Bagaran (, „Götterort“, , modernes Dorf Kilittaşı) ist eine historische armenische Stadt und Festung, die Ende des 3. Jahrhunderts v. Chr. als heiliger Ort zur Verehrung altarmenischer Götter gegründet wurde und im 9. Jahrhundert kurzzeitig die Hauptstadt der Bagratiden war. Das Ruinenfeld liegt in der osttürkischen Provinz Kars an der durch den Fluss Achurjan gebildeten Landesgrenze zu Armenien. Das kunstgeschichtlich bedeutendste Gebäude Bagarans ist die 624–631 datierte Kathedrale (Theodoros-Kirche, auch Johanneskirche), ein einzigartiger Zentralbau mit vier frei stehenden Mittelpfeilern, dessen im 19. Jahrhundert noch vorhandene Ruine wie der gesamte Ort fast völlig zerstört ist. mini|Theodoros-Kirche, vor 1923 Ein Dorf am östlichen Flussufer in der armenischen Provinz Armawir erhielt 1968 den Namen Bagaran. Viele seiner Einwohner stammen von der türkischen Seite.

Lage

Der historische Ort lag nahe der Einmündung des im äußersten Nordwesten Armeniens entspringenden Achurjan (Akhurian, türkisch Arpaçay) in den Aras, der in südöstlicher Richtung weiterfließt und zusammen mit dem Achurjan die Grenze beider Länder bildet. Innerhalb der Türkei trennt der Aras in diesem Bereich die Provinzen Kars im Norden und Iğdır im Süden. Das Ruinenfeld des historischen Bagaran befindet sich wenig nördlich oberhalb des kurdischen Dorfes Kilittaşı auf einem nach allen Seiten steil abfallenden Felsplateau über dem Ufer des Achurjan etwa fünf Kilometer nordwestlich des gleichnamigen armenischen Dorfes. Ein Weg am steilen Südhang stellte den einzigen Zugang zur Stadt darThomas Alexander Sinclair: Eastern Turkey: An Architectural and Archaeological Survey. Band I. The Pindar Press, London 1987, ISBN 978-0907132325, S. 422f..

Etwa zwei bis drei Kilometer nördlich des historischen Ortes stand die Kathedrale von Mren, die mit weiteren Kirchen zum Umfeld der mittelalterlichen armenischen Hauptstadt Ani 34 Kilometer nördlich gehörte. Kilittaşı ist von der Fernstraße 70 halbwegs zwischen Digor und Iğdır erreichbar. Die Zufahrtsstraße beginnt 5,5 Kilometer südlich des Abzweigs nach Karabağ, wo sich die Kathedrale von Mren befand. Der Zugang zu beiden Ruinenstätten ist beschränkt.Armenien / Mren / Karabag. Kieler Bilddatenbank Naher Osten, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, 2004. Bagaran ist nicht identisch mit dem Ort Bagavan (Bagawan, Bagaran) weiter südlich bei Diyadin in der Provinz Ağrı, dessen 46 Meter lange Johanneskirche (631–639) im Jahr 1916 zerstört wurdeJean-Michel Thierry, S. 74..

Das armenische Dorf Bagaran mit 652 Einwohnern bei der Volkszählung von 2001RA 2001 Population and Housing Census Results. armstat.am, S. 63. hieß bis 1935 Haji Bairam und bis 1968 Bakhchalar. Es liegt in einer weiten Flussbiegung unmittelbar am Zusammenfluss von Aras und Achurjan auf einer Höhe von 1200 Metern. In Hör- und Sichtweite auf der anderen Seite des Achurjan liegt das türkische Dorf Halimjan. Die Schnellstraße M5 verbindet Jerewan in westlicher Richtung mit Etschmiadsin und Armawir. Ihre Verlängerung führt zum Aras und am Fluss entlang aufwärts zum Dorf Jerwandaschat und nach weiteren vier Kilometern nach Bagaran. Von Norden ist Bagaran von Talin über Karakert auf der M9 zu erreichen. Zwischen Jerwandaschat und Bagaran lag auf einer Hügelkuppe über dem Flussufer die antike Stadt Jerwandaschat (Eruandaschat, Yervandashat), die um 200 v. Chr. von Orontes II. (armenisch Jerwand, Eruand), dem letzten Herrscher der Orontiden gegründet wurde und kurzzeitig die Hauptstadt Armeniens warRobert H. Hewsen: Eruandašat. In: Encyclopædia Iranica, 19. Januar 2012. In der sozialistischen Zeit befand sich Bagaran in einem grenznahen Sperrgebiet. Um 2008 wurden die Reisebeschränkungen aufgehoben.Tatul Hakobyan: The Armenian Reporter, 11. April 2009, S. 16. Einige Felder in der Nähe des Dorfes gehören zu einer neutralen Zone an der Grenze. Bauern, die ihre Felder dort bestellen wollen, benötigen einen Passierschein.Arevik Badalyan: People in Bagaran village are used to living next to border keepers and Turkey. 15. August 2010.

Geschichte Bagaran war neben Armawir (bei der gleichnamigen heutigen Stadt) Jerwandaschat, Artaxata, Dvin und Ani einer der sechs mittelalterlichen Hauptstädte Armeniens. Die Gründung des Ortes geht auf Orontes II. (Jerwand) zurück, der von 212 bis 200 v. Chr. regierte. Seit mindestens 400 v. Chr. diente der aus dem Iran stammenden armenischen Dynastie der Orontiden Armawir als Hauptstadt. Orontiden lautet die Umschrift aus dem Griechischen, Jerwandiden (Eurandiden) aus dem Armenischen. Der Name ist von avestisch auruuant, mittelpersisch arwand („mächtig“, „Held“) abgeleitet.Nina G. Garsoïan: Armeno-Iranian relations in the pre-Islamic period. In: Encyclopædia Iranica, 13. April 2012 Nach Armawir regierten sie von Jerwandaschat, von wo aus sie Bagaran gründeten und zu ihren religiösen Zentrum machten. Der altarmenische Ortsname ist aus bagin, „Altar“ und -aran, „Platz“, „Ort“, zusammengesetzt (vgl. Bagavan mit Suffix -awan, „Ort“). Die Götterfiguren wurden von dem zuvor heiligen Ort Armawir nach Bagaran gebracht und dort auf dem Altar aufgestellt.Heinrich Gelzer, August Burckhard (Übers.): Des Stephanos von Taron armenische Geschichte. (Scriptores sacri et profani) B.G. Teubner, Leipzig 1907, S. 33 (online bei Internet Archive). Der Geschichtsschreiber Moses von Choren erwähnt im 5. Jahrhundert die Statuen von Anahit (Muttergöttin, Schutzpatronin, verwandt mit der zoroastrischen Anahita) und Tir (Orakelgott, Gott der Weisheit und Schrift).K. Ishkol-Kerovpian: Mythologie der vorchristlichen Armenier. In: Hans Wilhelm Haussig, Carsten Colpe (Hrsg.): Götter und Mythen der kaukasischen und iranischen Völker (= Wörterbuch der Mythologie. Abteilung 1: Die alten Kulturvölker. Band 4). Klett-Cotta, Stuttgart 1986, ISBN 3-12-909840-2, S. 139. Orontes ernannte seinen Bruder Eruaz zum Hohepriester und ließ einen heiligen Wald (armenisch t’sendots antar, „neu geborener Wald“) anlegen. Bagaran wurde unter seiner Herrschaft die heilige Stadt der Orontiden. Im heiligen Wald fanden Rituale statt und die Priester sollen anhand von Blätterrauschen Wahrsagung betrieben haben.

Aufgegeben wurde Armawir unter anderem, weil der Aras sein Flussbett fünf Kilometer nach Süden verlagert hatte und es zu Problemen mit der Wasserversorgung gekommen war. Die Verlagerung der Hauptstadt nach Jerwandaschat geschah laut Simon Payaslian vermutlich wegen einer politisch unsicheren Lage, da sich mehrere Adelsfamilien um die Macht stritten. Indem Orontes II. den Tempelort in Bagaran räumlich getrennt vom Herrschersitz Jerwandaschat anlegen ließ, wollte er demnach vorsorglich verhindern, dass die Pilgermassen sich zu einem Aufstand gegen ihn entschließen konnten. Unter Orontes II. ähnelte die Verwaltung dem griechischen Vorbild und Griechisch wurde als Hofsprache eingeführt.

Mit Artaxias I. (reg. 189–161 v. Chr.) kam im Jahr 189 v. Chr. die Dynastie der Artaxiden an die Macht. Artaxias und Zariadris, der um 200 v. Chr. in der Sophene regierte, nützten mit Unterstützung durch den seleukidischen König Antiochos III. (reg. 223–187) die von internen Streitereien rührende Schwäche der Orontiden aus. Die angreifenden Truppen von Artaxias rückten von der Nordküste des Sewansees vor und trafen in einiger Entfernung von Jerwandaschat auf Orontes’ Einheiten, denen sie große Verluste beibrachten. Der König floh in seine Hauptstadt, gefolgt von den Angreifern. Bei der Erstürmung der Stadt wurde Orontes von einem der Soldaten erstochen. Artaxias wandte sich anschließend mit seinen Truppen gegen Bagaran, den letzten Stützpunkt der Orontiden. In Bagaran töteten sie Eruaz, den Bruder des Königs. Für seine Verdienste während der Gefechte übergab Artaxias die Verwaltung von Bagaran an Smbat, einen seiner Generäle.Simon Payaslian, S. 12f.

Laut der Geschichtschronik von Vardan Arewelcʿi im 13. Jahrhundert übernahm Artaxias in seinem 21. Lebensjahr die Herrschaft und ließ die neue Hauptstadt Artaxata flussabwärts am Aras (beim Kloster Chor Virap) errichten. Dorthin brachte man Gefangene aus allen Gegenden des Reiches und überführte die religiösen Kultobjekte von Bagaran.Robert W. Thomson: The Historical Compilation of Vardan Arewelcʿi. In: Dumbarton Oaks Papers 43, 1989, S. 125–226, hier S. 160. Das Reich der Artaxiden erstreckte sich in seiner Blütezeit nach dem Tod des seleukidischen Königs 187 v. Chr. im Süden und Westen über Großarmenien hinaus. Bagaran blieb weiterhin ein bedeutendes Kultzentrum der altarmenisch-zoroastrischen Götter bis zur Christianisierung Anfang des 4. Jahrhunderts.

Auf einen 325 n. Chr. verstorbenen Fürsten namens Kamsar geht die armenische Dynastie Kamsakaran zurück, die nach dem Niedergang der Arsakiden als einer deren Zweige zu einer Regionalmacht aufstieg. König Trdat III. (reg. 298 – um 330) übergab ihnen Jerewandaschat, das sie zur Hauptstadt der von ihnen beherrschten Region Arscharunik (größer als die heutige Provinz Armawir) erklärten. Während des Machtkampfs zwischen den Byzantinern und Sassaniden gelang es den Kamsarakan wegen der geografischen Randlage ihres Gebietes, von beiden Großmächten weitgehend unbehelligt zu bleiben. Dennoch nahmen die Kamsarakan 451 und 482–484 auf byzantinischer Seite an Aufständen gegen die Sassaniden teil. 771–772 erhoben sie sich vergeblich gegen die Araber. Nach dieser Niederlage verloren sie ihre Macht an die Bagratiden.Kamsarakan. Encyclopædia Iranica. Die Kamsakaran sind als bedeutende Bauherren in die Geschichte eingegangen. Neben der Theodoros-Kirche von Bagaran ließen sie unter anderem im 7. Jahrhundert die große Kathedrale und eine kleinere Muttergotteskirche (Surb Astvatsatsin) in Talin errichten. Ein „Klostervorsteher von Bagaran“ namens Samot nahm einer Quelle zufolge 607 bei der Amtseinführung des Katholikos Abraham I. in Dvin teilJosef Strzygowski, S. 277..

Unter den nachfolgenden Bagratiden (884–1045) war Bagaran anfangs für kurze Zeit die Hauptstadt, bevor Aschots Nachfolger Smbat I. (reg. 890/892–914) die Residenz bei seinem Regierungsantritt nach Schirakawan verlegte und schließlich 961 Ani die bedeutendste Hauptstadt der armenischen Bagratiden wurde. Bagaran blieb ein blühender Handelsposten auf dem Weg von Ani nach Westen. Aschot Msaker („Aschot der Fleischesser“, reg. 809–826/827) ließ einen Familienpalast und ein Mausoleum innerhalb der ummauerten Stadt erbauen. Die Stadt der altarmenischen Götter wurde zum Begräbnisort mehrerer Adligen (Nacharare) der Bagratiden, unter ihnen König Aschot I. (reg. 884–890).Vahan M. Kurkjian: A History of Armenia. (Armenian General Benevolent Union of America, New York 1958) Neuausgabe: Indo-European Publishing, Los Angeles 2014, ISBN 978-1-60444-771-2, S. 153. Die spätere Grabstätte der Bagratiden war das Kloster Horomos nordöstlich von Ani.

1048 wurde Bagaran bei einem Angriff der Seldschuken beschädigt. Ab der Mitte des 11. Jahrhunderts verloren die meisten armenischen Gebiete ihre Unabhängigkeit und kamen unter byzantinische Verwaltung.Cyrille Toumanoff: Bagratids. In: Encyclopædia Iranica, 15. Dezember 2011 1236 wurde Bagaran wie ganz Armenien von den Mongolen erobert, 1394 zerstörte die Armee Timur Lenks den Ort vollständig. Bagaran verlor seine Bedeutung und war vermutlich bei der osmanischen Eroberung des Gebiets um 1579 bereits verschwunden. Ein Besucher fand 1838 die Gebäude und Umfassungsmauern schwer beschädigt.Thomas Alexander Sinclair: Eastern Turkey: An Architectural and Archaeological Survey. Band I. The Pindar Press, London 1987, S. 423. Anfang des 20. Jahrhunderts lag hier noch ein „garten- und fruchtreiches armenisches Dorf“Josef Strzygowski, S. 278. mit etwa 800 Einwohnern. Nach dem Ende der kurzzeitig existierenden Demokratischen Republik Armenien eroberten Ende 1920 türkische Truppen während des Türkisch-Armenischen Krieges das Gebiet und die verbliebenen Armenier waren zur Flucht auf die östliche Seite des Flusses gezwungen.

Erforschung der historischen Stadt