mini|John Tradescant der Ältere (Porträt Cornelis de Neve zugeschrieben, 17. Jahrhundert) Das Musaeum Tradescantianum war im 17. Jahrhundert das erste öffentliche Museum in England. Es befand sich in South Lambeth, Surrey. Die Sammlung bestand aus Kuriositäten, die von John Tradescant dem Älteren und seinem Sohn, John Tradescant dem Jüngeren in einem als The Ark (deutsch: „die Arche“) bezeichneten Gebäude ausgestellt wurden, und einer botanischen Sammlung im Garten des Grundstücks.

Das Musaeum Tradescantianum oder Tradescants’ Ark war nicht nur der Bevölkerung Londons, sondern weiten Teilen der gebildeten Schicht Englands bekannt. Es wurde wiederholt in Gedichten genannt und zog Gelehrte aus ganz Europa an. Seine Pflanzenliste von 1634 ist als Unikat eine der seltensten botanischen Veröffentlichungen und der Katalog von 1656 war die erste englischsprachige Publikation über ein Museum. Nach dem Tod der Tradescants wurde die Sammlung des Musaeum Tradescantianum den Grundstock für das 1683 eröffnete Ashmolean Museum.

Lage und Zeit des Bestehens Das Musaeum Tradescantianum stellte die zwischen etwa 1610 und 1662 von den beiden John Tradescant zusammengetragenen Pflanzen und Gegenstände aus. Das im Volksmund als Tradescant’s Ark bezeichnete Gebäude mit der Sammlung, in dem die Familie Tradescant selbst ab 1628 lebte, befand sich in South Lambeth. Heute ist dies der von der South Lambeth Road und der Tradescant Road umschlossene Bereich der Londoner Stadtteile Stockwell und Vauxhall im Borough of Lambeth. Zum Gebäude gehörten ein Garten von etwa 4.000 Quadratmetern und ein Obstgarten von weiteren 8.000 oder mehr Quadratmetern. Die im Garten herangezogenen Pflanzen stammten aus zahlreichen Ländern und gehörten zum Sammlungsbestand des Musaeum. Es existiert eine gedruckte Liste der ausgestellten Pflanzen aus dem Jahr 1634. Das Musaeum war ab 1661 nicht mehr öffentlich zugänglich. 1683 wurden die Sammlungsstücke in das neu erbaute Ashmolean Museum in Oxford gebracht.

Frühere Kuriositätenkabinette mini|John Tradescant der Ältere (Stich von Wenzel Hollar, 17. Jahrhundert) Kuriositätenkabinette gab es bereits in der Antike. Schriftsteller wie Homer, Cicero und andere beschrieben private Schatzkammern. Typische Motive waren Rücklagen für Notzeiten oder das Anhäufen von Wertgegenständen als Statussymbol. Im Mittelalter waren bedeutende Sammlungen jene der katholischen Kirche, die häufig in Klöstern oder unzugänglichen Räumen in Kirchen untergebracht waren und kostbares sakrales Gerät, Handschriften oder Reliquien enthalten konnten. Aus ihnen gingen die ebenfalls verborgen gehaltenen Wunderkammern der weltlichen Herrscher hervor. Im 13. und 14. Jahrhundert wurden solche Sammlungen, auf engem Raum zusammengetragen, in Frankreich und Italien als „Studio“ bezeichnet. Später kamen im deutschsprachigen Raum Begriffe wie „Kunstkammer“, „Wunderkammer“ und „Schatzkammer“ auf.

Zwei Beispiele fürstlicher europäischer Wunderkammern des 16. Jahrhunderts waren die Kunstkammer von Albrecht V. von Bayern in München und die Kunst- und Wunderkammer von Kaiser Rudolf II. in Prag. Zu dieser Zeit war das Einrichten von Kuriositätenkabinetten in den Fürstenhäusern des kontinentalen Europa bereits weit verbreitet und bald kamen, auch begünstigt durch die großen Entdeckungsreisen, Eroberungen und den Handel zwischen den Kontinenten, Sammlungen der Gelehrten und wohlhabender Kaufleute hinzu. England folgte diesen Beispielen lange nicht, doch Francis Bacon beschrieb in seinem Schauspiel Gesta Grayorum, or, the History of the High and Mighty Prince, Prince Henry of Purpoole von 1594 bereits vier Hilfsmittel für das Studium der Natur: eine Bibliothek, einen botanischen und zoologischen Garten, ein großes Kabinett mit von Menschen geschaffenen Werken der Kunst und Technik und eine gut ausgestattete Werkstatt oder ein Labor.

Das erste nichtöffentliche Kuriositätenkabinett in England richtete an der Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert Walter Cope im heutigen Holland House ein. Cope nutzte bei seinen Reisen nach Indien die Gelegenheiten zum Aufbau seiner Sammlung von Kuriositäten, die wie später das Musaeum Tradescantianum Objekte aus der Natur und Artefakte aus fremden Ländern umfasste. Walter Cope war ein enger Freund von Robert Cecil, 1. Earl of Salisbury, einem späteren Arbeitgeber Tradescants des Älteren. Dass Cope und Tradescant einander bekannt waren, ist durch eine Rechnung über die Beschaffung von Pflanzen im Wert von 38 Pfund belegt, die Tradescant 1611 für Cope aus Leiden mitbrachte.

Die Sammlungen boten ihren Besitzern oder den Personen, die sie zusammenstellten, die Möglichkeit zum sozialen Aufstieg, bis hin zum gesellschaftlichen Umgang mit regierenden Fürsten oder der Aufnahme in den Adelsstand. Die mit der Unterhaltung und Erweiterung königlicher Sammlungen befassten Forscher konnten am Hof Positionen erreichen, zu denen sie ohne adelige Herkunft oder akademische Ausbildung sonst keinen Zugang hatten. Das private Kuriositätenkabinett im Haus Walter Copes wurde von Christian IV. von Dänemark und Norwegen besucht. Auch John Tradescant nutzte die Möglichkeit, mit seiner Sammeltätigkeit die Schranken seiner Zugehörigkeit zur bürgerlichen Gesellschaft zu überwinden.

Den frühen Kuriositätenkabinetten war gemeinsam, dass sie den Reichtum der Besitzer, aber auch deren Streben nach Erkenntnis zum Ausdruck brachten und dass sie nur den Fürsten und ihrem engsten sozialen Umfeld zugänglich waren. Der private Charakter kam auch darin zum Ausdruck, dass diese Sammlungen meist in Räumen ohne ersichtliche Ordnung untergebracht waren, bis zur Decke aufgestapelt und unter Ausnutzung auch der kleinsten verfügbaren Fläche. Die seltenen Besucher benötigten stets die Begleitung des Sammlers, um eine sachkundige Beschreibung der Objekte zu erhalten oder sie auch nur zu identifizieren.

Das Musaeum Tradescantianum unterschied sich als öffentlich zugängliche Sammlung ganz erheblich von den privaten Wunderkammern und Naturalienkabinetten. Zu den Besuchern gehörten nicht mehr nur der kleine Kreis interessierter Adeliger, Wissenschaftler oder anderer Angehöriger der Oberschicht, sondern auch gewöhnliche Menschen, die gegen ein Eintrittsgeld Zugang erhielten. Mit der Abkehr vom Privaten und von der persönlichen Unterweisung durch den Besitzer der Sammlung war auch die Notwendigkeit verbunden, die ausgestellten Objekte in eine für die Besucher nachvollziehbare Ordnung zu bringen. Zur Erläuterung der Sammlungsstücke ließen die Tradescants ein Buch drucken, in dem die im Garten ausgestellten exotischen Pflanzen beschrieben wurden. Das Musaeum Tradescantianum war auch die erste Sammlung von Raritäten, die "Museum" genannt wurde. Diese Bezeichnung war zuvor nur für Sammlungen von Kunstwerken verwendet worden, erstmals für die Uffizien in Florenz.

Aufbau und Umfang der Sammlung mini|John Tradescant der Jüngere (Thomas De Critz zugeschrieben, 1652) mini|Dodo, Abbildung aus Ornithologiae libri tres von Francis Willughby, 1678 Die Tradescants unterschieden in ihrer Sammlung zwischen natürlichen Objekten („Naturalia“) und von Menschen hergestellten („Artificialia“). Die Kategorie der Naturalia war weiter in Vögel, vierfüßige Tiere, Fische, Schalentiere, Insekten, Mineralien und ausländische Früchte unterteilt. Die Artefakte gliederte Tradescant in Werkzeuge, Haushaltsgegenstände, Kleidung, Waffen, seltene Kunstwerke, Münzen und Medaillen, Kameen und Gemmen, medizinische Instrumente, ägyptische und römische Antiken, orientalische Kalligrafien, Federschmuck und Objekte von fremden Völkern. Dabei wurden die Sammlungsgegenstände weniger nach ihrer Herkunft als nach ihrer Funktion zusammengefasst. Eine Auflistung in dem 1656 erschienenen Katalog der Sammlung enthielt z. B. "12 Bögen, 20 Pfeile, 12 Köcher, 60 Wurfpfeile aus Indien, China, Kanada, Virginia, Guinea, der Türkei und Persien". Das Grundstück mit seinen zahlreichen seltenen und exotischen Pflanzen war Bestandteil des Museums und der Museumskatalog von 1656 führte zahlreiche Pflanzen des Gartens auf.

Versuchten die Tradescants einerseits, ihre Objekte geordnet zu präsentieren und dafür eine Systematik zu entwickeln, so waren sie andererseits darauf bedacht, für ihre Sammlung gezielt die größten Raritäten zu beschaffen. So fanden nicht nur neu entdeckte oder noch nie in Europa gezeigte Vogelarten wie der Dodo, ein Tukan und Paradiesvögel ihren Weg in das Musaeum Tradescantianum. Der ältere Tradescant warb in einem Aufruf an Handelsreisende von 1625 gezielt um das Riesenhafte, den größten zu beschaffenden Kopf eines Elefanten oder einer Seekuh, die größten Schalentiere, große fliegende Fische und alles andere „Sonderbare“.

Bereits 1634 hatte die Sammlung einen großen Umfang erreicht, der Handelsreisende Peter Mundy benötigte einen ganzen Tag für die Besichtigung. Er nannte in seiner Beschreibung Vögel, vierfüßige Tiere, Fische, Schlangen, Würmer ("echte, obgleich tot und vertrocknet"), edle Steine, Waffen, Münzen, Muscheln und Federn (an dieser Stelle nicht als natürliche Erscheinungen, sondern als Teil von Kleidung und Nutzgegenständen) aus verschiedenen Ländern, dazu verschiedene Schnitzereien, wie einen Kirschkern mit 88 eingeschnitzten Porträts früherer Kaiser sowie Gemälde. Mundy war "fast davon überzeugt", dass hier an einem Ort mehr Kuriositäten versammelt seien, als ein Mann in einem ganzen Leben auf Reisen zu sehen bekäme.

Um 1650 enthielt das Musaeum Tradescantianum Objekte aus der gesamten bekannten Welt, wobei die Kontinente in unterschiedlichen Maß berücksichtigt waren. Die meisten Sammlungsstücke kamen aus Amerika und Asien, Kontinenten, zu denen England einen intensiven Handelsverkehr unterhielt und in denen englische Niederlassungen bestanden. Wegen der nicht so gut ausgebildeten Handelsbeziehungen war Afrika schlechter vertreten. Die Raritäten afrikanischer Herkunft stammten überwiegend aus Westafrika, zwischen den Flüssen Senegal und Kongo. Aus Ostafrika und dem Stillen Ozean kamen die wenigsten Stücke.

Etliche der im Musaeum Tradescantianum ausgestellten Objekte spiegeln den Aberglauben der damaligen Zeit wider. Im Bestand des Ashmolean Museum wurde in einem Manuskript von 1756 ein deformierter menschlicher Oberschenkelknochen aufgeführt, der aus dem Besitz von John Tradescant stammen sollte. Dieser "Oberschenkelknochen eines Riesen" wurde in Tradescants Katalog von 1656 noch nicht genannt. Die Naturalia boten weitere aus heutiger Sicht dubiose Objekte, bei den Tieren mehr als bei den Pflanzen. So werden im Katalog „diverse Eier“ aufgeführt, die meisten Vögeln zugeordnet, aber auch eines "das von einem Drachen stammen soll", und "Ostereier der Patriarchen von Jerusalem". Hinzu kommen zwei Federn "vom Schwanz des Phönix", und die Krallen des "Vogels Roch, der einen Elefanten festhalten kann".

Das Musaeum Tradescantianum wurde wegen der Einzigartigkeit vieler seiner Sammlungsstücke unter den Gelehrten des 17. Jahrhunderts bekannt, die die Museumsbestände für ihre Forschungen nutzten. 1676 erschien die fünfte Auflage des Compleat Angler von Izaak Walton, in dem er auch Fische und andere Tiere aus dem Musaeum Tradescantianum beschrieb. John Ray besuchte das Museum, um bei der Vorbereitung des 1678 posthum veröffentlichten ornithologischen Werks Ornithologiae libri tres von Francis Willughby einen Abgleich der Angaben im Buch mit dem nur im Musaeum Tradescantianum vorhandenen Dodo und anderen Vögeln vorzunehmen.

Der Einteilung der Sammlungsobjekte, wie sie von den Tradescants vorgenommen wurde, folgte noch 1727, fast ein Jahrhundert später, Kaspar Friedrich Jencquel, Angehöriger einer Hamburger Senatorenfamilie, in seinem Buch Museographia. Anleitung zum rechten Begriff und nützlicher Anlegung der Museorum bis ins Detail.

Bedeutende Ausstellungsstücke mini|Powhatans Umhang, heute im Ashmolean Museum, Oxford