Dieter Fricke (* 21. Juni 1927 in Frankfurt (Oder); † 8. Juli 2018 in Jena)Siehe die Biografie Fricke, Dieter bei Invenio, Bundesarchiv, „Informationen zur Provenienz“ war ein deutscher Historiker. In der DDR baute er ab 1962 an der Friedrich-Schiller-Universität Jena eine „Arbeitsgruppe zur Geschichte der bürgerlichen Parteien“ auf, die sich eine unumstrittene Sonderstellung innerhalb der DDR-Geschichtswissenschaft erarbeitete. Als Leiter des Herausgeberkollektivs und Autor der meisten Einzelbeiträge verantwortete er die Hauptpublikationen der Arbeitsgruppe, das zweibändige Handbuch der Geschichte der bürgerlichen Parteien und anderer bürgerlicher Interessenorganisationen vom Vormärz bis zum Jahre 1945 (1968 und 1970) und das vierbändige Lexikon zur Parteiengeschichte (1983–1986). Diese Werke wurden trotz ihrer marxistisch-leninistischen Ausrichtung auch von westlichen Historikern als wichtige wissenschaftliche Leistungen anerkannt. Auch Frickes zweibändiges Handbuch zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegungen (1987) gilt als Standardwerk. Ferner war Fricke hochschulpolitisch aktiv. Er beeinflusste maßgeblich die III. Hochschulreform der DDR (1965–1971), bei der die FSU Jena als „Beispielhochschule“ diente.

Leben Fricke beantragte am 15. März 1944 die Aufnahme in die NSDAP und wurde zum 20. April desselben Jahres aufgenommen (Mitgliedsnummer 10.100.015).Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/9630381Olaf Kappelt: Braunbuch DDR. Berlin, 2. Auflage, 2009 Er wurde im November 1944 von der Oberschule zur Wehrmacht einberufen und nahm am Zweiten Weltkrieg teil. Im Mai 1945 geriet er in französische Kriegsgefangenschaft, aus der er im November 1946 in die Sowjetische Besatzungszone zurückkehrte. 1947 schloss er die Oberschule ab und trat in die SED ein. Er absolvierte einen entsprechenden Ausbildungskurs und arbeitete bis 1949 als Neulehrer. Dann nahm er ein Studium der Geschichte und Pädagogik an der Pädagogischen Hochschule Potsdam auf, das er 1953 mit dem Staatsexamen abschloss.

Von 1952 bis 1957 leitete Fricke die Abteilung „Fernstudium“ für Diplom-Historiker an der PH Potsdam bzw. an der Humboldt-Universität Berlin. 1953/54 hatte er eine planmäßige wissenschaftliche Aspirantur an der Humboldt-Universität inne. Im September 1954 promovierte er bei Karl Obermann über den Ruhrbergarbeiterstreik von 1905. Bis 1957 war er als wissenschaftlicher Oberassistent und Dozent tätig.

Nachdem Fritz Klein die Chefredaktion entzogen worden war, wurde Fricke 1957 Chefredakteur der Zeitschrift für Geschichtswissenschaft (ZfG). Er habilitierte sich im Mai 1960 über Die Berliner politische Polizei im Kampf gegen die deutsche Arbeiterbewegung (1878–1890)Gutachter waren Karl Obermann, Gerhard Schilfert und Helmuth Lötzke. (Bismarcks Prätorianer. Die Berliner politische Polizei im Kampf gegen die deutsche Arbeiterbewegung (1871–1898, S. 14.)) und wurde im September 1960 als Nachfolger von Max Steinmetz zum Professor mit Lehrauftrag für Deutsche Geschichte der Neuzeit und neuesten Zeit an der Friedrich-Schiller-Universität Jena ernannt. Zu diesem Zeitpunkt gehörte er bereits offiziell zu den „fähigsten und klarsten Nachwuchskadern“ der DDR-Geschichtswissenschaft.Ilko-Sascha Kowalczuk: Historiographie in der Diktatur. Zum Wandel der Geschichtswissenschaft an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. In: Uwe Hossfeld, Tobias Kaiser und Heinz Mestrup (Hrsg.): Hochschule im Sozialismus. Studien zur Friedrich-Schiller-Universität Jena (1945–1990). Böhlau Verlag, Köln 2007, S. 1665. Nach seiner Berufung nach Jena gab Fricke 1961 die Chefredaktion der ZfG an Rolf Rudolph ab und wechselte in das Redaktionskollegium, dem er bis 1990 angehörte.

Im September 1962 wurde Fricke mit vollem Lehrauftrag Professor für Deutsche Geschichte der Neuzeit und neuesten Zeit an der Friedrich-Schiller-Universität Jena (FSU Jena). 1966 wurde sein Lehrstuhl zusätzlich der Geschichte der Arbeiterbewegung gewidmet. Von 1960 bis 1970 amtierte Fricke zugleich als Direktor des Historischen Instituts der FSU Jena. Von 1966 bis 1968 war er außerdem Dekan der Philosophischen Fakultät. Er galt als ideologisch geschulter Redner und energischer Vertreter des Marxismus-Leninismus. Die III. Hochschulreform der DDR, durch welche die Fakultät 1968 aufgelöst wurde, gestaltete er entscheidend mit, indem er an der IV. Hochschulkonferenz im Februar 1967 und am VII. Parteitag der SED teilnahm, wo die entsprechenden Beschlüsse getroffen wurden.Hans-Werner Hahn und Tobias Kaiser: Die Arbeitsgruppe zur Geschichte der bürgerlichen Parteien 1962–1990, S. 1688 f. 1973 nahm er eine Gastprofessur in der UdSSR wahr.

Sein Jenaer Kollege Peter Schäfer schildert Fricke in seinen Erinnerungen als „unbedingt linientreu“. Fricke habe „keine Abweichung von der reinen Lehre oder der Weisheit der Partei“ geduldet und „[s]elbst in der Gorbatschow-Ära von Glasnost und Perestroika bis zuletzt den rigiden Kurs Erich Honeckers und Kurt Hagers“ verteidigt.Peter Schäfer: „Schreiben Sie das auf, Herr Schäfer!“. Erinnerungen eines Historikers an seine Universitäten in Berlin und Jena. Thuss & van Riesen, Jena 2007, S. 111. Frickes Tätigkeit in Jena endete wenige Monate nach der Wende und friedlichen Revolution in der DDR.

Werk Fricke gehörte zu einer neuen Generation marxistischer Historiker, die ihre akademische Ausbildung in der DDR erhalten hatten. Er veröffentlichte Überblicksdarstellungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung, die 1987 schließlich in dem zweibändigen Handbuch zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegungen kulminierten und war ein zentraler Mitarbeiter der achtbändigen Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, bei der er die Arbeitsgruppe für die Zeit von Imperialismus bis Oktoberrevolution leitete. Dafür wurde er 1966 mit dem Nationalpreis der DDR, I. Klasse [Kollektiv] ausgezeichnet. Bereits 1963 hatte er den Vaterländischen Verdienstorden in Bronze erhalten. Während Walter Ulbricht Frickes Arbeit schätzte, war Fricke unter Kollegen wegen seiner scharfen Rezensionen gefürchtet.Hans-Werner Hahn und Tobias Kaiser: Die Arbeitsgruppe zur Geschichte der bürgerlichen Parteien 1962–1990, S. 1688.

In Jena wurde Fricke zu einer Führungsperson. Er betrieb Personalpolitik und nutzte seine Gestaltungsräume zum Aufbau einer von 1962 bis 1990 existierenden wissenschaftlichen Arbeitsgruppe zur Parteiengeschichte. 1961 bereits hatte er dafür Sorge getragen, dass Jena zum „Leitinstitut für die Erforschung der Geschichte der bürgerlichen Parteien“ wurde. Er rechtfertigte die Gründung der Arbeitsgruppe politisch damit, dass erfolgreiche Forschung zur Geschichte der Arbeiterbewegung auch Forschungen über ihre Gegner bedürfe. Insofern verstand Fricke die Erforschung der bürgerlichen Organisationen als „Gegnerforschung“, die gleichzeitig auf eine Auseinandersetzung mit den ebenfalls als „Gegnern“ begriffenen westdeutschen Historikern zielte. Wissenschaftlich stützte sich Fricke auf den Parteienbegriff Wladimir Iljitsch Lenins, wonach die Parteien auf die Klasse zurückzuführen seien. Andere Parteiendefinitionen lehnte er ab. Das Mehrparteiensystem der Bundesrepublik Deutschland charakterisierte er als Farce und das Parteiengesetz als Kodifizierung einer „offen militärisch-faschistischen Diktatur in Westdeutschland“.Hans-Werner Hahn und Tobias Kaiser: Die Arbeitsgruppe zur Geschichte der bürgerlichen Parteien 1962–1990. Ein geisteswissenschaftliches Großprojekt. In: Uwe Hossfeld, Tobias Kaiser und Mestrup Heinz (Hrsg.): Hochschule im Sozialismus. Studien zur Friedrich-Schiller-Universität Jena (1945–1990). Böhlau Verlag, Köln 2007, S. 1691.

Das mehrbändige Handbuch zur Parteiengeschichte (1968, 1970), an dem insgesamt etwa 60 Autoren mitgearbeitet hatten, wurde gleichwohl durch seine Übersichtlichkeit und seinen Faktenreichtum zu einem Standardwerk, das auch in der westdeutschen Geschichtswissenschaft Anerkennung fand.Hans-Werner Hahn und Tobias Kaiser: Die Arbeitsgruppe zur Geschichte der bürgerlichen Parteien 1962–1990, S. 1694 f. Die DDR-Parteienforschung, so äußerte sich etwa Gerhard A. Ritter 1973, habe die historische Parteienforschung in Deutschland gefördert.Hans-Werner Hahn und Tobias Kaiser: Die Arbeitsgruppe zur Geschichte der bürgerlichen Parteien 1962–1990, S. 1695. Kritik, die Ritter zugleich an den sozialhistorischen Defiziten der ersten Bände übte, fand in den weiteren Arbeiten am späteren Lexikon der Parteiengeschichte Berücksichtigung, ohne dass man indes an die neuen sozial-, mentalitäts- und kulturgeschichtlichen Ansätze der Parteienforschung des Westens anschließen konnte.Hans-Werner Hahn und Tobias Kaiser: Die Arbeitsgruppe zur Geschichte der bürgerlichen Parteien 1962–1990, S. 1695 f., 1697–1699.

Mitte 1970 bildete Fricke in Jena außerdem die Forschungsgemeinschaft „Geschichte der nichtproletarischen demokratischen Kräfte in Deutschland“, die der Geschichte der demokratischen Kräfte außerhalb der Arbeiterbewegung differenzierter und positiver entgegentreten sollte. 1981 wurde dazu der Sammelband Deutsche Demokraten herausgegeben.

Das gegenüber dem Handbuch deutlich differenzierender und politisch-ideologisch zurückhaltender formulierte Lexikon zur Parteiengeschichte erschien ab 1983 gleichzeitig als Lizenzausgabe im Pahl-Rugenstein Verlag in der Bundesrepublik und wurde dort ebenfalls als Standardwerk gewürdigt, zu dem es kein westdeutsches Pendant gebe.Hans-Werner Hahn und Tobias Kaiser: Die Arbeitsgruppe zur Geschichte der bürgerlichen Parteien 1962–1990, S. 1701.

Sowohl Dieter Fricke als auch Manfred Weißbecker haben nach 1990 Defizite ihres Forschungsvorhabens eingestanden, gleichwohl aber nicht thematisiert, dass in der Sektion Geschichtswissenschaften abweichende Thesen von Mitarbeitern deren wissenschaftliche Karrieren blockieren konnten. So ließ Fricke das Habilitationsverfahren von Hans Herz scheitern.Hans-Werner Hahn und Tobias Kaiser: Die Arbeitsgruppe zur Geschichte der bürgerlichen Parteien 1962–1990, S. 1703.

Frickes Persönlichkeit und wissenschaftliche Leistung werden unterschiedlich beurteilt. Während der Marburger Politologe Georg Fülberth bedauert, dass Frickes wissenschaftliche Leistungen angesichts seiner DDR-Karriere nach dem Ende der DDR nicht genügend gewürdigt worden seien, berichtet Lutz Niethammer, die Mitarbeiter Frickes hätten ihren Chef „gehasst“. Fricke habe sein Team für Werke ausgebeutet, die sich hätten sehen lassen können und als vorbildliche Gemeinschaftsleistung erschienen, ohne selber ein Vorbild gewesen zu sein. Er sei von seinen eigenen Mitarbeitern in der Wende vertrieben worden, während westdeutsche Historiker ihn wohl eher positiv bewertet hätten.Hans-Werner Hahn und Tobias Kaiser: Die Arbeitsgruppe zur Geschichte der bürgerlichen Parteien 1962–1990, S. 1689. Peter Schäfer, einer von Frickes Mitarbeitern, erinnert sich dagegen, dass er Lehre und Forschung nach eigenen Vorstellungen habe gestalten können und ihm Fricke viel freie Hand gelassen habe.Ilko-Sascha Kowalczuk: Historiographie in der Diktatur. Zum Wandel der Geschichtswissenschaft an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, S. 1668. Fricke habe ihn im „Allgemeinen in Ruhe arbeiten“ lassen.Peter Schäfer: „Schreiben Sie das auf Herr Schäfer!“, S. 111. Hans-Werner Hahn und Tobias Kaiser würdigen, dass die Arbeitsgruppe ihr Entstehen und ihren Erfolg im Wesentlichen Frickes administrativen und wissenschaftlichen Fähigkeiten verdankte.

Auszeichnungen Nationalpreis der DDR I. Klasse für Wissenschaft und Technik (1966) Verdienter Hochschullehrer der DDR (1979)

Schriften (Auswahl) Monographien Der Ruhrbergarbeiterstreik von 1905. 1. Auflage. Rütten & Loening, Berlin 1955. Bismarcks Prätorianer. Die Berliner politische Polizei im Kampf gegen die deutsche Arbeiterbewegung (1871–1898). Rütten & Loening, Berlin 1962. Zur Organisation und Tätigkeit der deutschen Arbeiterbewegung (1890–1914): Dokumente und Materialien. Verlag Enzyklopädie, Leipzig 1962.