miniatur|hochkant|Seite 75, Titelseite der „Nachtgesänge“, im „Taschenbuch für das Jahr 1805“. Als „Nachtgesänge“ bezeichnete Friedrich Hölderlin neun Gedichte, die er im Dezember 1803 oder wenig später dem Verleger Friedrich Wilmans in Frankfurt am Main für dessen Taschenbuch für das Jahr 1805. Der Liebe und Freundschaft gewidmet überließ. Sie erschienen im Taschenbuch aber nicht unter diesem Titel, sondern unter dem Titel „Gedichte. Von Fr. Hölderlin“. Heute werden sie meist als ein Gedichtzyklus „Nachtgesänge“ behandelt.

Entstehung Ende 1803 bereitete Wilmans Hölderlins Übersetzung der Tragödien des Sophokles Oedipus der Tyrann und Antigonä für den Druck vor. Sie erschienen 1804 in zwei Bänden. Im Dezember 1803 fragte Wilmans Hölderlin zudem nach Beiträgen zu seinem Taschenbuch und wiederholte die Frage, als er ihm Probedrucke der Sophokles-Übersetzungen schickte. Hölderlin antwortete ebenfalls noch im Dezember aus Nürtingen, wo er seit der Rückkehr aus Bordeaux im Juni 1802 und vor der Übersiedlung nach Homburg vor der Höhe im Juni 1804 überwiegend – bei der Mutter und Schwester – lebte:Stuttgarter Ausgabe Band 6, 1, S. 436.

Nach diesem Brief waren die Gedichte damals fertig oder fast fertig, Hölderlin überarbeitete sie aber möglicherweise noch einmal für den Druck. Ob die Anordnung im Taschenbuch auf ihn oder den Verleger zurückgeht, ist nicht bekannt.

Die neun Gedichte Sechs Gedichte sind Oden, fünf in alkäischem, eine in asklepiadischem Versmaß; drei sind in freien Rhythmen geschrieben. Von keinem ist eine mit der Druckfassung übereinstimmende Handschrift erhalten. Zu sieben Gedichten sind Handschriften von Entwürfen oder früheren Fassungen erhalten. Sie sind als Digitalisate der Württembergischen Landesbibliothek Stuttgart zugänglich. Abgerufen am 21. Januar 2014. Zu zwei Gedichten, Lebensalter und Der Winkel von Hahrdt, ist nichts Handschriftliches bekannt. Für alle neun einschließlich ihrer Vorstufen ist der Druck im Taschenbuch der Erstdruck. Für Lebensalter und Der Winkel von Hahrdt ist das Taschenbuch also der erste Textzeuge überhaupt. Die Gedichte sind im Taschenbuch wie folgt gereiht und nummeriert:

1. Chiron. Alkäisches Versmaß. Die Ode ist durch Umarbeitung der 1800 bis 1801 geschriebenen Ode Der blinde Sänger des Stuttgarter Foliobuchs entstanden.

2. Thränen. Alkäisches Versmaß. Zwei Entwürfe von etwa 1800, einer überschrieben Sapphos Schwanengesang, sind im Stuttgarter Foliobuch erhalten.

3. An die Hoffnung. Alkäisches Versmaß. Eine vom Taschenbuch kaum abweisende Fassung mit dem Titel Bitte, noch vor der Jahrhundertwende entstanden, ist im Cod.poet.et.phil.fol.63,I,30 der Württembergischen Landesbibliothek erhalten.

4. Vulkan. Akäisches Versmaß. Zwei Handschriften zu dieser Ode sind Der Winter überschrieben. Die erste, noch vor der Jahrhundertwende entstanden, ist im Cod.poet.et.phil.fol.63,I,39 der Württembergischen Landesbibliothek erhalten.

5. Blödigkeit. Asklepiadeisches Versmaß. Die Ode ist durch Umarbeitung der Ode Dichtermuth entstanden, die ihrerseits in zwei handschriftlichen Fassungen vorliegt, deren erste, noch vor der Jahrhundertwende entstanden, im Cod.poet.et.phil.fol.63,I,39 der Württembergischen Landesbibliothek erhalten ist.

6. Ganymed. Alkäisches Versmaß. Die Ode ist durch Umarbeitung der 1800 bis 1801 geschriebenen Ode Der gefesselte Strom oder Der Eisgang des Stuttgarter Foliobuchs entstanden.

7. Hälfte des Lebens. Freirhythmisch. Der Entwurf ist im Anschluss an das noch vor der Jahrhundertwende begonnene unvollendete Gedicht Wie wenn am Feiertage ... des Stuttgarter Foliobuchs erhalten.

8. Lebensalter. Freirhythmisch. Der Druck im Taschenbuch ist der erste Textzeuge.

9. Der Winkel von Hahrdt. Freirhythmisch. Auch hier ist der Druck im Taschenbuch der erste Textzeuge.

Weiteres Schicksal Die unmittelbare Rezeption war überwiegend hämisch.Stuttgarter Ausgabe Band 7, 4, S. 22–23. Ein Rezensent sprach von „den dunkeln und höchst sonderbaren Gedichten von Hölderlin“. Ein anderer fand die „neun versificirte<n> Radottagen von Hölderlin höchst lächerlich“.Radottagen sind alberne Reden. Ein dritter schrieb: „Für den seltenen Sterblichen, der die neun Gedichte von Hölderlin zu verstehen sich mit Recht rühmen kann, sollte ein stattlicher Preis ausgesetzt werden <...> Nichts erregt mehr Unwillen, als Nonsens mit Prätension gepaart.“

Verständnis spricht dagegen aus einem Kommentar, der vermutlich von Karl Philipp Conz, einem ehemaligen Lehrer Hölderlins im Tübinger Stift, stammt: „Die Gedichte von Hölderlin <...> sind Wesen eigener Art und erwecken ganz gemischte Gefühle. Es scheinen abgerissene Laute eines gestörten einst schönen Bundes zwischen Geist und Herz. Daher auch die Sprache schwerfällig, dunkel, oft ganz unverständlich und der Rhythmus eben so rauh. Wie viel besser ist das erst vor kurzem <...> gedrukte, wenn schon auch zu viel Spannung einer ans Kränkelnde streifenden Sehnsucht verrathende Gedicht der Archipelagus, das aus einer früheren Periode des Verf. datirt.“ Leidenschaftlich verteidigte Joseph Görres die Gedichte.Stuttgarter Ausgabe Band 7, 4, S. 80. Darin schlage „ein Adler krampfhaft mit den geknickten Flügeln, die bösen Buben auf den Straßen hetzen und jagen ihn, aber wer seine Zeit kennt, und ein Gemüth im Busen hat, sieht trauernd ihm nach, wenn er vorüberflattert, und noch immer zur Sonne hinan will.“

Dichtermuth, Der gefesselte Strom, An die Hoffnung und Der Winter nahmen Ludwig Uhland und Gustav Schwab 1826 in die erste Sammelausgabe der „Gedichte“ Hölderlins auf. Unter der Überschrift An die Hoffnung druckten sie allerdings die Vorstufe Bitte.Die Uhland-Schwab-Ausgabe im Deutschen Textarchiv. Abgerufen am 21. Januar 2014. Die „Sämmtlichen Werke“, herausgegeben 1846 von Gustav Schwabs Sohn Christoph Theodor Schwab (1821–1883),Christoph Theodor Schwab (Hrsg.): Friedrich Hölderlin’s sämmtliche Werke. J. G. Cotta’scher Verlag, Stuttgart und Tübingen 1846. brachten im ersten Band Der blinde Sänger, Dichtermuth, Der gefesselte Strom, An die Hoffnung und Der Winter. Der zweite Band brachte in einer Abteilung „Gedichte aus der Zeit des Irrsinns“ Chiron, Thränen, Blödigkeit, Ganymed, Hälfte des Lebens, Lebensalter und Der Winkel von Hart (sic!). Schwab schrieb dazu: „Was die Gedichte aus der Periode der Geistesverwirrung betrifft, so wurde es mir von einer Seite, der ich alle Rücksicht schuldig bin, zur Pflicht gemacht, den Proben aus dieser Zeit nur einen kleinen Raum zu gönnen, insoweit sie das biographische Interesse unumgänglich nothwendig erscheinen ließ.“Die „Uebersetzung der sophokleischen Tragödien aus derselben Zeit“ ließ Schwab, weil sie „zu wenig Werth und allgemeines Interesse“ hätten, ungedruckt. Immerhin waren hier alle „Nachtgesänge“ versammelt, An die Hoffnung allerdings wieder in der Vorstufe Bitte und Vulkan in der Vorstufe Der Winter.

Erst die Propyläen-Ausgabe durch Norbert von Hellingrath, Friedrich Seebaß (1887–1963) und Ludwig von Pigenot (1891–1976) befreite Hölderlins Spätwerk vom Stigma des Pathologischen. In Band 4 (1916) sind die „Nachtgesänge“ und etliche Vorstufen vermischt mit anderen Gedichten gedruckt, darunter sowohl Bitte als auch An die Hofnung (sic!), Vulkan, dessen Titel nicht auftaucht, in der Vorfassung Der Winter.

Die historisch-kritische Stuttgarter Ausgabe von Friedrich Beißner, Adolf Beck und Ute Oelmann (* 1949) übertrifft die Propyläen-Ausgabe durch Umfang und Sorgfalt der Lesarten und Erläuterungen. Wie in der Propyläen-Ausgabe sind – in Band 2 „Gedichte nach 1800“ (1951; Band 2, 1 Textband; Band 2 2 Kommentarband) – die „Nachtgesänge“ mit anderen Gedichten vermischt, und zwar Chiron, Thränen, An die Hofnung (sic!), Vulkan, Blödigkeit und Ganymed nebst Vorstufen in der Abteilung „Oden“, Lebensalter, Der Winkel von Hahrdt und Hälfte des Lebens in einer Abteilung „Einzelne Formen“. Bitte und Der Winter werden nicht separat gedruckt.Gegenüber dem Taschenbuch enthält die Stuttgarter Ausgabe Konjekturen. Zum Beispiel wird der Titel An die Hoffnung wie schon in der Propyläen-Ausgabe zu An die Hofnung.

Jochen Schmidt dagegen druckt die „Nachtgesänge“ ohne Unterbrechung durch Vorstufen oder andere Gedichte und in der Reihenfolge des Taschenbuchs. Dasselbe gilt für Michael Knaupp, der die „Nachtgesänge“ wie das Taschenbuch nummeriert und mit einem Seitentitel „Nachtgesänge“ heraushebt. Schmidt hat sich für „orthographische Modernisierung“ entschieden.Schmidt 1992, S. 516. Knaupp behält die Original-Orthographie bei.Wie die Stuttgarter Ausgabe enthält auch Knaupps Ausgabe gegenüber dem Taschenbuch Konjekturen. Zwar druckt sie An die Hoffnung, in der letzten Zeile dieses Gedichts aber statt „Schröcke mit anderen nur das Herz mir“ – „Schröke mit anderem nur das Herz mir“.

Frage des Zyklus Die Publikationsgeschichte der „Nachtgesänge“ spiegelt die Einstellung der Literaturwissenschaft zu Hölderlins Krankheit wider. Waren sie Produkte seiner Psychose, so kam ihnen bestenfalls psychiatrisches oder biographisches Interesse zu. Erst vom Beginn des 20. Jahrhunderts an wurden sie als Kunst gewürdigt. Seitdem sind einzelne Gedichte mehrfach interpretiert worden, am häufigsten Hälfte des Lebens. Der Zyklus als ganzes aber wurde, wie seine Auflösung in der Propyläen- und der Stuttgarter Ausgabe zeigt, weiter vernachlässigt. Eine Rezeption als Zyklus war wegen der Unwissenheit über den primären Kontext, aus dem Hölderlin die Gedichte gewählt hatte, sowie über den Urheber der Reihenfolge im Taschenbuch fragwürdig. Doch betonte der US-amerikanische Germanist Wilfred L. Kling 1979, der sekundäre Kontext im Taschenbuch müsse ernst genommen, die Gedichte müssten in der Taschenbuch-Version ediert werden, was seither geschehen ist (siehe oben). Außer ihm haben Anke Bennholdt-Thomsen und Michael Gehrmann den Zyklus als ganzes untersucht.

„Nachtgesänge“ und „Vaterländische Gesänge“

In seinem Brief an Wilmans stellt Hölderlin dem Ton seiner „Nachtgesänge“ „das hohe und reine Frohloken vaterländischer Gesänge“ gegenüber. Schon in einem früheren Brief hatte er Wilmans „einzelne lyrische größere Gedichte“ angekündigt, deren Inhalt „unmittelbar das Vaterland angehn soll oder die Zeit“.Stuttgarter Ausgabe Band 6, S. 435. Die Literaturwissenschaft hat den Begriff „Vaterländische Gesänge“ für Hölderlins große, oft rätselhafte freirhythmische, von seiner gleichzeitigen Übersetzung Pindars beeinflusste Gedichte übernommen. Als Urmodell gilt das oben im Zusammenhang mit Hälfte des Lebens erwähnte, 1799 begonnene unvollendete Gedicht Wie wenn am Feiertage.Bart Philipsen: Gesänge (Stuttgart, Homburg). In: Johann Kreuzer (Hrsg.): Hölderlin-Handbuch, Leben – Werk – Wirkung,. J. B. Metzler’sche Verlagsbuchhandlung, Stuttgart 2002, ISBN 3-476-01704-4, S. 347–378. 1801 entworfen wurden Am Quell der Donau, Die Wanderung und Der Rhein, 1803 Der Ister. Hauptthema ist Hölderlins Geschichtsauffassung, nach der die Kultur von Ost nach West, von Kleinasien über Griechenland nach Rom und schließlich über die Alpen gewandert sei. „so kam / Das Wort aus Osten zu uns, / Und an Parnassos Felsen und am Kithäron hör’ich / O Asia, das Echo von dir und es bricht sich / Am Kapitol und jählings herab von den Alpen / Kommt eine Fremdlingin sie / Zu uns, die Erwekerin, / Die menschenbildende Stimme“.Aus Am Quell der Donau.