Bibeltexte zur Homosexualität sind Texte der Bibel, die sich auf homosexuelle Handlungen beziehen. Im Judentum und im Christentum sind solche Texte wesentlich für die Beziehung zwischen Homosexualität und Religion. Für beide Religionen sind Aussagen des Gesetzes Mose grundlegend. Dort wird den angesprochenen Männern verboten, „bei einem Mann [zu] liegen wie bei einer Frau“ (Levitikus 18,22, ähnlich Lev 20,13). Im Christentum sind außerdem drei Stellen der Paulusbriefe (1. Kor 6,9; Röm 1,26f.; 1. Tim 1,10) wichtig, worin ebenfalls vor homosexuellem Handeln gewarnt wird. Bei weiteren Bibelstellen, etwa beim Begriff „Unzucht“, ist es nicht klar, inwieweit homosexuelles Verhalten mit einbezogen ist.

Haltung im gegenwärtigen Judentum und Christentum Da lesbische Sexualität im Tanach nicht vorkommt, wurde diese im Judentum nicht thematisiert oder nur vage mitverboten.Nicholas de Lange (Hrsg.): Penguin Dictionary of Judaism. 2008, S. 587

Im 20. Jahrhundert, insbesondere angestoßen durch die Lesben- und Schwulenbewegung seit den 1970er Jahren, wird die biblische Exegese dieser Texte diskutiert. Orthodoxe Juden, evangelikale Christen, die römisch-katholische Kirche und orthodoxe Kirchen entnehmen daraus meist ein unbedingtes, weiterhin gültiges Verbot praktizierter, vor allem männlicher Homosexualität. Historisch-kritische Ausleger sind dagegen der Ansicht, dass die Bibel Homosexualität als individuelles Identitätsmerkmal, festgelegte Konstitution oder Orientierung nicht kenneVictor Paul Furnish: The Bible and Homosexuality: Reading the Texts in Context. In: Jeffrey S. Siker (Hrsg.): Homosexuality in the Church: Both Sides of the Debate. Westminster 1994, S. 19 und homosexuelle Handlungen vermutlich nur als Teil von Fremdkulten, als Vergewaltigung, Prostitution oder als außereheliche Promiskuität verbiete.Rainer Stuhlmann: Trauung und Segnung. Biblisch-theologische Gesichtspunkte für die Diskussion aktueller Fragen. Praktische Theologie 84 (1995), S. 487–503 Das Ergebnis, der Bibel keine generelle Ablehnung der Homosexualität zu entnehmen, kann aber auch dadurch erreicht werden, dass der betreffenden biblischen Warnung abgesprochen wird, „Wort Gottes“ zu sein. Innerhalb der Kirchen wird jedoch diskutiert, ob die vor Homosexualität warnenden Texte für die heutige Sexualethik herangezogen werden können.Udo Rauchfleisch: Schwule, Lesben, Bisexuelle: Lebensweisen, Vorurteile, Einsichten. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2011, ISBN 3-525-40415-8, S. 230

Auflistung relevanter Bibelstellen Beim Thema Homosexualität ist schon die Auswahl von Bibelstellen umstritten, nicht erst deren Auslegung. Einige Bibelstellen beziehen sich eindeutig auf homosexuelle Handlungen; bei jedem Einzeltext gibt es Diskussionen über ihre Relevanz für die Gegenwart.

Folgende Bibelstellen spielen in der Diskussion eine wichtige Rolle:Hedwig Porsch: Sexualmoralische Verstehensbedingungen: Gleichgeschlechtliche PartnerInnenschaften im Diskurs. Stuttgart 2008, S. 284

Tanach / Altes Testament (AT) Textgattung Inhalt / Schöpfungserzählung Gott schuf den Menschen als Mann und Frau, damit sie sich zu einem Paar vereinen und Partner füreinander sind Rechtssatz Verbot des Geschlechtsverkehrs zwischen Männern Rechtssatz Todesstrafe für Geschlechtsverkehr zwischen Männern Erzählung Männergruppe möchte zwei männliche Gäste vergewaltigen Neues Testament (NT) Lasterkatalog Geschlechtsverkehr zwischen Männern schließt vom Reich Gottes aus Gerichtsrede Homosexueller Verkehr ist Folge der Abwendung von Gott Lasterkatalog Geschlechtsverkehr zwischen Männern als Ungehorsam Gott gegenüber

Bei weiteren Bibelstellen ist umstritten, ob sie Homosexualität mitbetreffen: Rechtssatz Verbot des Verkehrs mit Prostituierten in Israel Erzählung Männergruppe verlangt Vergewaltigung eines Mannes und vergewaltigt dann dessen Nebenfrau Tora-Auslegung Unzucht entsteht aus bösen Gedanken Tora-Auslegung Am Anfang schuf Gott den Menschen als Mann und Frau; sie werden eins und sollen sich nicht scheiden Mahnrede Sodom trieb Unzucht Mahnrede Ausschweifung in Sodom

Bei einigen Stellen im AT und NT werden homoerotische Konnotationen erwogen: Bundesvertrag Beistandszusage zweier verschwägerter und verwitweter Frauen Totenklage Trauer nach Verlust eines geliebten Freundes Heilungswunder Heilung des Sklaven eines Römers Passionsbericht Der Jünger, „den Jesus liebte“, lag beim Abendmahl Jesu neben ihm

Tanach / Altes Testament Grundlegende Gebote in Levitikus Zum Wortlaut der Gebote Im Buch Levitikus (= 3. Mose) stehen jene beiden Gebote, welche im Judentum und im Neuen Testament stark nachwirkten und nachwirken: Lev 18,22: „Du sollst nicht bei einem Mann liegen wie bei einer Frau; es ist ein Gräuel.“ Lev 20,13: „Wenn jemand bei einem Manne liegt wie bei einer Frau, so haben sie getan, was ein Gräuel ist, und sollen beide des Todes sterben; Blutschuld lastet auf ihnen.“

Hier werden sexuelle Beziehungen zwischen Männern scharf verurteilt. Viele Gebote in der Tora sind mit einer Todesdrohung verbunden; ob diese „als Anweisung an die Justiz oder Anspielung auf eine Drohung Gottes gemeint war, ist umstritten“.Klaus Haacker: Homosexualität, biblisch, in: ELThG Bd. 2, 2019, Sp. 1266f. Lev 18 führt verbotene sexuelle Tatbestände auf, die Vers 29 summarisch als todeswürdige Vergehen beurteilt. Lev 20 bedroht viele dieser Tatbestände jeweils mit einer bestimmten Strafe, oft der Todesstrafe. Strafzweck war der Ausschluss der Täter aus dem Gottesvolk.Eckart Otto: Die Tora, Studien zum Pentateuch. Harrassowitz, 2009, ISBN 3-447-05901-X, S. 68

Beide Rechtssätze stehen im Heiligkeitsgesetz (Lev 17–26). Dieses zielt auf die umfassende „Heiligung“ der erwählten Israeliten als Antwort auf die Heiligkeit JHWHs (Lev 20,26). Die meisten Alttestamentler datieren dieses Rechtskorpus auf die Zeit des babylonischen Exils im 6. Jh. v. Chr.; danach wurde dieses Heiligkeitsgesetz um Gebote für Priester (Lev 1–16) sowie kultische und ethische Gebote für alle Israeliten ergänzt, die auf die „Reinheit“ des Gottesvolks zielten.Wiebke Krohn: Das Problem kirchlicher Amtshandlungen an gleichgeschlechtlichen Paaren. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2011, ISBN 3-89971-851-8, S. 114 Die Kapitel 18–20 bilden eine an männliche „Laien“ adressierte Sinneinheit, das in der Mitte auch das Gebot der Nächstenliebe (Lev 19,18f.) enthielt.

Die Verbotssätze lauten auf Hebräisch wörtlich: „Nicht soll liegen, was männlich ist, wie Liegende bei einer Frau“Renate Jost: Frauenmacht und Männerliebe: egalitäre Utopien aus der Frühzeit Israels. Kohlhammer, Stuttgart 2006, ISBN 3-17-019511-5, S. 158 und Fn. 91 oder „Und mit einem Männlichen sollst du nicht liegen das Liegen / die Beilager einer Frau“.Michael Brinkschröder: Sodom als Symptom: Gleichgeschlechtliche Sexualität im christlichen Imaginären – eine religionsgeschichtliche Anamnese. De Gruyter, Berlin 2006, ISBN 3-11-020079-1, S. 259f. Der Talmud-Traktat Sanhedrin 54a führte dazu aus: Da „Liegen bei einer Frau“ in der Bibel den Geschlechtsverkehr eines Mannes mit einer Frau bezeichne, meine der Plural „Liegende“ den vaginalen und den analen Verkehr. Analog dazu sei Männern die anale Penetration und die anale Rezeption verboten. Lev 18,22 rede den penetrierenden Mann an („Du …“), aber nach Lev 20,13 sei auch der penetrierte Sexualpartner todeswürdig. Traktat Yevamot 83b ergänzt, auch jeder vaginale oder anale Verkehr mit einem Androgyn sei verboten, weil dieser als Mann zu definieren sei. Andere Formen von Homosexualität wurden weder erörtert noch verboten.Elliot N. Dorff, Daniel S. Nevins, Avram I. Reisner: Homosexuality, Human Dignity and Halakhah. In: Walter Homolka: Das Jüdische Eherecht. De Gruyter, Berlin 2009, ISBN 3-89949-661-2, S. 195f. Neuere philologische Untersuchungen haben bestätigt, dass das hebräische Verb šakab („liegen mit…“, „bei … schlafen“) zusammen mit dem Subjekt zakar („Mann, Männliches“) im Tanach eindeutig „kopulieren“ mit einer Frau meint. Daher verbiete die Wendung „wie das Liegen bei / das Beilager einer Frau“ in Lev 18,22 dem penetrierenden, in Lev 20,13 auch dem penetrierten Mann den Analverkehr. Eine Vergewaltigung sei hier nicht gemeint; homoerotische Handlungen würden nicht verboten.Saul M. Olyan: “And with a Male You Shall Not Lie the Lying Down of a Woman”: On the Meaning and Significance of Leviticus 18:22 and 20:13. In: Journal of the History of Sexuality, 1994, S. 179–206. Viele christliche Exegeten folgten dieser Exegese.Klaus Haacker: Homosexualität in biblischer Sicht. In: Hellmut Zschoch (Hrsg.): Liebe – Leben – Kirchenlehre. Beiträge zur Diskussion um Sexualität und Lebensformen, Trauung und Segnung. Foedus, Wuppertal 1998, S. 37–50; Renate Jost: Frauenmacht und Männerliebe, Stuttgart 2006, S. 159, Fn. 92

Der Ausdruck „Gräuel“ (toebah) erscheint in Lev 18,22 direkt nach dem Verbot von Menschenopfern für den Götzen Moloch, die im Tanach als schlimmster Gräuel fremder Völker gelten. Analog dazu verurteilt der Folgevers 23 sexuellen Verkehr mit Tieren (Zoophilie) als „Schändliches“. In der Einzelstrafenreihe in Lev 20 erscheint der Ausdruck „Gräuel“ nur in Vers 13.

Als „Gräuel“ wurden in Israel solche Taten bezeichnet, die deshalb als besonders schwere Vergehen galten, weil sie ausländischen Bräuchen folgten, womit sie die Identität des erwählten Gottesvolkes bedrohten und so den Verlust des Landes heraufbeschworen. Deshalb droht Lev 18–20 allen Bewohnern Israels dafür die Todesstrafe an.Roland Deines: Das Aposteldekret. In: Jörg Frey, Daniel R. Schwartz, Stephanie Gripentrog (Hrsg.): Jewish Identity in the Greco-Roman World. Brill, Leiden 2007, ISBN 90-04-15838-3, S. 381 In der deuteronomistischen Theologie bezeichnet der Ausdruck „Gräuel“ stereotyp aus Kanaan und von anderen Völkern übernommene Kultpraktiken, die das erste der Zehn Gebote als Götzendienst ausschloss, so dass sie in Israel unbedingt abgeschafft werden sollten.Christine Stark: „Kultprostitution“ im Alten Testament? Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2006, ISBN 3-525-53021-8, S. 131.

Erwägungen möglicher Gründe dieser Gebote „Eine Begründung für die Tabuisierung des Geschlechtsverkehrs zwischen Männern fehlt in Lev wie bei allen sog. apodiktischen Geboten.“Klaus Haacker: Homosexualität, biblisch, in: ELThG Bd. 2, 2019, Sp. 1267. Bei Theologen gibt es verschiedene – im Folgenden dargelegte – Überlegungen, was der Grund für diese Gebote gewesen sein könnte. In Ermangelung klarer Anhaltspunkte gehen die Ansätze in unterschiedliche Richtungen. Indem die pauschalen Verbote mit der Hypothese bestimmter Umstände verknüpft werden, ergibt sich jeweils eine spezielle Bedeutung, die sich dann von heutigen einvernehmlichen treuen homosexuellen Beziehungen unterscheiden lässt (mit der Schlussfolgerung, dass die Verbote in Lev nicht anwendbar sind auf die gegenwärtige Situation). Das wird dann etwa so formuliert: „Hier wird jedenfalls nicht ‚Homosexualität‘, sondern bestenfalls ein kleiner Ausschnitt aus dem, was heute mit dem Konzept ‚Homosexualität‘ assoziiert wird, verworfen.“Stefan Alkier: Kann denn Liebe Sünde sein? In: Stefan Alkier, Kristina Dronsch (Hrsg.): HIV/Aids – Ethische Perspektiven. Walter de Gruyter, Berlin 2009, ISBN 3-11-021266-8, S. 341–358, hier: S. 355 Und es wird gefolgert, dass die Bibel gleichgeschlechtliche Liebe, Partnerschaft, Zärtlichkeit und Erotik nicht problematisiere und nicht verbiete.

Wie wurden diese Levitikus-Gebote von den Juden im Altertum verstanden? Damalige jüdische Lehrer wie Philo von Alexandrien oder Paulus lebten in zeitlicher und kultureller Nähe zu diesen Geboten, weshalb ihr Verständnis Gewicht hat. Hier ist ein einheitliches Verständnis zu beobachten: „Ganz selbstverständlich galt dem Frühjudentum gleichgeschlechtliches Verhalten als Sünde der Heiden.“Stefan Scholz: Homosexualität (NT), in: WiBiLex, 2012.