Die Wasserburg Flechtingen beziehungsweise das Wasserschloss Flechtingen ist eine in weiten Teilen gut erhaltene und zum Schloss erweiterte Burganlage im Zentrum der Gemeinde Flechtingen im Landkreis Börde in Sachsen-Anhalt.
Lage Die Burg beziehungsweise das Schloss liegt im Zentrum des Dorfes Flechtingen, im nördlichen Bereich des aufgestauten Schlossteichs Flechtingen, der von einem Fließgewässer, der Spetze, nach Norden entwässert wird. Hauptzufluss ist die Große Renne im Süden des Sees. Unmittelbar am Abfluss liegt eine alte Wassermühle, die Schlossmühle Flechtingen. Flechtingen liegt inmitten der Magdeburger Börde im heutigen Bördekreis im Land Sachsen-Anhalt.
Burg oder Schloss mini|links|Burg Flechtingen im Jahr 1906 Unterschiedlich beantwortet wird die Frage, ob es sich bei der Anlage um eine Wasserburg oder ein Wasserschloss handelt. Im Denkmalverzeichnis Sachsen-Anhalt wird von einem einstigen Wasserschloss und einer Schlossanlage gesprochen.Landesamt für Denkmalpflege Sachsen-Anhalt (Hrsg.): Denkmalverzeichnis Sachsen-Anhalt. Band 10: Mathias Köhler, Thorsten Neitzel: Ohrekreis. Teilbd. 1: Altkreis Haldensleben. Imhof, Petersberg 2005, ISBN 3-86568-011-9. S. 88. Im Nachschlagewerk Burgenkunde von Otto Piper ist Flechtingen unter den noch erhaltenen Burgen aufgelistet.Otto Piper: Burgenkunde - Bauwesen und Geschichte der Burgen zunächst des deutschen Sprachgebiets R. Piper & Co., München 1912. S. 31. Weiterhin ist die Anlage im Grundrisslexikon Burgen des Deutschen Mittelalters geführt. Die vom Rat der Gemeinde Flechtingen 1990 herausgegebene umfassende Abhandlung von Günter Hammerschmidt Flechtingen und seine Wasserburg beantwortet die Frage „Ist das nun eigentlich ein Schloß oder ist es eine Burg“ dahingehend, dass durch einschlägige Literatur bekannt sei, dass die Verteidigungseinrichtungen „auf eine wehrhafte Anlage mit Betonung der Verteidigung – auf eine Burg hinweisen“ würden. Die Schautafel im Vorfeld spricht sowohl von einer Wasserburg als auch von einem Wasserschloss.Foto von Gregor Rom: Informationstafel der Gemeinde Flechtingen Die Wasserburg - Das Wasserschloss, 19. Januar 2014.
Geschichte rahmenlos|links Die Geschichte der Wasserburg begann im ersten Jahrzehnt des 14. Jahrhunderts. Heinrich von Schenck, der zunächst noch Heinrich von Dövenstedt, Schenck genannt wurde, wobei sich Schenck vom Hofamt Schenk ableitet, erhielt für seine Verdienste vom Markgrafen Hermann von Brandenburg Flechtingen als Lehen. Bereits 1307 nannten sich er und sein Bruder Alverich Schencken von Dönstedt und Herren der Burg Flechtingen. Dies war auch die erste schriftliche Erwähnung der Anlage. Sie dürfte also vor diesem Datum erbaut worden sein. Die Burg wurde auf einem felsigen Untergrund in einer sumpfigen Niederung errichtet. Der Bergfried, die Grundmauern der Hauptburg und die Gebäude der Vorburg sind in die Zeit der Entstehung der Anlage zu datieren. Als Baumeister – wird vermutet – trat derselbe auf, der die Burg im nahegelegenen Bahrdorf entwarf beziehungsweise errichtete. Vertraglich ließ Kurfürst Ludwig VI. 1359 im Lehnsbrief festschreiben, dass die Burg in Zeiten des Krieges für ihn und die Nachkommen als Zufluchtsort zur Verfügung zu stehen habe und genutzt werden könne. Ähnliche Übereinkünfte gab es mit dem Herzogtum Braunschweig und mit dem Erzbistum Magdeburg, sodass die Burg häufiger als Zufluchtsstätte genutzt wurde.
Am Anfang des 15. Jahrhunderts wurde die Wasserburg baulich verändert und in der Folge als Jagdburg beziehungsweise Jagdschloss genutzt. Die Verteidigungsbereitschaft spielte nicht mehr die zentrale Rolle. Weitere Umbauten folgten. Die Außenmauern des späteren Burggartens im Süden der Anlage wurden in ihrer jetzigen Form später errichtet, nachdem durch Aufschüttungen entsprechender Platz gewonnen worden war. Die alten Burgmauern führten dichter an den Gebäuden entlang. Ein Wirtschaftsgebäude im Norden der Vorburg war vor der Umfunktionierung ein Wohngebäude gewesen. Die Wagenremise befand sich im Osten. Südlich schloss sich ein Stall an, der in der Mitte des 19. Jahrhunderts zu einer Reithalle umgebaut beziehungsweise -funktioniert worden war.
mini|Die Wasserburg im Jahr 1860; Sammlung Alexander Duncker miniatur|Schloss Flechtingen (2010) Nachdem bei einem Brand 1483 der alte Palas im heutigen Wirtschaftsgebäude der Burg stark beschädigt worden war, wurden Wohngebäude neben dem Bergfried im Bereich der heutigen Hauptburg unter Rudolf Schenk ausgebaut und so ein neuer Palas geschaffen.Gemeindevertretung Luftkurort Flechtingen (Hrsg.), Friedrich Drafehn: Chronik - Luftkurort Flechtingen. Flechtingen 2003. S. 49. Finanziert wurde diese Baumaßnahme mit einem Kredit über 300 Goldgulden, der von den Söhnen Rudolfs bei einem St.-Bonifatius-Kapitel zu Helmstedt aufgenommen worden war. Im Bereich der Hauptburg ist das südliche Gebäude der Kemenatenflügel, der im Jahr 1526 durch den Erbschenk des Hochstifts Halberstadt und den Erbkämmerer der Kurmark Borgward Schenk erbaut worden war. Westlicher Anschluss war die Brauerei der Burg. Dieser wurde beim Umbau 1526 ein Stockwerk aufgesetzt, welches die Rüstkammer enthielt. Ebenfalls im 16. Jahrhundert errichtete man einen Verbindungsbau zwischen Palas und Kemenatenflügel, sodass dadurch zwei getrennte Höfe entstanden.Gemeindevertretung Luftkurort Flechtingen (Hrsg.), Friedrich Drafehn: Chronik - Luftkurort Flechtingen. Flechtingen 2003, S. 50. Im Jahr 1619 ließ Kersten von Schenck einen Treppenturm in der Vorburg errichten. 1692 wurden Umbauten im Bereich des Palas vorgenommen.Rat der Gemeinde Flechtingen (Hrsg.), Günter Hammerschmidt: Flechtingen und seine Wasserburg. Flechtingen 1990, S. 7 ff. Um das Jahr 1860 wurde von Eduard von Schenck, der als geborener von Peucker aufgrund einer Adoption durch seinen kinderlosen Onkel in Besitz des Anwesens kam, der Schlosspark am Ufer südwestlich der Burg in seiner heutigen Form angelegt. Als direkter Zugang von der Burg zum Park wurde 1864 im Westen der Anlage ein Verbindungsdamm aufgeschüttet. Ebenfalls unter Eduard wurde in der Zeit seiner Herrschaft über das Anwesen zwischen 1860 und 1897 dem Bergfried ein neuer Zinnenkranz aufgesetzt. Der ursprüngliche Zinnenkranz bestand aus drei Zinnen und zwei Zinnenfenster je Seite. Bis 1881 kam es zu Umbauten im Obergeschoss des Kemenatenflügels. Burggarten und Terrasse wurden ebenfalls im Zuge dieser größeren Umbaumaßnahmen geschaffen.
Wegen der Luftangriffe auf Magdeburg im Zweiten Weltkrieg waren Kunstgüter auch aus dem Magdeburger Dom ausgelagert worden: Die Skulptur Heiliger Mauritius und wertvolle Grabplatten von Erzbischöfen und Domherren kamen in die Burg/das Gut Flechtingen.
Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs blieb die Burg beziehungsweise das Schloss in schenckischem Familienbesitz. Im Zuge der Bodenreform wurde unmittelbar nach Kriegsende sämtlicher Besitz der Adelsfamilie in der Sowjetischen Besatzungszone entschädigungslos enteignet. Ausstattungsstücke der Burg kamen nach Magdeburg, Halle an der Saale und Altenhausen, die Schlossbibliothek ging in Teilen an die spätere Stadt- und Bezirksbibliothek Magdeburg, die heutige Stadtbibliothek, andere Teile wurden verkauft. Zunächst wurde das Anwesen für Flüchtlinge und Umquartierte genutzt, ehe es von 1946 und 1947 Altenheim und Wohnunterkunft war. 1947 eröffnete die Sozialversicherungsanstalt Sachsen-Anhalt ein sogenanntes Genesungsheim. Ab 1950 waren in der Burg eine Spezialeinrichtung für an Tuberkulose Erkrankte, eine dermatologische und eine psychiatrische Landesheilanstalt untergebracht. Zwischen 1955 und 1957 wurde das Hauptportal restauriert und im April 1958 hielt die Nationale Volksarmee mit ihrer Abteilung Grenze Einzug. Die Volksarmee blieb fünf Jahre bis 1963. Ein Jahr später wurde die Wasserburg wieder zum Alten- beziehungsweise Seniorenheim. Um der neuen Nutzung gerecht zu werden, wurde 1966 im Bergfried ein Innenaufzug installiert. 1979 baute man das schmiedeeiserne Haupttor vom Park des Schlosses Hundisburg zwischen Burgvorhof und dem Burggarten. Nach der politischen Wende 1989/1990 wurde die Burg zunächst noch weiter als Senioreneinrichtung genutzt, ehe das Seniorenheim im Frühjahr 1993 aufgelöst wurde. Das Wasserschloss beziehungsweise die -burg wurde an private Investoren verkauft. Im Oktober 2000 begann ein Ausbau zu einem sogenannten Schlosshotel. Jedoch meldete der Investor bereits im Dezember 2004 Insolvenz an. Seitdem war das Gebäude ungenutzt. Das Schloss Flechtingen ist seit 2019 im Besitz der ADN Investment Group. Das Interieur und das Dach wurden teilweise renoviert.
Anlage links|rahmenlos|Grundriss der Anlage mini|hochkant|Das Tor zur Brückenzufahrt Die Wasserburg liegt im nördlichen Bereich des Schlossteichs. Sie besitzt zwei gemauerte Zugänge. Der Haupteingang befindet sich in nördliche Richtung in unmittelbarer Nähe zur Dorfkirche Flechtingen. Der Zugang zur Brücke ist an dieser Stelle durch ein aus Bruchsteinen errichtetes Portal verschlossen. Das Portal besitzt eine Zinnenkrone. Die Tordurchfahrt ist korbbogig. Das Tor selbst ist schmiedeeisern und zeigt ein filigranes Geflecht. Rechts und links des Tores sind jeweils kleine Reliefe in das Mauerwerk eingelassen. Diese zeigen Wappen und die Jahreszahl 1695. Hinter dem Tor befindet sich das eingeschossige Torhaus und eine Brücke zur Insel. Durch eine Tordurchfahrt wird die Vorburg erreicht. Diese Durchfahrt befindet sich in einem Wohngebäude, einer östlichen Erweiterung des Palas der Burg. Die Fassade des Palas und des Wohnflügels ist verputzt und hat einen gelben Anstrich und drei Etagen plus einem Dachgeschoss. Im unteren Stockwerk des Wohngebäudes gibt es drei kleine Spitzbogenfenster. Die weiteren Fenster sind Rechteckfenster. Die Tordurchfahrt ist rundbogig und befindet sich in einem barock verzierten Portal. Über dem Portal wurde ein Erker in die Fassade eingearbeitet. Dieser hat ein Satteldach und reliefartige Verzierungen. In die Fassade des Palas wurde ein Risalit eingearbeitet. Aus diesem springt eine Auslucht hervor, die im obersten Stockwerk einen Balkon bildet. Die einzelnen Stockwerke des Palas, nicht aber des Ostflügels sind durch schlichtes verkröpftes Gesims optisch abgegrenzt. Die Fenster der oberen Etage beider Teilgebäude zeigen Fensterverdachungen. Eine Verdachung besitzt auch die Balkontür des Palas, die tudorbogig gestaltet ist. Dieser Schweifbogen befindet sich einen einer deutlich größeren spitzbogigen Blende. Über dem Balkon zeigt der Risalit des Palas einen Spitzgiebel mit Giebelgesims. Die Dächer sind mit Biberschwänzen gedeckt. Als Einlassungen für Fensteröffnung befinden sich Giebelgauben im Dach. Beide Teilgebäude sind durch einen Treppengiebel getrennt. Ein derartiger Treppengiebel befindet sich auch an der östlichen Dachkante des Anbaus. Auf der burgseitigen Außenwand erkennt man am Palas ein Fachwerkgeschoss. Dieses Fachwerkfragment ist farbig gehalten und zeigt Knaggen und eine mit einem Treppenfries verzierte Saumschwelle.
mini|Ansicht von Nordosten Östlich grenzt ein Gebäude aus unverputztem Bruchstein dem Giebel des Wohnflügels an. Es ist zweistöckig. Die Fenster im unteren Stockwerk sind in der nördlichen Außenwand rundbogig. Die Einfassungen sind mit Ziegelsteinen ummauert, was darauf hinweist, dass es sich um nachträglich eingelassene Öffnungen im Mauerwerk handelt. Die obere Reihe Fenster wurde nach außen vollständig zugesetzt. Nach Osten wurden vier Ochsenaugen in das Mauerwerk eingearbeitet. Auch diese sind mit Ziegeln ummauert. Das Dach ist fensterlos und nach Osten abgewalmt. Das Gebäude wurde zuletzt als Wirtschaftsgebäude genutzt, war jedoch in früheren Jahrhunderten einmal ein Wohnflügel gewesen.
mini|links|Ostansicht