Das Gesellschaftshaus Grünau ist ein historisches Ausflugsrestaurant im Berliner Ortsteil Grünau in der Regattastraße 167. Es wurde 1875 eingeweiht und stand seit 1991 leer. Eine Sanierung des denkmalgeschützten Ensembles erfolgte nach mehreren Eigentümerwechseln und einigen Jahren Tatenlosigkeit zwischen 2016 und 2021 (Stand: Februar 2024). Es entstand zusammen mit Neubauten auf der Fläche eine nicht öffentlich zugängliche Wohn- und Freiflächenanlage.

Geschichte

Ende des 19. Jahrhunderts entstehen Ausflugslokale

Zusammen mit der schnell wachsenden Bevölkerung von Berlin nach der Gründung des Deutschen Reichs entwickelten sich die Bedürfnisse für eine abwechslungsreiche Gestaltung der Freizeit. Im Umland der deutschen Hauptstadt entstanden neue Wohnviertel, Einrichtungen für den Wassersport, eine Regattastrecke im Jahr 1880 und „Vergnügungsetablissements“. Im Rahmen dieser Entwicklung gründeten sich an der Dahme (die zur damaligen Zeit auch Wendische Spree genannt wurde) Klubs für Ruderer, Paddler, Segelbootfahrer und ließen die zugehörigen Bootshäuser errichten. Für das leibliche Wohl der Besucher und Sportler eröffneten zum Ende des 19. Jahrhunderts mehrere Ausflugslokale, darunter das Gesellschaftshaus Grünau und die Riviera (Nummern 20/21 und 22 in der Friedrichstraße) sowie weitere wie das Wirtshaus Richtershorn, oder das Restaurant Sportpark in der Straße Am Langen See (die Regattastraße entstand erst im Jahr 1935 durch Zusammenführung dreier Straßen).

Erster Besitzer des Anwesens wurde Wilhelm Ohlrich.Auf dem Ansichtskartenausschnitt und einer weiteren Ansichtskarte aus den ersten Jahren des Ensembles als Schriftzug über dem Eingang zum Garten angegeben: C. Wilhelm Ohlrich. Für die bauliche Gestaltung hat es möglicherweise einen Wettbewerb gegeben, denn im Archiv des Architekturmuseums der Technischen Universität Berlin befinden sich Wettbewerbsentwürfe zu einem Gesellschaftshaus Berlin, eingereicht von Paul Gerhardt. Nähere Angaben zur Lage oder zum Auftrag sind nicht enthalten.Sechs Ausführungszeichnungen von Paul Gerhardt, 1887 Das Gesellschaftshaus und die Umbauten der daneben vorhandenen Riviera werden dem Architekten Otto Gerth zugeschrieben (wohl aber erst die in den 1920er Jahren durchgeführten Änderungen). leerstandsmelder.de, abgerufen am 17. Januar 2014

Bis in die 1920er Jahre blieb die Liegenschaft im Besitz der Familie Ohlrich, denn im Jahr 1922 hieß es im Adressbuch: Eigentümer O(h)lrichsche Erben, Betreiber (Pächter und damit Verwalter) Gastwirt Max Schüler.

Unmittelbar am Ufer gab es Stege für Ruder- und Segelboote, mit denen die Besucher kommen konnten. International bekannte Sänger oder Musiker traten auf der Bühne auf, so beispielsweise die russische Orchestervereinigung Nowoje Slowo (‚Neues Wort‘) im Jahr 1935. russkij-berlin.org; abgerufen am 20. Januar 2014 Es ist gut vorstellbar, dass die Gaststätte während der Olympischen Sommerspiele in Berlin, als die Wassersportwettkämpfe in Grünau stattfanden, einen Boom erlebte. In diversen Reisehandbüchern (unter anderem dem Baedeker) wurde das Gesellschaftshaus in Grünau den Berlin-Besuchern empfohlen („14 km vom Berliner Stadtzentrum, Restaurant, Garten, Dampferanlegestelle“).Handbuch für Reisende. Reprint als Books-on-demand; 2013 auf books-google.de.

Ab den 1940er Jahren Eigentümerwechsel Im Jahr 1943 befand sich das Ausflugsetablissement im Eigentum (= E) des Gastwirts H. Liebing, der im Berliner Stadtzentrum wohnte. Unmittelbar gegenüber auf der anderen Straßenseite (Nummer 168) hatten sich die Deutsche Arbeitsfront, Ortsgruppe Grünau, sowie ein Amt für Volkswohlfahrt und die NSDAP-Ortsgruppe Grünau, in einem ehemaligen Kolonistengehöft eingerichtet. Diese Immobilie war ebenfalls im Besitz von H. Liebing.

Im Internet wird eine 25-(Pfennig-)Münze mit der Prägung Gesellschaftshaus Grünau angeboten. Es scheint sich dabei weder um eine Gedenkmünze noch um ein offizielles Zahlungsmittel zu handeln. Wahrscheinlich hatten die Betreiber eine Art Privatgeld nur für die Benutzung in dem Vergnügungslokal herausgegeben. Ein Jahr ist auf dem Geldstück nicht vermerkt.Ansicht der 25-(Pfennig-)Münze Gesellschaftshaus Grünau ma.shops.de; abgerufen am 20. Januar 2014.

Aus einer Veröffentlichung des Jahres 2013 geht hervor, dass in der NS-Zeit die Organisation Kraft durch Freude Träger der Ausflugslokale Gesellschaftshaus und Riviera gewesen sein soll. zitty-berlin.de 2013. (Herunterscrollen zum „Ballhaus Riviera“); abgerufen am 17. Januar 2014.

Das Bauwerksensemble überdauerte die beiden Weltkriege. Hier fanden jahrelang Familien-, Vereins- und Werkfeiern, Bälle und Musikveranstaltungen statt.

mini|links|Besucheransturm im Gesellschaftshaus Grünau zu Pfingsten im Jahr 1957; Gartenbereich mini|Gut besuchter Freiluftbereich des Gesellschaftshauses an einem Sonntag im Jahr 1968

In der DDR-Zeit blieb der Name der Einrichtung erhalten, ihre Bewirtschaftung erfolgte durch die HO. Es war wieder eine gut besuchte Ausflugsgaststätte, auch weil die Fahrgastschiffe der Weißen Flotte hier anlegten. Die Räumlichkeiten wurden darüber hinaus für gesellschaftliche, sportliche oder kulturelle Anlässe benutzt, unter anderem erfolgte an diesem Ort am 27. März 1953 die Namensgebung der Sportvereinigung Dynamo. Privathomepage; abgerufen am 20. Januar 2014. Bis zu 500 Personen konnten bewirtet werden. Die Außengestaltung der Gebäude wurde in dieser Zeit durch Verputzen und Abbau der Türmchen stark verändert. Auf der Bühne des Hauses traten Varietés und Einzelkünstler auf, die meist über Grünau hinaus bekannt waren.Plakat der Revue Kinder wie die Zeit vergeht mit Auftritten im Gesellschaftshaus (ohne Jahr; vermutlich in den 1980er Jahren); auf eBay im Januar 2014.

Nach 1990: Schließung und Verfall Nach der politischen Wende und der Auflösung der HO ging die Immobilie in den Besitz des Bundes und damit an die Treuhandanstalt bzw. deren Nachfolgeeinrichtung, den Liegenschaftsfonds. Die Bewirtschaftung wurde aufgegeben, die Häuser geschlossen. Für den Erhalt des seit 1991 leer stehenden Gebäudes ist seitdem der Bezirk (seit 2001: Treptow-Köpenick) verantwortlich. Eine kurzzeitige Belebung des Grundstücks erfolgte, als im August 2000 ein Biergarten eröffnete, der jedoch bereits im Oktober wieder schließen musste.The music’s over. Der irische Berliner, Dezember 2013; abgerufen am 20. Januar 2014 Im Jahr 2006 fand sich nach einer Ausschreibung eine türkische Unternehmerin aus Ankara, die das Bauensemble aus Gesellschaftshaus und Riviera mit den Grundstücken bis auf einen sechs Meter breiten Uferstreifen kaufte. Der Kaufpreis soll 650.000 Euro betragen haben. Sie beabsichtigt, dort ein Kongresshotel als siebengeschossigen Turmbau zu eröffnen und/oder Wohnvillen für Eigentümer zu errichten. Konkrete Bauanträge liegen dem Bauamt nicht vor, eine zuvor beantragte Abrissgenehmigung wurde wegen des Denkmalschutzes abgelehnt.Gericht rettet diese Häuser Faksimile eines Artikels vom Berliner Kurier, 6. Dezember 2013; abgerufen am 17. Januar 2014 Mehrfach, zuletzt Ende des Jahres 2013, hat das Bezirksamt die Besitzerin aufgefordert, „Maßnahmen zum Schutz des Gebäudes vor weiterem Verfall“ einzuleiten. Pressemitteilung des Bezirksamts zum Problem der beiden Baudenkmale in Grünau vom 6. Dezember 2013. Abgerufen am 20. Januar 2014

mini|Gesellschaftshaus im April 2014 Weil bis Januar 2014 nichts passiert war, wollte der Bezirk Handwerkeraufträge zur Reparatur der kaputten Dächer beider Häuser und für den sicheren Verschluss der Türen und Fenster ausschreiben (eine Ersatzvornahme veranlassen). Die entstandenen Kosten von rund 40.000 EuroEilantrag abgewiesen: Besitzerin muss Hotel „Riviera“ schützen. In: MOZ, 7. Dezember 2013 wurden der Besitzerin in Rechnung gestellt. Im Sommer des gleichen Jahres wurde bekannt, dass die Eigentümerin nach Gerichtsurteilen und mehrstündigen Gesprächen mit dem Bezirksamt notdürftige Maßnahmen eingeleitet hat, um weiteren Verfall und Vandalismus aufzuhalten. Die demolierten Fenster und Türen wurden mit Spanplatten verschlossen (vorgesehen war die Anbringung von Lochplatten, um die Luftzirkulation zu ermöglichen, die einer Schimmelbildung vorbeugt). Die vereinbarten Fristen für Dachdeckerarbeiten, für eine Sanierung der Regenrinnen und für die sorgfältige Abnahme vorhandenen Stuckzierrats wurden nicht eingehalten. Die Bezirksverantwortlichen werden, nachdem das Gericht über die Nichteinhaltung der Vereinbarungen informiert ist, nun doch (wie schon zuvor angekündigt) die Sicherungsarbeiten an Baufirmen vergeben und die Rechnungen dann weiterreichen.Karin Schmidl: Spanplatte statt Lochblech. Trotz gerichtlicher Auflagen an die Eigentümerin verfallen in Grünau die Ausflugslokale Gesellschaftshaus und Riviera weiter. In: Berliner Zeitung, 27. August 2014, S. 18.

Aus zahlreichen im Internet kursierenden Amateurvideos geht hervor, dass sowohl das Parkett als auch die Kronleuchter entfernt wurden. Einen Großteil der Innenwände verzierten die illegalen Besucher mit Graffiti. Baufachleute schätzen, dass die denkmalgerechte Sanierung des Gebäudes etwa 15 Millionen Euro kostet, was „für uns nicht zumutbar ist“, wie der in Potsdam lebende Bruder der Besitzerin mitteilte.Karin Schmidl: Löcher im Dach. Seit 20 Jahren verfallen in Grünau die Ausflugslokale Riviera und Gesellschaftshaus. Jetzt greift der Bezirk ein. In: Berliner Zeitung, 16. Januar 2014. Aus den Tatsachen schlussfolgern Bauexperten und Wirtschaftsfachleute, dass die Tatenlosigkeit beabsichtigt ist, um das Zusammenbrechen des Ensembles abzuwarten. Damit hätte sich der Denkmalschutz erledigt.

Im November 2015 fand eine Gerichtsverhandlung aufgrund einer Klage der Eigentümerin gegen den Bezirk statt, bei der es zwar hauptsächlich um die Riviera ging, doch der Richter appellierte nachdrücklich an beide Seiten, zu einem Kompromiss zu finden, der entsprechend einem Vorschlag der Eigentümerin darin bestehen könnte, für den vertraglich zugesagten Erhalt des Riviera-Saals und die Anlage eines öffentlichen Uferweges über beide Grundstücke im Gegenzug das Baurecht für die Immobilie Gesellschaftshaus zu erteilen.Karin Schmidl: Eins aufs Dach. Seit Jahren verfallen zwei Traditionslokale in Grünau. Bezirk und Eigentümer streiten. Jetzt hat ein Richter ein Machtwort gesprochen In: Berliner Zeitung, 29. Januar 2016, S. 15.

Neubeginn

2016–2019 Nach den vorangegangenen ProblemenEnteignung von „Riviera“ und „Gesellschaftshaus“ empfohlen. In: Berliner Woche, 29. Oktober 2016, abgerufen am 15. Dezember 2016 wurde der Kaufvertrag mit der türkischen Eigentümerin im Jahr 2017 in beiderseitigem Einvernehmen aufgehoben. Ein neuer Investor, die Terragon Projekt GmbH hat dieses Grundstück und das der benachbarten Riviera erworben. Geplant war eine Seniorenwohnanlage mit vier neuen Gebäuden auf dem gesamten Gelände am Dahmeufer mit einem kleinen Restaurant für die Öffentlichkeit. Das Bezirksamt hat im Frühjahr 2017 dem Projekt einen positiven Bauvorbescheid erteilt. Direkt am Ufer des Flusses wird es einen öffentlichen Uferweg geben und eine Verbindung zwischen dem Ufer und der Regattastraße, wozu bereits ein städtebaulicher Vertrag abgeschlossen wurde. Das Gesellschaftshaus soll so restauriert werden, dass sein charakteristisches Äußeres wieder entstehen wird, die wesentlichen Ausstattungselemente werden nach historischen Vorbildern neu gestaltet. Die Arbeiten an beiden historischen Gebäuden waren bis Mai 2017 noch nicht abgeschlossen, wurden ab nach der Corona-Pandemie durchgeführt.Sabine Flatau: Der Müggelturm lockt wieder Tausende Besucher an. In: Berliner Morgenpost, 1. Mai 2017. Das Haus soll nicht öffentlich zugängig sein, sondern hochwertige Seniorenwohnungen im hochpreisigen Bereich samt einem Notruf bieten. Laut Angaben werden die Nutzungsgebühren für eine 60 m²-Wohnung je nach Lage zwischen 1650 und rund 2000 Euro pro Monat liegen.