The Albion Band war eine britische Folkrock-Gruppe, als Albion Country Band im Jahr 1972 vom Bassisten, Songwriter und langjährigen Bandleader Ashley Hutchings (* 26. Januar 1945) mit dem Ziel gegründet, traditionelle Lieder und Tänze noch authentischer als vergleichbare Gruppen auf der Basis eines Rock-Fundaments zu interpretieren. Die Albion Band erlebte im Laufe ihrer mehr als vierzigjährigen Geschichte eine Vielzahl von Besetzungswechseln und damit verknüpft einen mehrmaligen Wechsel ihres musikalischen Stils. Speziell in den 1970er Jahren verlieh sie dem Folkrock englischer Prägung eine Reihe innovativer Impulse und leistete einen wesentlichen Beitrag zur Weiterentwicklung dieses Genres.
Bandgeschichte Die Anfänge (1967 bis 1973)
Nach gemeinsamen Erfahrungen in einer Amateurband gründete Ashley Hutchings zusammen mit den Gitarristen Simon Nicol und Richard Thompson im Frühjahr 1967 die Band Fairport Convention, deren Debütalbum Mitte 1968 erschien. Im Laufe des nächsten Jahres folgten drei weitere Alben, die zunehmend in Richtung Folkrock tendierten. Die im November 1969 veröffentlichte Platte Liege & Lief gilt heute als das einflussreichste Folk-Album aller Zeiten.BBC Radio 2 Folk Awards Obwohl die Band nunmehr auch kommerziell erfolgreich war, entstanden gruppeninterne Differenzen über den künftigen musikalischen Kurs. Ashley Hutchings wollte die englische Volkslied-Tradition noch stärker in das Repertoire einbinden, während die damalige Sängerin Sandy Denny den Fokus auf Eigenkompositionen und „modernere“ Songstrukturen legte. Beide verließen schließlich die Band auf getrennten Wegen.
Ende 1969 schloss sich Hutchings dem Folk-Duo Maddy Prior und Tim Hart an. Aus dieser Verbindung entstand die Gruppe Steeleye Span, die im Laufe der nächsten beiden Jahre drei Alben unter der Mitwirkung von Hutchings produzierte. Dann erfolgte hier ebenfalls die Trennung, zum Teil bedingt durch persönliche Animositäten innerhalb der Band und auch auf Grund unterschiedlicher Auffassungen hinsichtlich des Musikstils.The Guv’nor & The Rise of Folkrock, Seite 179ff.
Im Spätsommer 1971 heiratete Ashley Hutchings die Folksängerin Shirley Collins. Zusammen mit ihr und 24 weiteren Musikern, die unter dem Sammelbegriff The Albion Country Band firmierten, entstand im selben Jahr das Folkrock-Album No Roses. Einige Chronisten betrachten diese Produktion als Geburtsstunde der späteren Albion Band, obwohl die Platte eher zum Œuvre von Shirley Collins zähltAngabe auf dem Album: All tracks Trad. Arr. Shirley Collins (deutsch: Alle Titel Traditionals, Arrangement Shirley Collins).Shirley Collins schrieb dazu im Booklet der ersten CD-Edition von No Roses (Mooncrest Records, 1991): „When Ashley and I eventually parted, he took the Albion Band with him. No Roses stayed with me.“ Deutsch: „Als sich Ashley und ich schließlich trennten, nahm er die Albion Band mit. No Roses blieb bei mir.“ und der Bandname ursprünglich nur für diese eine Aufnahmesession gedacht war.
Nach mehreren kurzlebigen Projekten griff Hutchings 1972 auf die bereits existierende Bezeichnung Albion Country Band zurück und stellte unter diesem Namen eine neue Band zusammen. Während des gesamten Jahres trat die Gruppe in häufig wechselnder und manchmal „tagesaktueller“ Besetzung in Clubs und Universitäten auf. Mitglieder waren unter anderem Richard Thompson, Simon Nicol und Linda Peters, später bekannt als Linda Thompson. Schließlich entstand Anfang 1973 mit Ashley Hutchings, Martin Carthy, Sue Harris, John Kirkpatrick, Simon Nicol und Roger Swallow eine feste Besetzung.
Aus der Frühzeit der Band existieren nur wenige Aufnahmen. Eine davon findet sich auf dem Soloalbum Stroll On von Steve Ashley (produziert 1972, veröffentlicht 1974) in Form des achtminütigen Titels Lord Bateman. Schließlich bekam die Albion Country Band im Jahr 1973 vom Label Island Records die Chance zu einer Plattenaufnahme. Das von der Musikkritik später überwiegend positiv beurteilte Battle of the Field enthielt mit Ausnahme von zwei Kompositionen von Richard Thompson nur traditionelles Material. Noch vor dem Erscheinen des Albums löste sich die Albion Country Band im August 1973 auf. Island Records verschob die Plattenveröffentlichung auf unbestimmte Zeit, da es aus Sicht der Firma wenig Sinn machte, eine Gruppe zu promoten, die nicht mehr existierte. Die deutsche Musikzeitschrift Sounds meldete die Auflösung im November 1973 und sah in der Albion Country Band nach Pentangle die zweite profilierte englische Folkrock-Band, die sich auflöste. Die Mitglieder beider Gruppen arbeiteten demnach solo oder im Duo weiter, John Kirkpatrick und Sue Harris etwa wieder in der englischen Folkclub-Szene.
Der Rückschlag traf Ashley Hutchings hart. Er zog sich auf das Land zurück, wo er einige Monate als Briefträger arbeitete. Zeitweise hörte er ganz zu spielen auf, und das entsprechende Kapitel seiner Biografie schließt mit den Worten: „I had finished.“The Guv’nor & The Rise of Folkrock, Seite 278. (deutsch: „Ich war am Ende.“)
Von der Etchingham Steam Band zur Albion Band (1974 bis 1978) Anfang 1974, in der Zeit der Ölkrise und der wirtschaftlichen Rezession, verzichtete Ashley Hutchings vorerst darauf, eine neue Folkrock-Formation ins Leben zu rufen. Stattdessen tourte er zusammen mit seiner Frau Shirley Collins in kleiner und rein akustischer Besetzung zu Auftritten in Folk-Clubs und zu verschiedenen Festivals. Die Phase der Etchingham Steam Band währte etwa zwei Jahre bis Anfang 1976 und wurde erstmals auf einer 1995 erschienenen Live-CD dokumentiert.
Die Rückkehr zum Electric Folk wurde durch Ashley Hutchings’ erfolgreiche Solo-Alben begünstigt: Bereits 1972 war mit Morris On (unter Mitwirkung von Richard Thompson) eine Folkrock-Version traditioneller englischer Morris Dances erschienen. Daran schloss sich 1974 das Album The Compleat Dancing Master an (zusammen mit John Kirkpatrick), eine Collage aus Tanzkompositionen und musikbezogenen Texten, die von Schauspielern aus Werken von William Shakespeare oder Charles Dickens rezitiert wurden. Für Aufsehen sorgte 1975 die vom Musikjournalisten und Buchautor Karl Dallas initiierte Vierfach-LP The Electric Muse: The Story of Folk into Rock. Die sorgfältig editierte Retrospektive enthielt mehrere Titel der „verschollenen“ Platte Battle of the Field. Nun mehrten sich die Stimmen, die von Island Records die Veröffentlichung des Albums forderten. Dies geschah im April 1976, und am Ende des Jahres kam das Nachfolge-Opus von Morris On, das instrumental breiter aufgestellte Son of Morris On, auf den Markt. Das Album gab die stilistische Richtung der neu gegründeten Albion Dance Band für die nächsten Jahre vor: ein solides Rockfundament mit ausreichend Spielraum für Blasinstrumente sowie für Melodeon und Concertina. Die neue Formation spielte 1976 erstmals vor großem Publikum, unter anderem in der Royal Festival Hall. Dabei überraschte sie nicht nur mit zwei Schlagzeugern (Dave Mattacks und Michael Gregory), sondern präsentierte mit Philipp (Phil) Pickett und John Sothcott auch zwei klassisch ausgebildete Künstler auf verschiedenen Blas- und Streichinstrumenten der Renaissance. Für die Einspielung des Semi-Studioalbums The Prospect Before Us (Februar 1977) wurde der Ex-Gryphon-Gitarrist Graeme Taylor fester Bestandteil des zeitweise elf Mitglieder umfassenden Ensembles.
The Prospect Before Us war sorgfältig arrangiert und enthielt mit La Sexte Estampie Real einen Instrumentaltitel des 13. Jahrhunderts. Das Album bekam durchweg gute Kritiken, und entsprechend hoch waren die Erwartungen an den Nachfolger. Rise Up Like The Sun wurde im März 1978 veröffentlicht und wies zwei Besonderheiten auf: Zum einen verkürzte die Gruppe ihren Namen erstmals zu Albion Band, und zum anderen hatte Ashley Hutchings, der zu dieser Zeit eine „Zweitkarriere“ als musikalischer Leiter am Royal National Theatre begann, dem Sänger, Songwriter und Melodeonspieler John Tams die Konzeption des Albums übertragen. Tams nutzte die ihm gewährten Freiheiten, indem er den damaligen Folkrock-Begriff neu definierte und Jazz-Anleihen sowie elektronische Stilmittel mit traditionellen Elementen verschmolz. Bis heute gilt Rise Up Like the Sun als musikalischer Höhepunkt und innovativste Leistung der Albion Band.
Die Nationaltheater-Jahre (1978 bis 1981) In den nächsten Jahren war die Albion Band vorwiegend für das Royal National Theatre tätig. Ashley Hutchings und John Tams als „Music Directors“ konzipierten die Bühnenmusik für eine Reihe von Theaterstücken und szenischen Aufführungen, wobei sie weitgehend auf traditionelles Musikmaterial zurückgriffen. Im März 1978 startete Lark Rise im zum National Theatre gehörenden Cottesloe Theatre (jetzt Dorfman Theatre), und im November 1979 folgte die Premiere von Candleford, jeweils basierend auf der Trilogie Lark Rise to Candleford der englischen Schriftstellerin Flora Thompson aus dem Jahr 1945. Das stark autobiografisch geprägte Werk beschreibt den allmählichen Wandel Englands von einer wertkonservativen Agrargesellschaft zur modernen Industrienation gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Sowohl bei Lark Rise als auch bei Candleford stand der dörfliche beziehungsweise kleinstädtische Alltag im Mittelpunkt der Handlung. Somit bot sich einer Folkrock-Formation wie der Albion Band eine Vielzahl von musikalischen Anknüpfungspunkten. Ein Studioalbum der Bühnenmusik (inklusive einiger gesprochener Szenen) erschien im November 1980. Obwohl die Band auch an weiteren Projekten wie den Bibel-Inszenierungen The Passion und The Nativity beteiligt war, blieb Lark Rise to Candleford das einzige Album dieser Periode.
Nach Abschluss der Theaterphase kam es innerhalb der Band zu Unstimmigkeiten über den künftigen musikalischen Kurs. Vor allem John Tams und Graeme Taylor wollten die progressive Richtung im Stil von Rise Up Like the Sun weiter ausbauen, während Ashley Hutchings am bewährten Folkrock-Schema festhielt. Die unterschiedlichen Ansichten ließen sich nicht vereinbaren, und so brach die Albion Band in ihrer bisherigen Form auseinander.Details schildern die Musikjournalisten David Suff und John Tobler im Booklet der CD-Edition von Rise Up Like the Sun, EMI Records, 1992.Um ihre musikalischen Vorstellungen zu verwirklichen, schlossen sich John Tams, Graeme Taylor und Michael Gregory mit einer Reihe anderer Musiker 1983 zur Folkrock-Band Home Service zusammen. Deren Gründungsgeschichte behandelt der Musikjournalist Ken Hunt im Booklet der Home-Service-CD Alright Jack, Fledg’ling Records, 1997.
Umgruppierungen und Konsolidierung (1982 bis 1990) Ab 1982 präsentierte sich die Albion Band in kleinerer und stark veränderter Besetzung. Vokalistisches Aushängeschild für die nächsten Jahre wurde die Sängerin Cathy Lesurf (vorher bei Fiddler’s Dram beziehungsweise bei der Oyster Band). Das Album Light Shining (Januar 1983) bedeutete in gewisser Weise einen Bruch mit der Zielsetzung früherer Produktionen: Der Anteil traditioneller Songs ging zurück, dafür nahmen die Eigenkompositionen der einzelnen Bandmitglieder breiten Raum ein. Vor allem Ashley Hutchings, der vorher nur sporadisch als Songwriter in Erscheinung getreten war, komponierte und textete nun einen erheblichen Teil des Repertoires.