mini|Das Studio im Deutschen Museum München

Das Siemens-Studio für elektronische Musik war das erste programmierbare Tonstudio, das von 1956 bis 1968 erheblichen Einfluss auf die Entwicklung der elektronischen Musik, der elektroakustischen Musik innerhalb der Neuen Musik, des Synthesizers und der Aufnahmetechnik hatte. In ihm arbeiteten unter anderem Josef Anton Riedl, Pierre Boulez, Henri Pousseur, Mauricio Kagel und Dieter Schnebel.

Die Technik wurde ursprünglich in einem Labor der Siemens & Halske AG in Gauting entwickelt und 1960 als Studio am Unternehmenssitz in München eingerichtet. 1966 kam es an die Hochschule für Gestaltung Ulm und wurde dort 1968 eingelagert. Seit 1993 ist es im Deutschen Museum in München ausgestellt. Die meisten Komponenten sind betriebsbereit.

Im Rückblick wird die Einrichtung des Studios durch die Siemens AG als „richtungsweisende Musikförderung“So Karlheinz Kaske in Siemens Kulturprogramm 1994, S. 7. beschrieben, Pierre Boulez betrachtete es als den eigentlichen Anstoß für seine Hinwendung zur elektronischen Musik.Siemens Kulturprogramm 1994, S. 9. Aus dem spezifischen Klang einiger nur im Siemens-Studio verfügbarer Geräte ergibt sich eine „akustische ‚Handschrift‘“, die beim Hören von im Studio hergestellten Produktionen erkannt werden kann.Schenk 2014, S. 198.

Geschichte

mini|Das für die Aufstellung in Ulm gebaute Mischpult mit einem Rauschgenerator links und dem Frequenzumsetzer rechts. Dahinter die Wand der Sinusgeneratoren

Als Vorläufer der elektronischen oder elektroakustischen Musik gilt die um 1948 entstandene Musique concrète, die auf die Verfügbarkeit von Tonaufzeichnung mittels Magnetbändern zurückgeht. In ihrem Selbstverständnis hat sie Wurzeln in Ideen des Futurismus und Verbindungen zur seriellen Musik. Sie verstand sich als Avantgarde, die die Klänge von Musikinstrumenten überwinden wollte. In Frage kamen in der Realität aufgenommene und weiterbearbeitete Geräusche oder die elektronische Erzeugung von abstrakten Tönen. Einzelne elektronische Instrumente gab es schon früh im 20. Jahrhundert, von elektronischer Musik wird erst seit etwa 1950 gesprochen. Umgesetzt wurden die Konzepte seit Stockhausens Prototyp Studie II von 1954.Schenk 2014, S. 30.

Für einen geplanten Dokumentarfilm von Regisseur Otto Martini über das Unternehmen Siemens & Halske AG schlug der als Berater engagierte Carl Orff 1955 eine „aus dem Rahmen fallende Musik“ vor.. In: Meisterwerke aus dem Deutschen Museum, 2004, ISBN 3-924183-96-1. Er empfahl den jungen Komponisten Josef Anton Riedl. Der musikalisch stark interessierte Ernst von Siemens war entscheidend dafür, dass Riedl jede technische Unterstützung erhielt und ihm das elektroakustische Forschungslabor des Unternehmens in Gauting zur Verfügung gestellt wurde. Riedl schuf für den 1959 fertiggestellten Film Impuls unserer ZeitAlexandra Kinter: . Website der Siemens AG, 16. Oktober 2009. nicht nur einen als „drastisch moderne elektronische Klanggestaltung“ beschriebenen Soundtrack, sondern entwickelte mit den Ingenieuren des Unternehmens völlig neue Geräte: Analoge Klangerzeuger, Klangfilter und Mischpulte wurden erfunden. Die Vocoder-Technik war im Zweiten Weltkrieg für die Stimmverschlüsselung erfunden worden. In Gauting wurde sie für die Musik umgebaut.

Ähnliche Entwicklungen fanden zur selben Zeit auch in anderen Studios statt. Das Studio für elektronische Musik des Westdeutschen Rundfunks in Köln spielte seit 1953 eine Rolle, die Radio Corporation of America unterstützte das Columbia-Princeton Electronic Music Center und experimentierte in New York mit Klangerzeugung und -beeinflussung. In Mailand bestand das Studio di Fonologia Musicale der Rai. Das Siemens-Studio unterschied sich von den anderen, weil hier erstmals nicht Tonbänder zusammengeschnitten und -geklebt werden mussten, sondern alle elektronischen Geräte programmierbar waren. Sie wurden modular durch Lochstreifen gesteuert und die Klänge konnten in Echtzeit aufgenommen werden.

Nachdem der Film 1959 fertig geworden war und 1960 den Bundesfilmpreis gewonnen hatte, entschloss sich Siemens die Geräte weiter zu nutzen. Die für den Film entwickelte Technik sollte als Tonstudio zusammen bleiben und bekannten Komponisten die Möglichkeit zur Entfaltung einer neuen Klangwelt geben. Außerdem würde das Studio für Aufnahmen an Interessierte vermietet werden und Siemens plante mittelfristig Studiotechnik zu verkaufen.Schenk 2014, S. 49. Riedl wurde als künstlerischer Leiter des Siemens-Studios bestellt, Tonmeister und Ingenieur war zunächst H.-J. Neumann, später Hansjörg Wicha. Bis Ende 1959 blieb das Studio im Labor in Gauting, anschließend wurden für es rund 200 m² im Kellergeschoss des Siemensneubaus am Oskar-von-Miller-Ring in München bereitgestellt und das Studio am 1. April 1960 offiziell eröffnet.Schenk 2014, S. 49. Das Studio galt als „Vorzeigeobjekt“Schenk 2014, S. 51. des Unternehmens und wurde mit Vorzimmer, Sprecherraum, Künstlerraum, Regie- und weiteren Räumen ausgestattet. Für den Umzug nach München wurde ein als „relativ großzügig“ beschriebener Etat von 50.000 Mark bereitgestellt; kurz darauf wurden weitere 31.000 Mark investiert.Schenk 2014, S. 50 f. Jeweils die Hälfte der Betriebszeit stand einem eingeladenen Künstler zur Verfügung, der Rest wurde an Rundfunksender, vor allem den Bayerischen Rundfunk, und andere Kunden vermietet.Schenk 2014, S. 56. Das Studio war zu jeder Zeit ausgelastet, für das Geschäftsjahr 1961/62 wurden Mieteinnahmen von 30.000 Mark verbucht, für das Folgejahr waren 50.000 Mark an Erlösen geplant.Schenk 2014, S. 61. Es entstanden neben Kompositionen anerkannter Künstler Soundtracks für einen Dokumentarfilm, mehrere Industrie- und Werbefilme, Klangbeispiele für Lehrfilme, sowie zwei Aufnahmen mit Tanzmusik und verschiedene Sounds wie Sendezeichen und Zwischenmusiken für Rundfunksender. Außerdem nahmen Sender Hörspiele mit verfremdeter Sprache im Studio für elektronische Musik auf.

In diesen Jahren kamen Musiker und Komponisten aus aller Welt als Gäste in das Studio, einige experimentierten mit den Geräten und nahmen kleinere Werke auf. Unter den prominenten Gästen waren Karlheinz Stockhausen, Komponist und Leiter des Kölner Studios, Otto Luening und Vladimir Ussachevski, zwei der Leiter des New Yorker Studios und selbst engagierte Komponisten.Schenk 2014, S. 242–246. Die künstlerischen und technischen Leiter der großen Studios für elektronische Musik standen im engen Kontakt und tauschten ihre technischen Entwicklungen und musikalischen Ideen aus. So legten sie gemeinsam die Grundlagen für die elektronische Musik und insbesondere die Technik des Synthesizers.

John Cage und David Tudor reisten gezielt an, um die Steuerung mit Lochstreifen auszuprobieren.Björn Gottstein: Neue Musik – Rückblick: Forschung und Fortschritt. Website des Goethe-Instituts, Juli 2006. Zu den jungen Komponisten, die im Siemens-Studio die Möglichkeit hatten elektroakustische Musik zu erproben, gehörten György Ligeti und Dieter Schnebel. Der älteren Generation müssen Karl Amadeus Hartmann, Werner Egk und Alois Hába zugerechnet werden. Da sie, aber auch Bruno Maderna, nicht mit elektronischer Musik verbunden werden, ist anzunehmen, dass diese Gäste keine Aufnahmen im Studio gemacht haben.

1963 wollte Siemens das Studio nicht mehr selbst betreiben, als Gründe gelten die hohen Betriebskosten und die Abkehr von der Idee, Studiotechnik zu vermarkten.Schenk 2014, S. 60–67. Das Unternehmen schenkte es der Hochschule für Gestaltung in Ulm, wo es der Abteilung Film unter Alexander Kluge und Edgar Reitz zugeordnet wurde. Noch bis 1966 blieben die Geräte aber am Münchner Standort. Wegen Platzmangels in Ulm konnte das Studio dort nicht vollständig installiert werden, so dass insbesondere ein neues Mischpult konstruiert werden musste. Schon kurz nach dem Umzug des Studios geriet die Hochschule für Gestaltung in Finanzierungsprobleme, die Abteilung Film konnte durch Umwandlung in einen Verein die Auflösung der HfG noch um einige Zeit überleben. Die Studiotechnik wurde 1968 eingelagert und erst 1992 aufgrund von Recherchen Riedls wiederentdeckt. 1993 erhielt das Deutsche Museum die Geräte, seit 1994 sind Teile davon in der Dauerausstellung der Musikabteilung ausgestellt. Original-Tonbänder und die Dokumentation des Studios wurden 1972 in das Siemens-Archiv überstellt, sie gingen 1993 ebenfalls an das Deutsche Museum.Schenk 2014, S. 76.

Das Studio ist im Deutschen Museum großteils aufgebaut. Im Jahr 2009 konnten einige weitere Funktionen wiederhergestellt werden. Seit 2022 gibt es eine neue Präsentation, für die Regieraum und Maschinenraum geteilt aufgestellt sind.Deutsches Museum: Pressemappe Musikinstrumente, abgerufen am 22. Mai 2024

Technik

mini|Blockschaltbild der Studio-Technik

Im Siemens-Studio wurden Geräte verschiedenster Herkunft eingesetzt. Vieles wurde von den Siemens-Mitarbeitern nach Ideen von Riedl und anderen Musikern entwickelt und gebaut. Maßgeblich beteiligt an den Entwicklungen waren die Siemens-Ingenieure Helmut Klein und Alexander Schaaf.Crab 2014. Das Studio als Ganzes muss nach heutigem Sprachgebrauch als Synthesizer verstanden werden: Klänge wurden erzeugt, moduliert und ausgegeben oder aufgezeichnet. Die Besonderheit des Siemens-Studios war die Programmierbarkeit durch Lochstreifen. So konnten die Klänge und ihr zeitlicher Verlauf in Form der Lochstreifen archiviert, wiederverwendet und zu größeren Werken verbunden werden.

Tonerzeugung

mini|Die Hohnerola und der Sägezahngenerator

Das Studio bekam im Laufe der Zeit eine große Zahl an verschiedenen Tongeneratoren.Schenk 2014, S. 80 ff. Viele wurden speziell für diesen Zweck gebaut, nur wenige konnten aus der Produktion für andere Geräte übernommen werden. Ein Zwei-Kanal-Tiefton-Generator mit Frequenzen zwischen 0,3 und 26 Hertz erzeugte zwar weitgehend unhörbare Klänge, diese konnten aber als Eingabe in einen Frequenzumsetzer dienen oder steuerten Synchronmotoren.Schenk 2014, S. 83 f. Rauschgeneratoren und ein Sägezahn-Generator dienten dazu, technische Geräusche mit Zufalls-Komponenten zu erzeugen.Schenk 2014, S. 84 f Mit Schwebungssummern konnten Glissandi erzeugt werden, einer davon konnte laut Dokumentation auch zur Frequenzmodulation eingesetzt werden, was vermutlich eine externe Steuerung durch Anlegen einer Steuerspannung meint.Schenk 2014, S. 86. Ab etwa 1960 stand eine Wand mit zwanzig Sinus-Oszillatoren aus Wien-Robinson-BrückenKlein 1962, S. 110 mit einem Frequenzband von 16 bis 16.000 Hertz zur Verfügung, deren Schwingungen durch eine Zusatzschaltung stufenlos zu Rechteckschwingungen gleicher Frequenz übergehen konnten.Schenk 2014, S. 82. Bis zu zehn der Sinus-Generatoren waren für einen Ton erforderlich, um neben dem Grund- auch Obertöne zu erzeugen, und so ein dem Gehör vertrautes Klangbild zu bieten. Je nach Dynamik der Obertöne konnte so eine trockene, schlagartige, flötenspielähnliche, glockenspielähnliche oder harmonikaähnliche Klangfarbe oder der Eindruck eines Vokals in menschlicher Sprache erreicht werden.Klein 1962, S. 111

Von besonderer Bedeutung war eine Hohnerola, eine elektronisch gesteuerte Zungenorgel von Hohner, die durch die Siemens-Ingenieure massiv umgebaut worden war. Das elektromechanische Instrument konnte vollständig durch Lochstreifen gesteuert werden. Diese wirkten sich auf die Klangerzeugung und als Formant-bezeichnete Bandpassfilter sowie ein Dämpfungsglied zur Erzeugung von Dynamik aus.

Ferner stand dem Studio ein 1959 vom Südwestfunk erbautes Gerät zur Verfügung, das eine Bildabtastung in Tonelemente umsetzte. Es wurde nur wenig benutzt, der Maler Günter Maas setzte es ein, um einige seiner abstrakten Gemälde in Klänge umzusetzen.Schenk 2014, S. 91–93