miniatur|hochkant|Rainer Maria Rilke, Foto, um 1900
Blaue Hortensie ist der Titel eines Sonetts von Rainer Maria Rilke. Es findet sich im ersten Teil der Neuen Gedichte und gehört zu seinen bekanntesten Dinggedichten. Wie für seine mittlere Schaffensperiode typisch, lässt sich in den Versen die Schwebe zwischen präsentem Objekt und dessen Aufhebung im Subjekt feststellen.Wolfgang G. Müller: Modellanalyse In: Rilke-Handbuch, Leben – Werk – Wirkung. Metzler, Hrsg. Manfred Engel, Stuttgart 2013, S. 299
Inhalt Die fünfhebigen jambischen Verse haben das Reimschema abba bccb ded fef
und lauten: Rainer Maria Rilke, Blaue Hortensie, in: Sämtliche Werke, Erster Band, Insel Verlag, Frankfurt am Main 1955, S. 519 So wie das letzte Grün in Farbentiegeln sind diese Blätter, trocken, stumpf und rauh, hinter den Blütendolden, die ein Blau nicht auf sich tragen, nur von ferne spiegeln.
Sie spiegeln es verweint und ungenau, als wollten sie es wiederum verlieren, und wie in alten blauen Briefpapieren ist Gelb in ihnen, Violett und Grau;
Verwaschenes wie an einer Kinderschürze, Nichtmehrgetragenes, dem nichts mehr geschieht: wie fühlt man eines kleinen Lebens Kürze.
Doch plötzlich scheint das Blau sich zu verneuen in einer von den Dolden, und man sieht ein rührend Blaues sich vor Grünem freuen.
Hintergrund und Deutung
Das Blau gewinnt in diesen Versen eine eigene Qualität und tritt als gleichsam spielende Figur auf die Bühne, um dem Gegenspieler Grün nur eine Nebenrolle zuzugestehen.So Rainer Gruenter, in Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): 1000 Deutsche Gedichte und ihre Interpretationen. Von Arno Holz bis Rainer Maria Rilke. Insel-Verlag, Frankfurt am Main / Leipzig 1994, S. 288.
Die deiktischen Pronomen in dem Gegenstück Rosa Hortensie („in diesen Dolden“, „das Rosa“)Rainer Maria Rilke, Rosa Hortensie, in: Sämtliche Werke, Erster Band, Insel Verlag, Frankfurt am Main 1955, S. 633. zeigen, wie deutlich Rilke sich auf etwas Bestimmbares vor ihm bezieht. Der Dingbezug wird im zweiten Teil (Der Neuen Gedichte anderer Teil) nicht aufgegeben, wenn er auch vielfach schwächer ist als im ersten.Wolfgang G. Müller: Modellanalyse In: Rilke-Handbuch, Leben – Werk – Wirkung. Metzler, Hrsg. Manfred Engel, Stuttgart 2013, S. 300.
Wolfgang Müller widerspricht der Interpretation Käte Hamburgers, die in der Blauen Hortensie Edmund Husserls „Verfahren phänomenologischer Reduktion“ zu erkennen glaubte und für die das Blau vollständig von der Blume getrennt werde, um als Eidos im Bewusstsein zurückzubleiben. Das plötzliche Aufleuchten am Ende existiere nur als Kontrast zu den verblassenden Farben, die am Anfang dargestellt würden und sei noch immer an die Dolden gebunden.Wolfgang G. Müller, Modellanalyse, in: Rilke-Handbuch, Leben - Werk - Wirkung, Metzler, Hrsg. Manfred Engel, Stuttgart 2013, S. 301.
Einzelnachweise
Kategorie:Werk von Rainer Maria Rilke Kategorie:Literatur (Deutsch) Kategorie:Literatur (20. Jahrhundert) Kategorie:Sonett