmitgliederDer Begriff Gemeinmitglied bezeichnet im Sprachgebrauch der Brüdergemeine ein Mitglied dieser Kirche. Vgl. Hedwig Richter: Pietismus im Sozialismus: Die Herrnhuter Brüdergemeine in der DDR. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2011, ISBN 978-3-525-37007-0, S. 32. 16.000 (2022) Webseite http://www.ebu.de/
Die Europäisch-Festländische Provinz der Brüderunität (; ) ist eine von derzeit 24 Unitätsprovinzen der Herrnhuter Brüdergemeine (auch Evangelische Brüder-Unität (EBU) bzw. Brüdergemeine, ). Ferner bestehen noch fünf Missionsprovinzen.
Der Name der Europäisch-Festländischen Provinz rührt daher, dass sie Kirchengemeinden und andere Gemeinschaftsformen in acht verschiedenen europäischen Ländern umfasst (Albanien, Dänemark, Deutschland, Estland, Lettland, Niederlande, Schweden und Schweiz) mit ca. 16.000 Mitgliedern.Website. Weitere Provinzen in Europa sind die Britische und die Tschechische Provinz der Brüderunität.
Aufbau, Aufgaben und Organe Die Europäisch-Festländische Provinz umfasst 24 brüderischeDer Begriff brüderisch beschreibt im Sprachgebrauch der Brüdergemeine die Zugehörigkeit zu oder eine Eigenheit ihrer Glaubensgemeinschaft. Vgl. Hedwig Richter: Pietismus im Sozialismus: Die Herrnhuter Brüdergemeine in der DDR. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2011, ISBN 978-3-525-37007-0, S. 26. Kirchengemeinden, davon 16 in Deutschland, sieben in den Niederlanden und eine in Dänemark, sowie 13 andere Gemeinschaftsformen, wie Sozietäten und Missionen, davon fünf Sozietäten in der Schweiz, drei in Deutschland, zwei in Schweden, sowie die jeweils nicht untergliederten, sondern landesweit aktiven Missionen in Albanien, Estland und Lettland. Sozietäten sind Gruppen von Gemeinmitgliedern, die in Zusammenarbeit mit Kirchengemeinden anderer Kirchengemeinschaften, oft bei doppelter Mitgliedschaft, Glauben und brüderische Tradition pflegen. Außerdem unterhält die Provinz sechs Missionswerke, die Brāļu draudzes misija in Lettland, die Brødremenighedens Danske Mission, die Föreningen Evangeliska Brödrakyrkans Vänner in Schweden, die Herrnhuter Missionshilfe, die Mission21 in der Schweiz und die Zeister Zendingsgenootschap in den Niederlanden.
mini|Das Provinciaal Bestuur (Rückfront) im Broederhuis zu Zeist Kirchengemeinden und andere Gemeinschaftsformen wählen Delegierte für die Synode der Europäisch-Festländischen Provinz, die alle zwei Jahre tagt und oberstes legislatives Organ der Provinz ist.N.N., , auf: , abgerufen am 14. Februar 2014. Die Synode wählt ihren Synodalvorstand sowie Ausschüsse für bestimmte Aufgaben. So führt der mit Ehrenamtlichen besetzte intersynodale Finanzausschuss die Finanzen der Kirchenprovinz. Die Synode wählt ferner Vertreter für die Unitätssynode (bis 1957 Generalsynode) der Gesamtkirche, die alle sieben Jahre tagt. Die provinziale Synode wählt auf jeweils sechs Jahre für die Europäisch-Festländische Provinz eine Provinzialkirchenleitung, die in fünf Abteilungen gegliederte Unitätsdirektion, mit ihren Abteilungen verteilt auf die drei Orte Bad Boll (Unitätshaus), Herrnhut (Vogtshof) und Zeist (; d. h. Provinzialleitung).Dietrich Meyer: Zinzendorf und die Herrnhuter Brüdergemeine: 1700–2000, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2009, ISBN 978-3-525-01390-8, S. 154. Die Direktion beaufsichtigt die Missionswerke, die übergemeindlichen Dienste und Einrichtungen sowie Kirchengemeinden und die anderen Gemeinschaftsformen. In den Leitungsgremien verbundener aber selbständiger Stiftungen wirken Vertreter der Direktion mit.
Geprägt vom Pietismus, engagieren sich die Provinz und ihre Gliedgemeinden in ihrem Gebiet, wie die Brüdergemeine weltweit, in der Seelsorge, in der Bildung, in der Hilfe für Arme, der Alten- und Krankenpflege. Die übergemeindlichen Dienste der Provinz umfassen die Ziehung der Herrnhuter Losungen und ihre Veröffentlichung, die Jugendarbeit, die Schwesternarbeit, die Pflege der Kirchenmusik, die Öffentlichkeitsarbeit, die Mittelbeschaffung und die Vertretung der Brüdergemeine nach außen.
Die nichtselbständigen Einrichtungen umfassen Schulen in Königsfeld im Schwarzwald, Tossens und Zeist, sechs Kindergärten, das Tagungs- und Erholungsheim Herrnhut und das Rüstzentrum Sonnenschein in Ebersdorf. Rechtlich und etatmäßig selbständig, aber der Brüdergemeine verbunden, sind die Stiftung Diakonissenhaus Emmaus in Niesky, die Stiftung Herrnhuter Diakonie (Altenhilfe, Behindertenhilfe, Bildung sowie Hospiz- und Palliativarbeit an vier Standorten in Sachsen und Sachsen-Anhalt), das Zinzendorf-Gymnasium in Herrnhut sowie sechs Unternehmen, darunter die Abraham Dürninger GmbH & Co., eine Textildruckbetrieb, und die Herrnhuter Sterne GmbH.
Ökumenische Beziehungen Die Provinz pflegt intensiv ökumenische Beziehungen u. a. durch ihre Mitgliedschaften in der Konferenz Europäischer Kirchen, der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (Leuenberger Kirchengemeinschaft), im Ökumenischen Rat der Kirchen, in der Evangelischen Allianz.Hedwig Richter: Pietismus im Sozialismus: Die Herrnhuter Brüdergemeine in der DDR. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2011, ISBN 978-3-525-37007-0, S. 13. Ferner ist der deutsche Zweig der Provinz der Evangelischen Kirche in Deutschland angegliedert sowie Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland und Gastmitglied in der Vereinigung Evangelischer Freikirchen; der niederländische Zweig ist Mitglied im Raad van Kerken in Nederland.
Geschichte Die Generalsynode, das oberste legislative und Vertretungsorgan der gesamten Brüdergemeine, setzte 1764 das Unitätsdirektorium als Kirchenleitung ein., auf: Unitätsarchiv moravian archives, abgerufen am 10. Februar 2014. 1769 wurde das Unitätsdirektorium als Unitätsältestenkonferenz (UAC) reorganisiert. In der Zeit zwischen zwei aufeinander folgenden Generalsynoden bildete die UAC Leitung und Oberaufsicht über die weltweite Brüdergemeine.
Die durch erfolgreiche Mission und positive Geburtenentwicklung personell erstarkten MoravenDer Begriff Morave bezeichnet im Sprachgebrauch der Brüdergemeine ein Mitglied in Nordamerika, wo die umgangssprachliche und vorherrschende Bezeichnung der Mitglieder der Brüdergemeine Moravian (Brethren) lautet. Entsprechend ist die Gesamtkirche dort als Moravian Church bekannt. Vgl. Hedwig Richter: Pietismus im Sozialismus: Die Herrnhuter Brüdergemeine in der DDR. S. 22. verlangten für die Brüdergemeine in Nordamerika stärkere Selbstbestimmung und weniger als Dominanz empfundenen Herrnhuter Zentralismus.Hedwig Richter: Pietismus im Sozialismus: Die Herrnhuter Brüdergemeine in der DDR. S. 22. 1818 drangen die Moraven auf der Generalsynode mit ihrem Ansinnen nicht durch.Hedwig Richter: Pietismus im Sozialismus: Die Herrnhuter Brüdergemeine in der DDR. S. 38. Doch die neue Unitätsverfassung von 1857 trug ihren Wünschen Rechnung, indem die Gesamtkirche in Kirchenprovinzen untergliedert wurde. Die Britische und die Nordamerikanische Provinz der (anfangs in zwei Distrikte unterteilt, die 1899 zu eigenständigen Provinzen wurden) entstanden neu;Craig Atwood: Die Brüdergemeine (Moravian Church) in Nordamerika. In: Matthias Meyer, Peter Vogt (Hrsg.): Die Herrnhuter Brüdergemeine (Evangelische Brüder-Unität / Unitas Fratrum) (= Die Kirchen der Gegenwart 6). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2020, ISBN 978-3-525-82552-5, S. 213–228, hier S. 214 f. die Brüdergemeine in Europa (ohne Britannien) bildete nunmehr die Europäisch-Festländische Provinz. Jede Provinz war in juristischer und vermögensrechtlicher Hinsicht unabhängig.Dietrich Meyer: Zinzendorf und die Herrnhuter Brüdergemeine: 1700–2000. S. 167 (Digitalisat) Während für die beiden erstgenannten Provinzen eine Provinzialältestenkonferenz (PAC) eingerichtet wurde, fungierte die UAC der Gesamtkirche zugleich als Provinzialleitung für die Europäisch-Festländische Provinz.
mini|Der Vogtshof in Herrnhut, seit 1913 Sitz der europäisch-festländischen Unitätsdirektion Die Generalsynode löste 1899 die UAC in ihrer bisherigen Gestalt auf und setzte an ihre Stelle die Unitätsdirektion. Die Leitung der Europäisch-Festländischen Provinz lag somit seither bei der Unitätsdirektion in Herrnhut in Sachsen. Die Leitung der Gesamtkirche liegt beim Unitätsvorstand (Unity Board). 1924 schloss sich die Brüdergemeine als assoziiertes Mitglied dem Deutschen Evangelischen Kirchenbund (DEKB) an.Hedwig Richter: Pietismus im Sozialismus: Die Herrnhuter Brüdergemeine in der DDR. S. 43.
Die Große Depression ab Ende der 1920er Jahre zwang die Europäisch-Festländische Provinz zu Einsparungen, die bis 1932 mehrere pauschale Gehaltskürzungen einschlossen.Dietrich Meyer: Zinzendorf und die Herrnhuter Brüdergemeine: 1700–2000. S. 139. Auch die Zahl der Synodalen wurde verringert. Die Brüdergemeinen schlossen sich 1932 zum Zwecke der gegenseitigen Unterstützung zum Verband der Brüdergemeinen zusammen.
Während der NS-Zeit verhielten sich viele Gemeinmitglieder konform und loyal zum diktatorischen Regime, viele waren auch Nationalsozialisten.Hedwig Richter: Pietismus im Sozialismus: Die Herrnhuter Brüdergemeine in der DDR. S. 48, 53. Mit der Überführung des Deutschen Evangelischen Kirchenbundes in die Deutsche Evangelische Kirche (DEK) 1933 ging die Assoziierung der Brüdergemeine auf diese über, ihre Vertreter nahmen an den Nationalsynoden der DEK 1933 und 1934 teil.Dietrich Meyer: Zinzendorf und die Herrnhuter Brüdergemeine: 1700–2000. S. 142. Doch im Oktober 1933 verwarfen junge brüderische Theologen auf der achten Jung-Theologen-Tagung der Brüdergemeine den Totalitätsanspruch des Nationalsozialismus und Hitlers und reklamierten die zentrale Leitungsfunktion für Jesus von Nazareth.Dietrich Meyer: Zinzendorf und die Herrnhuter Brüdergemeine: 1700–2000. S. 142seq. Die Unitätsdirektion dagegen begrüßte die Machtübernahme der Nazis und lobte die große Zustimmung für die NSDAP in brüderischen OrtsgemeinenDer Begriff Ortsgemeine bezeichnet im Sprachgebrauch der Brüdergemeine einen Ort, der von ihren Mitgliedern gegründet und/oder ausschließlich bewohnt ist bzw. ursprünglich war. Vgl. Hedwig Richter: Pietismus im Sozialismus: Die Herrnhuter Brüdergemeine in der DDR. S. 13. wie Gnadenfrei und Kleinwelka. Die Unitätsdirektion versuchte sich der vollkommenen Vereinnahmung durch Staat und NS-Ideologie zu entziehen, allerdings ohne je offen den Konflikt zu wagen.Hedwig Richter: Pietismus im Sozialismus: Die Herrnhuter Brüdergemeine in der DDR. S. 55. Im August 1934 gelobten junge Gemeinmitglieder aus Gnadenfrei, den wahren Nationalsozialismus in der Brüdergemeine zu leben. Gerhard Veil aus Gnadenfrei beabsichtigte, nach dem Vorbild der Deutschen Christen eine Deutsche Brüdergemeine zu gründen, was die Unitätsdirektion aber als Sektierertum zurückwies. 1934 unterstellte die Brüdergemeine ihre Missionsaktivitäten der Schweizerischen Missionshilfe,Dietrich Meyer: Zinzendorf und die Herrnhuter Brüdergemeine: 1700–2000. S. 146. da die 1931 verhängte staatliche Devisenrationierung in Deutschland (Reichsfluchtsteuer) von den Nazis zunehmend genutzt wurde, Kirchen durch Gewährung oder Verwehrung von Devisen für die Auslandstätigkeit zur Willfährigkeit zu erpressen.