mini|Nan Madol, Nandauwas – Südwestecke mini|Karte von Nan Madol mini|Nan Madol in der Gemeinde Madolenihmw Nan Madol ist eine Ruinenstadt vor Temwen Island, einer Nebeninsel von Pohnpei im Archipel der Karolinen (politisch Föderierte Staaten von Mikronesien). Sie wurde auf 92 künstlich angelegten, im Mittel fußballfeldgroßen Inseln auf einem Korallenriff errichtet. Nan Madol war keine Stadt im heutigen Sinne, sondern primär ein abgegrenztes Ritualzentrum und Wohnstätte einer politisch-religiösen Elite.

Entstehungsgeschichte mini|Nan Madol, Nandauwas – Ansicht von der Seeseite Die Besiedlung der Insel Pohnpei liegt, wie aus Funden von Lapita-Keramik ersichtlich ist, mindestens 3000 Jahre zurück.William S. Ayres: Nan Madol, Micronesia. In: Society for American Archaeology Bulletin 10, 1992, S. 4. In den auf die Erstbesiedlung folgenden Jahrhunderten bildeten sich mehrere Stammesfürstentümer heraus (bisher wurden fünf nachgewiesen), die sich in Clans untergliederten und die jeweils um ein geistig-politisches Zentrum entstanden. Auf der Insel Pohnpei finden sich Hunderte Überreste von Statusbauten wie Häuptlingsgräber und umhegte Residenzen, die eine räumlich und zeitlich umfangreiche soziale, ideologische und politische Strukturierung belegen. Ethnologisch bedeutsam ist, dass die Relikte bis heute eng mit der Kultur und mündlichen Überlieferung der Bevölkerung verknüpft sind.

Nan Madol begann seine Rolle als rituelles Zentrum des Stammesfürstentums von Madolenihmw um 500 n. Chr. mit dem Aufstieg der Dynastie der Saudeleurs, denen es in einer Reihe von Kriegen gelang, die gesamte Bevölkerung der Insel – wahrscheinlich etwa 25.000 Personen – unter ihrer Herrschaft zu einen. Saudeleur ist ein Titel, der mit Oberherr oder Autokrat gleichgesetzt werden kann. Wörtlich übersetzt heißt er „Herr von Deleur“, nach einem bedeutenden Stammesfürstentum auf Pohnpei, dessen ursprüngliches Territorium heute nicht mehr hinreichend eingegrenzt werden kann. Aus mündlichen Überlieferungen sind die Namen von neun Saudeleurs bekannt, wahrscheinlich hat es aber, wie genealogisch nachvollzogen werden kann, 14 oder mehr gegeben.J. Stephen Athens: The Megalithic Ruins of Nan Madol. In: Natural History 92, 12, 1992. Sie errichteten eine streng hierarchisch ausgerichtete, stratifizierte Gesellschaft mit mehreren deutlich getrennten Häuptlings- und Adelsrängen. Diese Abstufung lässt sich heute noch an der unterschiedlichen Größe, Ausstattung und Bauausführung der Inseln ablesen.William S. Ayres: Mystery Islets of Micronesia. In: Archaeology Jan/Feb 1990. Die vertikale Sozialstruktur lässt sich aber auch an den Begräbnisstätten erkennen.Katherine Seikel: Mortuary Contexts and Social Structure at Nan Madol, Pohnpei. In: Journal of Island & Coastal Archaeology 6, 2011. Wie bei vielen Stammesgesellschaften gab es auch in Nan Madol eine Klassifizierung der Begräbnisriten in Relation zum sozialen Status: große Grabplattformen (Luhlung oder Lolong) und Ossuarien für die höchsten Adelsränge, Bestattungen innerhalb der Wohnplattformen für die mittleren Ränge und für die gewöhnlichen Menschen Erdbestattungen, die nicht mit Bauten assoziiert sind.

Die Megalithbauten von Nan Madol wurden laut Uran-Thorium-Datierung 230Th/U der beim Bau verwendeten Korallenbruchstücke um 1180 n. Chr. errichtet. Dies wird auch von Radiokohlenstoffdatierungen 14C/12C organischer Materialien unterstützt, die belegen, dass Nan Madol spätestens um 1200 im Bau war. Möglicherweise waren die Inseln schon zwischen 900 und 1100 besiedelt, aber Spuren der Erstbesiedlung sind nicht mehr nachweisbar. Wahrscheinlich bestanden die Bauwerke aus vergänglichen Materialien.Patrick V. Kirch: On the Road of the Winds – an Archaeological History of the Pacific Islands before European Contact. Berkeley 2000, S. 197.

Das zentralisierte Reich kollabierte um 1650. Die Gründe sind nur schwer nachzuvollziehen. Die streng religiöse und rituelle Ausrichtung von Nan Madol legt nahe, dass die Macht der Saudeleurs ausschließlich auf religiösen Überzeugungen beruhte. Das Fehlen einer flexibleren Basis für die politische Integration der Inselstämme machte das System für konkurrierende Ideen angreifbar, da diese mehr in einer materialistischen Daseinsvorsorge wurzelten.

Nach der Überlieferung war das Ende von Nan Madol ein Werk des Donnergottes. Er hatte mit der Frau des Saudeleurs eine Affäre und musste vor der Verfolgung des Herrschers auf die benachbarte Insel Kosrae fliehen. Dort zeugte er mit einer einheimischen Frau einen Sohn, Isokelekel, der im Bewusstsein der Tyrannei der Saudeleurs aufwuchs. Er segelte mit 333 Getreuen nach Nan Madol zurück und bezwang die Krieger des Saudeleurs. Isokelekel gründete eine neue Dynastie, die Nahnmwarki, und etablierte eine andere politische Ordnung, in der das Reich wieder in Stammesfürstentümer zerfiel.

Nan Madol wurde weiterhin als religiöses Zentrum genutzt, wenn auch in bescheidenem Umfang. Noch 1910 residierte ein Stammeshäuptling auf einer der Inseln.

Bauweise Sämtliche Bauwerke sind auf einem Korallenriff errichtet, in einigen Bereichen wurden auch flache Sandbänke einbezogen. Auf dem „Festland“ der Insel Temwen ist nur ein Bauwerk errichtet worden, Peinkitel, das Grab des (sagenhaften) Eroberers Isokelekel.

Die heute sichtbare Gesamtanlage besteht aus 92 künstlich errichteten und befestigten Inseln, die sich auf einer Fläche von rund 80 ha verteilen. Man unterscheidet zwei Hauptteile, die durch einen seichten, aber breiten Tidenkanal getrennt sind: Madol Pah („Unterer Raum“): der westliche Abschnitt auf 34 Inseln mit der Residenz des Saudeleurs und dem Hauptkultplatz Idehd war vermutlich Herrschaftszentrum. Madol Powe („Oberer Raum“): der östliche Stadtteil mit 58 Inseln und den Wohnplätzen der Priester, den Begräbnisplätzen und insbesondere mit Nandauwas, der gigantischen Grabanlage der Saudeleurs, war vermutlich das religiöse Zentrum.

Große Teile der Stadt sind seeseitig mit einer Mauer umgeben, die jedoch mehrere Durchlässe aufweist. Die einzelnen Inseln werden von schmalen Wasserstraßen getrennt (daher auch der Name „Venedig der Südsee“), die bei Flut mit Wasser gefüllt sind, bei Ebbe jedoch teilweise trockenfallen. Mehrere dieser Straßen sind in den vergangenen Jahrhunderten versandet, versumpft oder mit Mangroven zugewachsen. Die Inseln sind rechteckige Besiedlungshügel in der Art von hohen Warften, die i. d. R. aus sorgfältig geschichteten Basaltsteinen errichtet wurden. Die aus den Basaltmauern gebildeten Rechtecke wurden mit Korallensteinen und -schutt mehrere Meter hoch aufgefüllt, so dass hohe, ummauerte Plattformen entstanden. Auf diesen Plattformen befanden sich Bauwerke – Häuser, Hütten oder Tempelanlagen – aus Holz und anderen vergänglichen Baumaterialien, die jedoch nicht mehr erhalten sind. Das Prinzip, Häuser und Zeremonialanlagen auf massiven Plattformen zu errichten, findet sich auch auf anderen Inseln der Südsee, z. B. den Marquesas.

Es ist davon auszugehen, dass die Stadt systematisch und im Ganzen geplant wurde, denn einzelne Bauperioden lassen sich nicht unterscheiden.Paul Hambruch: Ponape. Band 7, Teilband 3 von Georg Thilenius (Hrsg.): Ergebnisse der Südsee-Expedition 1908–1910. Friederichsen/de Gruyter & Co., Hamburg 1936.

mini|Nan Madol – Mauerwerk aus Basaltsäulen Von der ursprünglichen Anlage sind heute nur noch die künstlichen Inseln verblieben. Sie sind aus zweierlei Material errichtet, Basalt und Korallensteinen bzw. -trümmern. Das Gestein für die Bauten stammt ausschließlich von Pohnpei, die amorphen Basaltblöcke und das koralline Material überwiegend von der Insel Temwen selbst. Die sechseckigen Basaltsäulen von bis zu 8 m Länge und mehreren Tonnen Gewicht (die Deckensteine von Nandauwas wiegen geschätzte fünf Tonnen) wurden von mehreren Steinbrüchen im Norden und Nordwesten der Hauptinsel herantransportiert, wahrscheinlich mit Flößen.Mark Dennis McCoy, J. Steven Athens: Sourcing the Megalithic Stones of Nan Madol. An XRF Study of Architectural Basalt Stone from Pohnpei, Federated States of Micronesia. In: Journal of Pacific Archaeology 3, 2012, S. 114.

Man unterscheidet zwei Arten von Mauerwerk, das ohne Mörtel aufgeführt ist: Mauern aus großen, amorphen Basaltblöcken, mit einer Verkeilung aus kleineren Steinen in den Zwischenräumen, und Mauern aus Basaltprismen, die im Blockverband aufeinander geschichtet sind.

In vielen Veröffentlichungen ist zu lesen, Nan Madol sei eine „Festungsanlage“. Dem widerspricht jedoch die offene Bauweise mit mehreren breiten Durchlässen in der Umfassungsmauer – u. a. einen von 15 m und einen von 11 m Breite – und den nicht befestigten Zugängen zu den Inseln. Tatsächlich war der Zweck des riesigen Bauwerkes ein rein repräsentativer, um die Macht der Saudeleurs zu unterstreichen.

Nan Madol ist nicht einzigartig; auf Pohnpei und der Nachbarinsel Kosrae befinden sich mehrere vergleichbare Anlagen. Allerdings reichen sie in Ausdehnung, Bauvolumen und Kunstfertigkeit der Ausführung nicht an Nan Madol heran.

Bauwerke Nandauwas (Nan Dauwas, Nan Dowas, Nan Tauaj)

mini|Nan Madol, Nandauwas – Tor in der Mauer des südlichen Innenhofes Das mächtigste Bauwerk ist Nandauwas, die gigantische Grabplattform der Saudeleurs im östlichen Stadtteil. Sie wird von zwei kleineren Inseln – Pondauwas und Pandauwas, ebenfalls Grabanlagen – flankiert. Das Bauwerk bedeckt 3100 m² und ist von einer dreigeteilten, bis zu 10 m dicken Mauer umschlossen, die die Westseite freilässt. In einigem Abstand war eine weitere, bis 7 m dicke Gürtelmauer vorgesehen, die jedoch nicht mehr zur Ausführung gelangte. Es sind noch Teile der Fundamente erhalten. Der dritte – innere – Mauerring umschließt die Insel Nandauwas vollständig auf einer Länge von insgesamt 155 Metern. Die 10,5 m dicke und heute 4,5 m hohe Mauer ist ausgezeichnet erhalten. Das Bauwerk ist, als einziges in Nan Madol, nach den Himmelsrichtungen orientiert. Es besteht aus mehreren Lagen ausgesuchter und besonders langer Basaltsäulen, die als Läufer und Binder aufeinandergeschichtet sind. Die Ecken sind leicht hochgezogen, in der Art chinesischer Pagodendächer, was der massiven Konstruktion ein elegantes Aussehen verleiht. Bis zu einer Höhe von ca. 2 m ist der Innenraum mit Korallenschutt aufgefüllt. In der Westmauer befindet sich der 5 m breite Eingang.

Im Inneren gibt es einen weiteren, kleineren Mauerkranz, der das eigentliche Grab der Saudeleurs umschließt. Die durch Raubgrabungen zerstörte Grabkammer misst 7 × 6 m, ragt 1,3 m über das Bodenniveau und war mit zwölf Basaltsäulen von 8 m Länge gedeckt. Der ursprüngliche Einlass zum Grab befindet sich im Westen. Die mittlere Grabkammer wird im Norden und im Süden von je einem weiteren, kleineren Grab flankiert, wahrscheinlich für die Familienmitglieder der Saudeleurs oder für die höchsten Adelsränge.

Die 1907 vom damaligen deutschen Vizegouverneur Victor Berg geborgenen Funde (die Karolinen waren deutsche Kolonie) sind bescheiden: 17 kleinere Knochenreste, ein Konusring aus einer Muschel (vermutlich ein Armreif) und das Bruchstück eines solchen.Ernst Sarfert: Ausgrabungsfunde von Nan Matol auf Ponape. In: Jahrbuch des Städtischen Museums für Völkerkunde zu Leipzig 5, 1911, S. 3.

Pahn Kadira (Pan Katera, Pan Katara, Nangutra)