mini|Rekonstruktionszeichnung des antiken Nimrud nach Austen Henry Layard, 1853 hochkant|mini|Lamassu von Nimrud im British Museum (um 1900) mini|Relief in den Trümmern von Nimrud (Januar 2019) mini|Trümmerteil mit Keilschrift. (Januar 2019)

Nimrud ist der moderne Name der altorientalischen Stadt Kalchu (assyrisch Kalḫu, hebr. כֶּלַח Kelach, in Pausalform כָּלַח Kalach, auch Kalah, Calah). Deren Ruinen liegen 30 km südsüdöstlich von Mossul (heutiger Irak) am mittleren Tigris im Gouvernement Ninawa. Im 13. Jahrhundert v. Chr. gegründet, wurde Nimrud im 9. Jahrhundert unter König Assurnasirpal II. Hauptstadt des Assyrischen Reiches. 612 v. Chr. wurde es von Medern und Chaldäern zerstört.

Name Der Name Nimrud wird von dem biblischen König Nimrod abgeleitet. Wann die Ruine diesen Namen erhielt, ist nicht bekannt. Die erste schriftliche Erwähnung Nimruds geht auf Carsten Niebuhr zurück, der die Stadt 1766 besuchte.… Nimrud, einem verfallenen Castell etwa 8 Stunden von Mosul, vgl. Carsten Niebuhr: Carsten Niebuhrs Reisebeschreibungen nach Arabien und andern umliegenden Ländern. Bd. 2, 1774, S. 353. Während der assyrischen Zeit nannte man sie Kalach/Kelach/Kalhu (vgl. ). Bei Xenophon erscheint der Name Larisa.Xenophon, Anabasis 3, 4, 7.

Archäologische Stätte Ausgrabungsgeschichte Bereits 1846 machte Sir Austen Henry Layard erste Ausgrabungen vor allem auf der Akropolis. Es kamen Reste großer Palast- und Festungsbauten zum Vorschein. Man fand ebenso zahlreiche Alabasterreliefs und Elfenbeinschnitzereien sowie Obelisken und monumentale Figuren. 1955 wurden bei Grabungen von Max Mallowan im Nabû-Tempel von Nimrud Keilschrifttafeln mit Eiden für Vasallen und assyrische Machtträger aus dem Jahr 672 v. Chr. gefunden (siehe: Nimrud-Ostrakon), die für die assyrische Vertragsrhetorik aufschlussreich sind und damit auch für die israelitische Bundestheologie, die sie nachahmt.

Zerstörungen durch den Islamischen Staat Anfang März 2015 wurde bekannt, dass Terroristen des Islamischen Staats begonnen hätten, die archäologischen Stätten Nimruds mit Baggern zu zerstören. In der Ideologie der Terrororganisation gelten die Statuen und Abbildungen als Abgötterei, die nicht mit dem Islam vereinbar sei. Archäologen und Altertumswissenschaftler reagierten weltweit mit Empörung und Entsetzen. Die Generaldirektorin der UNESCO, Irina Bokowa, bezeichnete die Zerstörungen als „Angriff auf das irakische Volk“ und als eine „systematische Zerstörung des Kulturerbes der Menschheit aus dem Altertum“, was „ein Kriegsverbrechen“ darstelle.

Am 12. April 2015 wurde im Internet ein Video verbreitet, das die Sprengung und wohl vollständige Zerstörung der antiken Stadt zeigt.

Im Zuge der Schlacht um Mossul eroberte die irakische Armee im Herbst 2016 Nimrud zurück. Am 13. November wurde die Befreiung Nimruds offiziell bestätigt.„Islamischer Staat“: Irakische Armee erobert Antikenstadt Nimrud zurück. In: Zeit Online. 13. November 2016. Abgerufen am 13. November 2016. Auf Satellitenbildern glaubten Aktivisten zu erkennen, dass Anhänger des Islamischen Staates in den letzten Wochen ihrer Herrschaft zwischen dem 31. August und dem 2. Oktober die Zikkurat von Nimrud offenbar mit schweren Baumaschinen einebneten.Rainer Schreg: Der Ziggurat von Nimrud wurde einplaniert! In: archaeologik.blogspot.de. 13. November 2016. Abgerufen am 13. November 2016. Die Antikenstadt gilt als fast völlig zerstört.Vernichtung von Kulturgütern in Irak: Barbarische Zerstörungswut im antiken Nimrud, Neue Zürcher Zeitung, 17. November 2016

Architektur In Nimrud wurde Architektur in der Unterstadt auf der westlichen Akropolis von Nimrud und auf dem Tulul el ‘azar, besser als Fort Salmanassar bekannt, im Osten gefunden.

Die westliche Akropolis von Nimrud Auf der östlichen Akropolis befanden sich Große Paläste, Kleine Paläste, Tempel und private Häuser. Der Große Paläste waren der Nordwest-Palast, der der Palast von Adad-Nerari III., der zentrale Palast und der Südwestpalast. Kleinere Paläste waren der Burnt Palace, der Governor‘s Palace, das 1950 Building und der Akropolis Palace. Die Tempel waren der Nabu-Tempel und der Ninurta-Tempel, an dem eine Ziggurat angeschlossen war.

Nordwest-Palast des Assurnasirpal II. mini|Elfenbeinschnitzerei Britisches Museum ME 127412, aus dem Nordwest-Palast Der Nordwest-Palast befindet sich auf der Zitadelle im Südwesten der Stadt. Er wurde von Assurnasirpal II. südlich des Ninurta-Tempels errichtet. Ausgegraben wurde er von Sir Austen Henry Layard, Sir M.E.L. Mallowan, Janusz Meuszyński sowie dem irakischen Antikendienst.Postgate & Reade 1980, §§ 14–16; Heinrich 1984, 102–107; Kertai 2015, 18–48.

Das Gebäude wurde nie vollständig erforscht, da der westliche Teil im Laufe der Zeit erodiert ist. Die Mindestausmaße, die sich aus dem ausgegrabenen Bereich ergeben, sind ca. 200 m (N-S) × 120 m. Die Lage des Haupteingangs ist ungeklärt, er könnte entweder im Norden oder im Osten der Anlage gelegen haben, von wo er zum großen Innenhof im Norden des Gebäudekomplexes führte. Möglicherweise war noch ein weiterer Hof vorgelagert (vgl. Kertai 2015, fig. 3 – 4). Im Norden schlossen sich an den großen Hof einige Wirtschafts- und Verwaltungsräume an. Im Süden wurde er von der Thronsaalfassade begrenzt. Diese war von drei Eingängen durchbrochen, die jeweils von den großen, teils in flachem Relief, teils plastisch ausgearbeiteten Orthostaten flankiert waren, die apotropäische Türwächterfiguren, sogenannte Lamassu, darstellten. Ein Paar dieser Figuren wird heute zusammen mit einigen der Reliefs aus Kalḫu im British Museum in London ausgestellt, weitere Exemplare befinden sich im Vorderasiatischen Museum Berlin und im Metropolitan Museum of Art in New York. Der Thronsaal hatte eine Größe von 45,5 × 10,5 m und war mit reliefierten Orthostaten geschmückt, die Kriegs-, Jagd- und Kultszenen zeigten. An der Ostwand befand sich das Thronpodest. Südlich fügte sich an den Thronsaal ein Innenhof an, der von Raumgruppen umgeben war, von denen die größte als königliches Gemach zu deuten ist. Auch diese Räumlichkeiten waren mit Steinreliefs geschmückt. Weiter südlich erstreckte sich der eigentliche Wohntrakt des Palastes. In diesem Bereich kamen Gräber neuassyrischer Königinnen aus dem 9. und 8. Jahrhundert v. Chr. zu Tage.

Über die Errichtung des Palastes geben einige Inschriften Aufschluss: Die älteste datiert um das Jahr 879 v. Chr., sie enthält die Beschreibung von Türbefestigungen und EinrichtungsgegenständenRIMA 2, A.0.101.17.. Eine weitere Inschrift, die um 866 v. Chr. datiert, listet verschiedene Holzarten auf, die in unterschiedlichen Räumen verarbeitet wurden, und beschreibt die an den Haupteingängen aufgestellten Türwächterfiguren als „Tiere der Berge und Meere“ (u2-ma-am KUR.MEŠ u A.AB.BA.MEŠ)AKA, 186–187.. Eine Stele, die an der Thronsaalfassade gefunden wurde, gibt Auskunft über die Einweihungszeremonien und erwähnt verschiedene Baudetails (Glasurziegel und Wandmalereien)ARI 2, § 677..

Unter Salmanassar III. wurden Reparaturen und kleinere Umbauten am Palast vorgenommen, auch spätere Herrscher sorgten für die Instandhaltung. Sargon II. Ist als letzter Bauherr inschriftlich belegt. In seiner Regierungszeit wurde die assyrische Hauptstadt von Kalḫu nach Dūr-Šarrukīn verlegt, der Nordwest-Palast in Kalḫu wurde dann teilweise als Residenz der königlichen Familie, teilweise als Lagerhaus für Kriegsbeute und Tributzahlungen genutzt.

In den Räumen nördlich des großen Vorderhofs wurden etwa 400 Tontafeln aus den Regierungsjahren der Könige Tiglat-Pileser III., Salmanassar V. und Sargon II. gefunden. Dieses Palastarchiv bestand aus administrativen Dokumenten und königlicher Korrespondenz. Des Weiteren gab es dort einige Rechtsurkunden aus dem späten 7. Jahrhundert v. Chr., die durch das Feuer im Zuge der Zerstörung der Stadt gebrannt wurden.

Die Residenz Assurnasirpals II. stellte eine Neuerung in der assyrischen Palastarchitektur dar, die zum Archetypus des neuassyrischen Palastes werden sollte. Es handelt sich dabei um eine Zweiteilung in einen öffentlichen und privaten Bereich, die durch die Thronsaalanlage voneinander getrennt waren. Als weitere bedeutende Innovation gelten die steinernen Reliefplatten, die an den Innenwänden der wichtigsten Räume angebracht waren. Ihre Ikonographie und Thematik wurde für die späteren Herrscher zum Vorbild. Durch verschiedene legale und illegale Grabungen sowie Fundteilungen wurden die Reliefs auf verschiedene Sammlungen in der Welt verteilt. Die Rekonstruktion ihrer ursprünglichen Lage war deshalb ein schwieriges Unterfangen, das aber heute als abgeschlossen giltMeuszyński 1981; Paley & Sobolewski 1987, 1992..

Palast von Adad-Nerari III. Südlich des Nordwest Palastes fand sich ein weiterer Palast den Adade-Nirari III. erbauen ließ.Oates & Oates 2001: 70.

Zentrale Palast Der Zentrale Palast liegt in der Mitte der Akropolis und Tiglath-Pileser III. ließ ihn errichten. Dieser Palast hat sich jedoch sehr schlecht erhalten.Oates & Oates 2001: 71–74.

Südwestpalast Den Südwestpalast ließ Esarhaddon errichten und lag im Südwesten südlich des Palastes von Adad-Nirari III.Oates & Oates 2001: 75–77.

Burnt-Palace

Der „Burnt Palace“, so genannt, da er durch ein Feuer zerstört wurde, liegt westlich des Nabû-Tempels und südlich vom „Governor’s Palace“. Zwischen den beiden Palästen verlief vermutlich die Hauptstraße, welche zum Tor E der Akropolis führte. Da das nördliche Ende des Gebäudes nicht ausgegraben wurde, lässt sich die Gesamtgröße der architektonischen Reste nur auf der bereits ergrabenen Fläche bestimmen: Demnach hatte der Palast mindestens eine Nord-Süd-Ausdehnung von 70 m und misst von Ost nach west 30 mMallowan 1966, 203–204. Der Palast weist neun aufeinanderfolgende Phasen auf, die Periode A bis I.Oates & Oates 2001, 124 – 129

Die Perioden A, B und C sind die frühste, mittelassyrische Bebauung, die kaum erhalten war. Periode A besteht lediglich aus einer Pflasterung, Periode B und C stellen einige Mauern dar. Sie sind die Überreste eines Vorgängerbaus des Burnt Palace und wurden vermutlich durch ein Erdbeben im 9. jhd. v. Chr. zerstört.

Die Perioden D, E und F sind die Neuassyrische Phase des Burnt palace, die am besten erhalten waren. Die ursprünglich im 9. Jh. v. Chr. unter Assurnassirpal II. errichtete Struktur ist Periode D. Es erfolgte im Laufe der Zeit zweimal ein Wiederaufbau, vermutlich unter Adad-nērārī III. in Periode E und Sargon II. in Periode F. Wirtschaftliche Texte aus der Zeit Asarhaddons oder Assurbanipals bezeugen eine Nutzungskontinuität bis in das 7. Jh. v. Chr. Am Ende der Periode F brannte der Palast wie auch der benachbarte Nabû -Tempel nieder, ein Ereignis, das möglicherweise mit der Zerstörung Nimruds in den Jahren 614 bis 612 v. Chr. und damit dem Ende des neuassyrischen Reichs in Zusammenhang steht.

Das Gebäude der Perioden D bis F gruppiert sich um zwei Höfe. Ein kleinerer nördlicher Hof ist über drei Räume mit einem größeren südlichen Hof miteinander verbunden. An dessen Südseite schloss sich ein bemalter Wohnraum an. Innerhalb und um den Raum herum kamen zahlreiche wertvolle Objekte aus Elfenbein und Glasgefäße zu Tage. Die ebenfalls dort gefundenen Siegel und Teile einer königlichen Korrespondenz Sargons lassen die Vermutung zu, dass dort administrative Aufgaben wahrgenommen wurden und der Palast sogar zeitweise als ein königlicher Sitz diente.Heinrich 1984, 143–145; Postgate & Reade 1980, 315–316. Der Größte Raum des Gebäudes ist der südlich an den Hof grenzende Thronsaal.

Periode G folgt unmittelbar auf die Zerstörung des Palastes und stellt eine Wiedernutzung der Ruine dar. Periode H beschreibt eine etwas spätere Nutzung der Ruine, die vermutlich in Neubabylonische oder achämenidische Zeit datiert. Periode I ist eine spätere Nutzung nach einer längeren Zeit, in der der Burnt Palace verlassen blieb und ist vermutlich in hellenistische Zeiten zu datieren.

Nabû-Tempel