mini|Schloss Wiepersdorf mini|Schloss und Orangerie
Schloss Wiepersdorf steht in Wiepersdorf, Gemeinde Niederer Fläming, südöstlich von Jüterbog (Land Brandenburg).
Das Schloss Wiepersdorf nimmt in der Geschichte der Künste, insbesondere der Literatur, eine besondere Stellung in Deutschland ein. Als ehemaliger Wohnsitz von Achim von Arnim und Bettina von Arnim, dem bedeutenden Dichterpaar der Romantik, hat es eine lange Tradition als Ort des geistigen Austausches. Nach einer wechselvollen Geschichte hat die Deutsche Stiftung Denkmalschutz im Jahr 2006 die Aufgabe übernommen, das Haus mit Unterstützung des Landes Brandenburg und des Bundes dauerhaft als Künstlerhaus zu erhalten. Im Juli 2019 gründete das Land Brandenburg die öffentlich-rechtliche Kulturstiftung Schloss Wiepersdorf.Schloss Wiepersdorf gehört nun zur Kulturstiftung. Welt Online.
Die Kulturstiftung Schloss Wiepersdorf ist eine Organisation zur Pflege von Kunst, Kultur und Wissenschaft durch ein interdisziplinäres und internationales Residenzprogramm. Sie vergibt Stipendien an einzelne Künstler und Wissenschaftler sowie an Gruppen aus dem kulturellen und akademischen Bereich. Sie veranstaltet Programme für die breite Öffentlichkeit sowie für Experten. Gleichzeitig erinnert sie mit einem aktuellen Fokus an die Geschichte des Hauses durch Ausstellungen und Programme zur Epoche und Geisteshaltung der Romantik sowie zur deutsch-deutschen Geschichte. Die Kulturstiftung Schloss Wiepersdorf versteht sich als Teil der kulturellen Landschaft Brandenburgs zur Stärkung demokratischer zivilgesellschaftlicher Strukturen durch Debatten, Engagement und Vermittlung. Die Stiftung verfolgt ausschließlich und unmittelbar gemeinnützige Zwecke.
Entstehung der Gutsanlage mini|hochkant=0.5|Eine der Callot-Figuren Anstelle des heutigen Schlosses stand zunächst ein Herrenhaus des Adelsgeschlechts von Leipzig. Ende des 16. Jahrhunderts war Johann Gottfried von Leipzig der Gutsherr, konkret bis 1728. Im Jahr 1734 erwarb der Königlich Preußische Major Gottfried Emanuel von Einsiedel (1690–1745) das Ländchen Bärwalde, wozu auch das Rittergut Wiepersdorf gehörte. Das Herrenhaus wurde vermutlich zwischen 1734 und 1738 ausgebaut, halb massiv, halb aus Holz. Dabei wurden Reste des Vorgängerbaus mit eingebunden, wie beispielsweise an dem als Weinkeller genutzten Raum zu sehen ist. Dort befindet sich ein Kreuzrippengewölbe wie es im 16. Jahrhundert üblich war. 1736 kamen zwei schrägstehende Flügelbauten hinzu, die aber noch nicht mit dem Haupthaus verbunden waren. Als General bei König Friedrich II. von Preußen in Ungnade gefallen, starb Einsiedel 1745 in Potsdam und wurde in der Gruft, die sich unter dem Westteil der Wiepersdorfer Kirche befindet, beigesetzt. Diese hatte der General zusammen mit einer Patronatsloge an die Kirche anbauen lassen. Seine Tochter Sofia Dorothea zahlte ihre Miterben aus und übernahm die sieben Dörfer des Ländchens. Sie verpachtete das Gut in Bärwalde und bewirtschafte fortan das Gut Wiepersdorf. Sie war in zweiter Ehe mit dem Freiherrn von Grotthus verheiratet. Im Jahr 1778 trennten sich die beiden und Sofia Dorotha entschied sich für den Verkauf des Ländchens.
Familie von Arnim Der Königlich-Preußische Kammerherr und Diplomat Joachim Erdmann von Arnim (1741–1804) kaufte am 10. Februar 1780 für 98.000 Taler das Ländchen Bärwalde mit Wiepersdorf und weiteren Rittergütern. Da er selbst die Kaufsumme nicht aufbringen konnte, half ihm seine Schwiegermutter K(C)aroline von Labes, Tochter des Berliner Bankiers Gottfried Adolph Daum. Mit dem Kauf unterstützte Karoline ihre Tochter Amalie Caroline, die seit 1777 mit Joachim Erdmann von Arnim verheiratet war. Dieser ließ am Herrenhaus bauliche Veränderungen vornehmen und verband es durch Turmgebäude mit den Seitenflügeln. Dadurch entstand eine geschwungene Baugruppe.
Am 26. Januar 1781 wurde das zweite Kind, der spätere Dichter Ludwig Achim von Arnim, in Berlin geboren. Im Februar starb seine Mutter im frühen Alter von 20 Jahren an den Folgen der Geburt. Achim und sein Bruder Carl Otto wuchsen bei der Großmutter mütterlicherseits Caroline von Labes in Berlin und in Zernikow auf. Nach dem Tod des Vaters 1804 wurden beide Brüder Erben des Ländchens. Sie konnten die mittlerweile angefallenen Schulden jedoch nicht durch einen Verkauf des Ländchens begleichen, da Karoline von Labes in ihrem Testament das Gut als Familienfideikommiss ausgewiesen hatte.
Achim von Arnim heiratete 1811 Bettina Brentano (1785–1859), die Schwester seines Freundes und Dichterkollegen Clemens Brentano. 1814 zogen beide auf das Gut Wiepersdorf. Achim verlagerte den Wirtschaftshof, der sich vor dem Schloss befand, auf die Südseite und ließ ihn dort größer aufbauen.
Während Bettina nach drei Jahren mit den Kindern wieder nach Berlin zog, blieb Ludwig Achim sein Leben lang als Gutsherr und Dichter in Wiepersdorf. Von gegenseitigen Besuchen abgesehen, lebten beide getrennt voneinander. Dieser räumlichen Trennung folgte ein umfangreicher Briefwechsel, der eine wichtige Quelle in der Arnim- und Romantikforschung darstellt, außerdem kulturgeschichtliche Ereignisse und dörfliches Leben zu Beginn des 19. Jahrhunderts aufzeichnet.
Nach dem Tod von Ludwig Achim (am 21. Januar 1831 in Wiepersdorf) übernahm der ältere Bruder Carl Otto das Gut, verpachtete es aber. Zurück blieben die sieben Kinder, von denen der Älteste, Freimund, im Jahr 1844/1845 Schloß Wiepersdorf und die Bewirtschaftung der Güter kurz vor seiner Hochzeit mit Anna von Baumbach wieder übernahm. 1848 wurde der erste Enkel des Dichterpaares, der spätere Maler Achim von Arnim-Bärwalde, geboren, der nach einigen Jahren die Güter übernahm und wiederum umfangreiche Veränderungen an Haus und Garten vornehmen ließ. So entstand 1877 am nördlichen Teil des Hauses auf den Resten des abgerissenen Nordflügels ein geräumiges Atelier. Es ist der größte Raum des Hauses, mit hoher Decke, die er nebst Türen kunstvoll ausgemalt hat. Später ließ er den Balkon und die halbrund ausschwingende Terrasse anbauen. Die breite Freitreppe mit massiver Balustrade und Vasen endet in einem abgesenkten Gartenparterre mit Mittelbeet. Südlich des Gartenparterres entstand 1888/1889 die Orangerie. Sandsteinfiguren, Statuen aus der griechisch-römischen Sagenwelt und große Vasen, die der Maler von seinen Italienreisen mitbrachte, verleihen dem Park ein heiteres südliches Flair. Vor dem großen Atelierfenster stehen im Halbkreis aufgestellt fünf groteske Zwergenfiguren, deren Herkunft nicht überliefert ist. Am westlichen Teil des Gartenparterres schloss sich ein Landschaftsgarten an. Haus und Park stehen heute unter Denkmalschutz.
Da Achim kinderlos blieb, setzte er seinen Neffen Erwin Kühnemund als Erben ein. Er übernahm jedoch das Gut in Zernikow, das er ebenfalls nach dem Aussterben der Labesschen Linie erhalten hatte. Das Gut Wiepersdorf wurde hingegen im Jahr 1891 von seinem jüngeren Bruder, Annois Wilm übernommen, der 1928 bei einem Unfall starb. Einer seiner Brüder, Ottmar von Arnim, beging im Jahr 1929 eine Fehlinvestition, die zu einem drohenden Bankrott hätte führen können. Um die Schulden zu begleichen, versteigerte er einen Teil des Nachlasses von Achim und Bettina von Arnim. Mit dem Erlös konnte er sein Blankenseer Gut in der Uckermark retten. Ein Teil des Nachlasses gilt jedoch als verschollen, ein anderer Teil wurde vom Freien Deutschen Hochstift gerettet und in den Familienbesitz zurückgeführt.
Zugehörige Besitztümer und ausgewählte Bauten auf dem Gelände Das damalige Rittergut Wiepersdorf umfasste um 1880 nach dem amtlich publizierten Generaladressbuch der Rittergutsbesitzer für Brandenburg 644 ha, davon 290 ha Waldbesitz. Dazu gehörte Rittergut Weißen mit 225 ha, Herbersdorf mit Meinsdorf 241 ha sowie Bärwalde mit 242 ha. In Bärwalde und Wiepersdorf wurden noch Brennereien betrieben. Die einzelnen Besitzgrößen blieben über die nächsten Jahrzehnte stabil. Die wirtschaftlichen Situationen waren konstant, auch wenn die Besitzerfamilie teils einen anderen Hauptwohnsitz hatte, zu jener Zeit Alt-Kölpin bei Gerswalde.
Die ehemals kleine Kirche, die sich im nördlichen Teil des vorderen Schlossparks befindet, wurde 1894/1895 ebenfalls nach den Plänen des Malers Achim von Arnim-Bärwalde umgebaut und erhielt ihr heutiges Aussehen. Auch die Gestaltung des Familienfriedhofs an der Kirche wurde nach seinen Plänen ausgeführt. Dort ruhen das Dichterehepaar und einige ihrer Nachfahren. Heute ist die Kirche eine Gemeindekirche und kann an den Wochenenden im Sommerhalbjahr, an Festtagen auf dem Gelände der Kulturstiftung oder bei Führungen besichtigt werden. Im Sommer gibt es regelmäßig auch Ausstellungen in der Kirche.
Zeit des Nationalsozialismus Kurz vor der großen Wirtschaftskrise 1929/1930 beinhaltete das für die Herrschaft Bärwalde vormals gegründete Familienfideikommiss in der Gesamtheit bestehend aus Wiepersdorf mit 792 ha, Rittergut Herbersdorf mit 119 ha, Bärwalde 248 ha und Weißen 227 ha. Den Bereich Wiepersdorf leitete Verwalter Wilhelm von der Mülbe. Den Bereich Bärwalde führte der Administrator Harald Niederberger. Administratoren wurden zumeist direkt von den landwirtschaftlichen Kreditgebern, hier die Ritterschaftsbank, später Märkische Landschaft genannt, zur Einhaltung verschiedener Maßnahmen vorgeschrieben.
Bis 1945 blieben Schloss und Gut im Besitz der Familie von Arnim. Friedmund von Arnim (1899–1946), Urenkel des Dichterpaares, der sich um eine große Familie und die verschuldeten Gutsbetriebe von Zernikow und Wiepersdorf zu kümmern hatte, und seine Frau Clara von Arnim geb. von Hagens, als Mutter von sechs Kindern mit der Führung des großen Gutshaushalts voll ausgelastet, konnten sich allerdings kaum um die Pflege des literarischen Nachlasses kümmern. Sie lebten vorwiegend in Zernikow. Viel war damals ohnehin nicht zu erreichen, da die offizielle Germanistik vollständig von den Nationalsozialisten beherrscht wurde. Friedmund von Arnim sorgte jedoch dafür, dass sein Schwager Walther Encke, der wegen seines Widerstands gegen den umstrittenen Regierungsantritt von Papens in Preußen am 20. Juli 1932 seinen Posten als Polizeimajor in Berlin verloren hatte und nach der Machtergreifung der Nazis zusätzlich gefährdet war, eine erste Bestandsaufnahme vornahm.
In Schloss Wiepersdorf, wo Friedmunds Mutter Agnes von Arnim geb. von Baumbach wohnte, fanden u. a. der von den Nazis als „entarteter Künstler“ verfemte Maler Fritz Kuhr und der als „Halbjude“ eingestufte Germanist Werner Milch ein Refugium. Werner Milch konnte dort die Arbeit an seinem Buch Die junge Bettine beginnen, das nach seinem Tod von Peter Küpper vollendet wurde.