mini|Eingangsbereich der JVA Braunschweig, Rennelbergstraße 10, von der Rennelbergstraße aus gesehen
Die Justizvollzugsanstalt Braunschweig, auch JVA Braunschweig oder JVA Rennelberg, war bis April 2024 ein Gefängnis in Braunschweig. Es war das ehemalige Kreis- und Untersuchungsgefängnis. Der Gebäudekomplex auf dem Rennelberg steht unter Denkmalschutz.Wolfgang Kimpflinger: Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland. Baudenkmale in Niedersachsen. Band 1: Stadt Braunschweig. Teil 2. 1996, S. 170 f.
Geschichtlicher Hintergrund Braunschweig verfügte seit dem Mittelalter über mehrere Gefängnisse. Im Weichbild Altstadt befand sich der sogenannte „Diebskeller“ mit Folterkammer im Untergeschoss des Altstadtrathauses. Weitere Gefängnisse waren im Keller der Ratsapotheke am Eiermarkt und bereits seit 1368 im „Langen-“ oder „Wipperturm“ am Südende der Straße Kattreppeln. Dort kamen unter ungeklärten Umständen mehrere Verbrecher und ungehorsame Kinder aus der Oberschicht ums Leben. Als das Bauwerk 1723 abgerissen wurde, fand man dort zahlreiche Skelette.Norman-Mathias Pingel: Gefängnisse. In: Braunschweiger Stadtlexikon. Braunschweig 1992, S. 82. Im „Lauenturm“ zwischen Kohlmarkt und Hutfiltern sowie im 1786 abgerissenen Turm des Fallersleber Tores saßen unter anderem Schuldner ein. Zwischen 1671 und 1830 befand sich zudem ein Gefängnis im Westflügel des Neustadtrathauses. Das Militärgefängnis befand sich von 1806 bis 1832 im umgebauten Augusttor, anschließend von 1832 bis 1867 im Aegidienkloster, wo sich auch seit 1832 die Haftanstalt für den Kreisgerichtsbezirk Braunschweig und seit 1840 die Landesstrafanstalt befand.Norman-Mathias Pingel: Gefängnisse. In: Braunschweiger Stadtlexikon. Braunschweig 1992, S. 83. Um erhöhten Sicherheitsanforderungen an Gefängnissen nachzukommen, wurde 1884/1885 auf dem Rennelberg das neue Kreis- und Untersuchungsgefängnis erbaut.
Kreis- und Untersuchungsgefängnis ab 1885 mini|Grundriss von 1884
Der Gebäudekomplex wurde auf dem Gelände des Kreuzklosters Braunschweig errichtet. Er ist in drei Hauptgebäude, ein Küchen- und Wirtschaftsgebäude, zwei unternehmerische Betriebe, einen Werkbetrieb sowie eine Kirche und ein Verwaltungsgebäude untergliedert. Ursprünglich verfügte das Gefängnis über 150 Zellen für 296 Personen.Rudolf Blasius (Hrsg.): Braunschweig im Jahre MDCCCXCVII. Festschrift den Theilnehmern an der LXIX Versammlung Deutscher Naturforscher und Aerzte. Braunschweig 1897, S. 413. Die Einzelzellen hatten eine Abmessung von 2 m Breite und 3 m Länge sowie jeweils einen Abtritt in einer Ecke.
Im Jahr 1885 wurde es auf dem Rennelberg in Betrieb genommen, nachdem die bisherige Unterbringung von Gefangenen in dem Gebäude des Aegidienklosters nach der Änderung vom 31. Mai 1870 des Strafgesetzbuches nicht mehr den Anforderungen entsprach. Im nördlichen Flügel des Gebäudetraktes war das Untersuchungsgefängnis untergebracht. Die Strafabteilungen für Männer befanden sich im südlichen Flügel und im Obergeschoss des mittleren Gebäudes, während die Frauen in der mittleren Etage untergebracht waren.Norbert Jonscher: Neue Chancen für den Rennelberg. In: Braunschweiger Zeitung. 16. Januar 2014 (kostenpflichtig).
Auf dem rund 14.000 m² großen Grundstück hatten sich bis dahin ein Meiereigarten, Scheunen und Lagergebäude des Klosters befunden. 1884 wurde die neue Rennelbergstraße angelegt, die zum Eingang des Gefängnisses führt. Bei einer Meuterei und dem anschließenden Ausbruchsversuch am Anfang des Jahres 1919 soll es 15 mit Beilen bewaffneten Häftlingen gelungen sein, bis auf die Rennelbergstraße zu gelangen. In: Neue Westpost. (PDF, S. 6.) auf braunschweig.de. Abgerufen am 22. Januar 2014.
Die Untersuchungshaftanstalt Rennelberg Im Hauptgebäude waren im Mittelbau zunächst die Geschäftsräume und das Frauengefängnis untergebracht. Die beiden Seitenflügel wurden als Strafgefängnis und als Untersuchungsgefängnis für Männer genutzt. In der Zeit des Nationalsozialismus lag die durchschnittliche Belegung bei rund 344 Männern und 50 Frauen. Diese Zahl lag oberhalb der eigentlichen Kapazität des Gefängnisses. In dieser Zeit wurden dort auch Oppositionelle untergebracht, die in Schutzhaft genommen worden waren. Es gab unterschiedliche, meist willkürliche Gründe für die Inhaftierung. Oftmals handelte es sich um Menschen, die vom nationalsozialistischen Regime als Andersdenkende oder politische Gegner eingestuft wurden.Untersuchunghaftanstalt Rennelberg – Überblick auf vernetztes-gedaechtnis.de
Die Justizvollzugsanstalt
Aufgabe der JVA Braunschweig war der Vollzug der Untersuchungshaft an männlichen Häftlingen. Für jugendliche Untersuchungsgefangene stand zudem 21 gesonderte Haftplätze zur Verfügung. Am 1. Januar 2011 wurde die bis dahin selbständige JVA Braunschweig mit dem Bereich Helmstedt im Zuge der Neuordnung des Strafvollzugs in Niedersachsen der Justizvollzugsanstalt Wolfenbüttel als Abteilung unterstellt. auf justizvollzugsanstalt-wolfenbuettel.niedersachsen.de.
In der Anstalt konnten bis zu 143 Häftlinge untergebracht werden, ihnen standen während der Zeit ihrer Inhaftierung in der JVA Braunschweig mehrere Betätigungsmöglichkeiten zur Verfügung. Beschäftigungsmöglichkeiten In den Werk- und Unternehmerbetrieben konnten unterschiedliche Arbeiten verrichtet werden, beispielsweise in der Papier- und Kunststoffverarbeitung. Hier wurden Massendruckerzeugnisse sortiert und konfektioniert, Versandartikel eingeschweißt und verpackt sowie Klebe-, Montage- oder Etikettierarbeiten ausgeführt. Ferner bestanden Beschäftigungsmöglichkeiten im Bereich der Wäscherei und in der Küche oder der Gebäudereinigung. Auch die Reparatur- und Instandhaltungsmaßnahmen innerhalb der Anstalt wurden unter qualifizierter Anleitung von Inhaftierten ausgeführt. auf 1a-jva.de. Freizeitgestaltung Für die sportliche Ertüchtigung wurden den Häftlingen neben Mannschaftssportarten wie Fußball unter anderem Tischtennis, Fitness- oder Lauftraining angeboten. Zusätzlich gab es Gemeinschaftsräume, in denen Gesellschaftsspiele oder Fernsehgeräte bereitstehen. Auch schulische Weiterbildungsmaßnahmen oder Kunstkurse wurden angeboten. auf 1a-jva.de. Im Jahr 2011 gab der Cellist Peter Bruns ein Konzert für die Insassen der Anstalt, das von rund 50 Häftlingen besucht wurde.Kennen Sie Ernst Toch? auf kiz-online.de.
Bekannte Inhaftierte Name Bemerkung Jahr / Zeitraum Ernst Böhme SPD-Politiker, von 1929 bis 1933 sowie von 1945 bis 1948 Oberbürgermeister der Stadt Braunschweig. Er wurde 1933 von den Nationalsozialisten in „Schutzhaft“ genommen.Untersuchungshaftanstalt Rennelberg – Einzelschicksale auf vernetztes-gedaechtnis.de 12. März bis 19. April 1933 Klaus Geyer Pfarrer, 1998 wegen Totschlags im Affekt an seiner Frau verurteilt.Klaus Geyer: Entschuldigung aus der Zelle. In: Die Zeit. Nr. 8, vom 13. Februar 1998. Abgerufen am 22. Januar 2014. 30. Juli 1997 bis 16. April 1998 Erich GniffkeKarl Wilhelm Fricke, Peter Steinbach, Johannes Tuchel (Hrsg.): Opposition und Widerstand in der DDR. Politische Lebensbilder (= Beck’sche Reihe. Bd. 1479). C. H. Beck, München 2002, ISBN 3-406-47619-8, S. 204. SPD-, später SED-Politiker wurde mehrmals in „Schutzhaft“ genommen.Gniffke, Erich Walter auf bundesstiftung-aufarbeitung.de. Abgerufen am 22. Januar 2014. 1933 undAugust 1938 bis Juni 1939 Otto Grotewohl SPD-, später SED-Politiker, von 1949 bis 1964 Ministerpräsident der DDR. August 1938 bis März 1939Schwarz-rot-goldene Worte in: Der Spiegel. Nr. 42, vom 13. Oktober 1949. Abgerufen am 22. Januar 2014. Berthold Heilig SS-Kreisleiter wegen Mordes am 12. Juni 1947 zum Tode verurteilt, er konnte jedoch aus dem Gefängnis entfliehen. ab 28. März 1946 Auguste Imlau Sie wurde als bekennende Zeugin Jehovas wegen „Aufrechterhaltung und Fortsetzung einer verbotenen Organisation“ 1934 zunächst zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt. Insgesamt verbrachte sie 14 Monate in der Haftanstalt am Rennelberg, ehe sie in das KZ Ravensbrück überführt wurde. 1934, 1937 und 1938 Heinrich Jasper SPD-Politiker und mehrfacher Ministerpräsident des Freistaates Braunschweig wurde im Rennelberg misshandelt und gefoltert. Er starb später im KZ Bergen-Belsen. 18. März bis 19. April 1933 Dietrich Klagges von 1933 bis 1945 ernannter NSDAP-Ministerpräsident Landes Braunschweig(von US-Truppen verhaftet, später zu Haftstrafe verurteilt) ab 13. April 1945 Albert Rohloff Braunschweiger SPD-Politiker. März bis April 1933,1935 und 1938 auf zhsf.gesis.org. Abgerufen am 22. Januar 2014. Ferenc Sos 5-fach-Mörder der Familie Kraemer, saß 1977 in der JVA ein.Joachim Holtz: Der Faden wurde ihm zum Strick. In: Die Zeit. Nr. 19, vom 6. Mai 1977. Abgerufen am 22. Januar 2014. 1977 Otto Thielemann Braunschweiger SPD-Politiker und Redakteur des Braunschweiger Volksfreundes wurde vom Sondergericht Braunschweig aufgrund des Heimtückegesetzes zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. 1933 bis Juli 1936 Klaus VolkertHenning Noske: Volkerts neue Bleibe. In: Braunschweiger Zeitung. 21. November 2006 (kostenpflichtig). Gewerkschafter, ehemaliger VW-Betriebsratsvorsitzender 21. November bis 12. Dezember 2006 Erna Wazinski Sie wurde vom Sondergericht wegen angeblicher Plünderungen als Volksschädling zum Tode verurteilt. Vor ihrer Hinrichtung in der Justizvollzugsanstalt Wolfenbüttel war sie im Gefängnis Rennelberg untergebracht. Oktober/November 1944 Hans-Walter Zech-Nenntwich SS-Offizier, konnte 1964 mit Hilfe von zahlreichen Komplizen unter bis heute nicht vollständig geklärten Umständen aus der Haft entkommen.Kai Hermann: Die Karriere eines SS-Offiziers. In: Die Zeit. Nr. 18, vom 1. Mai 1964. Abgerufen am 22. Januar 2014. Frühjahr 1964 bis 21./22. April 1964
Schließung Es war geplant, die Abteilung Braunschweig bis zum Ende des Jahres 2018 zu schließen, nachdem im Jahr 2013 bekannt wurde, dass ein 17-jähriger Insasse vermutlich durch sechs seiner Mithäftlinge monatelang misshandelt worden war.Birgit Wiefel: Knast: Doch noch kein „Aus“. In: Neue Braunschweiger. 16. September 2016 (neue-braunschweiger.de). Schon zuvor war es im Januar des Jahres zu einem Zwischenfall in der JVA gekommen, als sich ein 75-jähriger Untersuchungshäftling mit einem Gürtel in seiner Zelle erhängt hatte.Jörg Fiene: Mordverdächtiger hatte Seelsorge-Telefon in der Zelle. In: Braunschweiger Zeitung. 2. April 2013 (kostenpflichtig). Der Investitionsaufwand für eine Sanierung der Rennelberg-Gebäude wurde auf 5 bis 8 Millionen Euro geschätzt. Die niedersächsische Justizministerin Antje Niewisch-Lennartz bestätigte den Beschluss zur endgültigen Aufgabe des Standorts Braunschweig und kündigte an, dass die Investitionsmittel stattdessen für den Ausbau der JVA Wolfenbüttel genutzt werden sollen. Das dortige „Graue Haus“ soll für rund 15 Millionen Euro umgebaut werden, für die jugendlichen Straftäter werden zusätzliche 8 Millionen Euro in die Modernisierung der Jugendanstalt Hameln investiert.Michael Ahlers: Land baut hunderte Haftplätze ab In: Braunschweiger Zeitung. 22. Januar 2014 (kostenpflichtig).
Die verbliebenen Häftlinge wurden im April 2024 in die JVA Wolfenbüttel gebracht. Danach wurden die Gebäude an den Landesliegenschaftsfonds Niedersachsen zur Entscheidung über die Nachnutzung übergeben.Alexander Panknin: Schließung der JVA Braunschweig: Häftlinge ziehen bald nach Wolfenbüttel um. 3. August 2023 (regionalheute.de) Im September 2025 wurden die Gebäude auf dem mehr als 13.000 Quadratmeter großen Grundstück für 3,6 Millionen Euro zum Kauf angeboten.Ehemalige JVA Braunschweig-Rennelberg soll verkauft werden bei ndr.de vom 19. September 2025 Laut den Verkaufsbedingungen sind bei einer Nachnutzung unter anderem Gastronomie, Kulturprojekte und Wohnungsbau möglich.Catalina Grobe Fernandes: Knast zu verkaufen: Land sucht neuen Eigentümer für ehemaliges Gefängnis in Braunschweig in Hannoversche Allgemeine Zeitung vom 15. Oktober 2025
Braunschweigs „längste Straße“ mini|Der Rennelberg im Jahre 1899 mit Kreuzkloster und Gefängnis („Nr. 10“)