Wissenschaft als Opfer von Betrug und Fälschung beschreibt vorsätzliche unwahre Behauptungen, erfundene oder gefälschte Forschungsobjekte, die durch Personen außerhalb der Forschungsgemeinschaft generiert wurden. Ursachen und Motivationen für solchen Betrug und Fälschung können Geltungssucht und Streben nach Reichtum sein. Durch gute wissenschaftliche Praxis soll unter anderem verhindert werden, auf solchen Betrug und solche Fälschung hereinzufallen. Wissenschaft als Opfer von Betrug und Fälschung ist abzugrenzen von Betrug und Fälschung in der Wissenschaft, bei dem Wissenschaftler selbst die Betrüger und Fälscher sind. Häufig handelt es sich bei solchen Fälschungen um gefälschte Daten. Die Häufigkeit von Fälschungen in der Wissenschaft und Forschung lässt sich nur schwer schätzen, ein Autor schätzt es auf ca. 2 %
Beispiele Die folgenden Fälle von Wissenschaft als Opfer von Betrug und Fälschung haben Aufsehen über ihr Fachgebiet hinaus erregt:
Archäologie 1768 tauchten in Neubrandenburg zahlreiche bronzene Figuren auf: Die als slawische Götterfiguren gedeuteten Prillwitzer Idole erwiesen sich später als geschickte Fälschungen. Der Adlerstein bei Würzberg sollte auf den Fund eines gefälschten römischen Legionsadlers hinweisen, der dem Antikensammler Franz I. zu Erbach-Erbach untergeschoben wurde und sich lange in der Antikensammlung im Erbacher Schloss befand. Nach dem spektakulären Fund der Mescha-Stele 1868 wurden um 1870 zahlreiche Inschriften und Artefakte gefälscht, die sogenannten Moabitica. Iberische Skulpturen vom Cerro de los Santos (Provinz Albacete) wurden in den 1870er Jahren von D. Juan Amat, einem Uhrmacher aus Yecla (Murcia) teils gefälscht, teils durch Hinzufügen von Inschriften oder Attributen überarbeitet. In der Folgezeit war die iberische Kunst in der Forschung nicht anerkannt, was sich erst 1897 mit der Entdeckung der Dama de Elche wieder änderte.Ricardo Olmos: Die iberische Kultur aus der Sicht der Forschung. In: Michael Koch (Hrsg.): Die Iberer. Ausstellungskatalog Bonn 1998, ISBN 3-7774-7710-9, S. 75–81. Saitaphernes-Tiara, die vorgebliche Goldhaube eines Skythenkönigs, 1896 vom Louvre erworben und später als Fälschung entlarvt. Francis Drakes Messingtafel war eine 1933 in Kalifornien angefertigte Fälschung, die als Scherz („Hoax“) geplant war. Entgegen der Intention der Fälscher wurde die Tafel von mehreren Wissenschaftlern und Institutionen als echt anerkannt und galt jahrzehntelang als äußerst wertvolles historisches Objekt.
Biologie Richard Meinertzhagen, der zu seiner Zeit größte private Sammler von ausgestopften Vögeln und Vogelbälgen, verfasste in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts einige Standardwerke zur Ornithologie. Seine Vogelsammlung stellte sich später als teilweise zusammengestohlen heraus, teilweise hatte Meinertzhagen die Vögel neu präpariert, um die Diebstähle zu vertuschen, teilweise sind Fundort oder -datum falsch angegeben. Nach dem Auffliegen des Skandals mussten die Verbreitungskarten einiger Vogelarten neu gezeichnet werden.
Geschichtsquellen siehe auch: Geschichtsfälschung Das im Auftrag von Rudolf IV. gefälschte Privilegium Maius, welches Österreich zum Erzherzogtum erhob und das Land mit Rechten ähnlicher denen der Kurfürstentümer ausstattete. Die Konstantinische Schenkung ist eine Legende, die der Verleihung des Kirchenstaates an den Papst (tatsächlich König Pippin III. im Jahre 754) durch Rückdatierung und Zuschreibung an den bekannteren Konstantin den Großen mehr Gewicht verleihen sollte. Die Monita Secreta, die sich selbst als geheime Instruktionen des jesuitischen Ordensgenerals Claudio Acquaviva an seinen Orden ausgeben, wurden wahrscheinlich zwischen 1611 und 1614 von Hieronim Zahorowski angelegt, um den Jesuitenorden zu diskreditieren. Der Florentiner Ferdinando Leopoldo del Migliore ersann 1684 den Erfinder der Brille und gab ihm den Namen Salvino degli Armati. Ende des 18. Jahrhunderts kam es zu ersten Zweifeln, doch erst 1920 wurde die Fälschung endgültig entlarvt. Der Kaplan Albert Wilkens fälschte eine Gründungsurkunde für das Stift Nottuln und erfand 250 Jahre Stiftsgeschichte, um als Heimatforscher anerkannt zu werden. Die angeblichen Statuten der venezianischen Staatsinquisition wurden König Ludwig XIV. zugespielt und werden bis in die Gegenwart als Beleg für die Grausamkeit der Serenissima benutzt. Der Historiker Samuele Romanin (Storia documentata di Venezia. Venezia 1853–61) hat nachgewiesen, dass es sich um Fälschungen handelt. Sie sind vermutlich vom Gesandten Kaiser Leopolds I. in Venedig oder vom französischen Gesandten in Auftrag gegeben worden. Erstmals veröffentlicht wurden diese Papiere 1819 in der Geschichte Venedigs von Graf Pierre Daru.Pierre Antoine Noel Bruno Graf von Daru: Geschichte der Republik Venedig. 4 Bde. Leipzig 1821, 1824; 8 Bde.; 28 Teile in 7 Büchern Stuttgart 1828; 4 Bde. Leipzig 1854, 21859 (Franz. zuerst in 6 Bdn. + Regis-terband Paris 1819, 6 Bde. + 2 Registerbände 1821; 9 Bde. 41853) Der 4. Band der deutschen Ausgabe von 1859, die seitenidentisch ist mit der von 1854, wurde 2010 und erneut 2012, der 3. Band 2011 photomechanisch nachgedruckt. Nach dessen Darstellung (Bd. II S. 143–145, ebenso Bd. IV. S. 264–266) seien diese Papiere so geheim gewesen, dass nur die drei Staatsinquisitoren – nicht einmal ihr Sekretär – sie kannten und nur ein einziges, stets eingeschlossenes Exemplar existierte. Daru will aber die vorgeblichen Dokumente selbst in gleich drei vollständigen Exemplaren und einem weiteren nicht ganz vollständigen Text entdeckt haben. Die Königinhofer Handschrift ist eine vermutlich von Václav Hanka hergestellte und von ihm veröffentlichte Fälschung einer mittelalterlichen Liedersammlung mit 14 Gedichten und Gedichtfragmenten epischer und lyrischer Form in alttschechischer Sprache. Nach der angeblichen Auffindung 1817 wurde die Handschrift jahrzehntelang zur Grundlage eines romantisierenden, nationalen Geschichtsbilds. Die Protokolle der Weisen von Zion sind ein antisemitisches Pamphlet, das die Existenz einer jüdischen Weltverschwörung untermauern sollte. In seinen Tagebüchern stellte sich der britische Hochstapler Richard Meinertzhagen als Teilnehmer an zahlreichen Ereignissen während und nach dem Ersten Weltkrieg dar. Sie wurden später von Historikern als vertrauenswürdige Quelle aufgefasst und flossen in zahlreichen Geschichtsbücher ein. Der ehemalige Nationalsozialist Hermann Rauschning veröffentlichte im Zürcher Exil ausführliche Aufzeichnungen seiner angeblichen Gespräche mit Hitler, die ein Bestseller wurden und lange Zeit als authentische Selbstaussagen Adolf Hitlers von der Forschung genutzt wurden. In Wirklichkeit hatte Rauschning Hitler nur selten persönlich getroffen, und auch dann nie unter vier Augen. Emil Lachout verfasste ein auf den 1. Oktober 1948 datiertes Rundschreiben, das den Einsatz von Giftgas in einigen Konzentrationslagern widerlegen sollte. mini|Das Lachout-Dokument wurde bereits 1989 als Fälschung entlarvt. Ein Brief, den der ehemalige General und rechtsextreme Verschwörungstheoretiker Erich Ludendorff 1933 an seinen ehemaligen Vorgesetzten, den Reichspräsidenten Paul von Hindenburg geschrieben haben soll, um ihn vor der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler zu warnen, wurde in den neunziger Jahren als Fälschung enttarnt. Die Rede Josef Stalins vor dem Zentralkomitee der KPdSU, in der er am 19. August 1939 sein Kalkül erläutert haben soll, Deutschland und die Westmächte in einen Krieg gegeneinander zu treiben, um dann anschließend die geschwächten kapitalistischen Staaten anzugreifen, wird von verschiedenen Vertretern der Präventivkriegsthese als Beleg angeführt. In Wahrheit handelte es sich um eine Fälschung, die durch die französischen Nachrichtenagentur Havas verbreitet wurde, aber von einer anderen, möglicherweise dem französischen Geheimdienst nahestehenden Quelle stammte.Sergej Slutsch: Stalins „Kriegsszenario 1939“. Eine Rede, die es nie gab. Die Geschichte einer Fälschung. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 4 (2004), S. 597–636 (PDF, Zugriff am 3. August 2010) Die „Dossiers Secrets“ in der Bibliothèque Nationale in Paris sollten das Wirken der angeblich seit Jahrhunderten existierenden Prieuré de Sion nachweisen und den Fälscher, Pierre Plantard, zum rechtmäßigen Nachfolger der Merowinger erklären. Die Hitler-Tagebücher, die die Illustrierte Stern 1983 mit großem Werbeaufwand veröffentlichte („Die Geschichte des Nationalsozialismus muss neu geschrieben werden!“), erwiesen sich rasch als Werk des Fälschers Konrad Kujau. 1987 wurde die Laichinger Hungerchronik als antijüdische Fälschung entlarvt. 2005 tauchte eine Ausgabe des Sidereus Nuncius von Galileo Galilei auf, in der bisher unbekannte Tuschezeichnungen enthalten waren, die Galilei persönlich zugeschrieben wurden.Markus Becker: Galileis erste Mond-Bilder entdeckt, Der Spiegel am 30. März 2007, abgerufen am 30. Dezember 2013 Diese von renommierten Fachexperten der Kunstgeschichte als echt befundene,Irene Brückle, Oliver Hahn, Paul Needham, Horst Bredekamp (Hrsg.), Galileo’s O, Akademie Verlag, 2011, ISBN 978-3-05-005095-9 sensationelle Entdeckung erwies sich 2012 als Fälschung, die mutmaßlich von dem italienischen Antiquar und Hochstapler Marino Massimo De Caro in den Antiquitätenhandel gebracht worden war.Elisabetta Povoledo: At Root of Italy Library’s Plunder, a Tale of Entrenched Practices, The New York Times am 11. August 2012, abgerufen am 1. Januar 2014Nicholas Schmidle: “A Very Rare Book”. The mystery surrounding a copy of Galileo’s pivotal treatise, The New Yorker, 16. Dezember 2013, S. 62Stephan Speicher: Hinter dem Mond, Süddeutsche Zeitung, 21. Dezember 2013, S. 11Hanno Rauterberg: Der gefälschte Mond, Die Zeit, 27. Dezember 2013, abgerufen am 29. Dezember 2013
Martin Allen, britischer Autor von Büchern zur Geschichte des Zweiten Weltkriegs, hat für seine Publikationen 29 gefälschte Papiere verwendet, die in echte Akten der National Archives hineinmanipuliert worden waren. Diese Fälschungen wurden zwischen 2004 und 2008 aufgedeckt.Ernst Haiger: Fiction, Facts, and Forgeries. The „Revelations“ of Peter and Martin Allen about the History of the Second World War. In: The Journal of Intelligence History. Band 6, Sommer 2006 (erschienen 2007), No. 1, , S. 105–117; ders.: Fälschungen zur Geschichte des Zweiten Weltkriegs im britischen Nationalarchiv. - In: Christian Müller-Straten: Fälschungserkennung, Bd. 2. Verlag Dr. Christian Müller-Straten, München 2015, ISBN 978-3-932704-85-7, S. 211–221. Allen selbst ist dringend dieser Manipulation verdächtig; wegen seines schlechten Gesundheitszustandes verzichtete der Crown Prosecution Service jedoch auf Erhebung einer Anklage.
Medizin Der Genetiker und Arzt Karl Illmensee publizierte im Jahr 1981, er habe als weltweit erster drei Mäuse geklont. Seine Experimente wurden jedoch von einer Untersuchungskommission als „wissenschaftlich wertlos“ eingestuft. Es konnte jedoch keine Fälschung nachgewiesen werden. Die Kommission schlug vor, die beanstandeten Experimente in internationaler Zusammenarbeit zu wiederholen. Die Ergebnisse dieser erfolgreichen Wiederholungen wurden international begutachtet und veröffentlicht.K. Illmensee, B. Gerhaeuser, B. Lioi, J. A. Modlinski: Developmental potential of nuclei from mouse teratocarcinoma cells. In: Naturwissenschaften. 76, 1989, S. 582–584.J. A. Modlinski, D. Gerhaeuser, B. Lioi u. a.: Nuclear transfer from teratocarcinoma cells into mouse oocytes and eggs. In: Development. Band 108, Nr. 2, 1990, S. 337–348.