Die Geschichte der Studentenverbindungen ist eng verknüpft mit der Geschichte der Universitäten. Der Artikel beschreibt die Geschichte der Verbindungen seit den frühen Anfängen an den mittelalterlichen Universitäten, konzentriert sich aber auf die Geschichte der heutigen Formen der Studentenkorporationen.

mini|Typisches studentisches Gruppenbild aus den 1850er Jahren, Kolorierte Lithographie, Corps Friso-Luneburgia Göttingen

Entstehung von Korporationen an europäischen Universitäten Mit den ersten europäischen Universitäten des 12. und 13. Jahrhunderts entstanden auch Zusammenschlüsse von Studenten. Diese entwickelten bestimmte Formen, die als frühe Vorläufer heutiger Verbindungstraditionen anzusehen sind. Zuvor, ab dem siebten Jahrhundert hatte sich Erziehung vornehmlich in Klosterschulen abgespielt.

Nationes mini|Aufnahme eines Studenten in die Natio Germanica Bononiae, die deutsche Nation an der Universität Bologna (15. Jahrhundert)

An der Sorbonne (um 1200) waren es philosophische, an der Universität Bologna (1088) juristische und an der Universität Salerno (um 1160) medizinische Schulen, die sich allmählich zu großen Gemeinschaften zusammenschlossen, in denen ein Studium generale betrieben werden konnte: den Universitäten.

Im Mittelalter gliederte man die Gesamtheit (universitas) der Professoren und Studenten einer Hochschule in Korporationen, die sich Nationen nannten, von denen es in Paris vier, in Bologna siebzehn gab.

Sie dienten wie Gilden dem Schutz ihrer Mitglieder, die sich für die Rechte ihrer Mitglieder einsetzten und darüber hinaus im Rahmen der Korporation „Universität“ konstitutiven Charakter hatten. Das wird besonders deutlich in Bologna, wo sich die Universität schon früh „universitas magistrorum et scholarium“ nannte und wo die Studenten unter anderem das Recht der Rektorenwahl, das Rektorat selbst und die Kontrollbefugnis über die Professoren innehielten.

Dagegen ist Paris im 13. Jahrhundert als Prototyp der nördlichen Professorenuniversität anzusehen. Auch hier bestanden praktisch die gleichen Nationes, sie wurden jedoch im Gegensatz zu Bologna jeweils von einem Magister geleitet. Weitere Nationes existierten an der Universität Prag, der ersten Universität im Heiligen Römischen Reich. Hier gab es die böhmische Nation für Deutsche und Tschechen, daneben eine bayerische, polnische und sächsische Abteilung.

Heutiger Nachfolger der Nationes ist die heute noch in Schweden auftretende Studentnation, wo die „nationer“ genannten Studentenverbindungen teilweise Aufgaben übernehmen, die in Deutschland den Studentenwerken übertragen sind.

Kollegien Parallel zu den nationes entstanden in Paris und England noch die sogenannten „Kollegien“. Als König Heinrich II. 1167 die englischen Studenten aus Paris zurückberief, bildete sich aus den Schulen der Stadt Oxford auch in England ein Studium Generale, eine Universität. Nach einem Streit zogen zu Beginn des 13. Jahrhunderts dreitausend Akademiker von Oxford nach Cambridge und gründeten dort eine neue Universität. Beide Universitäten organisierten sich nach dem Pariser Modell, jede von ihnen hatte zwei Nationen. Da die Universitäten aus verschiedenen Schulen entstanden waren, verteilten sie sich auf viele Gebäude, angemietete Häuser und auch Kirchen, ein Zentralgebäude gab es zunächst nicht. Ein besonderes Problem bildete die Schaffung von Wohnmöglichkeiten für die Studenten. Um Abhilfe zu schaffen, wurden, meist aufgrund von Stiftungen, Kollegien eingerichtet (colleges), in denen die Studenten wohnen konnten und auch unterrichtet wurden. Sie waren Internaten vergleichbar und wurden jeweils von einem Magister geleitet. Dabei handelt es sich um fachliche Zusammenschlüsse ohne Rücksicht auf die Zugehörigkeit zu den nationes.

Das berühmteste Kolleg gründete im Jahre 1257 der Kaplan König Ludwigs des Heiligen, Robert de Sorbonne, das schließlich der ganzen Pariser Universität seinen Namen gab. Es war für arme Theologiestudenten gedacht und nicht landsmannschaftlich begrenzt. Das Leben in diesen Kollegien folgte den Regeln der Bettelorden, Franziskaner, Dominikaner und war entsprechend ausgerichtet. Die Kollegien bestanden bis zur Französischen Revolution fort. In Oxford und in Cambridge bestehen die „Colleges“ als meist reiche Stiftung noch heute, das Tutorensystem sorgt dafür, dass von ihnen aus das Studium geregelt wird, der Promovierte bleibt seinem College als Fellow sein Leben lang verbunden. Kollegien und nationes regelten somit nicht nur den Studiengang, sondern auch das Privatleben.

Erste deutsche Universitäten Die späteren Universitäten in Europa wurden nach dem Muster der genannten Ur-Universität durch Verordnung eines Landesherren oder einer Kommune gegründet, wofür ein päpstliches Privileg erforderlich war. Hatten bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts Deutsche noch an einer der ausländischen Universitäten studiert, was dem damaligen Bedarf wohl genügte, so gründete Kaiser Karl IV. 1348 als Landesherr (König) von Böhmen in Prag die erste Universität auf dem Boden des Deutschen Reiches. Es folgten in einer ersten Welle die Universität Wien (1365), die Universität Heidelberg (1386), die Universität zu Köln (1388), die Universität Erfurt (1392) und schließlich die Universität Leipzig, die 1409 von Professoren und Studenten gegründet wurde, die dem durch die Hussiten begünstigten tschechischen Druck aus Prag gewichen waren. Es folgten zahlreiche weitere Gründungen im 15. Jahrhundert. Die Prager Universität hatte von Paris die Gliederung in je vier Fakultäten und Nationen übernommen, die somit auch hier konstitutives Element bildeten. Dasselbe galt für Wien. Die anderen Universitäten verzichteten bereits – wie fast alle später gegründeten deutschen Hochschulen – auf die Nationen, nur Leipzig übernahm das Prager Modell. Hier, wie in Wien, lebten die Nationen, wenn auch in stark abgeschwächter Form, noch bis ins 19. Jahrhundert hinein fort, immerhin waren sie noch für die Legitimation zur Immatrikulation und Promotion zuständig. Jeder Nation war hier ein Kollegienhaus zugeteilt. An anderen Universitäten erfolgte bereits eine Einteilung nach Fakultäten.

Burse Die Funktion der Pariser Kollegien übernahm an den deutschen Universitäten die Bursen, nur in Ausnahmefällen durften Studenten privat wohnen. Dabei handelte es sich um den Kollegien ähnliche Wohnhäuser, die unter Leitung eines Magisters standen, in denen die Unterrichtsveranstaltungen stattfanden und die Scholaren wohnten. In diesen hospicia oder Collegien wurden auch die Vorlesungen gehalten. Daraus entwickelten sich Wohn-, Ess- und Lehrgemeinschaften. Anfangs waren die Bursen nur für arme Studenten gedacht, denen ein Stipendium gewährt wurde, später durften die Collegien auch Studenten aufnehmen, die ihre Burse selbst bezahlten. Die Kleidung der in der Burse wohnenden Studenten (collegiati, bursati oder bursarii genannt, hieraus entwickelte sich der heutige Begriff des Burschen) war genau nach Farbe, Stoff und Schnitt vorgeschrieben, hieraus entwickelte sich das heutige Couleur.

Alte Landsmannschaften mini|Göttinger Studenten in landsmannschaftlichen Uniformen (v. l. n. r.): ein Westfale, ein Hannoveraner, ein Braunschweiger, ein Holsteiner (1773)

Im 15. und 16. Jahrhundert gerieten die Universitäten immer mehr unter den Einfluss, die Finanzierung und Kontrolle der Landesfürsten. Nun bildeten sich vermehrt private Studentenzirkel, die nur der gemeinsamen Geselligkeit und der Unterstützung in Notzeiten dienten. Sie waren ebenfalls landsmannschaftlich organisiert, aber kein Teil der Universität mehr. Die Studenten knüpften an bestehende Traditionen an und nannten ihre Zusammenschlüsse auch „Nationen“ oder „Landsmannschaften“ und ihre Mitglieder „Burschen“ (abgeleitet von „Burse“). Die Deposition wurde auf einen formalen Aufnahmeakt bei der Immatrikulation reduziert. Einige Quellen schildern, dass zu dieser Zeit zum ersten Mal der Begriff (Schul-)„Fuchs“ als Bezeichnung für ehemalige Gymnasiasten auftaucht, die neu an die Universität kamen.

Im 17. Jahrhundert wurde daraus der Pennalismus: Die Studienanfänger (Pennäler) wurden nun oft ein Jahr lang ausgebeutet und mussten die älteren Semester bedienen. Besondere pennalistische Auswüchse sind von den Universitäten in Leipzig, Jena, Rostock und Königsberg bekannt. Die betroffenen Landesherren brachten die Angelegenheit 1654 vor den Reichstag (HRR) in Regensburg, auf dem ein Abkommen der evangelischen Reichsstände zur Ahndung solcher Verstöße getroffen wurde, das auch die wechselseitige Anerkennung von Relegationen vorsah. Auf dieser Grundlage bekämpften die Universitäten diesen Brauch und die Landsmannschaften mehr oder weniger energisch. Dennoch konnten sie sich bis ins 18. Jahrhundert hinein halten.

Gegen Ende des Jahrhunderts verloren die Landsmannschaften zunehmend an Bedeutung, teilweise konstituierten sie sich nur noch zu besonderen Anlässen wie Universitätsfeiern, an denen die Studenten dann in landsmannschaftlichen Gruppen mit bunten Fahnen und Kleidern teilnahmen.

Die Zugehörigkeit zu einer Landsmannschaft endete mit dem Studienabschluss. Einen Lebensbund gab es noch nicht.

Studentenorden

mini|Zeichen von Studentenorden Innerhalb der an Bedeutung verlierenden Landsmannschaften des 18. Jahrhunderts entwickelten sich engere Formen von studentischen Zusammenschlüssen. Die wichtigsten waren zunächst die Studentenorden, die sich nach dem Vorbild der Freimaurerlogen, aber auch der literarisch-philosophischen Orden des 17. und 18. Jahrhunderts entwickelten (siehe auch: Pegnesischer Blumenorden, Palmenorden, Illuminatenorden). Von ihnen stammen das strenge interne Reglement, die Constitution, das förmliche Aufnahme-Versprechen und viele, teils geheime Identitätssymbole wie Zirkel, Bundeszeichen usw., die bis heute in Gebrauch sind. Die Studentenorden waren der erste Verbindungstypus, bei dem die Mitgliedschaft nicht mit dem Examen endete; das Lebensbund-Prinzip entstand. Die vier wichtigsten Orden waren die Amicisten, Constantisten, Unitisten und Harmonisten.

Obwohl sie unpolitisch waren, wurden die Orden von der jeweiligen Obrigkeit misstrauisch beobachtet. Im Absolutismus galt jeder Zusammenschluss von Menschen als potentiell gefährlich und schädlich für das Staatsinteresse. Hinzu kamen die häufigen Kämpfe, die Einzelstudenten oder Studentengruppen gegeneinander austrugen.

1793 verbot ein Abschied des Immerwährenden Reichstags in Regensburg alle Studentenorden im ganzen Heiligen Römischen Reich. Damit war diese Organisationsform praktisch am Ende.Matthias Asche, Vortrag gehalten bei den Bensheimer Gesprächen 2011 mit dem Titel: Geheime Eliten. Gekürzt abgedruckt in FAZ vom 3. August 2011, Seite N5 Pflanzschule rechtschaffener und dem Vaterlande brauchbarer Männer

Geschichte der heutigen Verbindungen Studentenverbindungen im heutigen Sinne entwickelten sich an deutschsprachigen Universitäten seit etwa 1800. Sie übernahmen einzelne Elemente der älteren Formen studentischer Zusammenschlüsse und entwickelten sie weiter.Erich Bauer: Schimmerbuch für junge Corpsstudenten, 4. Auflage, o. O., 1971, S. 7ff.

Entstehung der Corps Entstehung der Corps|mini