Das Gesetz der Ungleichmäßigkeit der ökonomischen und politischen Entwicklung der kapitalistischen Länder ist ein zentrales Theorem des Marxismus-Leninismus und der marxistisch-leninistischen Imperialismustheorie. Lenin formuliert dieses Gesetz erstmals 1915 in seinem Aufsatz „Über die Losung der Vereinigten Staaten von Europa“.Wladimir Iljitsch Lenin: Über die Losung der Vereinigten Staaten von Europa. In: Der Sozialdemokrat. Nr. 44 vom 23. August 1915. Gedruckt in: W.I. Lenin. Werke, Berlin 1960, Band 21, S. 342–346.
Inhalt Die sowjetische Philosophie unterschied zwischen Entwicklungsgesetzen, Funktionsgesetzen und Strukturgesetzen. Beim Gesetz der Ungleichmäßigkeit der ökonomischen und politischen Entwicklung des Kapitalismus handelt es sich um ein Entwicklungsgesetz.Eberhard Schneider: »Einheit« und »Gegensatz« in der Sowjetphilosophie. Köln 1978, S. 87. Das Gesetz besagt, dass in der Periode des Imperialismus die einen kapitalistischen Länder die anderen sprunghaft überholen und dadurch in Widerspruch zu den bestehenden Besitzverhältnissen in der Welt geraten. Dies macht einen Kampf um die Neuaufteilung unvermeidlich, und die Sprunghaftigkeit bildet die unmittelbare Ursache für die imperialistischen Kriege. Dadurch werden die inneren Widersprüche des Kapitalismus verschärft, was zur Möglichkeit und Notwendigkeit des Sieges des Sozialismus in einem Land führt.
Begründung Die ungleichmäßige Entwicklung ist ein Wesensmerkmal des Kapitalismus. Mit der zunehmenden Konzentration der Produktion in wenigen Großbetrieben nimmt die ungleichmäßige Entwicklung jedoch sprunghaften Charakter an. Die Länder, die später den Weg der kapitalistischen Entwicklung beschritten haben, nutzen die Ergebnisse des technischen Fortschritts aus und können mittels modernerer Produktionsanlagen ihre Konkurrenten mit hoher Schnelligkeit überflügeln, während den Konkurrenten ihre veralteten Produktionsanlagen wie Blei an den Füßen hängen. Verschärft wird diese Tendenz nach dieser Theorie durch den Kapitalexport und den parasitären Charakter der Monopole.
Auch Rohstoffe und deren Besitz, welche durch technische Neuerungen ein verändertes ökonomisches Gewicht erhalten, werden zur Basis für sprunghafte Entwicklung. So wurde die Kohle mit der Erfindung der Maschine eine der Grundlagen für die sprunghafte Entwicklung von Großbritannien und Deutschland im 19. Jahrhundert.Elmar Altvater (Hrsg.): Eugen Varga. Die Krise des Kapitalismus und ihre politischen Folgen. Frankfurt am Main 1974, S. 209.
Anwendung Eine bedeutende Rolle spielt das Gesetz nach leninistischer Auffassung bei der Erklärung des besonders aggressiven Charakters des deutschen, japanischen und italienischen Imperialismus. Durch die verspätete Entwicklung des Kapitalismus kamen diese Länder einerseits bei der Aufteilung der Welt zu spät, konnten aber andererseits modernere Produktionsanlagen errichten. Die Produktionsanlagen erforderten aber Rohstoffquellen, Absatzmärkte und Kapitalanlagesphären im riesigen Ausmaß. Dadurch entstand ein gewaltiger Widerspruch zwischen den Produktivkräften und den Produktionsverhältnissen, den sie nur durch den Kampf um eine Neuverteilung der Welt, also im Kampf um die Weltherrschaft lösen konnte.Vgl. Eugen Varga: Der deutsche Imperialismus, die historischen Wurzeln seiner Besonderheiten. Berlin 1946, passim.
Die Länder mit dem größten Wachstumstempo waren in dieser ReihenfolgeAndrei A. Gretschko: Geschichte des Zweiten Weltkrieges 1939–1945 in Zwölf Bänden. Berlin 1975, Band 3, S. 500.:
Japan Italien Deutschland USA England Frankreich
Josef Stalin erklärte am 9. Februar 1946 in einer Rede in Moskau:
Mit dem Gesetz wurde auch die Möglichkeit der Doktrin vom Sozialismus in einem Land begründet. Die Verschärfung der Widersprüche zwischen den kapitalistischen Ländern infolge der ungleichmäßigen Entwicklung schwäche die Weltfront des Imperialismus, daher könne die Kette der imperialistischen Front an ihrem schwächsten Glied durchbrochen werden, und der Sozialismus könne in wenigen Ländern oder sogar in einem Land siegen.
Weblinks Kapitel im Lehrbuch der politischen Ökonomie
Literatur J.B. Turtschins: Die Verschärfung der ungleichmäßigen Entwicklung des Kapitalismus durch den zweiten Weltkrieg. Berlin 1956.
Einzelnachweise
Kategorie:Marxismus-Leninismus Kategorie:Marxistische Theorie Kategorie:Imperialismus