Die Demokratische Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien, bekannter unter dem kurdischen Namen Rojava (Aussprache ), war ein de facto autonomes Gebiet in der Region Rojava im Nordosten von Syrien. Sie entstand ab 2012 infolge der Geschehnisse des Syrischen Bürgerkriegs. Die Region ist ethnisch vielfältig, bewohnt vor allem von Kurden, Assyrern und Arabern. 2016 rief eine gemeinsame Versammlung kurdischer, assyrischer, arabischer und turkmenischer Delegierter die Demokratische Föderation Nordsyrien aus, damals bestehend aus den Kantonen Efrîn, Kobanê und Cizîrê.
Die Demokratische Selbstverwaltung Nord- und Ostsyrien genoss Zuspruch aufgrund der funktionierenden direkten Demokratie, der Gleichberechtigung der Menschen unabhängig von Religion oder Geschlecht, Rechtsstaatlichkeit und ökologischer Nachhaltigkeit. Immer wieder wurden der Regierung aber Verbrechen gegen ethnische Minderheiten vorgeworfen. Im Allgemeinen war die Situation um Demokratie und Menschenrechte in diesem Teil Syriens deutlich verbessert, vor allem im Vergleich zum 2024 gestürzten Assad-Regime.
Die Verteidigung der Demokratischen Selbstverwaltung Nord- und Ostsyrien erfolgte durch die sogenannten Demokratischen Kräfte Syriens (SDF). Seit 2016 wurde die Demokratische Selbstverwaltung Nord- und Ostsyrien von der Türkei angegriffen und teilweise besetzt. Die türkische Besetzung wandte sich vor allem gegen die Kurden und führte zu schwerwiegenden Menschenrechtsverletzungen wie ethnischer Säuberung gegen die Kurden. Beobachter werteten die türkischen Militäraktionen als völkerrechtswidrigen Angriffskrieg. Ab Januar 2026 wurde die Region zudem von der syrischen Armee unter al-Scharaa angegriffen und teilweise besetzt, was dort eine humanitäre Krise auslöste. Ende Januar 2026 verkündigte die Syrische Regierung eine umfassende Einigung mit den Kurden, die die Integration der kurdischen Kräfte in die Institutionen des syrischen Staates vorsah. Am 20. August 2026 wurde von kurdischer Seite der Abschluss der Integration verkündet und am 25. August für offiziell vollzogen erklärt.Mazloum Abdi announces dissolution of SDF, AANES, Shafaq News, Damascus, 25. August 2026
Name Der Begriff Rojava setzt sich in der kurdischen Sprache Kurmandschi aus den kurdischen Wörtern und zusammen und bedeutet wörtlich ‚Sonnenuntergang‘. Der Begriff bedeutet auch „Westen“ und kann als die westliche Teilregion der historischen Siedlungsregion der Kurden verstanden werden, von Kurden „Westkurdistan“ genannt. Eine vereinzelt anzutreffende alternative deutsche Bezeichnung für die Republik ist daher Westkurdistan (, ).
Der offizielle Name Autonome Verwaltung von Nord- und Ostsyrien hingegen schließt alle Ethnien der Region mit ein. Auch soll damit die Einheit des gemeinsamen Staates Syrien unterstrichen werden, da sich die Region als unabdingbaren Teil des Landes versteht. Die Republik wird leicht abweichend auch Autonome Administration Nord- und Ostsyrien () genannt.
Geographie und Administration
Die Demokratische Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien entspricht in etwa den überwiegend kurdisch bewohnten Regionen im Norden Syriens entlang der Grenze zur Türkei, die durch arabisch besiedelte Gebiete voneinander getrennt sind. Aufgrund dieser territorialen Trennung sprachen ältere kurdische Autoren nicht von einem „Syrisch-Kurdistan“, sondern lediglich von „kurdischen Gebieten in Syrien“. Die Region ist im Westen um Afrin gebirgig, während der Rest aus Ebenen besteht, die weiter im Osten durch verschiedene Flüsse wie den Euphrat und den Chabur bewässert werden. Die Gegend um Hasaka, auch bekannt als Dschazīra, besteht aus fruchtbaren Ebenen. Südlich der Demokratischen Selbstverwaltung Nord- und Ostsyrien beginnt die Syrische Wüste.
Verwaltungsgliederung Administrativ gesehen besteht bzw. bestand die Demokratische Selbstverwaltung Nord- und Ostsyrien aus Teilen der syrischen Gouvernements Aleppo, al-Hasaka und ar-Raqqa. Nach dem weitestgehenden Rückzug der syrischen Armee 2012 aus dem Norden wurden drei Kantone (Afrin, Kobani und Cizre) von den kurdischen Machthabern deklariert. Jedoch änderten sich im Laufe des syrischen Bürgerkrieges die Grenzen der Demokratischen Selbstverwaltung Nord- und Ostsyrien, so dass sowohl der Name (weg von Rojava hin zu Demokratische Föderation Nordsyrien) als auch die Administration eine Evolution durchmachten. Mit Städten wie Manbidsch, ath-Thaura, ar-Raqqa und asch-Schaddadi kamen auch große nichtkurdische Gebiete unter die Administration. Mit dem Fall des Kantons Afrin im Februar 2018 an die Türkei und die mit ihr verbündeten syrischen Kräfte erlitt die autonome Verwaltung einen empfindlichen Verlust.
Zu bedenken ist auch der Unterschied zwischen dem Anspruch der kurdischen Parteien auf ein nordsyrisches autonomes Gebiet und dem de-facto-Zustand (militärisch und politisch). Durch eine Umstrukturierung 2017 wurden die Kantone in Regionen umbenannt, die dann in weitere kleinere Einheiten aufgeteilt sind.
Städte Die größten Städte im Gebiet sind ar-Raqqa, al-Hasaka und Qamischli, diese sind zwischenzeitlich allerdings alle wieder unter der Kontrolle der syrischen Zentralregierung, wie in Qamischli der Flughafen und der Grenzübergang zur Türkei. Durch die Türkische Besetzung Nordsyriens gelangten zudem einige Städte unter die Kontrolle der Türkei, darunter Afrin seit 17. März 2018 sowie Tall Abyad. Anfang Februar 2026 erlangte die syrische Zentralregierung de fakto Kontrolle über das gesamte Gebiet.
Geschichte Entstehung Die kurdische Minderheit in Syrien wurde unter dem arabisch-nationalistischen Baath-Regime jahrzehntelang diskriminiert.Syria: The silenced kurds Bericht der HRW vom Oktober 2006 Artikel vom 7. Dezember 2004 von der Seite amnestyusa.org Im Verlauf des Bürgerkriegs in Syrien gab die syrische Regierung gegen Ende des Jahres 2013 die Kontrolle über die Regionen an der Nordgrenze auf. Lokale kurdische Kräfte übernahmen vielerorts die Kontrolle. Begünstigt wurde dieser Vorgang durch den Rückgriff auf bereits etablierte Verwaltungsstrukturen im Untergrund. Am 12. November 2013 beschloss die „Partei der Demokratischen Union“ (Partiya Yekitîya Demokrat, PYD) gemeinsam mit der Christlichen-Syrische Einheitspartei (einer Assyrisch/Aramäischen Partei) und weiteren Kleinparteien im Norden Syriens eine Übergangsverwaltung aufzustellen, um den durch den Krieg entstandenen Missständen in Verwaltung und Versorgung der Bevölkerung zu begegnen.Kurds declare an interim administration in Syria. www.reuters.com, 12. November 2013. Am 21. Januar 2014 folgte die Etablierung der Verwaltung in Cizîrê, am 27. Januar in Kobanê und einige Tage später auch in Efrîn.
Am 17. März 2016 rief eine Versammlung kurdischer, assyrischer, arabischer und turkmenischer Delegierter in Rumaylan eine autonome Föderation Nordsyrien – Rojava aus, bestehend aus den drei Kantonen.„Kurdische Autonomiepläne“, Neue Zürcher Zeitung, 17. März 2016.Rojava: Ausrufung einer kurdisch-syrischen „Demokratischen Föderation“, Telepolis, 20. März 2016. Weder die USA und Russland, noch das Assad-Regime und die syrische Opposition unterstützen die Autonomiebestrebungen.„Autonomiepläne isolieren Kurden“, tagesschau.de, 17. März 2016.
Die Autonome Verwaltung von Nord- und Ostsyrien unterhält Vertretungen in Moskau,Syrian Kurds open diplomatic mission in Moscow. The Telegraph, 10. Februar 2016. in Stockholm, Ara News, 18. April 2016 und seit Mai 2016 auch in Paris und Berlin., Evrensel, 7. Mai 2016. Ziel der Vertretung sei es, diplomatische Beziehungen mit Deutschland aufzunehmen und die Öffentlichkeit über die Entwicklungen in der Autonomen Verwaltung von Nord- und Ostsyrien zu informieren, erklärte der Repräsentant der Autonomieregion, Sipan Ibrahim. „Wir wollen den Menschen in Deutschland deutlich machen, dass in Rojava Kurden, Araber und andere Bevölkerungsgruppen geschwisterlich zusammenleben.“Rojava-Vertretung in Deutschland. Junge Welt, 9. Mai 2016. Ferner gibt es in Prag, Prague Monitor, 3. April 2016. eine Vertretung der Volksverteidigungseinheiten.
Kriegsverlauf mini|hochkant=1.5|Kurdisch kontrollierte Gebiete im Bürgerkrieg in Syrien (Stand November 2024) Der mittlere Kanton wurde im Laufe der Schlacht um Kobanê im September 2014 durch die Terrororganisation Islamischer Staat (IS) fast komplett zerschlagen, wurde aber nach monatelangen Kämpfen doch gehalten und der IS wurde zurückgedrängt. Im Februar 2015 begannen die YPG mit ihren Verbündeten unterstützt durch Luftangriffe der US-geführten internationalen Koalition eine Gegenoffensive mit dem Ziel, die Stadt Tall Abyad einzunehmen, um die Versorgungsroute des IS aus der türkischen Grenzstadt Akçakale in die syrische IS-Hauptstadt Rakka zu unterbrechen sowie die beiden Kantone Kobanê und Cizîrê miteinander zu verbinden. Am 16. Juni 2015 meldeten die YPG die Übernahme der Kontrolle in Tall Abyad.. Libération, 16. Juni 2015, abgerufen am 16. Juni 2015 Aufgrund der im Juni 2015 ausgebrochenen Kämpfe in Nordsyrien waren laut UNHCR über 23.000 Menschen aus dem syrischen Gouvernement ar-Raqqa in die Türkei geflohen, wovon über 70 % Frauen und Kinder seien.: Bericht vom UNHCR, 16. Juni 2015. Abgerufen am 18. Juni 2015. Kurz nach der vollständigen Vertreibung des IS aus Tall Abyad und Umgebung waren Tausende Flüchtlinge zurückgekehrt. Ende Dezember 2015 befreiten die SDF, ein Bündnis der kurdischen YPG mit arabischen Milizen, die Tischrin-Talsperre vom IS und übernahmen die Kontrolle im Vorland des Dammes am Westufer des Euphrat.
Am 13. Februar 2016 fing die Türkei an, kurdische Stellungen nahe der Stadt Azaz sowie die Kantonshauptstadt Efrîn mit schwerer Artillerie zu beschießen, nachdem die SDF auch gegen von der Türkei unterstützte arabische Rebellengruppen zu kämpfen begann und Geländegewinne verbuchte (Einnahme von Tall Rifaat und dem Militärflugplatz Menagh). Die US-Regierung forderte sowohl die Türkei als auch die Kurden mehrfach zur Einstellung der Feindseligkeiten auf.. Deutschlandfunk, 20. Februar 2016, abgerufen am 21. Februar 2016. Im Nordosten Syriens befreiten die SDF unterstützt durch Luftangriffe der US-geführten Koalition am 19. Februar 2016 die Stadt asch-Schaddadi mit Umland südlich von al-Hasaka von der Besatzung durch den IS.YPG erobert IS-Bastion in Syrien. Euronews, 19. Februar 2016, abgerufen am 21. Februar 2016. Am 31. Mai 2016 starteten die SDF, unterstützt von einer kleinen Zahl von US-Spezialkräften sowie durch Luftangriffe der US-geführten Koalition, eine Offensive mit dem Ziel der Befreiung der Stadt Manbidsch und ihrer Umgebung vom IS. Um türkische Gegenmaßnahmen zu verhindern, wurde erklärt, dass seitens des SDF die Mehrzahl der beteiligten Kämpfer Araber und nicht Kurden seien. Im Zuge der Offensive wurde am 10. Juni ein Belagerungsring um die Stadt geschlossen und bis zum 17. Juni das Umland gesichert. In langwierigem Häuserkampf vertrieben die SDF die IS-KämpferSDF take control on Menbej city. Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte auf Facebook, abgerufen am 7. August 2016. und übernahmen am 12. August die vollständige Kontrolle über die Stadt. Schon am nächsten Tag kehrten tausende Flüchtlinge zurück. Direkt nach der Manbidschoffensive marschierte die SDF nach Westen und Norden, um sich mit dem Kanton Afrin zu verbinden. Doch die Türkei startete im August 2016 mit verbündeten FSA-Gruppierungen eine Militäroffensive gegen den IS und SDF, was mit der Einnahme der Stadt al-Bab im Februar 2017 endete. Die türkische Besetzung wendete sich vor allem gegen die Kurden und führte zu Menschenrechtsverletzungen wie ethnischer Säuberung gegen die Kurden. Beobachter werten die türkischen Militäraktionen als völkerrechtswidrigen Angriffskrieg.