Die Geschichte der Stadt Dnipro beschreibt die Entwicklung der Stadt Dnipro, die nach der Gründung durch den Stellvertreter Katharinas der Großen, Grigori Alexandrowitsch Potjomkin, als Jekaterinoslaw Hauptstadt des Gouvernements Neurussland und anschließend des nach ihr benannten Gouvernements Jekaterinoslaw wurde. Die Stadt wurde während der Ära der sowjetischen Herrschaft aufgrund der hier beheimateten Rüstungsindustrie (unter anderem Juschmasch und KB Juschnoje) zu einer geschlossenen Stadt und ist heute die drittgrößte Stadt der Ukraine und wichtiger Wirtschafts- und Universitätsstandort.

Ur- und Frühgeschichte mini|Ausgrabungsgegenstände, die der Jamnaja-Kultur zugeordnet werden.

Das Gebiet des heutigen Dnipro war schon seit dem Paläolithikum besiedelt, jedoch kam es häufig zu Verwüstungen, zuletzt im 13. Jahrhundert während des Mongolensturms. In der Jungsteinzeit sollen dort von 5000 bis 4000 v. Chr. Vertreter der Dnepr-Don-Kultur gelebt haben, denen später die Sredny-Stog-Kultur folgte, die etwa auf die Zeit von 4500 bis 3500 v. Chr. datiert wird. Eine der bekanntesten mit dieser Kultur in Verbindung gebrachten Ausgrabungsorte, Derijiwka, liegt ganz in der Nähe der Stadt. Das Gebiet soll nach anderen Ansichten in der Zeit von 4800 bis 3000 v. Chr. der östliche Ausläufer der Cucuteni-Tripolje-Kultur gewesen sein.

Am Übergang von der Jungsteinzeit zur Kupfersteinzeit gehörte das Stadtgebiet zu den Ursprungsregionen der vermutlich halbnomadischen Kurgankultur, die auf die Zeit von 4400 bis 4300 v. Chr. datiert wird – dies ist jedoch wissenschaftlich nicht ganz unumstritten (vgl. Kritik an der Kurgantheorie und spätere Forschung).Marija Gimbutas: Das Ende Alteuropas. Der Einfall von Steppennomaden aus Südrussland und die Indogermanisierung Mitteleuropas. (= Archeolingua. series minor 6). Hrsg. Archaeological Institute of Hungarian Academy of Sciences and the Linguistic Institute of the University of Innsbruck. Archaeolingua Alapítvány, Budapest 1994, ISBN 3-85124-171-1.

Von der Jamnaja-Kultur wurden aus der späten Kupfersteinzeit/frühen Bronzezeit im stadtnahen Storoschowa mohyla-Kurgan frühe Überreste von Wagen von A. I. Trenoschkin ausgegraben. Aus dieser Zeit stammt vermutlich auch die größte Sammlung von „Stein-Babas“Kurzer Artikel über die „Stein-Babas“ von Dnipro, abgerufen auf www.ukrainehotelsonline.com am 20. Juni 2013. (, ) der Ukraine, die sich im Historischen Museum von Dnipro befindet. Wegen ihrer über 3000-jährigen GeschichteJ. P. Mallory, D. Q. Adams: Kemi Oba Culture. In: Encyclopedia of Indo-European Culture. Fitzroy Dearborn, 1997, S. 327–328. waren sie sicherlich nicht das Produkt nur eines Volkes. Die frühesten werden jedoch mit der Jamnaja-Kultur, die eisenzeitlichen Exemplare mit den Skythen und die mittelalterlichen mit verschiedenen Turkvölkern in Verbindung gebracht.

Der Jamnaja-Kultur folgte in der Bronzezeit etwa von 2800/2500 v. Chr. bis 2000 v. Chr. die Katakombengrab-Kultur, die ihren Namen von den von ihnen angelegten Katakomben haben, deren unterirdische Teile am ehesten mit den ägyptischen Mastabas vergleichbar sind. In der Spätbronzezeit folgte im 20. bis 12. vorchristlichen Jahrhundert die Srubna-Kultur. mini|Skythischer Bogenschütze

Das Steppengebiet rund um die Stadt war Teil des sogenannten Wilden Feldes, das in der Antike (8./7. Jahrhundert v. Chr.) von den iranischsprachigen Reitervölkern der Skythen und später von den ihnen nahestehenden Sarmaten, die im 4./3. Jahrhundert v. Chr. die Skythen unterwarfen und assimilierten, bewohnt wurde.

Völkerwanderungszeit Vom 2. bis Anfang des 5. Jahrhunderts n. Chr. könnte dort auch die mit den Ostgoten assoziierte Tschernjachow-Kultur ansässig geworden sein, da die Goten zu dieser Zeit aus dem Weichselraum an die Küsten des Schwarzen Meeres drängten, wobei sie vermutlich die dort ansässigen Aorsen, den damals größten Stamm der Sarmaten, über einen Zeitraum von 20 Jahren allmählich besiegten. Etwa um das Jahr 374 sollen die ersten Hunnen unter ihrem Führer Balamir die Wolga überquert und dabei das Reich der Alanen zerstört und mit ihnen anschließend ein Bündnis geschlossen haben. Durch den Druck aus Osten wurden wohl auch die sarmatischen Stämme der Jazygen und der Roxolanen in Richtung Westen (am wahrscheinlichsten auf den Balkan) verdrängt. Im Jahre 375 wurden die Greutungen (Ostgoten) Ermanarichs vernichtet (vgl. vor allem Ammianus Marcellinus, Res gestae 31, 2f.), spätestens zu dieser Zeit begann der Hunnensturm.Vgl. zur folgenden Geschichte die einschlägigen Handbücher zur Spätantike sowie Maenchen-Helfen: Welt der Hunnen. Wiesbaden 1997, ISBN 3-928127-43-8; allgemein und recht aktuell etwa Peter J. Heather: The Fall of the Roman Empire. London 2005, ISBN 0-330-49136-9, S. 145 ff.

Im vierten Jahrhundert könnten auch die Bulgaren bzw. Proto-Bulgaren im Zuge der Völkerwanderung mitgerissen worden sein. Sie siedelten sich im sogenannten Onoguria an und weiteten ihr Reich über das heutige Dnipro aus. Wahrscheinlich siedelten sich um diese Zeit die aus Norden kommenden Slawen erstmals in dem Gebiet an, wobei einige auch zusammen mit den Bulgaren in Richtung Balkan gezogen sein könnten. Nach dem Abzug der Hunnen und der von ihnen in Richtung Westen vertriebenen Völker entstand um die heutige Stadt und die gesamte Südukraine ein Machtvakuum.Einführend siehe Florin Curta: The Making of the Slavs. History and Archaeology of the Lower Danube Region, C. 500–700. Cambridge 2001; Florin Curta: Southeastern Europe in the Middle Ages, 500–1250. Cambridge 2006; Christian Lübke: Das östliche Europa. Die Deutschen und das europäische Mittelalter. München 2004. Im 6. Jahrhundert teilten sich die frühen Bulgaren vermutlich in die Kutriguren, die weiter in Richtung Westen drängten und die Utiguren, die am Don geblieben waren und wahrscheinlich das Großbulgarische Reich gründeten, zu dessen Einzugsgebiet auch Dnipro gehörte. Was mit den Onoguren, einem weiteren Stamm, der mit den Protobulgaren in Verbindung gebracht wird, geschah, ist unklar. So wurde das Gebiet des heutigen Dnipro wie die ganze Südukraine zum Durchzugsgebiet der Bulgaren aus ihrer Heimat, die vermutlich an der Wolga lag. Im 7. Jahrhundert zogen die Bulgaren unter ihrem Anführer Kubrat allmählich immer weiter in das heutige Bulgarien, wobei ein Teil vermutlich den Staat der Wolgabulgaren bildete. Aus dieser Zeit stammt wohl der Fund des bedeutenden Pereschepenski-Schatzes bei Poltawa, 100 Kilometer nördlich von Dnipro., abgerufen am 22. Juni 2013 (englisch).

Mittelalter bis zum Kosakenstaat Das Gebiet östlich der Stadt wurde etwa um das Jahr 750 Teil des Chasarenreiches. Außerdem gehörte es zum Handelsnetz der Radhaniten, jüdischen Kaufleuten, die etwa vom 8. bis zum 11. Jahrhundert die Handelsbeziehungen zwischen den verfeindeten Ländern des Abendlandes und der islamischen Welt sicherstellten und auch Handel mit Indien und China trieben. Sie waren wahrscheinlich der wichtigste Grund für die große Bedeutung des Judentums im Chasarenreich. Westlich der Stadt besiedelten die 600 n. Chr. noch im Wolgagebiet lebenden Magyaren um das Jahr 900 n. Chr. schon das Gebiet zwischen Dnister und Dnepr, vermutlich das von ihnen so genannte Etelköz (wörtlich: Land zwischen den Flüssen) – an der Ostgrenze des Chasarenreiches, dem sie tributpflichtig waren. In dieser Zeit schlossen sich ihnen auch die Kabaren an, drei Stämme, die gegen das Chasarenreich rebellierten, und zogen wegen des Drucks der Petschenegen aus den Weiten der eurasischen Steppengebiete und der mit ihnen verbündeten Bulgaren unter Zar Simeon I. in Richtung Westen in die Karpaten beziehungsweise in das Pannonische Becken.

Etwa vom 8. bis zum 11. Jahrhundert verlief durch das heutige Stadtgebiet (über den Dnepr) der Handelsweg zwischen Skandinavien und Byzanz, einer der wichtigsten Handelswege Osteuropas.

mini|hochkant=2|Vormalige Ortschaften und Festungen auf dem Gebiet der heutigen Stadt Dnipro

Nach dem Niedergang des Chasarenreiches kamen die Reitervölker der Petschenegen und Kumanen sowie die Goldene Horde. Nach der Auflösung der Goldenen Horde wurde das Gebiet rund um Dnipro im 15. und 16. Jahrhundert von den aus Polen-Litauen geflohenen Ruthenen besiedelt, die dort freie Kosakengemeinschaften gründeten und einen Kosakenstaat bildeten (siehe auch Saporoger Kosaken). Sie kämpften gegen die polnische Herrschaft und wehrten sich gegen die häufigen Überfälle des tatarischen Krimkhanats.

1635 errichteten die Polen etwa zehn Kilometer südlich der Stadt die Festung Kodak, um sich vor den Saporoger Kosaken zu schützen und lokale Bauern davon abzuhalten, sich ihnen anzuschließen. Noch im selben Jahr eroberten Kosaken unter der Führung von Iwan Sulyma die Festung und brannten sie nieder. 1639 errichteten die Polen die Festung in doppelter Größe wieder. Aufgrund des Schutzes durch die Festung siedelten sich immer mehr Menschen in der entstehenden Stadt Stari Kodaki an, anstatt sich den Saporoger Kosaken anzuschließen. Beim Chmelnyzkyj-Aufstand erlebte die Festung eine siebenmonatige Belagerung und ergab sich danach den Kosakentruppen. Sie wurde aufgrund des Friedensvertrages vom Pruth 1711 von den Russen geschleift. Die Siedlung Stari Kodaki gilt.

Zaristisches und kaiserliches Russland mini|Potjomkin mini|Katharina II.

Nach dem kosakischen Bündnisschluss mit Russland wurde Ende des 17. Jahrhunderts eine Expansion des Osmanischen Reiches in die Ostukraine abgewehrt. Nach dem Russisch-Osmanischen Krieg von 1768 bis 1774, als der Einfluss des Osmanischen Reiches nördlich des Schwarzen Meeres beseitigt war, wurde im Zuge des sogenannten griechischen Plans der Kaiserin Katharina der Großen ein umfassendes Erschließungsprogramm der neueroberten südlichen Gebiete ausgearbeitet. Unter der Leitung des Fürsten Grigori Potjomkin wurde hier das Gouvernement Neurussland geschaffen, dessen Hauptstadt das 1776 gegründete Jekaterinoslaw wurde.Thomas Gerlach, Gert Schmidt: Die Ukraine entdecken. 9., komplett überarbeitete und erweiterte Auflage. Trescher Verlag, Berlin 2007, ISBN 978-3-89794-103-8. Die Lage der Stadt etwas südwestlich des heutigen Pidhorodne, am Zusammenfluss von Samara und Kiltschen (), war jedoch unvorteilhaft da aufsteigendes Quellwasser die Stadt regelmäßig in einen Sumpf verwandelte. Deshalb wurde die Stadt 1783 an der heutigen Stelle neu gegründet. 1805 wohnten dort 2.634 Menschen (davon 376 Juden).www.jewishvirtuallibrary.org

Von 1802 bis 1925 war die Stadt Hauptstadt des Gouvernement Jekaterinoslaw. Im 19. Jahrhundert erlebte die Stadt im Zusammenhang mit der Verlegung der Eisenbahnstrecke aus Zentralrussland auf die Krim ein schnelles Wachstum der Bevölkerungszahl und der Industrie.

Dieses Wachstum wurde jedoch zunehmend durch die im Stadtgebiet fließenden Bäche und Flüsse, vor allem durch die Polowizja und ihre sumpfigen Gräben, behindert. Diese führte zu vielen Beschwerden von Anwohnern vor allem über den Gestank und die bei starkem Regen auftretenden Überschwemmungen der anliegenden Häuser, woraufhin viele Stellen überbrückt wurden. Aus diesen Brücken entstanden vor allem in den späten 1900er Jahren zunehmend Kanäle mit denen die städtischen Flüsse und Bäche immer weiter verrohrt und unter die Erde verlegt wurden.