mini|Schüler arbeiten mit dem mBook im Unterricht
Das multimediale und digitale Schulbuch mBook ist ein konstruktionstransparentes, interaktives und individualisierbares Lern- und Arbeitsbuch für den Unterricht und wurde prototypisch für das Fach Geschichte konzipiert. Fachinhaltlich wie -didaktisch ist dieses browserbasierte Schulbuch eine Neuentwicklung für kompetenzorientiertes und differenziertes Unterrichten. Es basiert auf einer Konzeption und Entwicklungsstrategie, die das Institut für digitales Lernen unter Leitung von Marcus Ventzke und Florian Sochatzy auf der Grundlage geschichtsdidaktischer Forschungsergebnisse erarbeitet hat. Dabei wurde das mBook nicht nur als Förder-, sondern auch als Forschungsinstrument entwickelt.
mBook Versionsgeschichte Das mBook für das Fach Geschichte existiert inzwischen in mehreren Versionen. Das mBook Belgien wird seit 2013 in der Deutschsprachigen Gemeinschaft in Belgien verwendet. Seit 2014 ist die zweite Version (mBook NRW) im Rahmen eines wissenschaftlich begleiteten Pilotprojekts im Einsatz. Am 9. März 2017 wurde das mBook Russlanddeutsche Kulturgeschichte als frei zugängliches Open-Educational-Resources-Material im Auftrag des Ministeriums für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen veröffentlicht.
Seit August 2016 steht das mBook Geschichte mit dem Projekt mbook.schule über ein Lizenzmodell allen Lehrenden und Lernenden zur Verfügung. Das mBook Geschichte ist zudem Teil des Tablet-Projekts für allgemeinbildende Gymnasien in Baden-Württemberg. Im Februar 2018 ist auf www.mbook.schule die erste regionalisierte Ausgabe des mBook Geschichte für Baden-Württemberg (Klassen 7–9) erschienen.
Einen gänzlich anderen Ansatz verfolgt das mBook NRW für Gemeinsames Lernen (mBook NRW GL). Es ist das erste für inklusives Lernen entwickelte mBook und kann in der gesamten Sekundarstufe I eingesetzt werden. Es wurde Ende 2017 fertiggestellt und ist ab dem Frühjahr 2018 auf einer eigens entwickelten Distributionsplattform für alle Schulen in Nordrhein-Westfalen verfügbar.
Im Jahr 2017 wurde mbook.schule von Cornelsen erworben. Derzeit werden unter dem Markennamen „mBook“ bereits etablierte Lehrwerksreihen des Cornelsen Verlags digital umgesetzt. Diese können ab dem Schuljahr 2018/2019 von Schulen erprobt und getestet werden. Das mBook Geschichte ist im Rahmen dieser Erprobung zwischen September 2018 bis Juli 2019 kostenfrei.
Theoretische Grundlagen Das mBook führt mehrere fachdidaktische, technische und lernpsychologische Theoriegrundlagen zu einem auf konkrete schulische Lernsituationen gerichteten Schulbuch zusammen, das sich als vollständig digitales und konstruktionsdidaktisches Lehr- und Lernwerk definiert. Das mBook hebt die Begrenzungen analoger Unterrichtsmaterialien auf und schafft damit – etwa in den Bereichen Multiperspektivität, Differenzierung, Materialkohärenz, Methodik und Orientierungsfähigkeit – eine Erweiterung fachlicher Arbeits- und Erkenntnismöglichkeiten, die auf analogem Wege nicht oder nur mit unvertretbar hohem Planungs- und Organisationsaufwand zu erreichen ist.
Kompetenzorientierung Geschichtsfachdidaktische Theoriegrundlage ist das Kompetenzstrukturmodell der internationalen Forschergruppe zur 'Förderung und Entwicklung eines reflektierten und selbstreflexiven Geschichtsbewusstseins (FUER Gruppe). Das mBook betrachtet auf der Grundlage dieses Modells Geschichte als eine Konstruktion, die sich, ausgehend von jeweils gegenwärtigen Herausforderungen, auf die Vergangenheit richtet, um orientierungsrelevante Sinnkonstruktionen für gegenwärtiges und zukünftiges Leben zu erhalten. Auch methodisch regulierte Erzählungen über die Vergangenheit transportieren immer individuelle oder kollektive Interessen und Zukunftserwartungen. Auf diese Weise schaffen sie nicht nur Kenntnisse über die Vergangenheit, sondern zugleich Orientierungsangebote für die Rezipienten. Solche Geschichten re- und de-konstruieren zu können, macht den Kern des Fachs aus. Historisch kompetent ist folglich, wer sowohl Geschichten selbst aktiv erzählen als auch mit vorliegenden Geschichten analysierend und sie erschließend umgehen kann. Geschichte im Unterricht zu behandeln bedeutet somit: „Geschichte denken statt pauken“. Sie kann ihrem Wesen nach nicht in Form einer simplen Sender-Empfänger-Beziehung vermittelt bzw. auswendig gelernt werden. Schülerinnen und Schüler sollen lernen, sie in reflektierender und selbstreflexiver Absicht zu erarbeiten.
Konstruktionsdidaktik Anschließend an die Überlegungen von Marcus Ventzke zur Entwicklung einer digitalen Konstruktionsdidaktik nutzen die Autoren des mBooks die mehrdimensionalen und potentiell unabgeschlossenen Konstruktionsmöglichkeiten der digitalen Sphäre als offenen Gestaltungsraum. Dies zeigt sich auf der Darstellungs- wie auch auf der Arbeitsebene: Nutzer können in multifunktionalen Elementen (Kästen) alle angebotenen medialen Möglichkeiten des mBooks rezipierend wie konstruierend nutzen. Instruktionspsychologie Für die Konzeption wurden instruktionspsychologische Erkenntnisse für (digitales) Lernen berücksichtigt, die sich mit den Vorstellungen zur Förderung der Kompetenzaneignung verbinden lassenSochatzy, Florian: Das multimediale Schulbuch (mBook) - von der Theorie in die Praxis: Konzeption, Produktion und empirische Überprüfung eines multimedialen Geschichtsschulbuchs, Universität Eichstätt-Ingolstadt 2016.. Dazu zählen u. a. selbständiges Erarbeiten, Forschen und Lernen; aktive, auf Vorwissen aufbauende Wissenskonstruktionen; Entwicklung eigener, reflektierter (Meta-)Konzepte; Lernen in sozialen Kontexten; Arbeit an authentischen, multiperspektivischen Problemstellungen mit persönlichen Orientierungspotentialen; Nutzung kognitiver Konflikte als Auslöser von eigenen Fragestellungen und intrinsischer Lernmotivation.
Medienpädagogik Das mBook ist für schulische Nutzungszusammenhänge auch eine medienpädagogische Anregung. Ein verantwortlicher, selbstbestimmter, distanzierungsfähiger und methodisch kontrollierter Umgang mit neuen Medien lässt sich anhand konkreter Aufgaben, Themenstellungen und Unterrichtsmaterialien in den schulischen Bildungsprozess integrieren. Indem Lernende Internetrecherchen im Kontext fachlicher Aufgabenstellungen betreiben, die Wirkungen von Verlinkungen kennenlernen und sich digitale Kommunikationstechniken durch kollaborative Lernsituationen aneignen, kann sich Medienlernen mit Arbeitsnutzen verbinden.
Gestaltung Auf die didaktischen und medienpädagogischen Herausforderungen bezieht sich die Gestaltungskonzeption des mBooks. Eines seiner wesentlichen Merkmale besteht darin, die Vorteile analoger und digitaler Präsentationsformen miteinander zu verbinden. Gleichwohl überschreitet das mBook die Begrenzungen bisheriger gedruckter Schulbücher. Durch ein Mehr-Ebenen-System entstehen vielfältige Möglichkeiten für Erweiterungen und Vertiefungen. Methodisches Arbeiten in de- und re-konstruierender Hinsicht wird damit vielfach überhaupt erst möglich: Bilder lassen sich in analysierbaren Größen anzeigen. Schriftliche Quellen werden in unterschiedlichen sprachlichen Niveaus angeboten (Original der Quelle, vereinfachte und an die heutige Sprache angepasste Versionen, Übersetzungen, Audios etc.) und können somit für differenziertes Unterrichten genutzt werden. Die Quellenauswahl ermöglicht auch mehrperspektivisches Arbeiten. Um komplexe oder abstrakte Vorgänge zu erschließen, werden Animationen sowie audiovisuelle Materialien entwickelt oder didaktisch aufbereitet. Damit Lernende verstehen können, dass Fragestellungen darüber entscheiden, welche Geschichten erzählt werden, macht das mBook die Konstruktionsprozesse von Geschichte transparent. Dazu informieren die Autoren in sogenannten Dialog- und Transparenztexten zu Beginn der Kapitel über die inhaltlichen Schwerpunktsetzungen und begründen ihre Orientierungsangebote: Warum erzähle ich dir diese Geschichte in der vorliegenden Weise und welche Bedeutung hat sie für mein/dein Leben in der Gegenwart? Dem gleichen Zweck dienen auch Autoreninterviews, die als Videos zu Beginn der Hauptkapitel abgerufen werden können. Alle Nutzer erhalten ihr eigenes Exemplar. Lernende können im mBook Aufgaben bearbeiten, Markierungen vornehmen, Notizen einfügen oder eigenes Material in bestimmte Bereiche hochladen. Diese Inhalte sind jedoch von anderen Personen nicht einzusehen. Auf diese Weise kann u. a. eine langfristige Dokumentation des Lernprozesses entstehen, die schuljahresübergreifende thematische Wiederholungsprozesse auf der Grundlage eigenständig erarbeiteter Materialien ermöglicht. Den Ausgangspunkt der thematischen Arbeit bilden im mBook gegenwärtige Orientierungsnotwendigkeiten. Sie beruhen auf anthropologischen Spannungen (vgl. dazu den Geschichtstheoretiker Jörn Rüsen): oben und unten, arm und reich, mächtig und machtlos, friedlich und gewalttätig, einsam und sozial, inklusiv und exklusiv etc. Im mBook wird nach der Spezifik dieser Spannungen zu unterschiedlichen Zeiten und an unterschiedlichen Orten gefragt. Die gewonnenen Erkenntnisse werden auf den semantischen Wandel der Fachbegrifflichkeit bezogen, bei dem mit Reinhart Koselleck „Überlappungen und Verschiebungen ‚moderner‘ und ‚alter‘ Wortbedeutungen […] erfragt“ werden sollen. Im mBook wird dieser Wandel durch eine Systematik von historischen Kategorien, Begriffskonzepten und Eigennamen transparent und nutzbar gemacht.
Im mBook NRW und bei mbook.schule existiert auch eine Lehrerversion (mBook-L), die kein “Lösungsheft” oder “Theorieband” ist, sondern material- und unterrichtsnahe Erläuterungen, kompetenzorientierte Musterlösungen, mögliche Ergebnissicherungen (Tafelbilder), Anregungen zu Sozialformen, Lernprozessgestaltungen und Produkterstellungen enthält. Das mBook-L geht immer von der konkreten Planungs- und Organisationsaufgabe Unterrichtender aus. Zur Verdeutlichung der fachdidaktischen und fachinhaltlichen ‘roten Fäden’ der Kapitel wurden sogenannte “Fortbildungen on demand” in das mBook-L integriert. dabei handelt es sich um mehrminütige Videos, die schnelle Überblicke und Auswahlentscheidungen erleichtern sollen.
Technik Das mBook ist browserbasiert und somit system- und plattformunabhängig.Bücher im Browser Die Deutschsprachige Gemeinschaft Belgiens (DG) nutzte das mBook bis 2018 innerhalb der Lernplattform fronter, in Nordrhein-Westfalen wird es über die Plattform LOGINEO distribuiert. Über ein Single Sign-on Verfahren überträgt sich der Nutzerlogin auf das mBook. Notizen, Markierungen, Aufgabenbeantwortungen und Uploads werden damit gespeichert und den einzelnen Nutzern zugeordnet. Darüber hinaus ist grundsätzlich eine Offlinenutzung als Webapp möglich. Die individuellen Zugänge ermöglichen auch die Differenzierung von Nutzergruppen: Unterrichtende erhalten damit zum Beispiel den Zugang zur Lehrerversion des mBooks (mBook-L). Das Projekt mbook.schule verfügt über eine eigene Nutzerverwaltung, erhebt aber keine personenbezogenen Daten.
Praxis