mini|Der Beginn des Buches Jesus Sirach als Kalligraphie, 1654 (Zentralbibliothek Zürich)
Jesus Sirach (oder Ben Sira, der Siracide, das Sirachbuch, abgekürzt Sir) gehört zu den sogenannten Spätschriften des Alten Testaments. Das Buch ist nach seinem Autor benannt, der um 190/180 v. Chr. in Jerusalem die hebräische Urfassung niederschrieb.
Der Autor lebte in einer Welt, die vom Hellenismus geprägt war, und leitete ein jüdisches „Haus der Bildung“ () nach dem Vorbild einer griechischen Philosophenschule. Seine Schrift ist wahrscheinlich aus diesem Unterricht erwachsen und daher eine Art Lehrbuch. Ben Sira präsentierte einen für die damalige Zeit modernen Gesamtentwurf der religiösen Traditionen Israels, er versuchte eine Verbindung von Tempelkult, Tora und Weisheit. Praktische Ratschläge nehmen breiten Raum ein, wobei kein anderer biblischer Autor so ausführlich auf die Themen Ehe, Familie und Freundschaft eingeht wie Ben Sira. Er vermittelte seinen Schülern auch eine gewisse Weltläufigkeit, die für ihre spätere Tätigkeit wünschenswert war; wohl deshalb erörterte er das angemessene Verhalten bei einem Symposion, Bildung durch Reisen oder den Nutzen der Medizin.
Um 130/120 v. Chr. verfasste der Enkel Ben Siras, der selbst anonym bleibt, in Alexandria eine Übersetzung ins Griechische. Damit beginnt eine Geschichte der Fortschreibungen des Sirachbuchs sowohl in hebräischer wie auch in griechischer Fassung. Das sind quasi erweiterte Neuauflagen, die mit einem Seitenblick auf die je andere Sprachversion entstanden sind. Das griechische Sirachbuch wurde in den breiten Traditionsstrom der Septuaginta aufgenommen. Das hebräische Sirachbuch dagegen gelangte nicht in den Kanon jüdischer heiliger Schriften und wurde in der Spätantike nicht weiter überliefert. Es war dann in mittelalterlichen jüdischen Gemeinden noch einmal im Umlauf, wohl aufgrund antiker Textfunde. Dann verschwand es wiederum und tauchte seit 1896 in Fragmenten in der Kairoer Geniza, später in Qumran und Masada wieder auf, allerdings unvollständig.
Das Sirachbuch ist ein Grenzgänger zwischen Religionen und Konfessionen: Obwohl es im Judentum nie als heilige Schrift galt, wurde im Talmud mit Ben Sira argumentiert, als wäre er ein Rabbi. Ben Sira stattete die Frau Weisheit mit Zügen der ägyptischen Gottheit Isis aus. Identifiziert mit Maria, wird sie in katholischer Frömmigkeit angerufen als „Mutter der schönen Liebe“. Im gleichen Zusammenhang wurden dem Sirachtext einige Pflanzen als Mariensymbole entnommen. Martin Luther entfernte das Sirachbuch aus dem Alten Testament und ordnete es unter die Apokryphen ein; aber im Luthertum wurde es im 16. und 17. Jahrhundert viel gelesen und inspirierte die Kirchenmusik. In der Spätantike und dann wieder in der Frühen Neuzeit war das Sirachbuch im Christentum eine Art Ratgeberliteratur.
Buchtitel Das Werk wird in der rabbinischen Literatur als „Buch Ben Sira“ () bezeichnet, in der SeptuagintaCodex Vaticanus und Septuaginta-Edition von Rahlfs. als „Weisheit des Sirach“ () und in der Vulgata als (Liber) Ecclesiasticus, das „Kirchliche (Buch)“. Der erste Autor, der diesen lateinischen Titel bezeugte, war Cyprian von Karthago im 3. Jahrhundert.Maurice Gilbert: Jesus Sirach. Stuttgart 1995, Sp. 880. Der Gleichklang führt leicht zu Verwechslungen mit Ecclesiastes, dem Titel des Buchs Kohelet in der Vulgata.
Verfasser, Entstehungszeit und -ort Ben Sira in Jerusalem Der Verfassername wird in Sir 50,27 genannt, allerdings gibt es unterschiedliche Textüberlieferungen:
„Schimon, der Sohn des Jeschua, der Sohn des Eleasar, der Sohn des Sira;“. (Hebräische Handschrift HB) „Jesus, der Sohn des Sirach, des Eleasar, des Jerusalemers.“. (Griechische Textüberlieferung der Septuaginta)
Darüber hinaus existieren weitere Varianten. Der Eigenname des Autors war also entweder Schimon/Simon oder Jeschua/Jesus., . Wahrscheinlicher ist letzteres,Johannes Marböck: Jesus Sirach 1–23. Freiburg/Basel/Wien 2010, S. 50 f. da der Enkel (der es wissen sollte) ihn im Prolog schlicht als „mein Großvater Jesus“ bezeichnete.Friedrich V. Reiterer: Text und Buch Ben Sira in Tradition und Forschung. Berlin/New York 1998, S. 1 f. Johannes Marböck erwägt, dass der Name Schimon/Simon in der Handschrift HB aus dem Lob des Hohenpriesters Simon versehentlich in die textlich benachbarte Buchunterschrift übernommen wurde. Da sowohl Jeschua als auch Schimon überaus häufige Namen waren, wurde der Autor durch den Zusatz Ben Sira eindeutig identifiziert. Das kann eine Herkunftsangabe sein (Jeschua aus dem Ort Sira) oder ein Patronym (Jeschua, Sohn des Sira), wobei Sira nicht unbedingt der Vater gewesen sein muss – es kann sich auch um einen früher lebenden Vorfahren handeln. Aus dem hebräischen Sira ist im griechischen Text ein Sirach geworden. Der Buchstabe Alef (א) am Ende des hebräischen Namens Sira wurde hörbar gesprochen (stimmloser glottaler Plosiv), und um das im Griechischen wiederzugeben, das einen solchen Laut nicht kennt, verwendete man den griechischen Buchstaben Chi (χ).Friedrich V. Reiterer: Zählsynopse zum Buch Ben Sira, Berlin / New York 2003, S. 1 f.
alternativtext=|mini|Drachme Antiochos’ III. mit Herrscherporträt (Vorderseite), Elefant (Rückseite). Münzstätte Nisibis, um 205–200 v. Chr. Ben Sira lebte um die Wende des 3. zum 2. Jahrhundert v. Chr. in Jerusalem. Dort befand sich das religiöse Zentrum des Judentums. Für Ben Sira war der Jerusalemer Tempel der Mittelpunkt seines Weltmodells; als Zentrum hellenistisch-griechischer Kultur in der Region hatte jedoch die Stadt Gadara südöstlich des Sees Genezareth eine größere Ausstrahlung.Johannes Marböck: Ein Weiser an einer Wende: Jesus Sirach – Buch, Person und Botschaft. Versuch einer Gesamtschau. In: Weisheit und Frömmigkeit. Studien zur alltestamentlichen Literatur der Spätzeit (= Österreichische Biblische Studien. Band 29). Peter Lang, Frankfurt am Main 2006, S. 65–78, hier S. 67. Judäa gehörte im Ptolemäerreich zur Provinz Syria und Phoinike (Koilesyrien) und war innerhalb dieser Großprovinz eine eigene Verwaltungseinheit (Hyparchie). Sie bestand aus der Stadt Jerusalem und der Bevölkerung des Umlandes; die lokale Regierung übte der Hohepriester aus.Angelika Berlejung: Geschichte und Religionsgeschichte des antiken Israel. In: Jan Christian Gertz (Hrsg.): Grundinformation Altes Testament. 6., überarbeitete und erweiterte Auflage. Göttingen 2019, S. 59–192, hier S. 180.
Nach der Schlacht bei Paneion um 200 v. Chr. ging die Oberherrschaft über Koilesyrien von den Ptolemäern auf die Seleukiden über. Bei seinem Einzug in Jerusalem traf Antiochos III. „auf proseleukidische Kreise, die dem Herrschaftswechsel längst vorgearbeitet hatten und zu denen nicht zuletzt die Angehörigen der hohenpriesterlichen Familie der Oniaden zählten.“Burkard M. Zapff: Jesus Sirach 25–51, Würzburg 2010, S. 375. Er ordnete seine Beziehungen zu dem Ethnos (, dt. ungefähr „Volk, Stamm“) der Judäer, seinen neuen Untertanen, in folgender Weise: Zwar wurden die Judäer insgesamt als loyal eingeschätzt, aber nur „ihre Stadt“, nämlich Jerusalem, wurde belohnt. Den Judäern wurde gestattet, nach ihren traditionellen Gesetzen zu leben. Die seleukidische Regierung war aber nicht interessiert daran, was das inhaltlich bedeutete (ob diese traditionellen Gesetze die Tora bedeuteten, und wenn ja, in welcher Auslegung), solange der eigene Herrschaftsanspruch nicht tangiert war. Der Tempel war aus ihrer Sicht interessanter, weil der König sich durch Kultpatronage dazu in Beziehung setzen konnte. Antiochos III. zeigte seine Großzügigkeit und Frömmigkeit, wie es ihm als hellenistischem Herrscher zukam: er ließ auf seine Kosten am Tempel Reparaturarbeiten ausführen und Opfer darbringen. Außerdem gab es Steuererleichterungen für die Mitglieder des Rats und Gruppen, die in einer Beziehung zum Tempel standen, darunter die Tempelschreiber (). Die seleukidische Regierung verstärkte mit diesen Maßnahmen eine bereits vorhandene Tendenz zu einem zentralistischen Tempelstaat.Benedikt Eckhardt: Ethnos und Herrschaft. Politische Figuationen judäischer Identität von Antiochos III. bis Herodes I. Walter de Gruyter, Berlin / Boston 2013, S. 38–43. Richard A. Horsley: Scribes, Visionaries, and the Politics of Second Temple Judea, Knoxville / London 2007, S. 44. Den Text der Charta des Antiochos III. teilt Flavius Josephus mit: Jüdische Altertümer, Buch 12, 138–144. In der historischen Gestalt des Hohepriesters Simon II., der zu dieser Zeit amtierte, verbanden sich infolgedessen königliche und priesterliche Züge. Ben Sira, sein Zeitgenosse, ließ in seinem Buch die ganze Geschichte Israels auf diese Persönlichkeit zulaufen und erwies sich so als ausgesprochener Parteigänger der Oniaden.
Nach seiner Niederlage gegen die Römer in der Schlacht bei Magnesia 190 v. Chr. hatte Antiochos III. hohe Reparationszahlungen zu leisten. Entsprechend wurden die Untertanen des Seleukidenreichs finanziell unter Druck gesetzt; das traf auch Jerusalem.Johannes Marböck: Jesus Sirach 1–23, Freiburg / Basel / Wien 2010, S. 28 f. Noch härter war das Los der Landbevölkerung, die in Ben Siras Werk deshalb als arm, hungrig und verzweifelt charakterisiert wurde.Richard A. Horsley: Scribes, Visionaries, and the Politics of Second Temple Judea, Knoxville / London 2007, S. 50 f. Nach Meinung einiger Exegeten bezieht sich Ben Sira mit seinem Bittgebet für die Rettung Zions auf diese historische Situation, dann wäre 190 v. Chr. ein Terminus post quem für die Abfassung des Werks.Markus Witte: Key Aspects and Themes in Recent Scholarship on the Book of Ben Sira. In: Gerhard Karner et al. (Hrsg.): Texts and Contexts of the Book of Sirach / Texte und Kontexte des Sirachbuches. Atlanta 2017, S. 1–32, hier S. 29. Terminus ante quem ist der Makkabäeraufstand während der Regierungszeit von Antiochos IV. Epiphanes, 167 v. Chr. Von den Spannungen zwischen Jerusalemer Befürwortern und Gegnern einer Hellenisierung, die sich dann im Aufstand entluden, ist bei Ben Sira nämlich noch nichts zu spüren. Über die Datierung des Sirachbuches herrscht weitgehender Konsens, und wegen der guten Datierbarkeit kommt dem Werk „die Rolle eines archimedischen Punktes der israelitisch-jüdischen Literaturgeschichte zu.“Markus Witte: Texte und Kontexte des Sirachbuchs, Tübingen 2015, S. 1. Diese zuverlässige zeitliche Einordnung ermöglicht es auch, Ben Siras Werk als Quelle für die jüdische Kultur- und Religionsgeschichte in der hellenistischen Epoche zu nutzen.Markus Witte: Key Aspects and Themes in Recent Scholarship on the Book of Ben Sira. In: Gerhard Karner et al. (Hrsg.): Texts and Contexts of the Book of Sirach / Texte und Kontexte des Sirachbuches. Atlanta 2017, S. 1–32, hier S. 16.
Der Beliebtheit des Sirachbuchs in Jerusalem dürfte es geschadet haben, dass dort seit 173 v. Chr. nur noch Hohenpriester amtierten, die nicht zur Oniadenfamilie gehörten und deshalb auch keine Abstammung von der biblischen Priestergestalt Zadok behaupten konnten. „Das Ende der Zadokiden im hohenpriesterlichen Amt in Jerusalem führte dazu, dass die nicht hellenisierten zadokidischen Priester in die Wüste flohen, was wohl mit dem Ursprung der Qumrangemeinde … zu verbinden ist.“Angelika Berlejung: Geschichte und Religionsgeschichte des antiken Israel. In: Jan Christian Gertz (Hrsg.): Grundinformation Altes Testament. 6., überarbeitete und erweiterte Auflage. Göttingen 2019, S. 59–192, hier S. 184.
Ben Siras Enkel in Alexandria