Unterstützte Kommunikation (abgekürzt UK) ist die deutsche Bezeichnung für das internationale Fachgebiet Augmentative and Alternative Communication (AAC). Wörtlich übersetzt bedeutet der englische Fachausdruck „ergänzende und ersetzende Kommunikation“, womit alle Kommunikationsformen gemeint sind, die fehlende Lautsprache ergänzen (augmentative) oder ersetzen (alternative).
Unterstützte Kommunikation ist somit der Oberbegriff für alle pädagogischen oder therapeutischen Maßnahmen zur Erweiterung der kommunikativen Möglichkeiten von Menschen, die nicht oder kaum über Lautsprache verfügen. Beispiele sind die Einführung von Bild- oder Symbolkarten oder einer Kommunikationstafel zur Verständigung, die Versorgung mit einem Sprachausgabegerät oder die Ergänzung der Lautsprache durch das Gebärden von Schlüsselwörtern. Außerdem bezeichnet der Terminus den Prozess der Kommunikation mit Mitteln Unterstützter Kommunikation (z. B. in der Wendung unterstützt kommunizierende Menschen).
Der Begriff ist nicht zu verwechseln mit der gestützten Kommunikation. Hier wird eine körperliche und emotionale Stütze gegeben, die es Menschen mit gestörter Willkürmotorik möglich machen soll, auf eine Kommunikationshilfe zu zeigen bzw. eine Schreibhilfe oder einen Computer zu bedienen. Die Gestützte Kommunikation wird kontrovers diskutiert, da Kritiker bezweifeln, dass die gestützt verfassten Mitteilungen authentisch sind, d. h. von der gestützten Person stammen. Adrienne Biermann: Gestützte Kommunikation im Widerstreit. Edition Marhold, Berlin 1999Allmuth Bober, Adrienne Biermann: Gestützte Kommunikation (FC) - zum Forschungsstand. In: Jens Boenisch, Christof Bünk (Hrsg.): Forschung und Praxis der Unterstützten Kommunikation. von Loeper-Verlag, Karlsruhe 2001, 203-223
Zielgruppe Stephen von Tetzchner und Harald MartinsenStephen von Tetzchner, Harald Martinsen: Einführung in die Unterstützte Kommunikation. edition S, Heidelberg 2000, S. 79 ff unterscheiden drei Zielgruppen, für die Unterstützte Kommunikation hilfreich werden kann. Menschen, die Lautsprache gut verstehen, aber unzureichende Möglichkeit besitzen, sich auszudrücken (UK als expressives Hilfsmittel) Menschen, die Unterstützung beim Lautspracherwerb benötigen bzw. deren lautsprachliche Fähigkeiten nur dann verständlich sind, wenn sie bei Bedarf über ein zusätzliches Hilfsmittel verfügen (UK als Unterstützung für die Lautsprache) Menschen, für die Lautsprache als Kommunikationsmedium zu komplex ist und die daher eine geeignete Alternative benötigen (UK als Ersatzsprache) Diese Zielgruppen umfassen Menschen mit: angeborenen Beeinträchtigungen (Bewegungsstörungen aufgrund frühkindlicher Hirnschädigung, geistige Behinderung u. a.) fortschreitender Erkrankung (Muskeldystrophie, Amyotrophe Lateralsklerose (=degenerative Krankheit des motorischen Nervensystems), Multiple Sklerose u. a.) erworbenen Schädigungen durch Unfälle (Schädel-Hirn-Trauma u. a.) oder Schlaganfälle vorübergehend eingeschränkten sprachlichen Möglichkeiten (Gesichtsverletzungen u. a.)
Es wird deutlich, dass Unterstützte Kommunikation auf ein breites Spektrum von Menschen mit ganz unterschiedlichen Behinderungsformen zielt und Kommunikationswege sowohl auf einem hohen Komplexitätsgrad anbieten will als auch basale Verständigungsmöglichkeiten und erste gemeinsame Zeichen mit schwerstbehinderten Menschen sucht.
Ziele und grundlegende Prinzipien Bei der Unterstützten Kommunikation steht das Gelingen des Kommunikationsprozesses im Vordergrund. Menschen mit unzureichender oder fehlender Lautsprache sollen so früh wie möglich erfolgreiche Kommunikationserfahrungen vermittelt werden, damit ihre kommunikative Entwicklung nicht durch ständige Misserfolge beeinträchtigt wird.Ursula Braun: Unterstützte Kommunikation bei körperbehinderten Menschen mit einer schweren Dysarthrie. Peter Lang Verlag. Frankfurt a. M. 1994, S. 47f. Als Ergänzung und Ersatz von Lautsprache werden körpereigene Kommunikationsmöglichkeiten ebenso genutzt wie elektronische oder nichtelektronische Kommunikationshilfen. Allerdings geht es bei der Unterstützten Kommunikation nicht nur um das Bereitstellen von Hilfsmitteln, sondern das Konzept sieht eine umfassende sonderpädagogisch-therapeutische Begleitung der kommunikativen Entwicklung von Menschen mit unzureichenden lautsprachlichen Fähigkeiten vor. Ebenso bedeutsam sind die Haltung der Kommunikationspartner und ihre Kompetenzen in der Gesprächsführung sowie andere äußere Bedingungen. z. B. institutionelle Besonderheiten.Ursula Braun: Unterstützte Kommunikation - Was ist das eigentlich? In: Ursula Braun (Hrsg.): Unterstützte Kommunikation. verlag selbstbestimmtes leben, Düsseldorf 1994, S. 5.
Unterstützte Kommunikation hat über die Kontaktaufnahme hinaus immer auch ausdrücklich die Zielrichtung, in irgendeiner Form ein gemeinsames Verständigungssystem, gemeinsam verstandene Zeichen zu etablieren. Diese Zeichen können somatische Ausdrucksformen, Laute, Wörter, Objekte, Bilder und Symbole, Berührungen, Bewegungen, Gebärden, Düfte, Geräusche, Klänge u. a. sein – entscheidend ist, dass diese Zeichen für die beteiligten Kommunikationspartner eine gemeinsame Bedeutung erlangen.Ursula Braun, Stefan Orth: UK und erste Zeichen mit schwerstbehinderten Kindern. In: Jens Boenisch, Katrin Otto: Leben im Dialog. von Loeper-Verlag, Karlsruhe 2005,131Irene Leber: Erste Zeichen in der Unterstützten Kommunikation bei Kindern mit schweren Behinderungen. In: Stefanie Sachse, Cordula Birngruber, Silke Arendes (Hrsg.): Lernen und Lehren in der Unterstützten Kommunikation. von Loeper-Verlag, Karlsruhe 2007, S. 163f
Zeitpunkt der Intervention Immer wieder gab und gibt es die Befürchtung, dass ein zu früher Einsatz von Unterstützter Kommunikation dazu führen könnte, dass die Entwicklung bzw. Weiterentwicklung lautsprachlicher Fähigkeiten behindert wird. So besagte der oralistische Ansatz, dass Alternativen zur Lautsprache erst dann angemessen sind, wenn jahrelange Bemühungen um die Entwicklung der lautsprachlichen Fähigkeiten erfolglos verlaufen. Unterstützte Kommunikation wurde demnach erst als letzte Möglichkeit angesehen, die nachrangig hinter den traditionellen logopädischen Maßnahmen rangierte.
Inzwischen hat sich jedoch sowohl in der wissenschaftlichen Diskussion als auch in der praktischen Arbeit der kommunikative Ansatz durchgesetzt.Angelika Rothmayr: Pädagogik und Unterstützte Kommunikation. von Loeper-Verlag, Karlsruhe 2001, S. 29 Demnach stellt es das wichtigste Ziel dar, bei einem Menschen ohne effektive Lautsprache eine möglichst ungestörte kommunikative Entwicklung zu erreichen. Und kommunikative Entwicklung beruht auf erfolgreicher Kommunikation, unerheblich, ob dazu Lautsprache, körpereigene Möglichkeiten oder Kommunikationshilfen eingesetzt werden. Es gilt also, Menschen ohne ausreichende Lautsprache so früh wie möglich freudvolle und effektive Kommunikation erleben zu lassen, in dem Bewusstsein, dass Unterstützte Kommunikation durchaus einen Weg darstellen kann, die lautsprachlichen Fähigkeiten zu fördern und sich so nach und nach überflüssig zu machen.Stephen von Tetzchner, Harald Martinsen: Einführung in die Unterstützte Kommunikation. edition S, Heidelberg 2000, S. 80f. Gleichzeitig wird es immer Menschen geben, für die Unterstützte Kommunikation das wichtigste, vielleicht sogar einzig wirksame Kommunikationsmedium darstellt.
Elemente der Unterstützten Kommunikation Einsatz von körpereigenen Kommunikationsformen(z. B. Mimik, Gestik, Gebärden, Blickbewegungen, Lautierungen) Einsatz von nichtelektronischen Kommunikationshilfen (z. B.: Kommunikationstafeln oder -bücher mit Fotos, Bildern oder Symbolen) Verwendung elektronischer Kommunikationshilfen (z. B. einfache oder komplexere Sprachausgabegeräte) Angestrebt wird ein multimodales KommunikationssystemConny Pivit: Individuelle Kommunikationssysteme. In: von Loeper Literaturverlag und isaac – Gesellschaft für Unterstützte Kommunikation e. V. (Hrsg.): Handbuch der Unterstützten Kommunikation. Karlsruhe 2003; S.01.006.001 , das aus verschiedenen Kommunikationsformen besteht und damit die Abhängigkeit von einer Form, z. B. dem Sprachausgabegerät, verringert.
Ebenso bedeutsam sind jedoch auch das Erlernen von Kommunikationsstrategien im Umgang mit den unterstützenden Kommunikationsformen sowie Haltung und Einstellung der Kommunikationspartner und deren Kompetenzen in der Gesprächsführung.Ursi Kristen: Praxis Unterstützte Kommunikation. Eine Einführung. verlag selbstbestimmtes leben, Düsseldorf 1994, S. 51ff.
Körpereigene Kommunikationsformen Unter körpereigene Kommunikationsmöglichkeiten werden alle Formen gefasst, die mit Hilfe des eigenen Körpers vollzogen werden können.Ursula Braun, Ursi Kristen: Körpereigene Kommunikationsformen. In: von Loeper Literaturverlag und isaac – Gesellschaft für Unterstützte Kommunikation e. V. (Hrsg.): Handbuch der Unterstützten Kommunikation. Karlsruhe 2003, S. 02.003.001-02.007.001. Das wichtigste körpereigene Kommunikationsmittel ist die eigene Stimme und auch für viele unterstützt kommunizierende Menschen bleiben lautsprachliche Äußerungen eine zentrale Möglichkeit der Verständigung. Neben der Stimme gibt es aber auch zahlreiche andere Möglichkeiten, im Einzelnen sind als körpereigene Kommunikationsmöglichkeiten zu nennen:
Lautierungen Lautsprachreste Blickbewegungen Mimik Zeigebewegungen Körperbewegungen Ja/Nein-Zeichen (individuell oder konventionell) Gebärden Fingeralphabet Individuelle Systeme (z. B. Buchstaben in die Luft schreiben)
Körpereigene Kommunikationsformen im Rahmen der Unterstützten Kommunikation sind in vielen Fällen identisch oder ähnlich zur nonverbalen Kommunikation natürlich sprechender Menschen. Allerdings besteht für nicht sprechende Menschen die Notwendigkeit, diese Form der Kommunikation so systematisch und zum Teil in so ungewöhnlicher Art und Weise zu benutzen, dass es nicht sinnvoll erscheint, diese beiden Begriffe gleichzusetzen.Ursula Braun, Ursi Kristen: Körpereigene Kommunikationsformen. In: von Loeper Literaturverlag und isaac – Gesellschaft für Unterstützte Kommunikation e. V. (Hrsg.): Handbuch der Unterstützten Kommunikation. Karlsruhe 2003, S. 02.006.001.
Eine besondere Bedeutung bei den körpereigenen Kommunikationsformen kommt dem Einsatz von Gebärden zu.
Einsatz von Gebärden Gebärden als Bestandteil von Unterstützter Kommunikation haben eine lange Tradition, die bis in die Zeit hineinreicht, in der dieses Fachgebiet zwar schon vereinzelt praktisch umgesetzt wurde, als theoretisches Gebäude jedoch noch nicht im deutschsprachigen Raum existierte. In zahlreichen diakonischen Einrichtungen, in denen Menschen mit geistigen Behinderungen lebten, wurde schon ab den 1970er Jahren erfolgreich mit unterschiedlichen Gebärdenkatalogen gearbeitet.Stefan Geiger: Sprachunterstützende Gebärden zur Förderung der Kommunikation bei nichtsprechenden Menschen mit einer geistigen Behinderung. In: Zur Orientierung 7 (1983), 17-24
Beim Einsatz von Gebärden mit Menschen, die zwar gut hören, aber aus den verschiedensten Gründen keine oder nicht ausreichende lautsprachliche Fähigkeiten entwickeln, gibt es große Unterschiede zur Arbeit mit gehörlosen Menschen: So geht die moderne Gehörlosenpädagogik davon aus, dass die Gebärdensprache und nicht die Lautsprache die Muttersprache der gehörlosen Menschen darstellt. Die Deutsche Gebärdensprache (DGS) ist als ein ganz eigenständiges Sprachsystem zu verstehen, das sich in zahlreichen Elementen von der Lautsprache unterscheidet. Insofern stellt die Lautsprache mit ihrer Syntax und ihren grammatikalischen Besonderheiten nicht das Gerüst dar, an dem DGS sich orientiert.