mini|Chewra Kadischa, hier: Prager Beerdigungsbruderschaft, um 1772 Die vorgeschriebene Leichenbestattung im Judentum ist die – Beerdigung. Die Ruhefrist auf dem jüdischen Friedhof gilt als zeitlich unbegrenzt, da Gräber nach der Halacha niemals eingeebnet oder neu belegt werden dürfen.Peter Wilhelm: Bestattungen in verschiedenen Religionen und Kulturkreisen Weblog, abgerufen am 20. Juli 2016 Durch den Gedanken der Auferstehung ist ein Grab und der jüdische Friedhof heilig und darf nicht aufgelöst werden.
Sterben und Tod im Judentum Dem Sterbenden wird eine besondere Hochachtung entgegengebracht.„Die Ehrfurcht vor dem Tode und dem Toten wird nur durch die vor dem Leben und den Lebenden übertroffen.“ Max Simonsohn: Trauervorschriften und Trauerbräuche. In: Friedrich Thieberger (Hrsg.): Jüdisches Fest, jüdischer Brauch. Jüdischer Verlag Athenäum, Königstein 1937. (3. Auflage. 1985, S. 434) Er darf nicht berührt werden. Nichts darf sein Sterben verzögern, aber auch nichts beschleunigen. Die Wahrheit über seine Lebenslage darf ihm auf keinen Fall verschwiegen werden, wenn er danach fragen sollte. Stirbt ein Jude zu Hause, versammeln sich um ihn die Juden, die ihm nahe stehen, um mit ihm zusammen das Sündenbekenntnis () zu beten. Dieses besondere Gebet wird sonst nur am höchsten Feiertag im jüdischen Kalender, an Jom Kippur, dem Versöhnungstag zwischen Gott und seinem Volke, gebetet. Es folgen Psalmenverse (z. B. 121; 130; 91).
Das Widduj-Gebet
Beim Sündenbekenntnis wird für jeden Buchstaben des hebräischen Alphabets ein Vergehen genannt, 22 Buchstaben, 22 Vergehen, ein vollständiges Bekenntnis aller Vergehen in alphabetischer Reihenfolge.Himmlisches Gericht, HaGalil. Abgerufen am 4. Oktober 2024.
Rituale und Aberglaube Ist der Tod eingetreten, bleibt der Tote so, wie er ist, im Raum liegen. Ihm werden die Augen geschlossen. Damit der Mund geschlossen bleibt, wird der Kopf mit einem Tuch umwickelt. Zahlreiche Rituale werden eingehalten, obwohl sie größtenteils dem Aberglauben zuzuordnen sind. Das Gesicht wird mit einem weißen Tuch bedeckt, damit der Verstorbene nicht eine weitere Person mit sich in den Tod nehmen kann. Die Totenwache beginnt mit einer Kerze, die neben seinem Haupt angezündet wird. Das brennende Licht weist auf die Seele hin, die sich noch im Raum aufhält. Zudem wollte man den Verstorbenen vor Dämonen und anderen finsteren Mächten bewahren. Bis zur Beerdigung soll immer jemand (, beziehungsweise ) bei dem/der Verstorbenen wachen (). Die Totenwache entstammt der Angst, dass, wenn jemand stirbt, dieser weitere Personen mit sich nehmen kann. Die Fenster werden geöffnet, damit die Seele den Leib verlassen kann. Die Uhren werden angehalten, nicht um den genauen Todeszeitpunkt festzuhalten, sondern um zu verdeutlichen, dass der Verstorbene das Zeitliche verlassen hat. Die im Haus stehenden Wasser, mit denen er zu tun hatte, werden ausgeschüttet, da der Todesengel in diesem sein „Schwert“ spülte. Vorhandene Spiegel werden zugehängt, da die Trauernden sich nicht um ihr persönliches Aussehen kümmern sollen und den Toten nicht zweifach sehen sollen. Außerdem entstammt dies einem Glauben an die Weiterreise der Verstorbenen, die sich jedoch auf ihrem Weg nicht selber im Spiegel sehen dürfen. Geschieht dies, könne es passieren, dass sie einen weiteren Menschen mit in den Tod nehmen.Die Bestattungskultur des Judentums, Ahorn-Gruppe. Abgerufen am 13. Mai 2021.Spiegel verhängen, wenn jemand stirbt? - Hintergrundwissen, Hellster. Abgerufen am 9. Juni 2022.
Das Judentum und vor allem die Tora verurteilen alle Formen von Aberglauben und Okkultismus aufs Schärfste. Heidnische Bräuche, Hexerei, Totenbeschwörung, Wahrsagerei und derlei werden mit eindeutigen Worten abgelehnt (5. Buch Mose 18, 10–12). Den meisten Juden ist der abergläubische Hintergrund der Rituale nicht bewusst. Die Rituale werden vielmehr aus Tradition und als äußere Zeichen der Trauer beibehalten.
(Siehe auch: Tod im Judentum)
Segensspruch beim Erfahren der Todesnachricht Wenn man vom Tod einer Person erfährt, wird nachfolgender Segensspruch gesprochen: Hebräisch Transliteration DeutschBaruch atah ʿAdonai Eloheinu melech haʿolam, dayan haʾemet.Gesegnet seist du, Herr, unser Gott, König des Universums, Richter der Wahrheit.
Rituelle Versorgung des Toten mini|Moderne Wascheinrichtung im Taharahaus des Yarkon Cemetery des Großraums Tel Aviv, 2011 mini|100px|Tachrichim Für die Organisation von jüdischen Begräbnissen ist der , der Laienvorsteher einer Synagoge, beziehungsweise Assistent des Rabbiners, zuständig.Gabbai, My jewish learning. Abgerufen am 11. Juni 2022. Bald wird die Heilige Bruderschaft () gerufen. Diese besteht – je nach dem Geschlecht des Toten – aus Männern oder Frauen der Gemeinde, die den Leichnam aus dem Bett auf den Boden heben, nach bestimmten Vorschriften einer rituellen Reinigung unterziehen. Die (Reinheit) ist ein ritueller Reinigungsprozess, in dem der Körper gesäubert und gepflegt, sowie Wasser rituell über ihn gegossen wird. Die Zeremonien werden im Taharahaus am jüdischen Friedhof vollzogen. Nach der Reinigung wird der Verstorbene in besondere weiße Kleidung gehüllt (), die Reinheit und Heiligkeit kennzeichnend. Einem männlichen Verstorbenen wird sein () (Gebetsmantel) angezogen. Die (verziertes Kragenband) und eine der vier Zizijot (Schaufäden) werden vorher entfernt als Zeichen dafür, dass ein Toter keine Gebote (Mitzwot) mehr erfüllt. Sie dienen zu Lebzeiten ja dazu, an die Erfüllung der Gebote zu erinnern.
Bei vielen Juden gibt es den Wunsch in Jerusalem begraben zu sein, da es die Vorstellung gibt, dass die in Jerusalem Begrabenen bei der Ankunft des Messias zuerst auferstehen und die Erde aus dem Heiligen Land sündenerlassende Wirkung haben soll. Außerhalb Israels wird ihm ersatzweise ein Säckchen Israelerde unter sein Haupt gelegt. Es gibt auch den Brauch, die Augen des Toten mit Tonscherben zu bedecken. Die jüdische Tradition sieht vor, dass Verstorbene in einem Leinentuch anstelle eines Sarges beerdigt werden. In Israel folgt man meist dieser Tradition, denn die Bestattung erfolgt in heiliger Erde. Dies steht jedoch im Konflikt mit deutschen Gesetzen, da hierzulande oft eine Sargpflicht gilt. Inzwischen wird die Sargpflicht in einigen Bundesländern aufgehoben, insbesondere wegen islamischen Bestattungsvorschriften. Jüdische Gemeinden in Deutschland halten aber an der Bestattung in einem Holzsarg als gewachsene Tradition weiter fest. Man legt den Toten in einen schlichten, rechteckigen Holzsarg (), aus weichem Holz, ohne Verzierungen, Schnitzereien oder Beschlägen, ohne Lasur oder Lacke (um die Verrottung nicht unnötig aufzuhalten), damit er – wie der Glaube verheißt – zu den Vätern versammelt wird (2. Könige 20, 22). Außerdem werden Löcher in den Sarg gebohrt, damit die Leiche schneller zerfällt. Er darf nicht mit Metallgegenständen, wie zum Beispiel Eisennägeln, versehen sein, denn im Judentum ist Metall ein Symbol für Krieg, Schwert und Gewalt.Der Tradition entsprechend, Jüdische Allgemeine, 10. August 2010. Abgerufen am 10. Mai 2022. Auf jeden Pomp wird verzichtet. Wohlhabende werden ebenso wie nicht Begüterte gleich schlicht bestattet.
Die Beerdigung findet in der Regel am Folgetag (außer am Schabbat und an jüdischen Festtagen) statt. Dies geht darauf zurück, dass es früher keine Kühlhäuser gegeben hat und die Verwesung auf Grund der heißen Temperaturen in südlichen Ländern sehr schnell eingesetzt hat. Ausnahmen (bis zu drei Tagen) sind möglich, beispielsweise, wenn nahe Angehörige aus dem Ausland anreisen müssen. Laut deutscher Gesetzgebung ist zwar die Bestattung frühestens 48 Stunden nach Eintritt des Todes zulässig, jedoch kann die Gemeinde auf Antrag eine frühere Bestattung zulassen, wenn ein berechtigtes Interesse des Antragstellers oder seiner Angehörigen daran besteht.Bestattungsverordnung Bayern, § 18, Bayerische Staatskanzlei. Abgerufen am 11. Juni 2022. Auf Grund der Kürze der Zeit werden keine Todesanzeigen verschickt. Das Ableben eines Gemeindemitglieds spricht sich jedoch binnen weniger Stunden herum. Es bedarf keiner „Einladung“ zum Begräbnis – es ist eine , daran teilzunehmen. Unbeschadet dessen kann jedoch eine Traueranzeige in Zeitschriften aufgegeben werden.
Eine Obduktion wird grundsätzlich abgelehnt. Nur bei gesetzlichen Vorgaben (vor allem bei möglichem Drittverschulden) ist diese gestattet. Generell gilt das talmudische Prinzip Dina de-malchuta dina (aramäisch דִּינָא דְּמַלְכוּתָא דִּינָא „Das Gesetz des Landes ist Gesetz“). Es schreibt vor, dass Juden grundsätzlich verpflichtet sind, die Gesetze des Landes, in dem sie leben, zu respektieren und zu befolgen. Eine Einäscherung ist ebenso wie eine Einbalsamierung verboten. Der Verstorbene wird auch nicht offen aufgebahrt.
Religiöse Entpflichtung Während der jüdischen Trauerzeit wird dem vom Schmerz ergriffenen Menschen () sehr viel nachgesehen. Er ist in dem Zeitraum zwischen Tod und Begräbnis von allen religiösen Verpflichtungen entbunden, um in Ruhe und mit Aufmerksamkeit die Vorbereitungen für die bald bevorstehende Beerdigung treffen zu können.
Grundsätzlich ist der Trauernde vor dem Begräbnis von den täglichen Pflichten des Gebets in der Synagoge befreit. Aufgrund seines Schmerzes ist er dazu auch gar nicht in der Lage. Deswegen beten andere für ihn. Seine Zeit ist ausschließlich der Vorbereitung der Trauerfeier (Kewura) gewidmet. Der Trauernde übt nur die notwendigste Körperpflege, enthält sich aller Genüsse und unterlässt das Haarschneiden, Baden sowie als männlicher Jude das Rasieren. Frauen schminken sich nicht. Zu den Genüssen werden nicht nur die ehelichen Pflichten gezählt, sondern auch das Studium der heiligen Schrift. Eine alte Talmud-Weisheit empfiehlt: Versuche nicht, deinen Freund zu trösten, solange sein Toter noch vor ihm liegt.
Die Vorschriften () in Bezug auf die Trauer gelten nicht für Jungen unter 13 Jahren und Mädchen unter 12 Jahren, da sie im religiösen Sinne noch nicht mündig sind. Sie werden es erst nach der beziehungsweise .
Für Kinder, die 30 Tage oder weniger alt geworden sind, werden die Trauervorschriften nicht vollzogen. Ein Säugling, der 30 Tage nicht überlebt, wird genannt und war im Sinne der jüdischen Tradition noch nicht lebensfähig. Die Gesetze von Aninut und Trauer gelten in so einem Fall nicht. Tahara, die rituelle Reinigung, wird jedoch durchgeführt und der Körper wird begraben, jedoch ohne den üblichen Gottesdienst und die Gebete.Barbara Binder Kadden, Teaching Jewish Life Cycle, Behrman House, 1997, ISBN 978-0-86705-040-0 Diese Praktiken wurden zu einer Zeit entwickelt, als die Kindersterblichkeit sehr hoch war, um die Eltern nicht zu belasten. In der heutigen Zeit haben viele Juden jedoch das Bedürfnis, um eine Totgeburt oder um ein Kind zu trauern, das vor Vollendung seines ersten Lebensmonats gestorben ist und halten sich deshalb an die traditionellen Trauerbräuche.
Die , Angehörige der Priesterkaste, müssen spirituell rein sein. Sie dürfen deshalb unter keinen Umständen mit Toten in Berührung kommen. Sie nehmen deshalb nicht an Begräbnissen teil und vermeiden jeden Friedhofsbesuch. Ausnahmen gelten für die Bestattung engster Familienmitglieder. In diesem Fall müssen sie anschließend ein rituelles Reinigungsbad in der Mikwe vollziehen.
Ablauf am Friedhof Allgemeingültiges mini|Jüdisches Begräbnis