Joachim Hans-Walter Zech-Nenntwich (eigentlich Hans-Walter Nenntwich; * 10. Juli 1916 in Thorn; † nach 1979), Decknamen Hermann Böttcher oder Dr. Sven Joachim Nansen, war ein deutscher Kriegsverbrecher, Agent und Unternehmer. Während der Zeit des Nationalsozialismus gehörte er der SS an, wechselte 1943 die Seiten und wurde als Agent für den britischen Geheimdienst tätig. 1964 wurde er wegen Beihilfe zum Mord während des Zweiten Weltkriegs zu vier Jahren Gefängnis verurteilt. Das Gericht bezeichnete ihn als „zwielichtige Persönlichkeit mit abenteuerlicher Vergangenheit“. Nur einen Tag nach dem Urteilsspruch konnte er mit der Hilfe von Komplizen aus dem Gefängnis entkommen, stellte sich aber nach wenigen Monaten der deutschen Justiz.
Lebenslauf Jugend und Zeit des Nationalsozialismus Mitglied der SS Hans-Walter Nenntwich war der einzige Sohn eines Bergbaupraktikanten, der 1925 an den Folgen einer Kopfverletzung aus dem Ersten Weltkrieg starb. Nenntwich besuchte die Schule bis zur Mittleren Reife und trat 1934 in den Polizeidienst ein. Nach der Absolvierung von Wehr- und Reichsarbeitsdienst meldete er sich freiwillig zum Dienst in den SS-Totenkopfverbänden. Über die SS-Standarten Brandenburg und Ostmark kam er zur Reiterstaffel der SS-Heimwehr Danzig. 1940 absolvierte er einen Führerlehrgang an der SS-Junkerschule in Bad Tölz.
Im Sommer 1941 befand sich Nenntwich als Mitglied des 2. SS-Kavallerieregiments unter dem Kommando von Franz Magill in der Nähe von Pinsk, wo seine Einheit an einem Massaker an rund 5200 jüdischen Menschen beteiligt war. Zum 21. Juni 1942 wurde er zum SS-Untersturmführer befördert (SS-Nummer 424.191).Bundesarchiv R 9361-III/565106Henning Pieper: Fegelein's Horsemen and Genocidal Warfare, 2014. S. 185ff Er selbst gab später zu seiner „Rehabilitierung“ an, er habe sich 1943 schließlich geweigert, einen Transport jüdischer Kinder zu sichern, und zudem aus Überzeugung den polnischen Widerstand mit von der Roten Armee erbeuteten Waffen versorgt, sei deshalb verhaftet und zum Tode verurteilt worden. Gemäß der SS-Akte wurde er allerdings wegen Waffendiebstahls, unerlaubter Entfernung von der Truppe und Vergewaltigung in Krakau vor Gericht gestellt.Bundesarchiv R 9361-III/565106 Es gelang Nenntwich, mit falschen Papieren aus der Gestapo-Haft in Warschau zu entfliehen und unter dem Namen Hermann Böttcher über Schweden nach England zu gelangen.
In England mini|Sefton Delmer (1958) mini|Das Gebäude mit den Studios der Radiosender in Milton Bryan (2009) mini|Paris House
In England führte Nenntwich nach seiner Ankunft erste Gespräche mit Jona von Ustinov, genannt Klop (Wanze), dem Vater des Schauspielers Peter Ustinov, der für den MI5 arbeitete und oftmals Überläufer aus Deutschland in Empfang nahm. Nenntwich berichtete den Briten, er habe zusammen mit dem SS-Offizier Hermann Fegelein, dem Schwager von Eva Braun, eine Widerstandsgruppe innerhalb der SS gegründet und deshalb fliehen müssen. Er gab an, dass es innerhalb der SS eine „Liga der demokratischen Offiziere“, die „Gruppe Hagedorn“, gebe, die von der bestialischen Behandlung der Juden abgestoßen seien, und er selbst verurteile zudem die schlechte Behandlung der polnischen Bevölkerung.
Nenntwich beschloss nach eigenen späteren Angaben, sich die Namen derjenigen „ehrenwerten deutschen Freunde“ zu merken, die – seiner Ansicht nach anders als er selbst – bereit waren, „gegen ihr Vaterland“ und nicht nur gegen das NS-Regime zu arbeiten.
1944 wurde er der Spezialabteilung M.B. (Milton Bryan) des Journalisten Sefton Delmer zugeteilt, der mit deutschen Emigranten britische Radiopropaganda für die Bevölkerung im Deutschen Reich produzierte. Die Tarnsender waren Instrumente der britischen „schwarzen Propaganda“ und gehörten zur Psychological Warfare Division.
Zu ihnen zählte der Sender der SS-Kampfgruppe York, der vom 11. Dezember 1943 bis vermutlich Mai 1944 über Kurzwelle im Bereich zwischen 30,7 und 31,0 m auf Sendung war. Hier wirkte Zech-Nenntwich als Hauptredakteur. Der Sender verbreitete subversive Propaganda und gab sich als Sprachrohr einer oppositionellen Gruppe innerhalb der Waffen-SS, die sich angeblich von ihren Anführern verraten fühlte. Da der Krieg ohnehin verloren sei, müssten verantwortungsvolle Führer ein ehrenvolles Ende anstreben, solange dazu noch Zeit sei.Conrad Pütter: Rundfunk gegen das Dritte Reich. Ein Handbuch. K.G Saur Verlag, München, London, New York, Oxford, Paris 1986, ISBN 3-598-10470-7, S. 128.
Delmer taufte Nenntwich in Dr. Sven Joachim Nansen um und übertrug ihm die Leitung eines weiteren britischen Tarnsenders, der eine Art Nachfolgesender des SS-Senders York war,Pütter, S. 130. des „Senders Hagedorn“, der nach Aussage des Zeitzeugen Frank Lynder als einziger Propagandasender der Briten den Eindruck vermittelte, von deutschem bzw. deutscherseits okkupiertem Boden aus zu senden. Er richtete sich gezielt an Angehörige der SS und sendete von Februar bis April 1945. In seinem Buch Black Boomerang schrieb Delmer 1962: „‚Dr. Nansen‘ – his real name was Zech-Nenntwich – was a bright-eyed, bouncy, rosy cheeked young cavalry man who even in Austin Reed’s grey flannel slacks looked as if he were wearing riding breeches.“ („‚Dr. Nansen‘ – sein richtiger Name war Zech-Nenntwich – war ein gescheiter, munterer junger Kavallerist mit rosigen Wangen, der selbst in den grauen Flanellhosen von Austin Reed [englisches Bekleidungshaus] wirkte, als ob er Reithosen trage.“) Für ihn, Delmer, habe es keine Rolle gespielt, ob Zech-Nenntwichs Geschichte von einer Widerstandsgruppe innerhalb der SS wahr gewesen sei, da dieser seine Funktion beim Rundfunksender zufriedenstellend erfüllt habe. Zech-Nenntwichs bevorzugtes Gesprächsthema sei die „Legende“, so Delmer, vom patriotischen deutschen Soldaten gewesen, der vom Führer betrogen worden sei.
Da Delmer Dr. Nansen gegenüber misstrauisch blieb, aber auch um die jüdischen Mitarbeiter nicht zu verunsichern, wurde dieser getrennt von den anderen Deutschen im wenige Kilometer entfernten Paris House des Duke of Bedford untergebracht und unter Beobachtung gehalten. Dort lebte er gemeinsam mit einem alten Bekannten von Delmer, dem deutschen Diplomaten Wolfgang Gans Edler zu Putlitz (Deckname: Mr. Potts), der ihm Gesellschaft leisten sollte. Zech-Nenntwichs Beteiligung an Kriegsverbrechen im Jahre 1941 war zu diesem Zeitpunkt noch nicht bekannt.
Delmer war der Meinung, dass es für Zech-Nenntwich später außerordentlich bitter gewesen sein müsse, herauszufinden, dass seine alten Kameraden von der SS nach dem Krieg in Westdeutschland gute Positionen bei Polizei und Sicherheitsdiensten erobert hatten. „It is never pleasant for an opportunist to find he has backed the wrong side after all“ („Für einen Opportunisten ist es nie erfreulich herauszufinden, dass er letztlich doch die falsche Seite unterstützt hat.“), schrieb Delmer, der seine Ausführungen mit den ironischen Worten „poor Nansen“ beschloss.
Nach dem Krieg Unternehmer und Agent Bei Kriegsende kehrte Nenntwich nach Deutschland zurück, wo er als Legationsrat Erster Klasse Verbindungsmann zwischen der Landesregierung von Nordrhein-Westfalen und der britischen Militärregierung wurde und eine Pass-Stelle leitete; dabei arbeitete er weiterhin für den britischen Geheimdienst und sammelte Material über deutsche Nachkriegspolitiker. Silvester 1949 bat er Bundeskanzler Konrad Adenauer um eine Unterredung, der ihn im Januar 1950 zu einer zweistündigen Unterredung empfing. Sefton Delmer: „Er erzählte dem alten Kanzler alles, was er über die Leute wußte, die mit mir gearbeitet hatten, insbesondere über diejenigen, die, wie einige der Sozialdemokraten, nach dem Krieg aktiv am politischen Leben in Deutschland teilnahmen und nun in Opposition zu Adenauer standen.“ In diesem Gespräch berichtete er Adenauer, wie schon dem britischen Geheimdienst zuvor, von der angeblichen Bildung einer neonazistischen Zelle in der Bundesrepublik, deren Mitglied der Oberregierungsrat und spätere Bundesinnenminister Gerhard Schröder sei. Daraufhin musste Zech-Nenntwich seinen Posten in NRW verlassen. Schröder griff ihn unter einem Pseudonym öffentlich in einer Zeitung an, weshalb er seinerseits als Oberregierungsrat seinen Abschied nehmen musste.
Im Februar 1952 gründete Nenntwich, der nun seinem Namen Zech nach seinem Stiefvater zugefügt hatte, das „Ausrüstungsdepot H.-W. Zech & Co“ und versuchte, „Zünduhren“ ins Ausland zu verkaufen, die jedoch ihr Geld nicht wert waren, weshalb das Unterfangen scheiterte. Nur wenige Monate später wurde er von einem alliierten Gericht in Bielefeld wegen versuchter Bestechung zu drei Monaten Gefängnis verurteilt. Er hatte einem Wachmann 2000 Mark geboten, um ungestört Akten des britischen Armee-Beschaffungsamts in Herford einsehen zu können. Aus den Akten hatte Zech-Nenntwich, der damals eine Reifenfirma vertrat, Angebote der Konkurrenz erfahren wollen, um diese unterbieten zu können. Noch im selben Jahr wurde er vom Schöffengericht Geldern nach einem Mietstreit wegen Nötigung, Hausfriedensbruchs und Körperverletzung zu fünf Wochen Gefängnis verurteilt.
In den folgenden Jahren war Hans-Walter Zech-Nenntwich umtriebig. So soll er überlegt haben, als Offizier in die Volkspolizei einzutreten, und in dieser Sache Gespräche mit Abgeordneten der KPD geführt haben; die CIA, die ihn unter Beobachtung hatte, vermutete gar, er habe mit Walter Ulbricht und Erich Mielke persönlich gesprochen. Als „Beauftragter für das Ausland“ reiste er umher, erzählte von einer Promotion in Oxford, stellte sich auch als Freiherr Zech von Nenntwich vom Bundespresseamt vor, saß in einem Büro im Bonner Pressehaus und pflegte beste Beziehungen zu den Nachkriegs-Eliten. Er führte persönliche Telefongespräche mit seinem Duzfreund, Staatssekretär Hans Globke, und behauptete weiterhin, von diskreditierenden Geheimnissen Gerhard Schröders, inzwischen Bundesminister, Kenntnis zu haben. Eines Tages, so seine eigene Angabe, sei er vor dem Gebäude der französischen Botschaft, Schloss Ernich in Remagen, beschossen worden. 1954 wurde Zech-Nenntwich, der sich inzwischen als Mitarbeiter eines deutschen Geheimdienstes (Deckname: Zahn) bezeichnete und verschiedene Nachrichtendienste und Medien mit Informationen gegen Bezahlung belieferte, festgenommen, weil er geplant haben sollte, geheime Unterlagen des Bundesgerichtshofs zu verkaufen.
Hans-Walter Zech-Nenntwich, laut Spiegel ein „Abenteurer mit Stirnglatze“ und „Abgott mit Basedow-Augen“, hatte zahlreiche Liebesverhältnisse. 1952 wurde er von seiner Frau geschieden, nachdem er die Familie gemeinsam mit dem Kindermädchen verlassen hatte; laut Angaben der CIA war dies seine zweite Scheidung. In späteren Jahren versprach er einer 24 Jahre älteren deutsch-amerikanischen Millionärs-Witwe die Ehe, um ihr erfolgreich ihr Unternehmen – ein Zylinderschleifwerk in Andernach – und Aktien abzuschmeicheln, weshalb sie ihn später verklagte.
Prozess Im Frühjahr 1964 muss sich Hans-Walter Nenntwich wegen Beteiligung an dem Massaker im Sommer 1941 an rund 5200 jüdischen Menschen in Polen gemeinsam mit vier weiteren Angeklagten im sogenannten „SS-Reiterprozess“ in Braunschweig vor Gericht verantworten; zeitgleich lief in Frankfurt am Main der erste Auschwitzprozess. Die Ermittlungen waren aufgenommen worden, nachdem sein früherer Vorgesetzter Franz Magill als Zeuge im Prozess gegen den SS-Führer Erich von dem Bach-Zelewski von diesem bis dahin nicht bekannten Verbrechen berichtet hatte.