mini|Samuel Beckett (1977) rahmenlos|klasse=skin-invert-image|Samuel Becketts Unterschrift

Samuel Barclay Beckett (* 13. April 1906 in Dublin; † 22. Dezember 1989 in Paris) war ein irischer Schriftsteller. Er gilt als einer der bedeutendsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts und wurde 1969 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Sein bekanntestes Werk Warten auf Godot (En attendant Godot) wurde am 5. Januar 1953 in Paris uraufgeführt. Die deutschsprachige Premiere fand am 8. September des Jahres im Schlosspark Theater Berlin statt.

Beckett war zunächst britischer, nach der Unabhängigkeit Irlands 1921 irischer Staatsbürger und lebte seit 1937 ständig in Frankreich. Seine ersten Texte verfasste er in englischer Sprache, in seiner mittleren und fruchtbarsten Phase schrieb er überwiegend französisch, später wechselte er zwischen beiden Sprachen, oft von Text zu Text, und übersetzte seine Werke häufig selbst in die jeweils andere Sprache.

Leben und Schaffen Familie, Kindheit und Jugend Samuel Beckett war der zweite Sohn der Eheleute Bill und May Beckett (geb. Roe). Die väterliche Linie der Familie stammte von den Hugenotten ab, die wahrscheinlich im 18. Jahrhundert aus Frankreich nach Irland kamen. Sie erwarb sich zunächst mit der Herstellung edler Stoffe einigen Reichtum und war später seit der großväterlichen Generation im Baugewerbe tätig. Becketts Vater selbst war als Baukalkulator vielbeschäftigtes und angesehenes Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft Dublins. Auch May Beckett stammte aus einer achtbaren protestantischen Familie. Das Dorf Foxrock, ein Vorort Dublins, galt zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Adresse für Wohlhabende, die zurückgezogen und doch in der Nähe zum belebten Stadtzentrum Dublins wohnen wollten. Die Becketts lebten dort in einem großzügigen Haus (Cooldrinagh) mit einigem Landbesitz und hatten im Laufe der Jahre mehrere Dienstmädchen. Die Mutter führte den Haushalt mit Strenge, bedacht auf Sauberkeit und Umgangsformen, und galt als regelmäßige Kirchgängerin. Der Vater pflegte den geselligen Umgang, war Mitglied mehrerer Gentlemen’s Clubs, spielte gerne Golf oder unternahm ausgedehnte Wanderungen.

Entgegen dem Gerücht, er habe sein Geburtsdatum manipuliert und selbst auf den 13. April verlegt, den Karfreitag als Symbol für das Leid, kam Beckett tatsächlich an diesem Tag zur Welt. Sein drei Jahre älterer Bruder hieß Frank. Seit dem fünften Lebensjahr besuchte Beckett eine Kindergartenschule in der Nähe von Foxrock, wo er u. a. bereits erste Lektionen in Französisch und Klavierstunden erhielt. Ab 1915 wurde er in die höhere Schule Earlsfort House in der Nähe der Endstation des Dubliner Bahnhofs geschickt und blieb dort insgesamt vier Jahre. Früh fiel er als guter Sportler auf, spielte Tennis, Cricket und Golf und erhielt Unterricht im Boxen. 1919 wechselte er in die traditionsreiche Portora Royal School in Enniskillen, ein Internat, an dem auch Oscar Wilde einige Zeit gelernt hatte und das nach der Teilung Irlands im nördlichen Landesteil jenseits der Grenze lag. Dort entwickelte er literarisches Interesse und las u. a. Bücher des Humoristen Stephen Leacock. Er galt als intelligenter, jedoch nicht herausragender Schüler und war besonders bekannt für gute Aufsätze und seine sportlichen Fähigkeiten.

Becketts Kindheit und Jugend wurden überschattet von dem erbitterten Kampf, mit dem die überwiegend katholischen Iren dem protestantischen England nach fast 400 Jahren Fremdherrschaft 1921 die Unabhängigkeit abtrotzten.

Im Oktober 1923 begann Beckett mit 17 Jahren ein Studium der Fächer Französisch und Italienisch am renommierten Dubliner Trinity College und reiste in diesem Zusammenhang 1926 erstmals nach Frankreich und 1927 nach Italien.

Literarische Anfänge mini|Porträt Sinclairs von Karl Leyhausen, 1931 Nach Abschluss des Studiums wurde Beckett für zwei Jahre Englisch-Lektor an der Pariser École normale supérieure, der französischen Elitehochschule für Lehramtsfächer. In Paris knüpfte er Kontakt zu Literatenkreisen und lernte dabei neben den Franzosen Jules Romains, Philippe Soupault und Paul Valéry auch seinen 24 Jahre älteren Landsmann James Joyce kennen, dessen Werk er zum Teil übersetzte. Joyce hatte sich schon vor längerer Zeit aus dem politisch unruhigen, viktorianisch geprägten Irland nach Paris zurückgezogen und inzwischen, dank seines als Skandalroman betrachteten Ulysses (1922), einen gewissen Grad an Berühmtheit erlangt. In Paris unternahm Beckett erste ernsthafte schriftstellerische Versuche, zunächst Lyrik in englischer Sprache. Seit 1928 reiste er mehrfach nach Deutschland, u. a. weil er sich in seine in Kassel lebende Cousine Peggy Sinclair verliebt hatte. Der Liebe zu ihr setzte Beckett ein Denkmal mit seinem Romanerstling Dream of fair to middling women (Traum von mehr bis minder schönen Frauen; 1932, veröffentlicht 1993).

1930 kehrte Beckett nach Dublin zurück und wurde Assistent im Fach Französisch am Trinity College. Doch empfand er die geregelte Tätigkeit als Last, kündigte und ging 1932, nach einer längeren Reise durch Deutschland, wieder nach Paris, um nur kurze Zeit später erneut nach Dublin zurückzukehren. 1933, nach dem plötzlichen Tod seines Vaters, widersetzte er sich dem Druck seiner Mutter, als Partner seines Bruders in die Firma einzutreten. Stattdessen ging er nach London, wo er von Zuwendungen der Mutter lebte und mühsam und oft in depressiver Stimmung als Autor Fuß zu fassen suchte. Ein Bändchen erzählender Texte, das er 1934 unter dem mehrdeutigen Titel More Pricks than Kicks (Mehr Prügel als Flügel bzw. Mehr Pimmel als siebenter Himmel) publizierte, blieb jedoch erfolglos und wurde bald verboten. In dieser Zeit war er auch als Übersetzer aus dem Französischen tätig. Für die 1934 erschienene antirassistische „Negro“-Anthologie der britischen Verlegerin Nancy Cunard übertrug er mehrere Aufsätze ins Englische, so beispielsweise Murderous Humanitarianism der in Paris ansässigen surrealistischen Gruppe um André Breton, Paul Éluard und Yves Tanguy und Races and Nations. The Benefits of Colonisation des französischen Schriftstellers Léon Pierre-Quint.Auszüge abgedruckt in: Karin Althaus, Adrian Djukić, Ara H. Merjian, Matthias Mühling, Stephanie Weber (Hrsg.): Surrealismus + Antifaschismus. Anthologie. Hatje Cantz, Berlin 2025, ISBN 978-3-7757-5878-9, S. 104 f. Für seinen zweiten Roman Murphy fand er lange Zeit keinen Verleger. 1934, während er an Murphy arbeitete, begann er in London eine Psychoanalyse bei Wilfred Bion, die zwei Jahre andauerte und ihn mit dem Psychoanalytiker C.G. Jung in Kontakt brachte, dessen Vorlesungen er besuchte.

Der Entschluss zu einer Reise durch Deutschland (1936/37) – die Tagebücher aus dieser Zeit wurden erst nach seinem Tod entdeckt und erschienen im August 2026 als German Diaries in einer zweisprachigen kommentierten Ausgabe – entstand wohl aus dem Bedürfnis, sich aufgrund seiner literarischen Erfolglosigkeit neu zu orientieren. Er schrieb in sein Tagebuch: „My plans are now simply to get to Germany, & then selon le vent. I hope to be away a long, long time.“

Die ersten neun Wochen verbrachte er in Hamburg, wo er Theater, Konzerte, die Universität und vor allem die Kunsthalle besuchte. Neben der für die Öffentlichkeit zugänglichen Sammlung interessierten ihn auch die bereits von der nationalsozialistischen Kulturverwaltung ins Depot verbannten Bilder der Künstler der „Brücke“, die er nur mit besonderer Erlaubnis zu sehen bekam. In Hamburg, aber auch in anderen Städten seiner Deutschlandreise, fand Beckett Kontakt zu der trotz Verfolgung noch existierenden modernen Kunstszene. Neben Künstlern und Künstlerinnen der ehemaligen Hamburger Sezession traf er die Sammlerin moderner Kunst Margrit Durrieu und die Kunsthistorikerin Rosa Schapire, die wegen ihrer jüdischen Herkunft diskriminiert wurde.

Seinen Besuch am 25. Oktober 1936 auf dem Friedhof Ohlsdorf verarbeitete er später in der Erzählung Erste Liebe. Eine weitere längere Station seiner Deutschlandreise war Berlin. Hier, so hält er in seinen Tagebuchaufzeichnungen fest, war es zwar im Kronprinzenpalais noch möglich, Zeichnungen missliebiger Künstler zu sehen, ihre ins Magazin verbannten Gemälde aber nicht. In Dresden, wo er engen Kontakt mit dem von den Nazis entlassenen ehemaligen Leiter der Gemäldegalerie Will Grohmann pflegte, konnte er noch Bilder von Edvard Munch, Oskar Kokoschka, Otto Dix und sogar Max Liebermann sehen, was ihn angesichts der Einstellung der damaligen deutschen Behörden Juden gegenüber verwunderte. Auf seiner letzten Station München war das politische Klima schließlich schon so gefährlich für die freie Kultur geworden, dass er nicht mehr an die von ihm gewünschte Literatur herankam. Nach Becketts Aufzeichnungen soll der Verleger Reinhard Piper es nicht über sich gebracht haben, ihm eine inzwischen verbotene Biografie Ernst Barlachs auszuhändigen, da er befürchtete, Beckett könne bei der Ausreise aus Deutschland durchsucht werden.

Nach einer kurzzeitigen Rückkehr nach Irland ließ Beckett sich im Oktober 1937 endgültig in Paris nieder. Ein entscheidender Grund dafür war die Pianistin Suzanne Deschevaux-Dumesnil (1900–1989), die ihn, nachdem ihm bei einem Überfall von einem Unbekannten ein lebensgefährlicher Messerstich zugefügt worden war, im Krankenhaus besuchte und bald danach seine Lebensgefährtin und 1961 seine Ehefrau wurde. Auch sprachlich verlegte er sich aufs Französische, beispielsweise indem er Murphy (1938 endlich in London erschienen) selbst ins Französische übertrug.

Bei einem Besuch in Irland 1939 wurde er vom Kriegsausbruch überrascht und kehrte sofort nach Paris zurück. Ende 1940 schloss er sich dem französischen Widerstand, der Résistance, an. Als 1942 seine Widerstandszelle Réseau Gloria (Gloria SMH) von Robert Alesch an die Gestapo verraten wurde, tauchte er unter und ging mit Suzanne in den unbesetzten Süden Frankreichs, ins Dorf Roussillon (Vaucluse), wo er sich als Erntehelfer und Gelegenheitsarbeiter verdingte. Nachts schrieb er an seinem vorerst letzten englischsprachigen Roman Watt (gedruckt erst 1953).

Der Durchbruch und die Zeit der Anerkennung Nach der Befreiung Frankreichs 1944 kehrte er im April 1945 nach Paris zurück und meldete sich, nach einem kurzen Besuch in Irland, freiwillig als Rotkreuzhelfer. Als solcher arbeitete er bis zum Jahresende, überwiegend als Dolmetscher, in einem Lazarett in der normannischen Kleinstadt Saint-Lô. Wieder in Paris, begann er als nunmehr französischsprachiger Autor seine fruchtbarste Schaffensphase. Zunächst hatte er allerdings Mühe, Verlage für seine Bücher zu finden, bis Suzanne Deschevaux-Dumesnil den Verleger der Éditions de Minuit, Jérôme Lindon, für ihn gewann.

Es entstanden 1946 der Roman Mercier et Camier (gedruckt erst 1970) und 1948 die Romane Molloy und Malone meurt (beide gedruckt 1951). Ebenfalls 1948 entstand das Stück En attendant Godot, für das sich zunächst kein Spielort finden ließ. Erst Anfang 1953 wurde es mit überraschendem Erfolg am Théâtre de Babylone von Roger Blin, der selbst den Pozzo spielte, aufgeführt und machte seinen Autor zu einer der Galionsfiguren des absurden Theaters. Ab 1946 entstanden die Erzählungen des Bandes Textes pour rien (1956), 1949 der Roman L'Innomable (gedruckt 1953) und 1954–56 ein weiteres Stück: Fin de partie (Uraufführung 1957).

1953 fing Beckett an, beginnend mit Molloy, seine französisch verfassten Werke ins Englische zu übertragen. Dies brachte ihn dazu, teilweise wieder englisch zu schreiben, wobei er diese Texte anschließend meistens ins Französische übertrug. 1956 konzipierte er, beginnend mit All that fall, für den englischen Radiosender BBC eine Serie von Hörspielen (Radio Plays), eine Gattung, die in Frankreich damals kaum bekannt war und mit der sich Beckett ein für ihn neues Feld erschloss.

mini|hochkant|Samuel Beckett, 1961 porträtiert von Reginald Gray