mini|Video: Pille statt Impfung bei HIV Die HIV-Präexpositionsprophylaxe (PrEP) bezeichnet die Einnahme systemisch wirksamer antiviraler Medikamente durch HIV-negative Personen in Erwartung einer potenziellen HIV-Exposition aus bekannten oder unbekannten Quellen, um die HIV-Übertragung zu verhindern. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt die PrEP seit September 2019 „als zusätzliche Präventionsmöglichkeit für Menschen mit einem erheblichen HIV-Infektionsrisiko als Teil von kombinierten HIV-Präventionsansätzen“.
Zur PrEP sind in der Europäischen Union seit 2016 Kombinationspräparate als tägliche Tabletteneinnahme mit den Wirkstoffen Emtricitabin (FTC) und Tenofovirdisoproxil (TDF) zugelassen.
Ferner wurde in den USA Ende 2021 und in der EU September 2023 die Zulassung für das Arzneimitel Apretude mit dem Wirkstoff Cabotegravir als zweimonatige Depotspritze erteilt, in Europa aber bislang nur in Schottland im Einsatz.
Ende August 2025 hat die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) das Arzneimittel Yeytuo mit dem Wirkstoff Lenacapavir, einem Kapsid-Inhibitor, im Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) als HIV-PreP zugelassen, der alle sechs Monate unter die Haut gespritzt wird. Eine Markteinführung in Europa ist jedoch noch ungewiss. Bereits drei Jahre zuvor hatte die EMA das Arzneimittel Sunlenca mit demselben Wirkstoff im EWR für HIV-Infizierte zugelassen. Zudem hat im Juni 2025 die US-amerikanische Food and Drug Administration das Arzeimittel unter dem abweichenden Handelsnamen Yeztugo für die HIV-PreP zugelassen. Der Hersteller Gilead Sciences gibt für Yeztugo für einen Jahresbedarf an zwei Spritzen einen Listenpreis von 28.000 US-Dollar an. Einer Studie zufolge wäre eine Produktion für 25 US-Dollar pro Person und Jahr möglich.
In Ländern mit hoher HIV-Prävalenz (insbesondere im südlichen Afrika) ist für Frauen ab 18 Jahren in Kombination mit Safer-Sex-Praktiken ein Dapivirin-haltiger Vaginalring bestimmt, falls der Zugang zu oralen PrEPs nicht möglich ist.
Die Präexpositionsprophylaxe ist eine von mehreren Präventions-Maßnahmen gegen HIV neben beispielsweise Kondomen oder der HIV-Postexpositionsprophylaxe. Im Gegensatz zu Kondomen schützt die PrEP nicht gegen andere sexuell übertragbare Erkrankungen.
Indikation Weltgesundheitsorganisation Die Weltgesundheitsorganisation sieht eine Präexpositionsprophylaxe als indiziert an bei einer Person ohne nachgewiesene HIV-Infektion, die Geschlechtsverkehr mit serodiskordanten Personen ohne (erfolgreiche) antiretrovirale Therapie hat oder in Bevölkerungsgruppen mit einer hohen HIV-Inzidenz bzw. HIV-Prävalenz sexuell aktiv ist, sofern: diese Person Vaginal- oder Analverkehr ohne Kondome mit mehr als einer Person hat oder sofern diese Person Sex mit Personen mit einem oder mit mehreren HIV-Risikofaktoren hat oder sofern bei dieser Person eine sexuell übertragbare Erkrankung durch Labordiagnostik nachgewiesen wurde, diese Person von einer erlittenen sexuell übertragbaren Erkrankung berichtet oder bei dieser Person eine sexuell übertragbare Erkrankung symptomatisch behandelt wurde oder sofern diese Person eine Postexpositionsprophylaxe durchgeführt hat oder sofern diese Person eine Präexpositionsprophylaxe verlangt.
Die WHO empfiehlt, Tenofovir-haltige PrEP-Regime in Tablettenform als ergänzende Maßnahme zur Vorbeugung anzuwenden, bei Frauen zusätzlich den Dapivirin-Vaginalring. Seit 2022 ist die neue Substanz Cabotegravir ebenfalls in die Empfehlung aufgenommen, die als Depotspritzen einfach anzuwenden ist.
Deutsch-Österreichische Leitlinien zur HIV-Präexpositionsprophylaxe Nach der unter Federführung der Deutschen AIDS-Gesellschaft und in Zusammenarbeit mit der Österreichischen AIDS-Gesellschaft sowie weiteren medizinischen Fachgesellschaften 2024 aktualisierten deutsch-österreichischen Leitlinien zur HIV-Präexpositionsprophylaxe ist das Angebot der oralen PrEP bei Personen mit einem „substanziellem HIV-Infektionsrisiko“ angezeigt. Dies betrifft insbesondere die folgenden Gruppen von HIV-negativen Personen: Männer, die Sex mit Männern haben, oder Transpersonen: die in den letzten drei bis sechs Monaten analen Geschlechtsverkehr ohne Kondom praktiziert haben und/oder dies in den nächsten Monaten tun werden und/oder bei denen in den letzten zwölf Monaten eine sexuell übertragbare Krankheit aufgetreten ist. Personen in serodiskordanten Konstellationen mit einer virämischen HIV-positiven Person, die keine antiretrovirale Therapie (ART) durchführt, eine nicht-suppressive ART aufgrund einer Resistenz durchführt oder sich noch in der Anfangsphase einer ART befindet (dort liegt die Menge an HIV-RNA 6 Monate nach Beginn noch nicht bei unter 200 RNA-Kopien pro Milliliter Blut) Sexarbeiter Personen, die Sex ohne Kondom mit Partnern haben, bei denen eine undiagnostizierte HIV-Infektion anzunehmen ist. Drogen injizierende Personen, die nicht sterile Injektionsmaterialien benutzen. Diesen sollten in jedem ärztlichen Kontakt über die Möglichkeit und die Modalitäten der HIV-PrEP informiert werden.
Darüber hinaus kann bei Personen, welche nicht in die erwähnten Gruppen fallen, ein substanzielles Risiko bestehen. Da bislang ein signifikanter Zusammenhang zwischen der Nachfrage nach der PrEP und einem erhöhten Risiko gezeigt wurde, sollte bei jeder Person, die aktiv nach einer PrEP fragt, eine sorgfältige Risikoevaluation durchgeführt werden und gegebenenfalls eine PrEP verschrieben werden.
Die deutsche Leitlinie auf Stufe S2k empfiehlt nur die tägliche Einnahme von Emtricitabin/Tenofovirdisoproxil (FTC/TDF) als Medikation.
Einer Gabe des vergleichbar wirksamen Kombination von FTC und Tenofoviralafenamid (TAF), welche renal nebenwirkungsärmer sind, sprechen die zum einen vielfach höheren Kosten und zum anderen die fehlende Zulassung zur PrEP in der EU entgegen. Bei der Gabe des wirksameren Cabotegravirs müssen neben den höheren Kosten auch der wesentlich höhere Aufwand bei der Verabreichung (durch intramuskuläre Injektion) und des Monitorings mittels HIV-PCR, sowie eine erhöhte Gefahr von Resistenzen bei Durchbruchsinfektionen bedacht werden.
Falls die Einnahme von FTC/TDF, außerhalb der Zulassung und entgegen der Empfehlung der Leitlinie, anlassbezogen erfolgt, ist es erforderlich, 2 Tabletten 2 bis 24 Stunden vor dem geplanten Kontakt einzunehmen. Anschließend sollte täglich zur gleichen Zeit eine Tablette bis einschließlich zwei Tage nach dem letzten kondomlosen Kontakt eingenommen werden. Bei vaginalen Sexualkontakten wird grundsätzlich von der anlassbezogen Einnahme abgeraten. Eine chronische Hepatitis B steht einer anlassbezogenen Einnahme entgegen.
Centers for Disease Control and Prevention
Die Richtlinie zur klinischen Praxis der Gesundheitsbehörde der Vereinigten Staaten von Amerika (Centers for Disease Control and Prevention) empfiehlt eine PrEP bei folgenden Personen: HIV-negative, erwachsene Männer, die Sex mit Männern haben, welche innerhalb der letzten sechs Monate, außerhalb einer monogamen Beziehung mit einer gesichert HIV-negativen Person, kondomlos, empfangend analen Geschlechtsverkehr hatten oder innerhalb der letzten sechs Monate eine bakterielle, sexuell übertragbare Erkrankung (Syphilis, Gonorrhoe, oder Chlamydiose) hatten HIV-negative, erwachsene Personen, welche innerhalb der letzten sechs Monate, außerhalb einer monogamen Beziehung mit einer gesichert HIV-negativen Person, Geschlechtsverkehr mit mehr als einer Person anderen Geschlechts kondomlosen Geschlechtsverkehr hatten und mindestens eine der anderen Personen einen ungesicherten HIV-Status und ein substantielles HIV-Risiko als Mann, der Sex mit Männern hat oder Person, die Drogen injiziert hat, innerhalb der letzten sechs Monate eine bakterielle sexuell übertragbare Erkrankung (Syphilis, Gonorrhoe, oder Chlamydiose) hatten oder Geschlechtsverkehr in einer serodiskordanten Konstellationen haben.
Kontraindikationen Weltgesundheitsorganisation Laut der Weltgesundheitsorganisation ist eine PrEP kontraindiziert bei: einer HIV-Infektion Symptomen einer HIV-Infektion einem möglichen infektiösen Kontakt mit einer HIV-positiven Person einer geschätzten glomerulären Filtrationsrate (eGFR) von weniger als 60 ml/min (soweit bekannt) Allergien gegen die Medikation
Deutsch-Österreichische Leitlinien zur HIV-Präexpositionsprophylaxe Die S2k-Leitlinie der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften sieht eine PrEP nicht angezeigt bei: positivem HIV-Test (p24-Antigen/HIV-Antikörper-Testung [4. Generationstest]) – dies soll 4 Wochen nach Beginn der PrEP verifiziert werden replikativer Hepatitis-B-Infektion einer Nierenfunktionsstörung aufgrund der potenziell nephrotoxischen Effekte von TDF (eGFR soll mindestens 60 ml/min und sollte >80 ml/min sein) einer Osteoporose (falls TDF/FTC eingesetzt wird)
Schutzwirkung Übersichtsstudien ergaben, dass die PrEP „eine wirksame und sichere Therapie zur Verhinderung der HIV-Übertragung“ ist, welche „mit zunehmenden Verschreibungsraten für Patienten mit HIV-Risiko das Potenzial hat, HIV-Neuinfektionen zu reduzieren“. Die Wirksamkeit der PrEP hängt jedoch stark von der Adhärenz ab. Bei einer Adhärenz von ≥70 Prozent reduziert sich das relative Risiko auf 27 Prozent (95 Prozent CI: 19 bis 39 Prozent), bei einer Adhärenz zwischen 40 Prozent und 70 Prozent auf 51 Prozent (95 Prozent CI: 38 bis 70 Prozent) und bei einer Adhärenz von weniger als 40 Prozent auf 93 Prozent (95 Prozent CI: 72 bis 120 Prozent).
Die Schutzwirkung einer PrEP setzt verzögert ein. Gemäß Model sollen die Kolorektalschleimhaut am 3. Tag und im weiblichen Genitale am 7. Tag nach Beginn der kontinuierlichen Einnahme sich maximale FTC- und TDF-Spiegel im Gewebe einstellen. Bei der anlassbezogenen PrEP wird von ausreichender Schutzwirkung 2–24 Std. nach Einnahme einer doppelten Dosis von TDF/FTC ausgegangen; dies gilt bei analem Sexualkontakt, bei vaginalem Sexualkontakt wird anlassbezogene PrEP nicht empfohlen.
Wirkmechanismus Die PrEP beinhaltet die beiden Wirkstoffe Emtricitabin (FTC) und Tenofovirdisoproxil (TDF), ein Prodrug von Tenofovir. FTC ist ein chemisches Analogon des Nukleosids Cytidin. TDF wird in vivo in Tenofovir, ein Nukleotid-Analogon von Adenosinmonophosphat, umgewandelt. Beide Substanzen wirken als Inhibitoren der reversen Transkriptase (Nukleosidische Reverse-Transkriptase-Inhibitoren, NRTIs). Sie werden von zellulären Enzymen über nicht überlappende Wege phosphoryliert und bilden Emtricitabintriphosphat und Tenofovirdiphosphat, alternative Substrate für Desoxyadenosintriphosphat und Desoxycytidintriphosphat.
Der Einbau in die sich bildende virale Desoxyribonukleinsäure führt zu einer Kettenabbruchreaktion und zur Hemmung der viralen reversen Transkriptase: NRTIs haben keine 3'-Hydroxygruppe an der 2'-Desoxyribosyl-Einheit. Aufgrund der fehlenden 3'-Hydroxygruppe verhindert das NRTI die Bildung einer 3'-5'-Phosphodiesterbindung in wachsenden Desoxyribonukleinsäure-Ketten und kann so die Replikation des Virus verhindern.
Nebenwirkungen Im Rahmen der Zulassung durch die Europäische Arzneimittel-Agentur wurden als sehr häufige Nebenwirkungen Durchfall und Übelkeit festgestellt, darüber hinaus Hypophosphatämie, Kopfschmerzen, Schwindel, Erbrechen, Ausschlag, Schwäche sowie erhöhte Creatin-Kinasespiegel im Blut. Die Europäische Arzneimittel-Agentur empfahl dennoch das Inverkehrbringen zu genehmigen, da der Nutzen die Risiken überwiege.
Kosten Kosten-Nutzen-Analyse
Das Originalmedikament Truvada hatte in Deutschland einen Einführungspreis von 819 Euro für 30 Tabletten, wobei die Einnahme von täglich einer Tablette empfohlen wurde. Aufgrund des Patentschutzes war es das einzig verfügbare PrEP-Medikament. Nach dem Ende des Patentschutzes 2017 kamen erste Generika für um 600 Euro auf den deutschen Markt. Inzwischen sank der Preis auf rund 50 Euro für 30 Tabletten in Deutschland und rund 65 Franken in der Schweiz.