Rudolf Rößler (letzte Schreibweise: Roessler, zuvor auch Rössler; * 22. November 1897 in Kaufbeuren; † 11. Dezember 1958 in Kriens) war ein deutscher Theaterwissenschaftler, Verleger und Betreiber eines privaten Nachrichtendienstes. Während des Zweiten Weltkriegs sammelte er politische, militärische und wirtschaftliche Nachrichten im Zusammenhang mit der Kriegsführung des Deutschen Reichs vorwiegend aus deutschen Quellen. Er redigierte die Nachrichten und gab sie weiter an schweizerische Nachrichtendienste und den sowjetischen Militärnachrichtendienst. Nach 1945 gab Roessler Informationen aus Westdeutschland an den tschechoslowakischen Nachrichtendienst weiter. Er wurde im gleichen Zeitraum unter dem Namen Lucy bekannt, mit dem ihn Sándor Radó, der Betreiber eines Funknetzes, gegenüber dem sowjetischen Militärnachrichtendienst bezeichnete.Peter Kamber: Geheime Agentin. Berlin 2010, Anmerkungsdatei S. 7. https://www.geheimeagentin.de/files/GA/Anmerkungen-Geheime-Agentin.pdf
Jugend und Kriegsdienst Schulzeit Rudolf Roesslers Eltern waren Georg Rößler, bayrischer Forstbeamter, und Sophie geb. Kleemann. Er war verheiratet mit Olga geb. Hofmann (* 1905). Er war das jüngste von fünf Kindern. 1902 zog die Familie von Kaufbeuren nach Augsburg. Dort besuchte Roessler das protestantische Gymnasium bei St. Anna. Er musste diese Schule aber verlassen, bevor er einen Abschluss erlangte; dies war seine erste traumatische Erfahrung.Peter Kamber: „Die Macht der Gesinnung“ und „das romantische Ich“: Rudolf Roessler und der deutsche Widerstand 1939–1944. In: Exil. Forschung / Erkenntnisse / Ergebnisse. 31. Jahrgang 2011, S. 87 – 109 [93.]
Kriegsdienst Im achtzehnten Lebensjahr meldete er sich zum Militärdienst beim 2. Württembergischen Infanterieregiment 120 in Ulm. Am 28. April 1916 wurde er wegen unerlaubter Entfernung von der Truppe zu einer Gefängnisstrafe von 5 Monaten und 15 Tagen verurteilt; ein Rechtsmittel dagegen blieb erfolglos. Roessler wurde am 15. Juli zum Fronteinsatz begnadigt.Peter Kamber: „Die Macht der Gesinnung“ und „das romantische Ich“: Rudolf Roessler und der deutsche Widerstand 1939–1944. In: Exil. Forschung / Erkenntnisse / Ergebnisse. 31. Jahrgang 2011, S. 87 – 109 [93.] Zunächst wurde er in die Schlacht an der Somme kommandiert, eine der verlustreichsten Schlachten des Ersten Weltkriegs an der Westfront. Nach dem Auslaufen der scheiternden britischen Durchbruchsversuche nahm Roessler vom 27. November bis zum 21. Dezember am Stellungskampf der leicht eingedrückten deutschen Front teil. Nach dem Fronteinsatz bekam er bei Arras eine langwierige Magen- und Darmerkrankung und wurde in die Lazarette Denain und Berlin-Tegel eingeliefert.
mini|Szene bei Wytschaete Vom 25. Mai bis zum 12. Juli 1917 wurde Roessler am Wytschaete-Bogen südlich von Ypern eingesetzt. Dort erfolgte britischer Dauerbeschuss vom 21. Mai bis zum 7. Juni. Daraufhin wurde er vom 20. Juli bis zum 10. August in die Stellungskämpfe im Oberelsass kommandiert. Aus diesem Einsatz heraus wurde Roessler in die Dritte Flandernschlacht abgefahren und nahm vom 19. August bis zum 10. September an ihr teil. Wie am Wytschaete-Bogen erlebte er eine britische Offensive. Ohne dazwischenliegende Pause, nämlich vom 11. September bis zum 12. November, nahm Roessler an den Kämpfen in der Siegfriedstellung teil. Am 13. November wurde er in nördlicher Richtung verlegt. Dort wurde er am 6. Dezember aus Gefechten bei Hooglede, 20 km südlich von Brügge, herausgelöst und in ein Lazarett bei Deinze, unweit von Gent, verbracht.
Januar und Februar 1918 musste er noch einmal in den Stellungskampf in Flandern. Die Magen- und Darmkrankheit war nicht ausgeheilt und Roessler kam vom 28. Februar bis zum 1. April in die Leichtkrankenabteilung in einer Kaserne in Gent. Von weiteren Gefechten blieb Roessler verschont. Bei seiner Entlassung am 15. März 1919 hatte er zehn Monate Schlachten und Festungskampf hinter sich, acht Monate Lazarett und zwei Monate Gefängnis. Beförderungen, Orden und Auszeichnungen erhielt er nicht.Peter Kamber: „Die Macht der Gesinnung“ und „das romantische Ich“: Rudolf Roessler und der deutsche Widerstand 1939–1944. In: Exil. Forschung / Erkenntnisse / Ergebnisse. 31. Jahrgang 2011, S. 87 – 109 [94.]
Auf Roessler machte es einen bleibenden Eindruck, wie unmenschlich der Krieg 1916/1917 geführt wurde und mit welchen Methoden die Massen für das Überleben einer machtgierigen Schicht missbraucht und für einen erbarmungslosen Krieg gefügig gemacht wurden.Peter Kamber: „Die Macht der Gesinnung“ und „das romantische Ich“: Rudolf Roessler und der deutsche Widerstand 1939–1944. In: Exil. Forschung / Erkenntnisse / Ergebnisse. 31. Jahrgang 2011, S. 87 – 109 [95.]
Frühe Berufsjahre Nach seiner Entlassung war Roessler von 1919 bis 1920 Volontär in der München-Augsburger Abendzeitung. 1921 gründete er mit Augsburger Bekannten die Literarische Gesellschaft und wurde ihr Vorsitzender. Viele Schriftsteller traten dort auf, unter anderen Thomas Mann, Hermann Hesse, Stefan Zweig, Hermann Graf Keyserling, Fedor Stepun und Sergej Jewgenjewitsch Trubetzkoy. 1922 wurde er Redakteur in seiner Zeitung und blieb ein Jahr dort. 1923 begründete und veranstaltete Roessler die Romantische Woche Augsburg. Es fanden Ausstellungen alter und neuer romantischer Maler statt und Theaterstücke von Romantikern wurden aufgeführt. Roessler verfasste auch eine Überblicksdarstellung zur deutschen Romantik. 1924 wechselte er zur Allgemeinen Zeitung München. Er wurde für den Augsburger Teil verantwortlich und blieb dort bis 1925.
Ab 1925 lieferte Roessler Beiträge für die Frankfurter Zeitung, die Kölnische Zeitung und die Vossische Zeitung. Von 1925 bis 1927 war er Herausgeber von Form und Sinn. Zeitschrift für Kunst und Geistesleben. Hans Carossa und Hermann Hesse veröffentlichten Artikel in dieser kurzlebigen Zeitschrift.Peter Kamber: „Die Macht der Gesinnung“ und „das romantische Ich“: Rudolf Roessler und der deutsche Widerstand 1939–1944. In: Exil. Forschung / Erkenntnisse / Ergebnisse. 31. Jahrgang, 2011, S. 87–109 [95.] Roessler selbst besprach in einem Aufsatz unter dem Titel Das Glaubensbekenntnis der Dichter zustimmend das soeben erschienene Werk Das Gute des damals bekannten Basler Philosophen Paul Häberlin. Häberlin behauptete darin die Einheit von Güte, Schönheit und Wahrheit in der Schöpfung Gottes. Roessler machte sich diesen Standpunkt zu eigen.Peter Kamber: Geheime Agentin. Berlin 2010, Anmerkungsdatei S. 9. https://www.geheimeagentin.de/files/GA/Anmerkungen-Geheime-Agentin.pdf
Im Bühnenvolksbund 1927 kamen Kontakte zwischen Roessler und dem christlich-deutschen Bühnenvolksbund zustande.Peter Kamber: „Die Macht der Gesinnung“ und „das romantische Ich“: Rudolf Roessler und der deutsche Widerstand 1939–1944. In: Exil. Forschung / Erkenntnisse / Ergebnisse. 31. Jahrgang 2011, S. 87 – 109 [96.] Der Bühnenvolksbund war ein Verband, der von 1919 bis 1933 versuchte, die Besucherschaft der Theater zu sammeln und Einfluss auf die Spielpläne der Theater zu nehmen. Die Mitglieder der angeschlossenen Vereine kamen aus Mittelschicht und Bürgertum, sie waren meist untere und mittlere Beamte; weit mehr als die Hälfte der Mitglieder waren Frauen. Die Mitglieder erhielten ermäßigte Karten.
Der Bühnenvolksbund wollte christliche Stücke, wie Weihnachts-, Passions-, und andere Mysterienspiele wiederbeleben. Die Theater sollten veranlasst werden, solche Stücke in ihre Spielpläne aufzunehmen. Diese Bemühungen waren aber in keinem einzigen Fall erfolgreich. Die Mitgliederbeiträge der Vereine reichten nicht aus, staatliche Subventionen auch nicht, so dass der Verband stets gegen Schulden ankämpfen musste.Bühnenvolksbund in der Kritischen Online-Edition der Nuntiaturberichte Eugenio Pacellis (1917–1929), Stand: 31. Juli 2013.
Roessler wurde 1928 Dramaturg und geschäftsführender Direktor dieses wenig erfolgversprechenden Verbandes.Peter Kamber: Geheime Agentin. Berlin 2010, Anmerkungsdatei, S. 6. Gleichzeitig wurde er Leiter des Bühnenvolksbund-Verlages und Herausgeber der Zeitschrift Das Nationaltheater und ab August 1932 der Deutschen Bühnenblätter. In beiden Zeitschriften wurden neue Dramen vorgestellt, die Theaterpolitik besprochen und Entwicklungen im Ausland dargestellt. In Deutschland neu aufgeführte Texte stellte Roessler dar und kommentierte sie in den Jahresheften Schauspiel 1928/29, Schauspiel 1929/30 und Schauspiel 1930/31. Er gab auch das Überblickswerk Thespis-das Theaterbuch 1930 heraus, das das Theaterschaffen in Deutschland von 1924 bis 1929 zusammenfasste.„Die Macht der Gesinnung“ und „das romantische Ich“: Rudolf Roessler und der deutsche Widerstand 1939–1944. In: Exil. Forschung / Erkenntnisse / Ergebnisse. 31. Jahrgang 2011, S. 87 – 109 [96.] Daneben war Roessler noch Aufsichtsratsvorsitzender der Südwestdeutschen Bühne GmbH Frankfurt, der Schlesischen Bühne GmbH Breslau und der Ostpreußischen Bühne GmbH Königsberg.Peter Kamber: Geheime Agentin. Berlin 2010, Anmerkungsdatei, S. 6. https://www.geheimeagentin.de/files/GA/Anmerkungen-Geheime-Agentin.pdf
Amtsenthebung und Vertreibung 1932 begann der nationalsozialistische Kampfbund für Deutsche Kultur einen eigenen Theaterbesucherverband zu gründen und die bürgerlichen Mitglieder des Bühnenvolksbundes wenigstens teilweise zum Übertritt in den nationalsozialistischen Verband zu bewegen. Roessler wandte sich gegen die völkische Politisierung des Theaters und das Bestreben, die Kunst dem Massengeschmack zu unterwerfen. Die Kunst sollte vielmehr auf den Massengeschmack einwirken. Aus Sicht des Kampfbundes war dies eine überhebliche liberale und konservative Vorstellung. Nach den Reichstagswahlen am 5. März 1933 begann die NSDAP zügig, den Bühnenvolksbund aufzulösen und die Ortsgruppen und ihre Mitglieder und die Landesverbände in den völkischen Reichsverband Deutsche Bühne zu überführen. Der Bühnenvolksbund auf Reichsebene sollte aufgelöst werden.
Am 5. Mai 1933 beurlaubte der Vorsitzende des Kampfbundes für Deutsche Kultur Hans Hinkel, der spätere dritte Geschäftsführer der Reichskulturkammer, Roessler und untersagte ihm die weitere Ausübung seines Direktorenamtes. Am 8. Mai nahm der Kampfbund den Schreibtisch Roesslers an sich, ebenso den des Mitgeschäftsführers Dr. Brünker. Roessler und Brünker erstritten vor dem Landgericht Berlin eine einstweilige Verfügung gegen die Wegnahme. Daraufhin erklärte der preußische Ministerpräsident Hermann Göring gegenüber der Presse, er werde die Übergriffe des Kampfbundes nicht länger dulden, sondern bestrafen. Der Kampfbund brachte die weggenommenen Möbel tatsächlich zurück. Er entnahm aber später das Geldvermögen des Bühnenvolksbundes, das im Wesentlichen aus den Beiträgen der Mitglieder gespeist wurde.
Der Bühnenvolksbund wurde dadurch zahlungsunfähig und der völkische Reichsverband Deutsche Bühne e. V. stellte beim Amtsgericht Berlin-Mitte am 29. Mai 1933 einen Antrag auf Eröffnung eines Konkursverfahrens wegen einer offengebliebenen Rechnung eines Schreibmaschinenlieferanten in Höhe von 1.170 RM. Am 15. Juni 1933 wurde das Konkursverfahren eröffnet und von da an war Roessler ohne Einkommen. 1934 wurde ein Ermittlungsverfahren gegen Roessler eingeleitet. SA-Kommandos erschienen in seinem Büro. Ende März 1934 verhalf ihm der Luzerner Xaver Schnieper, den Roessler in Berlin als Studenten kennengelernt hatte, zur Auswanderung nach Luzern.„Die Macht der Gesinnung“ und „das romantische Ich“: Rudolf Roessler und der deutsche Widerstand 1939–1944. In: Exil. Forschung / Erkenntnisse / Ergebnisse. 31. Jahrgang 2011, S. 87 – 109 [96 – 98.]
Vita Nova Verlag – Exil in Luzern