mini|F. Scott Fitzgerald, Fotografie von Carl van Vechten, 1937 Diesseits vom Paradies (engl. This Side of Paradise) ist der erste Roman, den der US-amerikanische Schriftsteller F. Scott Fitzgerald veröffentlichte. Er erschien am 26. März 1920 beim Verlag Scribner’s. Fitzgerald war zu diesem Zeitpunkt 23 Jahre alt, der Erfolg des Romans machte ihn in kurzer Zeit berühmt.

Der Titel des Romans stammt aus dem Gedicht Tiare Tahiti des Engländers Rupert Brooke, der mehrfach im Buch erwähnt wird. Das Buch beschreibt am Beispiel des Princeton-Studenten Amory Blaine das Leben und die Moralvorstellungen der Mittzwanziger in der Zeit um den Ersten Weltkrieg.

Entstehungsgeschichte Fitzgerald stammte aus einer verhältnismäßig wohlhabenden Familie. Der Vater hatte jedoch zunächst seine Fabrik aufgeben müssen, hatte dann als Großhandelskaufmann bei Procter & Gamble gearbeitet und 1908 als 55-Jähriger diese Stelle verloren.Tredell: Fitzgerald's The Great Gatsby, S. 2. Die Familie lebte von da an von dem Einkommen, das das Vermögen der Mutter abwarf. Dieses Einkommen war hinreichend hoch, um ihnen den komfortablen Lebensstil von Angehörigen der oberen Mittelschicht zu ermöglichen. Sie lebten in St. Paul, Minnesota in einem Stadtteil, der vor allem von sehr wohlhabenden Familien bewohnt wurde. Fitzgerald war daher sowohl mit dem Lebensstil dieser Personen vertraut als auch mit der Situation, an deren komfortablen Leben nicht teilhaben zu können.

Fitzgerald studierte in Princeton, war dort aber wie zuvor in seiner Schulkarriere akademisch nicht erfolgreich. Wie bereits während seiner Schuljahre schrieb er an Kurzgeschichten, Stücken, Sketchen und Gedichten. Vor dem möglichen Abschluss oder dem auch möglichen Scheitern des Studiums meldete er sich im Mai 1917 – und damit kurz nach Eintritt der Vereinigten Staaten in den Ersten Weltkrieg – beim Militär und wurde als Unterleutnant angenommen. Seine militärische Laufbahn führte dazu, dass er nie an die Kriegsschauplätze in Europa entsendet wurde. Er tat Dienst an verschiedenen Militärstandorten in den USA. Während seiner Stationierung in Montgomery, Alabama lernte er im Juli 1918 die im Jahre 1900 geborene Zelda Sayre kennen. Fitzgerald war sofort in Zelda Sayre verliebt, strittig ist unter den Biografen Fitzgeralds, ob Zelda Sayre für ihren späteren Mann von Beginn an ähnlich intensive Gefühle empfand.Bloom; F. Scott Fitzgerald's The Great Gatsby. 2006, S. 10. Bereits im November 1918 wollte er Zelda heiraten. Da es zu dem Zeitpunkt jedoch zweifelhaft war, ob Fitzgerald in der Lage wäre, ausreichend Geld für eine angemessene Lebensführung zu verdienen, lehnte Zelda Sayre eine Ehe mit ihm zunächst ab. Fitzgerald begann daraufhin bei der New Yorker Werbeagentur Barron Collier zu arbeiten und schrieb abends an Kurzgeschichten, Drehbüchern, Sketchen und Gedichten, von denen er hoffte, dass ihr Verkauf ihm Anerkennung und Geld einbringe. Es gelang ihm lediglich, für ein Honorar von 30 USD die Kurzgeschichte Babes in the Wood beim Magazin The Smart Set zu platzieren. 122 ablehnende Briefe hatte er dagegen wie einen Fries in seinem Zimmer aufgehängt.Tredell: Fitzgerald's The Great Gatsby. S. 4. Im Juni 1919 beendete Zelda Sayre die Verlobung mit Fitzgerald, im Juli gab er seine Stelle bei Barron Collier auf, kehrte nach St. Paul zurück, um im Haus seiner Eltern einen Romanentwurf zu überarbeiten, an dem er seit 1917 arbeitete. Dieser Romanentwurf trug den Namen The Romantic Egotist. mini|Maxwell Perkins, der Lektor, der beim Verlag Scribners Fitzgerald betreute Der Verlag Scribner’s hatte Interesse an Fitzgeralds frühen Romanmanuskript The Romantic Egotist bekundet, aber sowohl den ersten Entwurf im August 1918 als auch die überarbeitete Fassung im Oktober 1918 abgelehnt. Die dritte Fassung, deren Titel Fitzgerald in This Side of Paradise (Diesseits vom Paradies) änderte, wurde im September 1919 vom Lektor Maxwell Perkins letztlich für Scribner’s angenommen.Prigozy: The Cambridge Compagnion to F. Scott Fitzgerald. 2002, S. XVIII

Die Notwendigkeit, Zelda Sayre von seinen literarischen Fähigkeiten zu überzeugen, hatte Fitzgerald zu einer sehr hastigen Arbeit an dem Roman gezwungen. Die unkonventionelle Mischung verschiedener literarischer Genres, die den Roman kennzeichnen, entstand dabei fast zufällig:James L. W. West: The Question of Vocation in This Side of Paradise and The Beautiful and Damned in Prigozy (Hrsg.): The Cambridge Compagnion to F. Scott Fitzgerald. 2002, S. 48 und S. 49

Fitzgeralds Strategie ging auf. Er hatte seit Annahme des Romans durch Scribner’s wieder begonnen, Zelda Sayre zu besuchen. Im Januar 1920 verlobten sie sich erneut und im April 1920, nur eine Woche nach der Veröffentlichung von Diesseits im Paradies heirateten Zelda und Scott Fitzgerald in New York City.Bloom; F. Scott Fitzgerald's The Great Gatsby. 2006, S. 11

Veröffentlichung This Side of Paradise wurde am 26. März 1920 veröffentlicht. Die Erstauflage betrug 3000 Stück und war innerhalb von drei Tagen ausverkauft. Diesseits vom Paradies wurde von der Literaturkritik sehr gut besprochen. My, How that boy can write! (übersetzt: Mein Gott, wie kann der Junge schreiben!) schrieb einer der Kritiker.James L. W. West: The Question of Vocation in This Side of Paradise and The Beautiful and Damned in Prigozy (Hrsg.): The Cambridge Compagnion to F. Scott Fitzgerald. 2002, S. 49. Den Verkaufserfolg bezeichnet Fitzgeralds Biograf Scott Donaldson als nach jedem Maßstab bemerkenswert.Scott Donaldson: Fitzgerald's nonfiction in Pregozy (Hrsg.): The Cambridge Companion to F. Scott Fitzgerald. 2002, S. 165. Im Original lautet das Zitat: By any standard, the sales of This Side of Paradise was remarkable. Abweichend davon bezeichnet James L. W. West die letztlich verkaufte Stückzahl von 48.000 Exemplaren als für diese Zeit nicht außerordentlich hoch. Er hält die Zahl lediglich bemerkenswert für einen Erstlingsroman. Das Porträt der jungen Generation nach dem Ende des Ersten Weltkrieges und insbesondere des Flappers und ihrer emanzipierten Lebensweise machten den erst 23-jährigen Fitzgerald über Nacht berühmt.Scott Donaldson: Fitzgerald's nonfiction in Pregozy (Hrsg.): The Cambridge Companion to F. Scott Fitzgerald. 2002, S. 165.

Handlung Erstes Buch: Der romantische Egoist – Amory Blaine, ein junger Mann aus dem Mittleren Westen ist davon überzeugt, dass ihm eine außergewöhnlich glückliche Zukunft bevorstehe. Er stammt aus wohlhabender Familie und kann damit rechnen, dass er eines Tages über den Reichtum der Blaines verfügen wird. Er besucht zunächst ein Internat und später die Princeton University. Sein Vater ist verstorben, seine Mutter Beatrice ist exzentrisch. Während einer Rückkehr nach Minneapolis begegnet er Isabelle Borgé wieder, einer jungen Frau, die er seit seiner Kindheit kennt und geht eine flüchtige Beziehung mit ihr ein. Er ist jedoch innerhalb weniger Tage von ihr desillusioniert und kehrt nach Princeton zurück. Nach dem Bruch mit ihr wird er als Soldat nach Europa entsendet.

Zweites Buch: Die Ausbildung des Charakters – Nach Kriegsende kehrt Amory Blaine in die USA zurück und verliebt sich in eine New Yorker Debütantin. Blaine ist jedoch mittlerweile verarmt. Seine Mutter verwaltete das Familienvermögen schlecht und vererbte die Hälfte des Vermögens der Katholischen Kirche. In gleichem Maße wie Amory Blaines finanzielle Aussichten sich schmälern, verliert er auch seine jugendlichen Illusionen. Rosalind Connage, die New Yorker Debütantin, in die er sich verliebt hat, entscheidet sich, statt seiner einen wohlhabenden Mann zu heiraten. Auch sein Mentor und Freund, Monsignor Darcy stirbt. In der finalen Episode des Romans ist es nur sein Selbst, auf das er bauen kann.

Figuren mini|Zelda Sayre im Jahre 1919, Fitzgeralds Ehefrau war Vorbild für Rosalind Connage. Wie alle Romane Fitzgeralds weist auch sein Erstlingswerk viele Parallelen zu seinem Leben auf. Amory Blaine – in der wichtigsten Figur des Romans beschreibt sich Fitzgerald selbst. Wie Fitzgerald stammt der Protagonist aus dem Mittleren Westen und besucht die Princeton University. Das Scheitern von Beziehungen auf Grund unterschiedlicher Vermögenssituation war Fitzgerald gleichfalls vertraut. Beginnend im Dezember 1914 begann Fitzgerald eine Beziehung zu Ginevra King, einer jungen, wohlhabenden Frau aus St. Pauls oberer Gesellschaftsschicht. Die Beziehung endete im Januar 1917. Dieses Ende war für Fitzgerald auch Beleg für sein intuitives Gefühl, dass es soziale und finanzielle Barrieren gab, die verhinderten, dass arme Jungen reiche Mädchen heirateten.Tredell: Fitzgerald's The Great Gatsby. S. 3. Beatrice Blaine – Armory Blaines Mutter weist Züge der Mutter eines Freundes auf. Sie ist exzentrisch und verschwendet das Familienvermögen. Isabelle Borgé – Amory Blaines erste Liebe basiert auf Ginevra King, mit der Fitzgerald von Dezember 1914 bis Januar 1917 liiert war. Monsignor Darcy – Blaines Mentor und Freund basiert auf dem katholischen Geistlichen Cyril Sigourney Webster Fay. Fitzgerald hatte diesen während seiner Internatszeit auf dem renommierten katholischen Internat Newman School in Hackensack, New Jersey zu senden. Er fand wenig sozialen Anschluss auf dieser Schule, freundete sich jedoch mit diesem Geistlichen an. Rosalind Connage – Amorys Blaines zweite Liebe weist sowohl Züge von Zelda Sayre als auch der Figur Beatrice Normandy in H.G. Wells’ Roman Tono-Bungay auf. Cecilia Connage – Rosalinds zynische Schwester Thomas Parke D'Invilliers – Er ist einer von Blaines engsten Freunden. D’Invilliers taucht in Fitzgeralds dritten Roman The Great Gatsby als (fiktiver) Autor des Gedichts auf, mit dem der Roman beginnt. D’Invilliers basiert auf Fitzgeralds Freund und Studienkollegen John Peale Bishop.

Stil und Themen Die unkonventionelle Verwendung unterschiedlicher literarischer Genres, die das Ergebnis von Fitzgeralds hastiger Überarbeitung seines Romanmanuskripts war, wurde von den Kritikern sowohl gelobt als auch kritisiert. James L. W. West weist auch darauf hin, dass in Folge der spezifischen Entstehungsgeschichte dieses Romans die Qualität des Schreibstils stark variiert. Er sei teils wortgewandt, dann wieder im Ton einer Beichte, mal raffiniert und dann wieder unausgegoren, manchmal von fesselnder Schönheit und dann wieder enttäuschend flach.James L. W. West: The Question of Vocation in This Side of Paradise and The Beautiful and Damned in Prigozy (Hrsg.): The Cambridge Compagnion to F. Scott Fitzgerald. 2002, S. 48 und S. 49. Im Original lautet das Zitat: The writing itself is by turns glib and confessional, sophisticated and callow, arrestingly beautiful and disappointingly flat. Gleichzeitig ist This Side of Paradise voller Elan und Energie, der Fitzgeralds sorgfältiger geschriebenen Roman The Beautiful and Damned fehlt. Fitzgeralds Erstling weist außerdem bereits alle die Charaktere auf, die sich in seinen anderen Arbeiten finden, und gleichzeitig stellt er die Moralfragen auf, die auch sein anderes Werk dominieren.James L. W. West: The Question of Vocation in This Side of Paradise and The Beautiful and Damned in Prigozy (Hrsg.): The Cambridge Compagnion to F. Scott Fitzgerald. 2002, S. 48.

Eines der Themen des Romans ist die Frage nach dem Sinn des Lebens. Dieses Thema wiederholt sich auch in späteren Arbeiten Fitzgeralds. Fitzgerald begriff, dass in der US-amerikanischen Kultur ein Erwartungsdruck bestand, der eine Person von ihrer wahren Berufung weglenkte und ihn zwang, stattdessen nach sozialem Status und Geld zu streben. Seine Charakter sind daher einem Dilemma ausgesetzt: Welchen Wert spielt es, eine Position in der Gesellschaft zu haben?James L. W. West: The Question of Vocation in This Side of Paradise und The Beautiful and Damned in Prigozy (Hrsg.): The Cambridge Compagnion to F. Scott Fitzgerald. 2002, S. 50.

Intertextuelle Bezüge