mini|hochkant|Sawsan Chebli (2019)
Sawsan Chebli (; * 26. Juli 1978 in West-Berlin) ist eine deutsche ehemalige politische Beamtin (SPD), Autorin und Aktivistin. Sie war von Dezember 2016 bis Dezember 2021 Bevollmächtigte des Landes Berlin beim Bund und Staatssekretärin für Bürgerschaftliches Engagement und Internationales in der Berliner Senatskanzlei. Zuvor war sie von Januar 2014 bis Dezember 2016 stellvertretende Sprecherin des Auswärtigen Amts und von März 2010 bis Dezember 2013 Grundsatzreferentin für interkulturelle Angelegenheiten in der Berliner Senatsverwaltung für Inneres und Sport.
Herkunft, Ausbildung und Privates Cheblis Eltern lebten infolge des Palästinakrieges ab 1948 als palästinensische Flüchtlinge im Libanon und kamen 1970 als Asylbewerber in die Bundesrepublik Deutschland. Nach der Ablehnung der Asylanträge lebten sie geduldet und staatenlos in West-Berlin, wo Chebli 1978 als zwölftes von dreizehn Kindern geboren wurde. Ihr Vater wurde dreimal in den Libanon abgeschoben und kehrte immer wieder nach Deutschland zurück. 1993 erhielt die Familie die deutsche Staatsangehörigkeit. Chebli bezeichnete ihre familiäre Herkunft sowie den sich daraus ergebenden persönlichen Bezug zum Nahostkonflikt als Motivation, Politik zu studieren und in die Politik zu gehen.
Chebli wuchs in Moabit auf. Deutsch lernte sie in der Schule. Nach dem Abitur 1999 am Lessing-Gymnasium studierte sie Politikwissenschaft am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin, war von 2001 bis 2003 studentische Mitarbeiterin der Arbeitsstelle Politik des Vorderen Orients und schloss 2004 mit dem Diplom ab. Ein Vorbild war ihr 2018 verstorbener ältester Bruder, der als Imam in Schweden arbeitete und die dortigen Behörden in Integrationsfragen beriet.
Chebli ist mit Nizar Maarouf verheiratet, der bis 2014 stellvertretender Direktor von Vivantes International Medicine, der Medizintourismus-Sparte von Vivantes, und einer der Geschäftsführer der dazugehörigen Betreibergesellschaft Vivantes International war. Nach der Auflösung der Betreibergesellschaft durch den Berliner Senat und der Eingliederung des Geschäftsbereichs in das Mutterunternehmen im Jahr 2014 war er noch bis 2019 stellvertretender Direktor von Vivantes International Medicine. Er war zeitweise Mitglied des Präsidiums der Ghorfa. Im Mai 2020 wurden Chebli und Maarouf Eltern eines Sohnes.
In einem Tweet von 2019 gab Chebli an, Sawsan Mohammed Chebli zu heißen. Diesen Tweet richtete sie ausdrücklich an die AfD, die zuvor in einem Beitrag es als ein Zeichen für Islamisierung interpretiert hatte, dass 2018 Mohammed der meistvergebene Vorname in Berlin gewesen war. Chebli wurde daraufhin 24 Stunden für die Bearbeitung auf Twitter gesperrt, was stark kritisiert wurde.Twitter sperrt Account von Sawsan Chebli vorübergehend www.welt.de, 5. Mai 2019
Politische Laufbahn 2001 wurde Chebli Mitglied der SPD und arbeitete während ihres Studiums im Bundestagsbüro von Gert Weisskirchen. Nach dem Abschluss des Studiums 2004 war sie 2005 wissenschaftliche Mitarbeiterin von Brigitte Wimmer und 2005 bis 2009 von Johannes Jung. Ihr Tätigkeitsschwerpunkt war die Außenpolitik. 2009 nahm sie als eine der Munich Young Leaders an der Münchner Sicherheitskonferenz teil. Im März 2010 übernahm Chebli in der von Ehrhart Körting geleiteten Berliner Senatsverwaltung für Inneres und Sport die neu geschaffene Stelle als Grundsatzreferentin für interkulturelle Angelegenheiten.
Im Januar 2014 berief Frank-Walter Steinmeier sie als erste Muslimin und ohne vorherige Diplomatentätigkeit zur Stellvertreterin des Pressesprechers Martin Schäfer ins Auswärtige Amt. Wie bereits ihre Berufung zur Grundsatzreferentin für interkulturelle Angelegenheiten fand auch dies ein großes Medienecho. Deutsche Welle, 10. April 2013 (englisch)Berliner Muslimin wird Sprecherin von Minister Steinmeier morgenpost.de, 25. Januar 2014 Im Auswärtigen Amt war Chebli einem Bericht des Spiegels zufolge umstritten. Der Personalrat des Ministeriums sei mit Beschwerden über sie befasst gewesen. Außerdem habe sie in Pressekonferenzen oft unvorbereitet gewirkt und auf Nachfragen „patzig“ reagiert. Im Februar 2014 gehörte sie zu den Gründern des Arbeitskreises muslimischer Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten. Seit 2016 gehört sie dem Berliner Landesvorstand der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen an.Sawsan Chebli spd.berlin
Nach der Wiederwahl von Michael Müller zum Regierenden Bürgermeister von Berlin am 8. Dezember 2016 wechselte Chebli als Bevollmächtigte des Landes Berlin beim Bund und Staatssekretärin für Bürgerschaftliches Engagement und Internationales in die von Björn Böhning geleitete Berliner Senatskanzlei. Im Gegensatz zu ihrer Vorgängerin Hella Dunger-Löper war sie auch für den Bereich Internationales zuständig und verantwortlich für die Abteilung Protokoll und Internationales, die zuvor beim Chef der Senatskanzlei angesiedelt war. Die aus der Umgliederung resultierende Konkurrenzsituation zwischen Chebli und dem damaligen Leiter der Abteilung Volker Pellet soll laut Medienberichten zum Weggang Pellets im Jahr 2017 geführt haben. Am 17. April 2018 wurde Christian Gaebler Chef der Senatskanzlei. Nach der Wahl von Franziska Giffey zur Regierenden Bürgermeisterin am 21. Dezember 2021 verließ Chebli die Senatskanzlei. Ihre Nachfolgerin wurde Ana-Maria Trăsnea.
Bei der Bundestagswahl 2021 wollte sie als Direktkandidatin im Wahlkreis Berlin-Charlottenburg – Wilmersdorf kandidieren, unterlag bei der parteiinternen Vorwahl aber Michael Müller.Berlins Regierungschef gewinnt Duell um die Bundestagskandidatur tagesspiegel.de, 28. Oktober 2020
Politische Initiativen Chebli initiierte 2010 die Gründung des Vereins JUMA. Der Vereinsname steht für die Abkürzung von Jung, Muslimisch, Aktiv und das arabische Wort für Freitagsgebet. Ziel des Vereins ist es, jungen Muslimen eine Stimme zu geben.
2017 war Chebli für die Kampagne Farben bekennen verantwortlich, bei der in Berlin Plakate mit Bildern von Geflüchteten, dem Schriftzug „Typisch Deutsch“ und jeweils einer Eigenschaft wie Hilfsbereitschaft oder Pünktlichkeit aufgehängt wurden. Seit 2018 wird ein „Farbenbekennen-Award“ verliehen, mit dem Leistungen von Geflüchteten ausgezeichnet werden.
Chebli war nach eigenen Angaben in ihrer Jugend Antisemitin, änderte ihre Einstellung aber später. Auf ihre Initiative wurde im November 2017 der Berliner Arbeitskreis gegen Antisemitismus gegründet. Die Amadeu Antonio Stiftung und das Jüdische Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus kritisierten, dass sie an der Gründung nicht beteiligt wurden. Im Dezember 2018 stellte der Arbeitskreis seinen Abschlussbericht vor, in dem die Einsetzung eines Antisemitismusbeauftragten und eine stärkere Thematisierung von Antisemitismus in Schulen und Universitäten gefordert wurden.
Im Januar 2018 forderte Chebli eine Pflicht zum Besuch einer KZ-Gedenkstätte für alle in Deutschland lebenden Personen. Nach dem Anschlag in Halle (Saale) am 9. Oktober 2019, dem höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur, rief Chebli zu einer Mahnwache vor der Neuen Synagoge in Berlin auf, zu der auch Bundeskanzlerin Angela Merkel erschien.
Positionen und Kontroversen Haltung zum Islam Chebli ist praktizierende Muslimin und äußerte sich 2012 zum Tragen eines Kopftuchs folgendermaßen: „Ja, das Kopftuch ist für mich eine religiöse Pflicht, aber nein, ich trage es nicht, weil es für mich nicht das Wichtigste im Islam ist.“ Selbstvorstellung bei spd-fem.net, 26. November 2012, abgerufen am 12. Dezember 2016 Bei ihrer Berufung zur Staatssekretärin im Dezember 2016 begründete sie ihre Entscheidung, kein Kopftuch zu tragen, mit ihrer Überzeugung, dass man anders in Deutschland keine politische Karriere beginnen könne. Im Januar 2017 äußerte sie gegenüber der Zeit: Erol Özkaraca (damals SPD) kritisierte diese Äußerung mit den Worten:
In einem Doppelinterview mit Michael Müller in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung im August 2016 antwortete Chebli auf die Frage, warum unter muslimischen Jugendlichen der dritten Generation der Anteil derer steige, die im Zweifel die Scharia über das Grundgesetz stellen: „Die Scharia regelt zum größten Teil das Verhältnis zwischen Gott und den Menschen. Es geht um Dinge wie das Gebet, um Fasten, um Almosen. Das stellt mich als Demokratin doch vor kein Problem im Alltag, sondern ist absolut kompatibel, wie es für Christen, Juden und andere auch der Fall ist.“ Cheblis Berufung zur Staatssekretärin durch Müller im Dezember 2016 bezeichnete Erol Özkaraca gegenüber der Welt als absolute Fehlentscheidung, von der er Müller mehrfach abgeraten haben will. Sie arbeite daran, den konservativen Islam in Deutschland hoffähig zu machen. Chebli sei in Wirklichkeit keine moderate Muslima, sondern konservativ. Das Kopftuch betrachte sie als religiöse Pflicht. Es sei fraglich, ob ihr die Grenzen des säkularen Rechtsstaats bewusst seien und sie bereit sei, für diese einzustehen. Das passe alles nicht zur SPD. Gegenüber der Berliner Zeitung sagte er, Cheblis Berufung sei ein Signal, dass hohe Regierungsämter konservativen Muslimen offenständen, und eine Stärkung konservativer islamischer Kräfte. Lale Akgün (SPD) bezeichnete die Berufung als krasse Fehlentscheidung. Sie warf Chebli vor, die Scharia für mit dem Grundgesetz kompatibel zu halten und einen gestrigen Islam zu vertreten. Außerdem kritisierte sie, dass Chebli über die Religion Politik mache. Chebli selbst erläuterte ihre Haltung zur Scharia im Januar 2017 gegenüber der Zeit so:
Nach antisemitischen und israelfeindlichen Protesten in Berlin anlässlich der Ankündigung Donald Trumps, die US-Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem zu verlegen, forderte Chebli im Dezember 2017 mehr muslimisches Engagement gegen Antisemitismus. Sie äußerte sich gegenüber der Welt: Zuvor war sie in die Kritik geraten, weil sie die antisemitischen Ausschreitungen zunächst nicht kritisiert hatte. Im Rahmen der Verhandlungen über eine erneute Große Koalition nach der Bundestagswahl 2017 wollte die SPD Chebli zur Antisemitismusbeauftragten und später zur Integrationsbeauftragten der Bundesregierung vorschlagen. Dagegen protestierten jüdische Organisationen mit dem Vorwurf, in den Vorjahren judenfeindliche Angriffe in Berlin nicht kritisiert zu haben und muslimischen Judenhass zu verharmlosen.
Die Hauptfigur des 2021 erschienenen Romans Die Kandidatin von Constantin Schreiber, die als erste Muslima für das Amt der Bundeskanzlerin kandidiert, wurde als Anspielung auf Chebli gedeutet.
Sexismusvorwürfe Im Kontext der breiten öffentlichen Diskussion um #MeToo veröffentlichte Sawsan Chebli im Oktober 2017 auf ihrer Facebook-Seite eine wenige Stunden zuvor gemachte Erfahrung von Alltagssexismus. Während eines dienstlichen Auftritts bei der Deutsch-Indischen Gesellschaft sei sie vom Botschafter a. D. Hans-Joachim Kiderlen als Frau öffentlich herabgewürdigt worden.Staatsekretärin Chebli prangert Alltags-Sexismus an, Anke Myrrhe, Der Tagesspiegel, 15. Oktober 2017 Der frühere Diplomat bedauerte wenige Tage später seine „unpassende Ansprache“ und entschuldigte sich gegenüber der Staatssekretärin. Der Vorfall und Cheblis Umgang damit zogen eine kontroverse Diskussion in der deutschen Presse nach sich. Cornelia von Oheimb, Vertreterin der Deutsch-Indischen Gesellschaft, widersprach Cheblis Darstellung der Umstände des Vorfalls.
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